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Haben Sie auch, lieber Leser, in letzter Zeit das etwas verwirrende Gefuehl, dass da wo vor Jahren noch ein fester Rueckzugsort fuer Sie bereitstand, der Ihnen lieb und teuer war, sicher und stabil, an dem es ein klares festes Verstaendnis der Sie umgebenden Welt gab, das konzis war und die eigene Identitaet staerkend, dass eben dieser Rueckzugsort verloren gegangen ist und das Meiste Ihnen nur noch wirr erscheint, durcheinandergekehrt, kopfstehend und wie Illusion das erscheint, das noch vor Jahren eventuelle einigermaßen fester Glauben an etwas war oder dass Ihnen nunmehr ohne jeden Begriff zerfasert, was Sie einst noch mit Logik vollauf begreifen konnten?
Dann lassen Sie sich troesten, denn Sie sind nicht allein...Ihrem Naechsten ergeht es ganz genauso, denn wir leben noch mehr als allein in einer globalisierten in der digital-beschleunigten Zeit. Die Weltgeschichte tickt immer schneller und fuehrt uns ''live'' mit sich, wo sie frueher vielleicht anstaendig gewartet hat, bis wir tot oder zumindest alt waren. Jetzt aber tickt unser Leben immer schneller und der hektische Puls des Weltgeschehens verwirbelt Ideen und Institutionen, die wir festgefuegt glaubten.
Aber lieber Leser, dann haben Sie auch vergessen, wie sehr das Leben immer Bruch ist, immer Asymmetrie und Neuerung, indem nicht zuletzt auch katastrophische Ereignisse alles zum Neuen befoerdern. Nur, dass eben im beschleunigten Zeitalter eine ganze Epoche in den weltgeschichtlichen Beschleuniger geraet und sich daher die Aktionsdichte politischer Aktionen und Reaktionen derartig vervielfaeltigt in kuerzester Zeit, dass unser Weltverstaendnis, das nach wie vor von Kategorien des 20.Jahrhunderts und all der Zeit davor behaftet ist, nicht nachkommt bei all den Korrekturbuchungen. Wir sollten explizit zur Kenntnis nehmen, dass dem Menschen ein neues Zeitalter seiner Entwicklung unmittelbar bevorsteht. Aus den morosen Resten des Homo sapiens schaelt sich langsam der frisch heranwachsende Homo accomodans heraus...wovon aber rede ich eigentlich?
''Sometimes I can't help feeling that I'm
living a life of illusion and oh, why can't we let it be
and see through the hole in this wall of confusion,
so I just can't help the feeling I'm
living a life of illusion...and it comes with no warning that
Nature loves her little surprises
continual crisis...''
Joe Walsh, Life of illusion
''And it comes with no warning: Nature loves her little surprises...''
Zum Beispiel: Fukushima, die kleine Ueberraschung aus der Natur, die ploetzlich wie ein Dominostein eine Energietechnik weltweit in Frage stellt, die der Mensch sich einst als eine der elaboriertesten Techniken zur Erlangung großer Energiereserven ersonnen hatte.
Die Japaner haben dem westlichen Menschen und seinem panischen Selbstverstaendnis uebrigens vorgelebt, was der auffallendste Charakterzug des Homo accomodans sein koennte: seine gegenueber dem Homo sapiens noch viel groeßere Anpassungsfaehigkeit, seine nur sehr eingeschraenkte Befaehigung zur befohlenen und bestellten Angst (Panik), seine weise Ratlosigkeit und ein gewisses Maß an Verzicht auf Aktionismus, der nur vorantreiben will, aber nicht weiß, wohin eigentlich...
Der Homo accomodans (vom Lateinischen ''accomodare''---''sich einer Situation anpassen'') ist im Entstehen begriffen und er untersteht in seiner Artenbildung nicht laenger allein biologisch-genetischen (''rassischen'') Konditionen, sondern vor allem soziokulturellen Bedingungen. (Hier ist zu beachten, dass zwar der Begriff des ''Homo sapiens'' in der Terminologie der Biologie eine Artenbezeichnung ist, wie die jeder anderen Tierart auch. Allein: Homo sapiens ist ebenso ein Terminus der Anthropologie und damit ein kulturwissenschaftliches Konstrukt. Um dieses Konstrukt eines Menschenbildes wird es mir im weiteren Textverlauf gehen).
