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der Raumgewinner

15.10.2011 | 16:20

Einige Betrachtungen zur ertragreichen Erwerbslosigkeit

In Zeiten des lautstark anlaufenden Niederganges der Weltbörsen und des Systems der kapitalistischen Ausbeutung, duerften die Nachrichten von der Weltbörse einem Menschen von gesundem Verstand und vertiefter Urteilskraft nicht sueß genug klingen.

Denn bisher arbeiteten wir ja vor allem wirklich fuer den Geldautomaten, die Banken, die Boersen und die Manager, damit das große Geld anderer Menschen sich mehre. Das kapieren die meisten jetzt erst nach und nach. Was geschieht?! Die Selbstverstaendlichkeit, mit der wir uns als Idioten im wahrsten Sinne des Wortes verkaufen ließen an die Interessen der großen Finanz, schwindet nun von Tag zu Tag mehr. Schon wieder Finanzkrise?! Manchem schimmert, es koennte nun ein Wirtschaftszusammenhang nachhaltiger erschuettert werden, den man durch die große Finanzkrise 2008 eigentlich feuergetauft und stark waehnte.

Die Wahrheit ist: wir haben alle weitergelogen. Die Regierungen, die Banken, wir Arbeitende, die Konsumisten, die Waehler, die Politiker, die Lobbyisten, die Versicherer und die Wachstumspropheten, die ja vor allen Dingen. Die großen Konjunkturprogramme haben vor allem die Staatsverschuldung noch weiter angekurbelt. Bei dem großen ewigzitierten Satz ''It's the economy, stupid!'' mit welcher Erkenntnis Bill Clinton in den 1990-er Jahren die US-Wirtschaft noch zusaetzlich auf Touren brachte, sind nunmehr die Wortfolgen verrutscht, es sollte wohl heißen: ''It's the stupid economy...''

Eine Weltwirtschaft der Dummen. Seit der Durchsetzung des neoliberalen Vertrages zwischen angelsaechsischen Regierungen und den hohen Koepfen der Manager und angelsächsischen Chairmen in den 1980-er Jahren, ist vor allem die Dummheit prosperiert, gab es ein riesiges Bruttowachstum der Verbloedung in bezug auf einen globalisierten Raubtierkapitalismus, der in letzter Instanz, wenngleich noch eher unausgesprochen, exakt so kriminell ist wie seine fuer illegal befundene Kehrseite: der Welthandel der Mafia-Strukturen im vermuteten ''Untergrund'' der Handelswelt. Dunkel und obskur, ranzig bis zum Horizont sind beider Warenstroeme in identischem Maße. Die unsichtbare Hand des Marktes sorgt dafuer, egal ob illegal oder legal gehandelt, dass nach Moeglichkeit ein schwarzer Schleier ueber die Stellen gelegt wird, an denen das Ganze hakt, an denen Wunden geschlagen werden, an denen es duester wird um das leuchtende System.

Der moderne Kapitalismus ist ein unfassbar brutaler Elendserzeuger, aber er verdeckt das durch Heilsversprechen an eine bevorzugte Welt der Kaufkraeftigen und Kaufmaechtigen. Ihr Privileg ist der Konsum. Dieses Privileg lassen sich die Konsumisten auch nicht wirklich nehmen. Fair-Trade, Bio, One World, das sind alles so Label, letztlich ja sogar wieder Marken. Die Gewissensbisse, die der frivole Konsumdrang beim ein oder anderen erzeugt, werden durch Lippenbekenntnisse zum fairen Deal weggekuesst. Den Rest an wachem Bewusstsein ueberspuelt dann ohnehin wieder der doch vom Konsumisten nicht zu vermeidende Rausch des erkauften Zugewinns. Der Zugewinn will unbedingt erkauft sein. Der Konsumist will taeglich neue Dinge, neu produzierte, neu importierte, neu polierte, neu gegen Geld erworbene Dinge sein Eigen nennen. Tag fuer Tag eine neue Sache, Tag fuer Tag ein gekaufter Fetisch.

