In der Rechtsgeschichte kommt es oft zu rührenden Szenen und man muss zwangsläufig Analogien aus der Bibel herstellen. Gerade klagt ein Nigerianer in New York den Shell-Konzern an, am Tod seines Vaters, des Schriftstellers Ken Saro-Wiwa, eine tragende Rolle gespielt zu haben. Saro-Wiwa kämpfte gewaltlos gegen die Ausbeutung der Ölfelder durch den Konzern und wurde am 10. November 1995 mit weiteren 8 Widerstandskämpfern ermordet. Ausgeführt wurde die Tat von der Militärjunta. Die undemokratische Führung verdient durch enge Zusammenarbeit mit dem Ölkonzern Millionen.
Ken Saro-Wiwa hatte in seinem Buch „Die Flammen der Hölle“ die Folgen der unheiligen Allianz zwischen dem Konzern und der Militärjunta aufgezeigt. Seit den 1950er Jahren dringt Shell in Nigeria in den Lebensraum des Volkes der Ogoni ein. Die Ölförderung begann gegen den Willen dieses Volkes. Die Tausende Kilometer langen Ölpipelines, die giftigen Dämpfe und offene Bohrlöcher haben inzwischen das einst fruchtbare Nigerdelta vollkommen zerstört. Die Wälder sterben ab und die Armut der Menschen hat sich durch die Ölförderung sogar verschlimmert. Sie sind dabei, ihre Heimat zu verlieren und ihre Gesundheit dazu. Tausende sind bereits an vermehrt auftauchenden Krankheiten gestorben. Proteste gab es auch vor Saro-Wiwa, aber dieser hat einen gewaltfreien, sympathischen und wirtschaftlichen und damit effektiven Widerstand angeführt. Mich hat er an Gandhi erinnert. Gandhi wird als liebe friedfertige und selig lächelnde Figur diffamiert, dabei hatte er die Briten da getroffen, wo es weh tut, mämlich beim Geld. Erst der wirtschaftliche Boykott über längeren Zeitraum brachte die Kolonialherren zum Einlenken.
Der verwaiste Sohn des Schriftstellers fordert nun in New York Aufklärung. Er klagt Shell an, bei der Folterung und Vertreibung der Menschen aus dem Nigerdelta, bei der Zerstörung der Dörfer, der Verseuchung der Böden eine tragende Rolle zu spielen. Er möchte auch beweisen, dass die Fäden bei der Ermordung seines Vaters ebenfalls zu Shell führen. "Shell muss zur Verantwortung gezogen werden“, sagt er.
Mitte der Fünfziger Jahre legte Shell die ersten Pipelines in dem Dorf Oloibri im Nigerdelta an. Der nigerianischer Nobelpreisträger für Literatur, Wole Soyinka, sagte nach einem Besuch dieser Stätte: „Mir ist das Herz gebrochen. Oloibiri ist ein völlig ölverseuchtes Dorf, das Grundwasser ist vergiftet, die Menschen sind bitterarm.“
Im Westen präsentieren sich die Unternehmen gern als Wohltäter und Entwicklungshelfer mit Sozialprogramm. Gerne wird auch ein Musterdorf oder ein Krankenhaus für die Firmenkataloge und Fernsehsender der Welt gezeigt, was im Grunde nichts mehr ist als Sponsoring, eine besondere Form der Eigenwerbung und Imagepflege. Image und soziale Wirklichkeit klaffen jedoch weit auseinander. Wenn Ölmanager propagieren, dass sie den Reichtum, den sie nehmen, wieder zurückfließen lassen, dann ist es eine Beleidigung.
Bei großen Konzernen im Allgemeinen, die in undemokratischen Ländern investieren, in der Ölindustrie im Besonderen, herrscht eine hohe Akzeptanz und Förderung der Korruption. Unlautere Praktiken und finanzielle Zuwendungen an Politik und Militär werden als Beraterverträge verschleiert. Bei dem Beispiel Shell machen die komplexen Vertragswerke des Konzerns, die unüberschaubare Menge an externen Beratern und Partnern eine Überprüfung sehr schwer. Zu dem es an dem Willen mangelt, Vergehen aufzudecken und konsequent zu verfolgen. Man könnte durchaus behaupten, dass die die Royal Dutch Shell plc, wie der Konzern offiziell heißt, eine Generalamnestie genießt. Gegründet von der Familie Samuel, gewachsen mit Hilfe der Rothschilds ist Shell heute eines der weltweit größten Energie-Unternehmen und in mehr als 140 Ländern aktiv. Etwa eine Million Anleger investieren in ca. fünf Milliarden Aktien des Konzerns. Neben den Milliardenumsätzen hat Shell eine zweite eiserne Rüstung der Unangreifbarkeit. Die Patronage des Unternehmens ist eng verflochten mit den größten Namen der Wirtschafts- und Finanzpolitik.
Trotz internationalen Protesten seit 1995 kann also Shell gelassen bleiben. Auf der offiziellen Website des Unternehmens heißt es:
„Verantwortungsvoller Umgang mit unserem Einfluss:
Die konsequente Einhaltung unserer Unternehmensgrundsätze fordert von uns größte Anstrengungen. Dies gilt insbesondere, weil die weltweite Suche nach Öl und Erdgas uns immer öfter an schwierige und konfliktträchtige Orte führt. Wir bemühen uns bei unserer Arbeit um Integrität und respektieren die Menschenrechte.“
Der Konzern möchte nach eigenen Angaben, gemeinsam mit örtlichen Politikern für mehr Frieden im Land sorgen. Sogar recht entspannt gab das Unternehmen zu, mit ihrer Auftragsvergabe korrupte Strukturen gefördert zu haben. Es sieht so aus, als ob ein wenig kommunistische Selbstkritik ja nicht schaden kann, dient sogar zur Imageverbesserung diese neue Ehrlichkeit. Tatsächlich bedeutet diese Freimütigkeit nur, dass es keine Sanktionen gibt.
Die massive Umweltverschmutzung, die gesundheitliche Gefährdung der Menschen bleiben trotzdem weiterhin unkommentiert. Mehr noch, National Geographics vom Februar 2007 berichtet, dass trotz eines Verbotes durch den Hohen Gerichtshof Nigerias von 2005 der Konzern im Folgejahr noch über 3,5 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe Tag und Nacht abfackelte. Shell fühlt sich berechtigt, gültige nationale Gesetze und Urteile außer Kraft zu setzen.
Eigenen Angaben zufolge verlor Shell im vergangenen Jahr rund neun Millionen Barrel (1,4 Milliarden Liter) wegen Piraterie. Ganz abgesehen davon, wie viel wohl offiziell vom Markt genommen und inoffiziell doch in Unterkonten verschollen ist, existieren tatsächlich auch Piraten. Der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka hat durchaus Verständnis für die Rebellen, die sich Ken Saro-Wiwas Erben nennen. Sie verstehen sich als eine Befreiungsbewegung, wollen die geschundene Erde unter dem Konzern-Hoheitsgebiet zurück gewinnen. Sie haben der Regierung Krieg erklärt und halten sich nicht an die Handelsabkommen mit Shell. Als Kind war ich fasziniert von Piratenfilmen, den Kostümen, den Gefechten und dem Abenteuer. Piraten in ölverschmierten Unterhemden, in einer Luft, die wie Schmiere schmeckt und im Kampf gegen die Macht der Chequebücher klingt bei weitem nicht so romantisch wie in den Filmen der 1960er. Aber es geht auch nicht um Romantik, sondern ums Überleben.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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