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Jeder Mensch hat bisweilen eine Wut im Bauch. Zivilisation bedeutet, Affekte zu kanalisieren. Wessen Wut chronische Ausmaß annimmt, wird als kultivierter Mensch Künstler. Oder Aktivist. Oder Politiker. Oder Zeitungsmacher.
Wir alle waren in unserer Jugend wütend und sind es immernoch, wenn wir aus unserem Xanax- und Prozac-Delirium aufwachen und uns die Welt ansehen. Es ist in der Tat eine Frage der Kultur und des Stils, wie man mit seiner Wut umgeht. Auch wenn es nicht meiner persönlichen Überzeugung entspricht: Respekt denen gegenüber, die den Mut haben, den Freitod zu wählen, weil sie an der Welt leiden und keinen Ausweg sehen. (Es ist mehr ein trauernder Respekt.) Verachtung aber jenen, die meinen, über das Leben anderer bestimmen zu können und sie mit in ihren Tod reißen. |
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Respekt für Selbstmord? Ich habe da eher Mitleid. Aber auch das wird im Fall Tim K. im Keim erstickt, denn er ist nicht nur Selbst- sondern auch Mengenmörder. Ich denke, man sollte weniger überlegen, welches Gefühl - Respekt oder Verachtung - hier angebracht ist. Eine Gesellschaft als Ganzes kann, behaupte ich mal, eh nicht fühlen (ohne dass es in Heuchelei ausartet), denn es gibt nichts Individuelleres und Komplexeres als ein Gefühl. Viel eher sollte man überlegen, wie man junge Typen, die innerlich wüten und toben und die kurz vorm Platzen stehen, wieder "zurückholen" kann. Wie man ihre Aufmerksamkeit auf die schönen/spannenden Dinge der Welt lenken kann, ohne sie für doof zu verkaufen, indem man ihnen weismacht, alles sei gut.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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