Aber die bunten Dinge werden den Konsumisten nun bald weggenommen, bzw nicht mehr so leicht erwerbbar zur Verfuegung gestellt. Diese schoenen glaenzenden Dinge werden bald teurer. Dann ist Geiz nicht mehr geil, sondern asozial und der Neofeudalismus wird schaerfer ins Licht ruecken. Viel mehr Menschen als jetzt werden dann das Gefuehl des Abgehaengtseins bekommen. Hallo nahe Zukunft, hallo neue Welt!

Was soll das eigentlich bedeuten? Dass wir verlieren werden, verzichten werden, dass alles wieder etwas grauer wird, dass unser Blick aber endlich wieder freigestellt wird. Dass wir lernen muessen, dass wir nicht mehr alles jederzeit verfuegbar haben und dass wir oefter einmal ein Hemd, eine Hose, ein T-Shirt auchmal durch drei Jahre tragen statt durch bloß durch eines. Und nicht einen Pulli stricken, weil es grad hip ist und öko wirkt, dann aber am naechsten Tag wieder 300 Euro bei Prada oder Gucci durch den Wind jagen. Dann ist vielleicht nur noch Pulli stricken und Socken stopfen angesagt, und wer das ohne kompensierenden Luxuskonsum ertraegt, ist schon fast der neue Mensch des Westens.

Wir werden zurueckfallen gegen den Osten. Wir sind die neuen Schwellenlaender hier im Westen, und zwar gehts fuer uns schwellenwaerts nach unten. Und von wegen dann: ''Deutschland, Insel der Seligen''. Das war dann einmal.

Aber wie ich andernorts schon zu Genuege ausfuehrte, ist dies nun der Punkt, an dem wir eine Avantgarde sein koennen, an dem wir eine Utopie zu leben beginnen koennen: uns abkoppeln von dem, was man mal ''Erfolg'' genannt hat. Uns abkoppeln von dem, was man die ''Leistungsgesellschaft'' nennt. Wollen wir nocj soviel leisten? Fuer wen? Zu welchen Preis? Worumwillen? Damit wir nochmal schoen ausgehen koennen jedes Wochenende, damit wir kaufen, bis der Arzt kommt mit dem Attest fuer Arbeitsunfaehigkeit wegen Ueberarbeitung (''ich war dumm jung und brauchte das Geld''?! Die arbeiten, arbeiten, arbeiten da alle um uns herum wie bloed und wofuer?

Bei meinem Nachbar geht morgens um halb fuenf das Licht an und er schleppt sich zur Arbeit. Auf dem Asphalt stoeckeln Damenschuhe und schleppen sich mit einem schweren Seufzer zur Arbeit. Muetter zerren an ihren Kindern, liefern sie um kurz nach sieben schon in der Ganztags-Kita ab, muessen zur Arbeit. Dort, in der Kita schon, wird dann auf die ein oder andere perfide Art Leistungsgesellschaft geuebt. Das geht spaeter in der Schule weiter: ''macht was Vernuenftiges, am besten BWL, dann kriegt ihr auch einen Job''. Und dann Bewerbungen ueben statt Goethe lernen. Der BDI schickt Vertreter in die Schule, Banker lehren angehende Sechszehnjaehrige den maximalen zukuenftigen Anlagevorteil fuer ihr Gehalt. ''What's my lesson today, teacher? It's the economy...stupid!!''

