07.01.2010 | 20:03

Ein offener Brief an MTV

Dieser Artikel erschien bereits auf Netzfeuilleton. Kritik, Lob und Morddrohungen empfange ich nach Herzenslust auf Twitter.

Liebes MTV-Team,

sehr gut erinnere ich mich noch an einen regnerischen Abend vor einer längeren Zeit. Ich besaß keine Modivation für die Hausaufgaben und begab mich aus trübseeliger Langweile vor das Fernsehgerät. Ein altes Röhrenmodell, das für das Zappen kaum zu gebrauchen war. Nach jedem Knopfdruck musste man mehrere Sekunden warten, bis das andere Bild zu sehen war. Es lag aber nicht daran, dass ich an diesem Tag nicht umschaltete – viel mehr war es die gröhlende Stimme eines Kurt Cobain, die mich absolut in den Bann zog. Es mag nach einem Klischee klingen, aber dafür bin ich MTV ewig dankbar.

MTV war mehr als ein Sender, es war ein Phänomen, der Inbegriff der Popkultur, ein absoluter Kult – schon zu Beginn. Ihr konntet die Lücke füllen, die seit dem Weltruhm der Beatles beständig wuchs. Ihr wart der Plattenladen des Fernsehens, die Musikzeitschrift im Bewegtbildformat und die erste Liebe jedes Teenagers.

Zwar kritisierten euch auch schon zu euren Blütezeiten sehr viele Musiker, aber niemand würde ernsthaft leugnen, dass ihr vielen jungen Menschen die Tore zur Welt der Töne eröffnet hattet. Ob man die verschiedenen musikalischen Epochen eurer bisherigen Geschichte nun mochte oder nicht, widerspricht nicht dem besonderen Wert eurer Bandbreite für die Hörer und die Künstler.

Heute steht euer Programm nicht mehr für diesen Wert. „Flavor of Love“, „Exposed“, „Next“, „Parental Control“, „Date my Mom“ heißen nun die Schlagworte. Das sind Sendungen, die euch keinen Cent kosten und im Viacom Imperium herumgereicht werden wie die Ketchupflasche am Mittagstisch. Tragischer als ihre einfältige Vielfalt ist ihr fragiles Niveau, das sich mit der Zeit im ständigen Unterbietungskampf zu befinden scheint. Ihr sprecht nicht mehr die Sprache mit den Künstlern, sondern die der Exekution aller Sinne, und hinter den Kulissen geht es nur noch um Zahlen.

Nein, entgegen der Aussage eurer Geschäftsführerin Cahtherine Mühlemann kommen diese Formate bei den Jugendlichen nicht an. Sicherlich mögen die Quoten eine Attraktivität belegen, doch ist dies zum Teil ein Trugbild – die Zielgruppe hat nur das zu schlucken, was man ihr vorsetzt. Ihr seid also gar nicht in der Lage wirklich deutlich festzustellen, ob andere Angebote nicht doch auf größere Resonanz stoßen könnten. Auch entsprecht ihr nicht dem Zeitgeist heutiger Tage, sondern formt ihn Dank eurem Einfluss selbst.

Internationale Größen wie Justin Timberlake kritisierten diese traurige Programmausrichtung ebenso und auch hierzulande sprechen die Reaktionen einiger bekannter Gesichter Bände: Bushido beendete die Kooperation mit MTV und sein Rivale Sido konnte es sich nicht verkneifen, den erwähnten „Zeitgeist“ satirisch anzufechten.

MTV war einst in einer Reihe zu nennen mit Ereignissen wie Woodstock – die Bedeutung ist nicht der Profit, sondern der Wert für die Menschen. In Erinnerung behalten wir Rockerfeller nicht für seine starre Unternehmensführung, sondern für seine großzügigen Wohltaten. Ein Künstler lebt für sein Schaffen, selbst wenn er nicht davon leben kann. Als Musikfernsehen dieses Prinzip in jedem Umfang so zu ignorieren, schreit förmlich nach einer Namensänderung.

Möchte man auf MTV tatsächlich Musik hören, wird man eine Koffeinüberdosis nicht vermeiden können. Nachts laufen tatsächlich Videos aus alten und heutigen Tagen. Und drei Mal im Jahr darf man sich Dank den gesponserten Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ sogar tagsüber auf Musikgenuss freuen. Wieso verbannt man aber Sendungen wie „TRL“ oder „brand:neu“? Wieso interviewt euer Aushängeschild Markus Kavka bekannte Bands und Solokünstler für KabelEins und nicht für euch? Haben wir auf schreckliche Ereignisse wie in Winnenden zu hoffen, wenn wir Musik statt Datingshows sehen möchten?

Niemand erwartet, dass ihr keine anderen Formate ausstrahlt, so lange diese irgendwie im Kontext stehen. „Sarah Kuttner – Die Show“ hatte beispielsweise nur am Rande etwas mit Musik zu tun, besaß aber dennoch einen Bezug. Ebenso befinden sich beispielsweise „Masters“ „Made“, „Real“, so wie diverse Cartoons und Comedysendungen sicherlich nicht außerhalb dieses Rahmens. Auch das neu gestartete „Home“ ist trotz mangelnder schöpferischer Qualität, nicht fehl am Platze. Nur sind das absolute Ausnahmen im Dschungel der Datingshows.

Junge Menschen kennen tatsächlich mehr als Klingeltöne und die neuen Liebesillusionen eines „Flavor of Love“. Musik hören sie übrigens auch noch und neue Songs entdecken sie primär nicht nur auf YouTube. Sie können sich auch meistens kein PayTV leisten. Der Horizont eurer Zielgruppe ist nicht so beschränkt wie euer Einschätzungsvermögen. Man kann natürlich jegliche Kritik ignorieren, aber .. ach wieso die Mühe?

Ich danke euch für den Schubs in die Welt der Musik und mit Bedauern möchte ich euch davon verabschieden.

Lebt wohl.

Das Logo gehört MTV und wurde von der Wikipedia Seite verwendet.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
spellbound schrieb am 12.01.2010 um 10:28
hat das schon jemand zur Korrektur gelesen? Ich bin über die ersten zwei Sätze nicht hinausgekommen - manchmal lengt der feler von inhalt ab...
pell
Ich bin ich, glaube ich.
Mitglied seit:
3 Jahre 1 Woche
Zuletzt aktiv:
14.03.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 4
Kommentare: 7
Logbuch
00:16
Hans Springstein hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
23:59
hardob hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:58
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:58
JoeRoberts hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:47
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG