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Nur kurz abgemerkt: Eine Gesellschaft, die "in Kommunikation mit anderen" entsteht, genau das ist, was Luhmann ebenfalls beschreibt. Dass er den Menschen an sich da rausläßt, das kann man mögen oder nicht, aus einer soziologischen Perspektive ist es aber durchaus sinnvoll. Und erstarrte Systeme wird man bei Luhmann schwer finden, da wäre etwas Nachlesen angebracht.
Und ganz allgemein, der Systembegriff bei Luhmann ist alles, nur nicht der eines "harten Vaters" oder eines Adolf Eichmanns. Das ist so weit ab, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll... ... Vielleicht bei der Tatsache, dass System in manchen Kontexten nicht das System ist, das ich meine, wenn ich 'Fuck the System' an die Wand sprühe ;) |
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Ich gestehe: Bis auf ein paar Seiten Querlesens und immer wieder mal einigen Stunden Zuhörens, wenn Luhmannfans mir Luhmann nahezubringen versuchen (bisher erfolglos), kenne ich seine Sachen nicht. Ich verstehe ihn vielleicht einfach nicht. Ich habe auch gar keine Lust, mich mit ihm in stiller (Lektüre-)Einsamkeit zu beschäftigen, im Gespräch dagegen gerne. Vielleicht gehe ich auch nicht neutral genug an die Sache. Behindert eine Vorab-Aversion das Verständnis? Wahrscheinlich ist es so.
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Aber trotzdem bleibt die Frage: Was ist von einem Soziologen zu halten, der Gesellschaft erklärt und dabei die Keimzelle dieser Gesellschaft einfach ignoriert, weil sie ihn "nicht interessiert"? Was für ein Menschenbild steckt hier dahinter? Der Mensch als Kommunikations-/Kooperationswesen MUSS doch die entscheidende Größe, die Ausgangsbasis sein, um Gesellschaft zu betrachten. Oder zumindest muss er als Größe irgendwie vorkommen. Oder meinte Luhmann mit seinem bei mir Allergie auslösenden Satz ("Der Mensch interessiert mich nicht") eigentlich: "Der Einzelmensch interessiert mich nicht. Mich interessiert nur das, was zwischen den Einzelmenschen ist?" Aber das Dazwischen ist ja auch nichts anderes als Mensch, nur eben nicht in der Gestalt Mensch (Körper), sondern in der Gestalt Luft (Geist)
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Nun, man könnte ja auch umgekehrt fragen, warum denn der Mensch die Ausgangsbasis einer Beschreibung sein muss?
Vielleicht ist es ja humaner, wenn Sie von der Gesellschaft (Luhmann würde sagen: von den Funktionssystemen) nicht auf Gedeih und Verderb in Anspruch genommen werden – sondern nur als Arbeitnehmer, als Kunde, als Wähler, was auch immer. Das Gefängnis versucht das ja mit Ihnen, oder die Armee, irgendwelche Sekten. Totale Institutionen: Die wollen den ganzen Menschen und bauen darauf auf. Ich glaube übrigens nicht, dass alle den Luhmann so toll finden. Wenn Sie irgendwo hingehen und verkünden, dass es auf den Menschen ankommt, dann kriegen Sie immer Applaus. Adorno hat darüber in seinem "Jargon der Eigentlichkeit" geschrieben - man beschwört den Menschen, gerade da, wo es auf ihn nicht mehr ankommt. Ich halte Luhmanns Sachen nicht für die ultimative Weisheit, aber ich bin froh, dass ich beim Lesen so einige Irritationserlebnisse hatte. |
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Interessanter Gedanke! Vielleicht ist es tatsächlich humaner, sich in den gesellschaftlichen Systemen lediglich als Gesellschaftsmitglied zu bewegen (also möglichst reibungslos, funktionierend eben) und nicht als Mensch (mit individuellen Vorstellungen von richtig/falsch, gut/böse usw.) Und dennoch passt mir die Wirkungshierarchie nicht, die ich in Luhmanns Welt zu erkennen glaube: Das System bzw. die Systeme scheinen einfach da zu sein, und der Einzelmensch rutscht automatisch durch die Kanäle wie die Industrieprodukte in den Sendung-mit-der-Maus-Sachgeschichten. Der Mensch IST aber kein Industrieprodukt. Auch nicht als Gesellschaftsmitglied. Ich finde die Trennung in Privatmensch und Gesellschaftsmensch gefährlich. Das führt doch im Zweifelsfall dazu, dass die jeweiligen Systeme und Subsysteme, seien sie auch noch so schlecht (z.B. inhuman, veraltet, entwicklungshemmend oder was auch immer), weiterhin aufrecht erhalten werden, weil jeder, der darin agiert, sich denkt: "Im Moment bin ich ja nur Gesellschaftsmensch, das hat ja nichts mit mir als Mensch zu tun. Und außerdem hab ich keine Zeit, mir solche Gedanken zu machen, ich muss schnell weiter, Geld verdienen..." Mit anderen Worten: Ich halte es für gefährlich, wenn man, sobald man vor die Tür tritt, einen Mantel mit schmutzabweisendem Obermaterial anzieht - an dem alles abperlt, was mir gerade nicht in den Kram passt bzw. was das Funktionieren des Systems beeinträchtigt, in dem ich mich gerade bewege.