Die Muellmaenner haben auch gar keine Lust, wenn sie um Punkt sieben mueden Schrittes und mit 160 Dezibel, die den Frieden noch des herrlichsten Morgens brachial brechen, die stinkenden Muelltonnen aus der Kehrseite des Hofes hervorziehen und unseren Wohlstands- und Konsumdreck, die leere Huellen unseres Konsumdrecks, abholen. Den Gestank der kapitalistischen Kehrseite. Am Arsch des Kapitalismus haengen die Schmeißfliegen und die Penner. Den pestilenzartigen Brodem unserer Leistungsgesellschaft entfernen. Die Muellmaenner haben natuerlich keinen Bock auf diese Arbeit. Der Banker hat auch kein Bock mehr, den Menschen Scheiß Versicherungen oder miese Kredite anzudrehen, aber er glaubt noch an das easy money und die Provision. Die Provision ist die kleine dreckige Moehre vor unseren verbohrten Eselskoepfen, die wir doch nie zu beißen bekommen. Incentives. Gier und Drang. Das alles geht weiter noch eine Weile.

Wenn der kleine Junge vor meinem Fenster auf seine zur Arbeit aufschnallende Mutter wartet, wartet er auf ihre leitende Hand in dieser aufscheinenden Ratlosigkeit erratisch vollzogener hektischer Bewegungen all der Erwachsenen um ihn herum, blickt auf die ausparkenden Autos wie auf gigantische Fragezeichen und ergreift statt der ihn leitend geglaubten Hand der Mutter nur die Schultasche, die sie ihm in die Hand gedrueckt hat, fasst den Saum ihres in Eile an ihm vorbeihuschenden (Luxus-)Kleides und der Junge will eigentlich nur spielen mit der Mutter auf dem Spielplatz, aber die Leistungsgesellschaft weist der Mutter und damit ihm seinen Platz. Außerdem braucht er ein neues Fahrrad, neue Klamotten, weil man sich schon an den Kindern vergleicht und die Kinder indoktriniert werden, sich selbst immer frueher zu vergleichen im ''ich habe mehr als Du''.

Das alles ist der Systemzusammenhang. Der Systemzusammenhang sind die Typen, die zu dritt um 8.30h am fruehen Morgen auf einer Holzbank am Netto sitzen und Bier saufen. Waren nie so die primaeren Leistungstraeger. Sind so bequeme Zielscheiben fuer ausgestreckte Fingerspitzen: ''guck mal die Asozialen''. Im Bedarfsfall sind dann zusaetzlich noch die Auslaender schuld, die Hartz-IV-Empfaenger und die Deutsche Einheit. Woran schuld? Ja, eben am Niedergang der Leistungsgesellschaft.

Aber den Finger mal auf die eigene Brust druecken, mal ganz so auf die Rippen, dass es drueckt, dass man begreift: ich bin das doch auch. Ich bin doch selbst so ein frivoles Schwein. Das ist so ein großer Schritt...

Dass man naemlich das mal alles auflaufen laesst. Dass man Verzicht ÜBT. Dass man stark wird, durch das Ertragen des Weniger. Dass man dabei tiefer wird. Die Oberflaechlichkeit abstreift wie die polyacryl-leichte stickige Huelle, die sie nunmal ist und als die sie soviele von uns umgibt.

Weniger Muell reden und zu wahren aufrichtigen Worten finden. Wir labern alle soviel Scheiße Tag fuer Tag. Das ganze leere Gesaeusel und Geranze in den Bluemchen-Blogs und Twitter-Accounts, diese ganze leere Phrasen-Emphase, dieses verlogene Schultertaetscheln und sich Mutlosigkeit zusprechen und Auf- und Abwinken und dieses ganze dumme Smiley-Gegrinse zum Ende kilometerlanger Kommentarlaeufe. ''It's the stupidity, that's making economy...''! Eine Ökonomie der Dummheit und Verdummung. Auch das ein ganz anderes Thema.

In den Bueros ist es dasselbe, ueberall nur Stumpfsinn, der die Kommunikation praegt und zuhause wirds dann auch nicht besser. Gegen den Stumpfsinn hilft abends nur noch abschalten...das Hirn wird abgeschaltet. Man bewegt sich komplett in der Phrase...ich muss die Erregung nun wirklich beenden.

Es hat mich wieder ein bisschen verweht. Wir muessen weniger leisten, das wollte ich eigentlich sagen mit Worten, die ein bisschen so klingen sollen, als haette ich sie mir aus dem Herz gerissen. Mit Worten, die ich auch mit dem eigenen Blut schreiben koennte.