Der globalisierte Mensch muss in immer kuerzerer Zeit immer schneller auf immer mehr Reize und Aktionen reagieren. Der Homo accomodans passt sich den Verhaeltnissen an und richtet sein Selbstverstaendnis an der Tatsache aus, dass die einzig feststehende Wahrheit eine paradoxerweise zugleich hoechstdynamische Wahrheit ist: die Kinesis, die fortschreitende und unaufhaltsame Entwicklung, der beschleunigte Fortlauf aller Dinge und ihrer Zusammenhaenge. Unbewusst beschleunigt der Homo accomodans die Welt, bewusst nimmt er sie in der Beschleunigung unschaerfer und verwaschener wahr, als er dies zu tun pflegte, als er noch allein Homo sapiens war.
Bei alledem schwaecht sich der Begriff ''Wahrheit'' gewaltig ab, die Schrumpfungsmasse dieses Begriffes wiederum wandelt in das Wachstum des Phaenomens ''Faktum'' ueber. Das ''Faktum'' sei dabei definiert als der immer nur momentan bestehende Daseinszusammenhang der Welt. Hinter diesem Zusammenhang sieht der Homo accomodans kein anderes Prinzip mehr und schoepft daraus keinen Sinn mehr, als allein noch die reine Faktizitaet des Geschehenden. Anders gefasst: wo Sinn war, ist Tatsache geworden.
Zwar wird dann auch an der reinen Tatsache gedeutelt und interpretiert, aber der Homo accomodans hat gar keine Zeit mehr, eine ueberzeitliche und gemeinbindende Erklaerung fuer die Geschehnisse zu finden, die man einst ''Wahrheit'' nannte. Stattdessen also kommt es immerfort zu nur spontanen normativen Kommentaren, die uns deshalb aber nur in ein normatives Zeitalter der totalen Meinung fuehren. Wahrheit wird relativ...Fakt dagegen ist, was das neue digitale und netzwerk-generierte Bewusstsein im Moment! in der Mehrheit ''denkt''.
Aus diesem Wahrheitsverlust und dem Verlust des einstmalig klar geglaubten weiten Ueberblickes und der Durchdringung entsteht allerdings eine neue Mystifikation des Denkens: was wir nicht mehr interpretieren koennen, beginnen wir dann zu mystifizieren. Da wir gar nicht mehr die Zeit haben werden, tiefere Zusammenhaenge nach den Regeln einer methodisch tragbaren und allgemein-verbindlichen Logik zu benennen, wird das beschleunigte Zeitalter der Weltgeschichte ein fatalistisches sein, das zudem bei allem vermeintlich aktiven Handeln vorherrschend immer das Gefuehl des passiven Erleidens haben wird.
Das Verhaeltnis zwischen Aktion-Reaktion geht deshalb ohne die Befaehigung zur Ursachenbenennung in einem beliebigen Wechselspiel ineinander ueber:
-Jahrmilliarden vor einem Super-GAU war das Atom Grundbaustein der Natur, ein großer Super-GAU dagegen koennte alles wieder zurueckfuehren auf seine Grundbausteine hin.
-der Westen fuehrt Krieg gegen den Terror, nachdem er zuvor ueber ein Jahrhundert wie ein Terrorist in den Nahost-Territorien auftrat, deshalb wiederum fuehren arabische Terroristen, die sich als Opfer begreifen, massaker-artige Attacken gegen den Taeter ''Westen'', der so zum Opfer wird.
Warum aber ist das aus der Beschleunigung enstehende Weltbild also fatalistisch und neo-mystisch? Da das neue Weltbild des Menschen ein Fluidum darstellt, wird es Schuldzuschreibungen und Ursachenbennung schwer bis unmoeglich machen. Durch seine eigenen Beschleunigung und der der Weltgeschehnisse hat der Mensch keine Zeit und vor allem die Muße nicht mehr, alles ad posteriorem in einen sinnstiftenden Ueberbau einzuordnen, den man dann ''Wahrheit'' nennt und der Klarheit schafft und Sicherheit.
Das neue Weltbild aller Weltgeschehnisse als Fluidum, als chaotisch-dynamische Einstroemung von Aktionspotentialen unter hohen Geschwindigkeiten erzeugt einen Aktionsdruck und -stress, der dem Menschen die Zeit stiehlt, Dinge noch irgendwie tiefergehend mit Sinn oder transzendentalen Aspekten zu betrachten. Alles wird dann einfach nur noch geschehen und nichts mehr begriffen. Aber gerade dadurch wird sich das Menschenbild verduestern...aus dem Homo sapiens agitans ist dann der Homo accomodans geworden, der sich allem nur noch hingeben kann und selbst wenn er handelt, nur noch Erleidender ist.