Ich stimme völlig zu: Ein System, das den ganzen Menschen will, ist ein Horrorszenario. Ich schlage als Alternative vor: Ein ganzer Mensch, der die Systeme, die er zum Leben braucht, auch will - einfach, weil sie gut sind. Und der sagt, wenn er sie nicht (mehr) will. So, und jetzt kann ich, glaube ich, das Wort "Mensch" nicht mehr hören ;-) |
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1)
Liebe Pandroia, Als Soziologe und daselbst bekennender Systemtheoretiker muss ich dir sagen, dass dein Artikel zwar nett zu lesen ist, die Luhmannsche Systemtheorie weit verfehlt - dies aus einigen Gründen: 1. Die Systemtheorie Luhmanns ist a) nicht ontologisch b) das Gegenteil von normativ c) demzufolge rein deskriptiv und als Konstruktion eines Beobachters zu denken. Du argumentierst in deinem Artikel moralisch - und dass wird der Systemtheorie keinesfalls gerecht, insofern Unterkomplex (um ein Wort von Prof. Dr. Peter Fuchs aufzugreifen). Dass die Gesellschaft bei Luhmann nicht aus Menschen besteht, ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke der Theorie; Stell dir vor, die Gesellschaft bestünde tatsächlich aus Menschen, so würde der Friseur, wenn du zu demselben gehst, jedesmal etwas von der Gesellschaft abschneiden. |
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2)
Der Fakt, dass Menschen (die im Übrigen ja ein Konglomerat von verschiedenen Systemen: sozialen, psychischen und biologischen Systemen - sind) in der Umwelt der Gesellschaft sich befinden, heisst nicht, dass sie für die Gesellschaft nicht relevant sind, sondern für die Theorie (Tipp: Fuchs, Peter (2008): Das Mass aller Dinge). Damit kippt man sehr viel Ontologie – sprich Seins-Annahmen – aus der Theorie heraus, was enorme Komplexität ermöglicht. Wie eingangs erwähnt, darfst du die Systemtheorie nicht als Ontologie betrachten. Alles ist Beobachtung (was schon etwas – aber ein Minimum an – Ontologie ist) - oder sogar Beobachtung von Beobachtung. Theorie ist eine Form derselben, es gibt auch andere. Ferner heisst die Tatsache, dass die Menschen nicht Teil der Luhmannschen Gesellschaftstheorie sind, nicht, dass Luhmann oder die Systemtheorie sich nicht für den Menschen interessieren, sondern, dass der Mensch, zwar eine Conditio sine qua non für die Gesellschaft ist, jedoch die Psychen der einzelnen Menschen aus guten Gründen, die Psychen einzelner Menschen bleiben und damit nicht Teil der Gesellschaft sind – andernfalls, gesetzt die Menschen wären in der Gesellschaft – hiesse das, dass selbst das Privateste überhaupt Gesellschaft ist. Insofern muss ich dir dezidiert wiedersprechen, die Systemtheorie ist nicht menschenfeindlich. |
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Zu deiner Behauptung betreffend dem Rechtfertigungspotential der Systemtheorie für totalitäre ‚Systeme‘ – in dieser Hinsicht muss ich dir ebenfalls wiedersprechen. Gewiss bietet die Systemtheorie enorm viel Herrschaftswissen, denn sie ist selber, wie eingangs erwähnt (zum Zweiten), rein deskriptiv – und als Theorie nur eine Konstruktion. Es zeigt doch gerade die Leistungsfähigkeit einer Theorie an, wenn man damit sehr viele unterschiedliche politische Systeme beschreiben kann; damit meine ich nicht legitimieren, weil die Systemtheorie, notabene in einer nicht-trivial Fassung, nur beschreibt. Von Sein, wie jeder Lainenphilosoph weiss, gibt es keinen Weg zu sollen.
Gerade die Analysen der Moral von Niklas Luhmann sollten den Umstand nahelegen, dass die Systemtheorie auf einer höheren Amoralität gründet. Ebensowenig trifft es zu, dass die Systemtheorie konservativ ist – man kann nämlich selbst progressive oder linke Positionen deutend erklären. Luhmann selbst hat in Deutschland die CDU und in Italien die Kommunisten beraten, dass sollte das politische Spektrum genug abdecken. Falls dich dies interessiert, so empfehle ich die das Buch von Luhmann und Habermas (Gesellschaftstheorie und Sozialtechnologie oder so ähnlich), in welchem die Beiden über genau diesen Umstand diskutiert, um nicht deliberiert zu sagen, haben. Ausserdem darf sich der Theoretiker nicht darum kümmern, was mit seiner Theorie angestellt wird, was man angewandte funktionale DIfferenzierung nennt. Insofern muss ich dir in all deinen Punkten widersprechen: und so denke ich, ohne dir zu nahe zu treten zu wollen, dass du von der Systemtheorie nichts verstehst, denn deine Kritik ist diejenige, die man einer Trivialfassung entgegenbringt und weit neben dem durchaus kritisierbaren Kern vorbeischrammt. Herzlich, Stefan P.S. über eine angeregte Diskussion würde ich mich freuen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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