Aber ich bin sicher, wir lernen es wieder, anders zu leben. Den Akzent auf etwas zu legen, das weiter reicht als nur von A nach B, um zur Arbeit zu gelangen. Es gibt wirklich sehr viel zu tun, also lassen wir es sein. Entspannen wir uns, ruhen wir uns ruhig auch am fuenften und am sechsten Tage mal aus, das haben wir uns zwar nicht verdient, aber wir koennen es auch nicht kaufen...

 

''I wonder if I'll ever get to where I want to be
Better believe it: I'm working for the cash machine,
the cash machine...
the cash machine...
...there's a hole in my pocket, my pocket, my pocket...''

Hard-Fi, Working for the Cash Machine

 

 

 

 

 
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Kommentare
gerhard monsees schrieb am 15.10.2011 um 16:49
Eine Ökonomie der Dummheit und Verdummung""

medien verdummen, ökonomie wäre mit knappen mitteln produzieren. nun hast du einen ziemlich langen blog produziert, auch noch mit dem "mit dem eigenen Blut. keine intelligente ökonomie
www.raumgewinner.blog.de schrieb am 15.10.2011 um 17:23
Lieber Herr Monsees,

vielen Dank für Ihren etwas launigen Kommentar.

Ich will sogar präzisieren: Faulheit ist eine der größten ökonomischen Tugenden, mitunter. Zum Schreiben allerdings bin ich mir nicht zu faul, das ist mir keine Arbeit. Und es ist mir nicht fremdbestimmt, das Schreiben.

Verdummen wird man in meinem Blog nicht, egal, welches Medium ihn trägt.

Kleiner Nachtrag: nicht das Maß und die Form entscheiden über die Intelligenz, sondern der Inhalt.

Willkommen im Reich der Kunst!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 15.10.2011 um 20:24
www.raumgewinner.blog.de schrieb am 15.10.2011 um 17:23
Ich will sogar präzisieren: Faulheit ist eine der größten ökonomischen Tugenden, mitunter.

Das sehe ich auch so!
Jedenfalls bei intelligenten Leuten, die es sich leisten können, faul zu sein.
Viele bedeutende Erfindungen wurden durch Faulheit motiviert.

Weniger intelligente Leute/Völker können es sich meistens nicht leisten, faul zu sein!
Die würden sterben, wenn sie faul wären.

Da schreiten die kapitalistischen Ausbeuter auch nicht ein, weil es dort ohnehin nichts zu holen gibt.

Beispiele:

www.guidosreiseberichte.info/slum-delhi.jpg

www.welt.de/multimedia/archive/01213/video_armut_100920_1213183q.jpg

polpix.sueddeutsche.com/polopoly_fs/1.1001640.1284727249!/image/image.jpg_gen/derivatives/536x536/image.jpg

So gesehen lebe ich lieber in der kapitalistisch ausgebeuteten BRD, bevor mir nicht jemand schlüssig erklärt, ob ich im Sinne der "Occupied Wall Street People" vielleicht ein besseres Auskommen hätte.
Bildungswirt schrieb am 15.10.2011 um 20:05
Ein Kapitalismus-Gier-Dummheits-Bild mit dem schnellen Pinselstrich gezeichnet.

Objektiv geht es um die Unendlichkeitslogik des Kapitals, die nicht zu stoppende Wachstums-Megamaschine.
Subjektiv geht es um die Bänker und Spekulanten, besoffen von ihrer gefühlten Omnipotenz und Geldgier. Auch das Volk spielt mehrheitlich jeden Tag mit dumpfem Gemüt mit, lässt sich verschaukeln, verschaukelt mit.

