pandoria

mindthegap

14.03.2009 | 16:52

Tim K. Oder: Platzen aus Platzmangel

Schon wieder ist ein Mensch geplatzt. Schon wieder ein junger Typ, der keinen Platz in der Welt für sich wusste. Der zuviel Wut in sich hatte (normale Reaktion auf verrückte Welt?) und genau das allen zeigen wollte. Drama, Hauptsache Drama! Damit die Leute da draußen endlich was zu denken haben. Und prompt kommen die Experten auf die Bühne und beraten mit anderen Experten, wie man den Fall von Expertenseite aus bewerten soll. Welche Gesetze müssen geändert, welche Verbote aufgestellt, wer zur Rechenschaft und welche Konsequenz aus allem gezogen werden? War Tim K. irgendwann mal in psychotherapeutischer Behandlung oder nicht? Stammt ein Eintrag in einem Internetforum von Tim K. oder nicht?

Was für Aufschlüsse erhofft man sich aus der Beantwortung SOLCHER
FRAGEN?

Angenommen, Tim K. war in psychotherapeutischer Behandlung: Ist das dann ein Zeichen dafür, wie krank er war oder wie geheilt? Angenommen, Tim K. war nicht in psychotherapeutischer Behandlung: Was trägt dann dies Schnipselchen zur Erkenntnis des Gesamtbilds bei? Und angenommen, die virtuelle Botschaft stammt von Tim: Was bedeutet eine virtuelle Botschaft unter virtuellem Namen in einem virtuellen Medium für die WIRKLICHKEIT, die in diesem Fall leider Amoklauf heißt?

Für mich als LAIEN sieht der Fall so aus: Tim K., einem Jungen, der vielleicht ein bisschen zu sensibel für die Welt war (oder besser: für die Welt, wie er sie empfunden hat), ist der Kragen geplatzt. Und weil er wollte, dass sich endlich mal jemand kümmert, hat er daraus eine Inszenierung gemacht, deren Interpretation nun tatsächlich in vollem Gange ist. Nur: in was für einem??

Diesmal also Winnenden in Baden Württemberg. Ob Winnenden, Erfurt, Littleton oder Gaza-Stadt, ob Selbstmordattentäter oder Amokläufer, Beretta oder Sprengstoffgürtel: Mir scheint,  das ist nur eine Frage der Kultur, des Stils, wenn man so will. Im Kern geht es doch immer ums selbe: Junge Typen, die sich nicht zurechtfinden in dieser Welt, die eben nicht so ist, wie sie sich eine Welt vorstellen, platzen vor Wut.

Woher kommt diese Wut? Und warum finden diese Rebellen keine reellen Kanäle für ihre Energien? Warum werden sie lieber ohnmächtig vor Wut und ziehen andere in ihre Ohnmacht mit? Warum wählen sie das Himmelfahrtskommando? Warum trauen sie dem Boden, also unserer Gesellschaft, warum trauen sie den Menschen nicht? Heldentot statt Losernot. Mir scheint, die Frage sollte eher lauten: Warum, d.h. unter welchen Umständen, fühlt man sich heutzutage als junger Typ als "Loser"? Das fände ich sinnvoll: die Kategorien von "winner" und "loser" mal genauer unter die Expertenlupe zu nehmen.
 
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Kommentare
Joachim Losehand schrieb am 14.03.2009 um 17:47
Jeder Mensch hat bisweilen eine Wut im Bauch. Zivilisation bedeutet, Affekte zu kanalisieren. Wessen Wut chronische Ausmaß annimmt, wird als kultivierter Mensch Künstler. Oder Aktivist. Oder Politiker. Oder Zeitungsmacher.

Wir alle waren in unserer Jugend wütend und sind es immernoch, wenn wir aus unserem Xanax- und Prozac-Delirium aufwachen und uns die Welt ansehen. Es ist in der Tat eine Frage der Kultur und des Stils, wie man mit seiner Wut umgeht. Auch wenn es nicht meiner persönlichen Überzeugung entspricht: Respekt denen gegenüber, die den Mut haben, den Freitod zu wählen, weil sie an der Welt leiden und keinen Ausweg sehen. (Es ist mehr ein trauernder Respekt.) Verachtung aber jenen, die meinen, über das Leben anderer bestimmen zu können und sie mit in ihren Tod reißen.
pandoria schrieb am 15.03.2009 um 11:58
Respekt für Selbstmord? Ich habe da eher Mitleid. Aber auch das wird im Fall Tim K. im Keim erstickt, denn er ist nicht nur Selbst- sondern auch Mengenmörder. Ich denke, man sollte weniger überlegen, welches Gefühl - Respekt oder Verachtung - hier angebracht ist. Eine Gesellschaft als Ganzes kann, behaupte ich mal, eh nicht fühlen (ohne dass es in Heuchelei ausartet), denn es gibt nichts Individuelleres und Komplexeres als ein Gefühl. Viel eher sollte man überlegen, wie man junge Typen, die innerlich wüten und toben und die kurz vorm Platzen stehen, wieder "zurückholen" kann. Wie man ihre Aufmerksamkeit auf die schönen/spannenden Dinge der Welt lenken kann, ohne sie für doof zu verkaufen, indem man ihnen weismacht, alles sei gut.
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