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In den Dingen des Lebens gibt es eine Sache, in der ich mich absolut sicher fühle: Kochen. Und die Küche ist für mich das Herz einer Wohnung. Vielleicht prägte sich das so ein, weil ich, immer wenn ich von der Schule nach Hause kam, in der Küche meine Hausaufgaben gemacht hatte. Das lag sicher daran, dass unsere Wohnung in der Weststadt winzig und mein Zimmer eine dunkle Kammer ohne Fenster war, in der gerade Mal Platz für ein Bett und einen Kleiderschrank gab. Andererseits hielt sich in dieser Zeit meine Mutter in der Küche auf, kochte und sang dabei leise alte Lieder. Ihre Lieder waren in keinem Musikverzeichnis zu finden, sie bestanden genau genommen aus keinen Liedtexten, sie besang ihren Alltag. Und wenn sie das tat, erhellte sich die Küche. Manche Frauen hatten die Gabe mit ihren Liedern sich selbst und andere zu heilen. Mamas Stimme und ihr Lächeln berührte jeden Winkel, flog hinaus aus dem offenen Fenster zu den Zierkirschen, die sich unter ihrer Berührung mit einem Knall aufmachten und plötzlich im Blütenrausch standen. Und während sie kochte, erzählte sie von ihrer Kindheit, von ihrer Heirat, von der unglaublich verworrenen Sippe ihres Mannes, den vielen dunklen Geheimnissen, der Schaar an Schwiegertöchtern in einem einzigen Haushalt und dem Gefühl als Ausländerin unter ihnen zu leben, immer wieder von der Familienmumie Großtante, die sich vorgenommen zu haben schien, alle Enkelkinder zu überleben, von dem Wind, der unbändigen Liebe zu diesen unwirtlichen Bergen, vom Verlust einer Heimat.
Wenn ich heute koche, spüre ich ihre Nähe, fühle ihre Hand an meiner Wange, die Hornhaut von zwei Jahrzehnten Feldarbeit, dem Trotzen gegen die steinige Erde. Wenn ich koche, fühle ich mich vollkommen, auf den Schwingen von klassischer Musik alle Weltsorgen vergessen, hier und jetzt sein, ruhig und standfest.
In komischer Verkehrung gewohnter Rollenbilder hat meine Schwester erst angefangen richtig zu kochen, als sie ihr erstes Kind bekam. Zuvor hatte ihr Mann es putzig gefunden, dass seine Frau es fertig brachte, auch Nudeln anzubrennen. Als sich das nach einem halben Jahr nicht geändert hatte, hatte er den Kochlöffel in die Hand genommen, um dann selbst die Nudeln anzubrennen. Heute sind sie ein gutes Team und haben kürzlich sogar gefüllte Auberginen mit Tomaten-Gemüsesoße hinbekommen. Inzwischen hat meine Schwester ihren Ehrgeiz entdeckt und hat ihren Register um Kuchen, Torten und verschiedenste Löffelspeisen erweitert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut finde, immerhin hat sie einen komplizierten Schokoladenkuchen, an der ich monatelang getüftelt hatte, gleich auf Anhieb hinbekommen. Als sie mich freudig erregt anrief, um mir diese Neuigkeit mitzuteilen, hatte ich schnippisch "pffft, Anfängerglück!" von mir gegeben.
"Na, neidisch?", fragte sie, gar nicht bemüht, die Befriedigung, die sie daraus zog, zu verbergen.
"Ach, Selma, ich weiß ja nicht, wie der schmeckt. Aber Glückwunsch!"
Sie kicherte. "Schokoladig, zartschmelzend, nicht zu süß und doch wie eine Glücksexplosion."
"Du hast dir doch diesen Satz extra zurecht gelegt, nicht? Bevor du mich angerufen hast..."
"Ach bitte, bist du jetzt eingeschnappt, weil ich dir deinen Scholodenkuchen weggenommen habe? Das wäre ein kleiner Ausgleich für die Liebe unserer Mutter."
Liebe und andere Grausamkeiten in einem Atemzug. Und ewiges Streitthema zwischen ihr und mir. Habe ich ihr je vorgehalten, dass Papa sie mehr geliebt hat? Hmmm, vielleicht mal... ganz selten, naja, jedes Mal. Selma hatte jetzt selbst drei Kinder und ich hatte gefragt, ob sie wirklich das Gefühl hatte, dass sie alle drei gleich behandeln würde?
"Wie soll ich sie denn anders behandeln? Kinder sind wie die Finger, unterschiedlich, aber sie alle gehören einer Hand. Und egal welches weh tut, den Schmerz werde ich als Mutter spüren."