Sehe einige Parallelen zur ausführlicheren Diskussion um eine Andere Gesellschaft (Michael Jäger) . Hier zur Verdeutlichung eine Randnotiz von mir:

www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/die-musse-ist-die-zwillingsschwester-der-freiheit--

Gruß BW
www.raumgewinner.blog.de schrieb am 16.10.2011 um 12:29
Lieber Bildungswirt,

tatsächlich ist es mir seit Jahren um eine neue Aufklaerung zu tun, das Denken hin zu und der Entwurf auf eine neue Gesellschaft, eine andere Gesellschaft, die sich anderen, entspannteren Imperativen hingibt statt denen einer blinden Betriebsamkeit und einer ziellosen Zielgerichtetheit, für die der Kapitalismus einsteht.

Auf meinem eigentlichen Blog findet sich das sukzessive Herantasten an die Deutlichkeit dieser Gedanken und Konzepte archiviert. Was hier wie ein schneller Pinselstrich wirkt, wie Sie schreiben, entspringt der Leidenschaft des getriebenen Autors. Hier ist eine Anarchie-Maschine in Bewegung gekommen, die sich heiß läuft, doch davon in einem meiner naechsten Eintraege mehr.

Ihr verlinkter Eintrag, der an die Grundeinkommensdebatte bei Jäger geknüpft ist, bricht da eine Lanze mit ebenso deutlich vernehmbaren Krachen für einen entspannteren und entschleunigten Gesellschaftslauf.
Es ist tröstend und beängstigend zugleich in den Kommentaren zu Ihrem Eintrag lesen zu müssen, wie resigniert und utopienängstlich die zynischen Real-Denker leider nach wie vor sind.
''Das kann nicht klappen' ist die Gebetsmühle der Zauderer des Umdenkens und des kontrafaktischen Handelns. Letzlich entlarven solche resignierten Repliken konformistisches und betäubtes Gedankengut.

Besten Gruß zurück von Paul Duroy
Max Merziger schrieb am 15.10.2011 um 21:09
Ich muss gestehen, der Beitrag ("Einige Betrachtungen zur ertragreichen Erwerbslosigkeit") gefällt mir, doch ich möchte mich auch kritisch äußern, nicht im speziellen sondern im allgemeinen.

Neben all der eingesetzten Ängste, die sich die Medien als Waffe zu eigen gemacht haben, stimmt mich doch eines sehr froh. Man hat es geschafft die eigene Wirklichkeit im Blick zu behalten, die Demonstranten (z.B.: Bewegung Occupy Wall Street) sind eben nicht der Meinung, man müsse nun den Wechsel unter allen Umständen selbst erzwingen, sondern zeigen ein nach außen, hin zur Bevölkerung gewendetes Interesse, die Aufklärung voranzutreiben. Dabei wird versucht, sich nicht eine Ideologie im Sinne des Antikapitalismus zurecht zu basteln, sondern eine mit Fakten und Daten untermauerte alltägliche Erfahrung zu verbreiten, das die "Krise" eben alle betrifft.

Mich beschleicht nur das Gefühl, dass wir nicht mehr wissen, was wir im Falle einer Wahl entscheiden sollten. Für Veränderungen, klar, aber wie sieht eine Welt ohne global agierenden Finanzkapitalismus aus?

- Vielleicht sollte man diesen Sachverhalt diskutieren.
Max Merziger schrieb am 15.10.2011 um 21:09
Ich muss gestehen, der Beitrag ("Einige Betrachtungen zur ertragreichen Erwerbslosigkeit") gefällt mir, doch ich möchte mich auch kritisch äußern, nicht im speziellen sondern im allgemeinen.

Neben all der eingesetzten Ängste, die sich die Medien als Waffe zu eigen gemacht haben, stimmt mich doch eines sehr froh. Man hat es geschafft die eigene Wirklichkeit im Blick zu behalten, die Demonstranten (z.B.: Bewegung Occupy Wall Street) sind eben nicht der Meinung, man müsse nun den Wechsel unter allen Umständen selbst erzwingen, sondern zeigen ein nach außen, hin zur Bevölkerung gewendetes Interesse, die Aufklärung voranzutreiben. Dabei wird versucht, sich nicht eine Ideologie im Sinne des Antikapitalismus zurecht zu basteln, sondern eine mit Fakten und Daten untermauerte alltägliche Erfahrung zu verbreiten, das die "Krise" eben alle betrifft.