Dies alles haengt nicht zuletzt damit zusammen, dass sich das Welt-Bewusstsein (Intelligenz) zumindest der Potenz nach nur noch in Computern und digital clouds evaluiert, nicht aber mehr im bereits gaenzlich ueberforderten menschlichen Gehirn.
Die fortwaehrende Verwaschung und Aufloesung des Begriffes ''Wahrheit'' offenbart nur, dass hier eine Institution zerfaellt, die nicht mehr zurueckkonstruiert werden kann, in einer Zeit, in der wir lernen, dass die einzige 'Wahrheit'' nur und ausschließlich ein Faktum ist: die Veraenderung von Zustaenden, eine Veraenderung, die immer vielfaeltiger immer schneller auf uns einprasseln werden.
Wir stellen jetzt fest, dass ''Wahrheit'' maximal immer nur den Deutungskonsens bedeutet hat, auf den wir uns im jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhang in der Mehrheit einigen konnten.
Nun erreicht uns die Erkenntnis, dass wir allein ''Ereignissen'' gegenuebergestellt sind und jeglicher darueber hinausgehende Interpretationsansatz (falls wir ueberhaupt noch Zeit haben zum Ausdeuten der Geschehnisse) ein belustigender Zeitvertreib ist, der aber weder Sinn noch Zusammenhang stiftet.
Selbst das Beschreiben all dieser Aufloesungszustaende also ordnet sie nicht mehr zu einem sinnstiftenden Gesamtzusammenhang: das neue Weltbild des Menschen ist bereits da, wir bilden es selbst, Tag fuer Tag neu jetzt, Tag fuer Tag, denn wer mag noch in Jahren rechnen...?
Das an sich selbst bewunderungswuerdige Erstaunen des aussterbenden Homo sapiens koennte nun uebergehen in den Stupor des kommenden Menschen...
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Ich lese seit ein paar Tagen hier mit und lasse auch hin und wieder einen Kommentar fallen. Dieser Artikel ist jedoch mit Abstand das Beste, was ich auf dieser Seite bisher gelesen habe, ganz herzlichen Glückwunsch dazu!
Mir kam beim Lesen immer wieder die Definition der Wahrheit nach Thomas von Aquin in den Sinn. "Veritas est adaequatio intellecuts et rei", also die Wahrheit ist die Übereinstimmung von Verstand und Ding. Auch, wenn diese Quintessenz seines Wahrheitsbegriffes doch eher in eine andere Richtung deutet (hierzu vielleicht ein Hinweis auf den Aufsatz "Unaustrinkbares Licht" von Josef Pieper), so ist er für mich in seiner Kürze, losgelöst vom Aquinaten, geradezu symptomatisch für die Entwicklungen zum Wahrheitsbegriff in unserer Gesellschaft. Ist es wirklich ein WahrheitsVERLUST, der hier stattfindet, oder könnte man es nicht schlicht so sehen, das der Wahrheit nur immer weniger Wahrheitswert zukommt. Ist das eine Entwicklung, die exponentiell voranschreitet, oder ist es etwas, was irgendwann einen Sättigungspunkt erreicht hat, weil einfach schnellere Wechsel nicht mehr vonstatten gehen können? Findet der Verlust genau da statt, wo unser Verstand, unser Hirn in den Streik tritt, weil ihm die Annäherung an den Sättigungspunkt überfordert? Was ist, wenn wir keine Wahrheit mehr erlangen können, weil wir nicht in der Lage sind, die vorbeifliegenden Dinge als solche zu erkennen? Oder hat der Mensch nicht doch die Möglichkeit, aktiv ins Geschehen einzugreifen, dieses Karussell zu bremsen und selbst zu bestimmen, wie lange er eine Wahrheit für sich als Wahrheit haben möchte, gleich den Erzkonservativen, die vor geänderten Zeiten einfach die Augen verschließen? Der Verstand derjenigen, die sich ihre Wahrheiten länger behalten, scheint noch nicht bereit dafür zu sein. Es ist mir ein Anliegen, dass dieses "nicht-bereit-sein" nicht als qualitative Wertung gesehen wird, sondern als ein Recht, das jedem Individuum zusteht. Die Subjektivität ist es nämlich auch, die uns selbst und unsere persönlichen Wahrheiten in einen grauen Gazestoff schnürt. Vielen Dank für die Anregungen. Ich hoffe sehr auf eine lebhafte Kommentarspalte! LeVernis Eine der vielen, vielen Wahrheiten. |
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So, liebe LeVernis, es ist tatsaechlich grandios, sich mit diesen Fragen auseinandersetzen zu muessen, da man so auch sich selbst immer wieder nach der eigenen Gewiss- und Ungewissheit fragen muss und auf ganz neue Ansaetze kommt. So erging es mir beim Nachdenken ueber Ihre Fragen.