Ich wußte, was sie meinte. Ich glaube aber nicht, dass Eltern ihre Kinder gleich behandeln. Ich glaube auch nicht, dass man Kinder gleich behandeln muss. Die Kids haben unterschiedliche Charaktäre, unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Ich glaube aber an Gerechtigkeit. Es gibt nur keine perfekte Welt mit einer perfekten Umwelt und auch keine perfekten Eltern oder Kinder.
Selma hatte in dieser imperfekten Welt sich einen geschützten Raum geschaffen. Sie hatte schon als junges Mädchen drei Kinder haben wollen. Die magische Zahl Drei. Damals, nach dem Tod unseres Bruders hatten wir die Lücke, die in unserer Familie aufklaffte, nicht schließen können. Zwei waren nicht genug um eine sorglose beschwingte Familie zu sein. Und weil wir einst die magische Drei besessen hatten, kehrte sein Geist zurück zu uns, zeigte sich uns in allen Zimmern des Hauses, im Garten, am Abendhimmel, am Flussufer, in den Gesichtern der stationierten Soldaten, wie in den verseuchten Mündern jener, die sich zu unseren Freiheitskämpfern erschwungen hatten. Als sie ihn dann noch als Märtyrer bezeichneten, haben wir sie gehasst, mit jeder Zelle unserer Kinderkörper. Mir und unserem Vater, der bereits viele Jahre in Deutschland arbeitete und nicht rechtzeitig zur Beerdigung seines Kindes zurück kommen konnte, blieb ein letzter Blick auf sein Leichnam verwehrt. Selma aber ließ sich nicht abhalten. Zusammen mit unserer Mutter und den anderen Erwachsenen unserer Familie beteiligte sie sich an der Leichenwäsche. Danach ging alles sehr schnell. In wenigen Monaten waren die Visas ausgestellt und wir saßen in der Weststadt im Hinterhof in einem lichtscheuen Energiekäfig.
Vielleicht hatten wir aber auch genau das gebraucht. Tief im Ozean, wo kein Licht die Finsternis traf, verborgen unter einem Fels, konnten wir zur Ruhe kommen. Und doch haben wir alle viel zu lange die Bandagen getragen, ohne zu merken, dass die Wunden darunter längst verheilt waren.
Heute ist Selma glücklich. Sie hat nicht alles erreicht, was sie sich gewünscht hat, aber auch nichts unversucht gelassen. Ich liebe sie. Wenn ich ihr das sage, winkt sie ab, wird albern oder macht eine sarkarstische Bemerkung. Und wenn sie sich so benimmt, fühle ich mich gespiegelt und muss über mich selbst lachen. Wir können nicht behaupten, wir hätten eine durchschnittliche Kindheit oder Erziehung, aber was bitte ist auch schon der Durchschnitt? Jede und jeder hat eine Geschichte, die sich von dem Rest der Milliarden Erdenbewohner unterscheidet. Wir haben nicht immer versucht, aus Zitronen Limonade zu machen, haben nicht unseren Elend beweihräuchert, aber auch nicht uns tot gestellt. Solange wir atmen, kann alles passieren. Und das ist ein Erkenntnis, um dem, der uns diesen Atem schenkt, zu danken und weiter zu machen. Unerschrocken, neugierig und ja (Achtung Augen zu: Kitschwarnung) mit Liebe.
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Lieber Outnumber,
bei dieser Geschichte wird niemand irgendetwas zu meckern haben. Sie hat alles was sehr gute Unterhaltung ausmacht. |
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sollen sie, wenn sie wollen.
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..ich möchte auch unterhalten, ja. in manchen nächten auch nur den kopf frei schreiben.
danke fürs lesen, chrisamar |
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schrieb am
28.11.2009 um 06:34
Die Essenz aus Deiner Geschichte gefällt mir besonders. Denn ich persönlich mag kein Gejammer über die Kindheit. Die Vati & Mutti Geschichten und wie übel früher alles war, sollte man irgendwann hinter sich gelassen haben. Unnötiger Ballast! Das Leben ist nun mal gemein. Nicht immer aber manchmal schon.