Mich beschleicht nur das Gefühl, dass wir nicht mehr wissen, was wir im Falle einer Wahl entscheiden sollten. Für Veränderungen, klar, aber wie sieht eine Welt ohne global agierenden Finanzkapitalismus aus?

- Vielleicht sollte man diesen Sachverhalt diskutieren.
www.raumgewinner.blog.de schrieb am 16.10.2011 um 12:54
Lieber Max,

Sie schreiben ja selbst, dass es Sie froh stimmt, dass die Demonstranten zB der OWS keine deutlichen und ideologisch untermauerten Antworten auf die Krise parat haben, sondern vorerst ''nur'' anzeigen:
''Hier stehen WIR, wir koennen nicht anders!'', Demonstranten, die eine Alternative möchten, die Aufklaerung wuenschen und auch selbst betreiben, aber erst einmal im Sinne eines mit Macht nach vorn preschenden Fragezeichens, dass die Dinge auf den Kopf stellt, aber noch nicht nachhaltig alternativ aendern kann.

Die Welt ohne den global agierenden Finanzkapitalismus können wir uns nicht mehr denken, wie es scheint. Internationaler Handel und Wandel, internationaler Handel und Progression, internationaler Handel und Wachstum, das alles können wir nicht mehr auseinanderdividieren, es wurde uns auch indoktriniert, dass alles gut so ist, wie es ist. Gerät mal irgendwann das System ins Wanken, zieht wieder ein Realpolitiker seinen Adam Smith aus der Tasche und verweist freundlich auf ''globalen Wohlstand durch Handel'' und die ''unsichtbar alles bereinigende Hand des Marktes''.

Aber Sie liefern die Antwort in Ihren Ausführungen ja gleich mit: vielleicht ist nun vorerst gerade die Naivität und Unschlüssigkeit und der Utopiecharakter der Reformbewegungen ist stärkstes Momentum. Die Dinge ruhig auchmal im Sinne eines großen quasi-revolutionaeren Wandels nach vorne treiben, den Finanzmarkt beschneiden, gegen die Systemzusammenhänge handeln, das Andere denken, sich verweigern, Verzicht üben statt Konsum, und immer wieder aufklären, dass die Kehrseite des globalen kapitalistischen Systems wie die mittelalterliche ''Frau Welt'' eine glänzend-verlockende Vorderseite, aber einen sieche und faulig-morbiden Rücken aufweist.

Vielleicht leben wir also, um mit Rilke zu sprechen, nunmehr in die Antworten hinein. Diese Vagheit provoziert die Konformisten am meisten und also kann sie so schlecht nicht sein.

Wir Andersdenkenden müssen so vage sein und werden, wie es der Kapitalismus immer war. ''Venture capital'', das kommt von ''ad-venture'', Vorschusskapital, dass sich meistenteils rentiert, auch wenn es meistenteils vorab absolut ins Blaue investiert wurde (man staune zB wie sich Kolumbus vom spanischen Hof seine Seereise in ein Land finanzieren ließ, an das so recht keiner glaubte---venture capital at its best!).

Ersetzen wir ''capital'' durch ''thoughts'' oder ''concepts''...Konzepte vom anderen Leben und dann den Mut dazu und die Entschlossenheit, diese Konzepte auch zu leben.

Klingt furchtbar leidenschaftlich. Aber nur diese entschlossene Leidenschaft bricht das starre zaghafte Denken auf, welches wiederum der Kapitalismus benötigt, um die scheuen Schäflein abends doch wieder in seinen Stall hineinzuholen. Aber auch dazu mehr in einem anderen Eintrag...
www.raumgewinner.blog.de
Der Weg in die neu aufgeklaerte und entspannte Gesellschaft ist moeglich und noetig
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