Hier, in sicher nicht systematischem Aufbau, einige Ideen zu Ihren Fragen. Ich moechte mit dem Aquinaten und seinem beruehmten Zitat beginnen. Hier fiel mir auf, dass Sie einen interessanten Verschreiber im Zitat haben, naemlich ''intellicuts'' statt dem regulaeren Genitiv-Singular der u-Deklination: ''intellectus''. Derart zerfaellt schon der Intellectus bei Ihnen in Form eines Freud'schen Verschreibers in geschnittene Scheiben ''intelli-cuts'' , wird also a-tomisiert. (Griechisch: ''tomein'' gleich schneiden, daraus zB gr ''en-tomos'': ''das Eingeschnittene, Eingekerbte'', daher das Insekt (altdeutsch: ''Kerb-Tier''), aber nun werde ich wirklich abschweifig und etymologisch geschwaetzig;). Und Sie sprechen selbst von subjektiven bzw ''persoenlichen Wahrheiten'' und man merkt bereits: die Wahrheit hat bereits einen verdaechtigen Hang zum Plural. Ich kann es jetzt nicht absolut sicher bestaetigen, vermute aber, dass zB der Aquinate uns ''Wahrheit'' nur im Singular liefert. Was hat sich in all der Zeit veraendert, welche Entwicklung(en) haben uns die Wahrheit atomisiert? Dem Mittelalter und auch noch der fruehen Neuzeit war es wichtig, dass die Wahrheit in letzter Konsequenz in Kongruenz mit Gott zusammenfiel. Die Wahrheit ist die Zusammen-Schau zwischen dem Verstand und dem Ding, im Grunde eine Art Abbild des goettlichen Blickes. Das ist das Licht des Geistes (lumen rationis): der Geist bemerkt, dass eine Uebereinstimmung zwischen seinem Verstand und einem Ding (oder einem Begriff oder einer Sache, um ''res'' aus dem Zitat vollstaendig wiederzugeben) besteht und die Stimmigkeit dieser Uebereinstimmung ist dem Menschen dann Wahrheit. Darauf wiederum konnte man in der damaligen Zeit gut bauen, eine Kirche oder zumindest Gewissheit. In dem Maße, in dem die Aufklaerung zum Zweifel an der allzu schnell erlangten Gewissheit aufrief, wurde auch der Glaubensbegriff untergraben. Wahrheit erschien nun nicht mehr als etwas einmalig vor allen Zeiten von Gott in die Welt Installiertes, sondern als eine Art fortwaehrender Akt. Die Aufklaerung lehrte den Menschen, dass Wahrheit einen progressiven Zug traegt: man naehert sich ihr an, verfuegt dabei aber nicht ganz ueber sie. Wahrheit wurde zunehmend saekularisiert und mit der Richtigkeit und Praktikabilitaet naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gleichgesetzt. Nun war auf einmal Effizienz und praktisches Wirken wahr. In dem Maße, in dem man die Religion und den gesellschaftskonstituierenden Glauben aus ebendiesen Gesellschaften abziehen musste, musste man natuerlich anfangen, auch die bisherige Konstituante ''Glauben'' zu ersetzen durch etwas wie ein autonomeres Menschenbild, dass also der Mensch fuer sich selbst einsteht, ohne einen waltenden Gott. Hier nun wurde eine Institution aufgeloest, die den Menschen lange Zeit als Garant ihrer festgeglaubten Wahrheit gedient hatte. Von den aufkommenden Naturwissenschaften ließ man sich dann aber gern ueberzeugen, dass auch ihre (zudem ungleich effektivere bzw effiziente) Wahrheit einen ein gutes Stueck weiterbringt. Aber Sie wissen selbst, wie wir nach und nach den ''Glauben'' an die Technik verloren haben. Die Technik hat alles beschleunigt und ein halbes Jahrhundert derart in den Zeitraffer geworfen, dass es einem vorkommt wie zweihundert Jahre. Zurueck zum alten Gottesbegriff und der EINEN Wahrheit kann es nicht gehen. Das