Abgesehen davon, dass die eigenen Eltern auch nur Menschen sind. |
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Lieber outnumer,
ich möchte mich bei dir entschuldigen. Aus irgendwelchen Gründen betrachte ich Deine Texte immer als ein Produkt, dass sich verkaufen lässt. Das sich dahinter ein Mensch, ein Schicksal versteckt, vergesse ich dabei leider oft. Es ist mir jetzt peinlich, dass ich die Tragödie Deiner Familie, nämlich den gewaltsamen Tod Deines Brunders nicht angemessen in meinen Postings respektiert habe. Daran erkennt man, wie selbstverständlich ich inzwischen mit grausamen Geschichten umgehe. Es dauert, bis ich deren wahre Bedeutung für das weitere Leben von allen Betroffenen erkennen & deuten kann. Es ist vielleicht eine Art Selbstschutz. Auf alle Fälle aber oberflächlich. |
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schrieb am
28.11.2009 um 11:43
Während Ihr zwei noch nicht bzw. nicht mehr schlafen konntet, schlummerte ich noch mehr oder weniger selig, schließlich ist Samstag. Dann saß ich also wie neulich mit Kaffeepott und Brötchen und freute mich, dass Du, outnumber, wieder passend einen schönen Text geliefert hattest. Nach der Hälfte wollte ich schon begeistert und freundlich-ironisch schreiben 'outnumber, ich will ein Autogramm von Dir!'
Na ja, soviel zum Oberflächlichkeit. |
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schrieb am
28.11.2009 um 11:44
...zum THEMA Oberflächlichkeit.
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Chrisamar, danke.
Oberflächlich finde ich Dich oder meisterfalk nun überhaupt nicht! Bei solchen Texten darf es keinen Anspruch auf nur eine einzige Lesart geben. @meisterfalk, Bei der nächsten Geschichte gibt es vater, mutter, 2 kinder, ein junge, ein mädchen, ein haus im grünen, mit 2 autos aber mit elektromotor, gemüse im vorgarten, und alle familienmitglieder umarmen sich jeden abend vor dem zubettgehen und besucher bekommen angst bei dieser ikea-family und klopfen argwöhnisch die wände und den fußboden ab, ob nicht die verschwundenen kinder aus der nachbarschaft gefangen gehalten werden :-) mannnn, ich habe noch nie ein autogramm gegeben :-( |
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"Schokoladig, zartschmelzend, nicht zu süß und doch wie eine Glücksexplosion." manche essen Schokolade in der Öffentlichkeit - manche naschen heimlich....Hummel Hummel
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:-)
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Die Geschichte mit dem Bruder - eine Geschichte in der Geschichte. Sehr bitter.
Was das Verhältnis zur Schwester betrifft, das ging mir auch nach. Ich habe einen älteren Bruder, da kenne ich einiges, aber in anderer Richtung. Die lustige Stelle ist die mit den verbrannten Nudeln. |
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LeseFutter:
Multimedia-Linux vom Mann ohne Rechner Er nennt sich Jaromil und ist Entwickler, Hacker und zwischendurch auch Hausbesetzer. Da auf seinen Reisen um die Welt der Besitz eines Computers oft nur unnötiges Gewicht bedeutet, hat er eine Live-Linux-Distribution zusammengestellt, die auf einen kleinen USB-Stick passt und auch auf schlecht ausgestatteten Rechnern die Produktion digitaler Medieninhalte ermöglicht.Schau dir ruhig mal den ganzen Text an. |
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schrieb am
28.11.2009 um 19:10
Cooler Typ, sehr beeindruckend.
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danke für diesen link streifzug.
er ist so frei! |
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Hallo outnumber,
so, nun hab ich bei Frau, erste Geige etwas angemessenere Musik (klassische türkische Musik) eingestellt. Bis auf ein Lied :) |
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dass du safiye herausgekramt hast :-) danke, sie ist leider fast vergessen. und mahsun hast du vermutlich wegen dem duettpartner cem karaca herausgesucht?
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schrieb am
29.11.2009 um 06:01
OLPC XP
hat etwas mehr Schick als das Projekt von Jaromil. Beides bietet aber gerechte Möglichkeiten für alle Menschen. Egal wo diese gerade zu Hause sind. Wäre doch auch ein tolles Weihnachtsgeschenk. Finde ich. |
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Eine schöne Geschichte. Ich finde sie gut.
Dein großes feines Herz, schimmert im wieder in schönen Sätzen in Deinen Geschichten durch. Ich glaube, ich muß wirklich kochen lernen , wei h.yuren es mir empfohlen hat. ;O) Herzliche Grüße por |
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danke fürs lesen por.
kochen entspannt und ernährt :-) |
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schrieb am
28.11.2009 um 22:35
...hält Leib und Seele zusammen, ich meine, wenn man's dann auch isst, in Gesellschaft natürlich!
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menschen beim essen zuzusehen entspannt wie ein aquarium oder eine lavalampe anschauen, selbst essen ist auch gut.
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danke fürs lesen
und für die musik |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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