neue Zeitalter allerdings hat die Gesellschaften und Menschen atomisiert, es gibt keinen verbindlichen Ueberblick mehr, man schaut globalisiert in die ganze Welt und schaut wie durch Facettenaugen, die kein Gesamtbild mehr ergeben: 20000 Einzel-Bilder zugleich... Wir beginnen, subjektiv Wahrheit zu schoepfen. Hier ist Kierkegaard ein wundervoller Beobachter, der schon vor 180 Jahren schrieb: ''Wahrheit ist immer Wahrheit fuer mich, die MICH erbaut.'' Sprich, eine Form der ''adaequatio intellectus et mei'', sozusagen. Eine Uebereinstimmung zwischen meinem Verstand und mir selbst. Das, was ich erblicke, einordnen muss, das Ding, die Idee, der Begriff, bleibt irgendwie außen vor, wird integriert, aber viel passt da nicht mehr zusammen. Hauptsache, es erscheint mir einigermaßen stimmig. Wahrheit mag man es nicht mehr nennen, ''Plausibilitaet'' trifft es da schon besser. Intuitiv fuehlt man, dass es jedem anderen genauso geht, denn bei anderen entdeckt man auch nichts Ueberzeugendes mehr zum Thema ''Wahrheit''. Geschweige denn, dass man sich noch auf verbindliche Wahrheit einigem mag. Das waere in Zeiten der Beschleunigung nicht mehr moeglich. Uns fehlt buchstaeblich die Zeit, nachhaltig fuer Wahrheit zu sorgen. Dagegen anstehen und sich die Zeit nehmen, Wahrheit zu schaffen, laesst uns wohl weltfremd werden, solange es nicht kollektiv erfolgt. Dann gleichen wir unseren Rueckzug mit dem Bild, dass die gesellschaftliche Umwelt auf uns wirft, ab und erkennen, dass wir kaum dagegen ''an'' leben koennen in unserer Wahrheit oder wir enden wie St. Hieronymus im Gehaeuse, als Eremiten. Vielleicht aber ist das auch moeglich, denn die Mystiker (Ihr empfohlener Text von Pieper ''Unaustrinkbares Licht'' klingt sehr mystisch) haben diesen ja Weg gewaehlt...sicher ein mutiger Ansatz. Man darf sich dann nicht um das egalisierende Adjektiv ''weltfremd'' scheren. Man kommt dann zu einer Sache wie Wahrheit, die man nicht als Zerfallsprodukt begreift. Ein letzter Nebenweg, eine Betrachtung aus der Natur: dem Tier erschließt sich keine Wahrheit. Die Zusammen-Schau, die adaequatio und coincidentia ergibt sich so nicht. Fuer das Tier ist alles reine Tatsache, reines Faktum, dem es sich zu unterwerfen, im besseren Fall: dem es sich anzupassen hat! Das Tier ist einer Welt der nackten harten Tatsachen und des Zufalls unterworfen. Der beschleunigte Mensch, dem es immer schwieriger wird, Wahrheit zu definieren, oder ueberhaupt einmal eine laengerfristige Uebereinstimmung zwischen eden mittlerweile tausenden divergierenden Sachen (Begriffen) und seinem zunehmend ueberforderten Verstand (der auch schon atomisiert wirkt) zu erzielen, droht dadurch ein gefaehrliches Abdriften in die reine Faktizitaet. Irgendwann kann er sich den Fakten nur noch anpassen, als aktiver Passiver. Es ''passiert'' ihm dann alles nur noch. Ziehen Sie daraus bitte selbst den Schluss... Ich muss nun erst einmal pausieren. Beste Grueße in Ihre Richtung, liebe LeVernis... P.S.: Sie schreiben ''Wahrheit erlangen''. Exakt! Eine Erlangung ist ein recht langes, oft muehsames Schreiten auf dem Weg zum Erwerb einer Sache. Dafuer braucht es Zeit. Diese fehlt uns zunehmend. |
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"Ist es wirklich ein WahrheitsVERLUST, der hier stattfindet, oder könnte man es nicht schlicht so sehen, das der Wahrheit nur immer weniger Wahrheitswert zukommt."
Statt Wahrheitswert sollte hier Halbwertszeit stehen. ...so zumindest meine derzeitige Wahrheit... |
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Liebe LeVernis,
erst einmal vielen Dank fuer Ihr tolles Lob, Ihre wirklich eine Debatte anregenden und einleitenden klugen und konstruktiven Fragen und ueberhaupt den aufmerksamen und fein beobachtenden Blick... Da haben Sie mir nun aber einen Brocken Arbeit vorgelegt...geben Sie mir bitte ein wenig Zeit, Ihnen auf all diese Fragen und Anregungen Ihrerseits moegliche Antworten, Gegenfragen und Waeg- und Wagnisse zu liefern... Zu ihrer Eigenkorrektur an ihrem ersten Kommentar allerdings schon einmal etwas: wenn Sie selbst erwaegend, dass vielleicht der Wahrheit immer weniger Halbwertszeit zukommen koennte, zeigt das vielleicht bereits exemplarisch, wie sehr uns die Wahrheit schon atomisiert erscheint, dass wir von ihr schon in der Begrifflichkeit der Zerfallsdauer von Stoffen reden. Das schreiben Sie ja auch selbst: ''so zumindest meine derzeitige Wahrheit''. Sie hoeren fuer jetzt an dieser Stelle erst einmal ein laut vernehm- und dankbares ''Puh...''. Ich komme auf Ihre Fragen, die mich ab jetzt sehr beschaeftigen werden, in genau dieser Umgebung entsprechend und ''zeitnah'' zurueck. Beste Grueße von Paul Duroy Ein aesthetischer Nachtrag: Ihr Mucha-Avatar ist ausnehmend schick geraten |
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Lieber Paul Duroy,
bitte nehmen Sie sich alle Zeit der Welt. Es stehen ein paar Dinge im Raum, sie laufen nicht weg, sie sind nicht böse, wenn sie ignoriert werden und reagieren auch nicht eifersüchtig, wenn sie stiefmütterlich-selektiv behandelt werden. Zur Übernahme von Begriffen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich bzw. einem Bereich, der mit Materie zu tun hat, ließe sich auch noch vieles, vieles schreiben... Danke für den erneuten Input Ihrerseits. Ich komme mir mit Ihnen vor wie ein einarmiger Bandit, der eine Strähne zu haben scheint. ;-) Es scheint mir auch so zu sein, dass man vielleicht auch ein wenig unterscheiden sollte zwischen subjektiven und objektiven Wahrheiten. Wenn wir von einem Verlust sprechen, dann ist das doch eine Angelegenheit, die eine subjektive Ebene betrifft. Dabei ist es auch gleichgültig, ob es sich um eine Gruppierung, eine Nation oder eine Person handelt, die etwas verliert. Hier gebe ich Ihnen stante pede Recht, dass dies etwas ist, was öfter und immer öfter verlorengeht. Doch ist es auch etwas, das wieder ersetzt wird. Subjektive Wahrheiten müssen verloren gehen, damit neue subjektive Wahrheiten ihren Platz einnehmen können. Eine Wahrheit duldet nämlich keine zweite neben sich. Zwar sind wir Individuen in vielen Bereichen so großzügig, auch anderen Menschen/Gruppen/Nationen ihre subjektive Wahrheit zuzugestehen, doch können wir selbst eine Sache betreffend nur eine Wahrheit haben. In einer vollendeten Form zu Papier gebracht hat das Goethe in "Selige Sehnsucht", wie mir scheint. Das Ringen, das Festhalten am Alten, die Wagnis, die Unbekümmertheit und dann - bätsch, bäng - das Destruktive, das Verbrennen der alten Wahrheit und dann das Auferstehen der neuen. Subjektive Wahrheit als Strudel, der immer schneller fließt. Mehr und mehr destruktive Elemente, die nach sich ziehen, dass immer mehr neu konstruierte Wahrheiten geschaffen werden. Ja, ich glaube, wir sind in diesem Punkt ganz nahe beieinander. Nur die objektiven Wahrheiten bereiten mir große Sorgen. Hier stellen sie mir folgende Fragen (die ich in erster Linie als roter Faden für meine eigenen Gedanken hier aufreihe. Sie sind nicht als Fragebogen eines Inquisitionskatalogs gemeint, den ich Ihnen um die Ohren zu hauen gedenke.) 1. Gibt es objektive Wahrheiten überhaupt? 2. Wenn ja, können wir Menschen diese erkennen? 3. Sind es ontologische, unumstößliche, materielle Fakten, denen objektive Wahrheit zukommt? LeVernis Der Mucha ausgerichtet hat, sich ordentlich brav zu bedanken, wie es für ein wohlerzogenes Mädchen gehört. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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