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Früher, als ich noch mehr per Anhalter fuhr, also als ich noch reiste, nahm mich einmal jemand bis direkt in Frankfurts/M. Innenstadt mit. Ich stieg an der Taunusanlage aus, einem schmalen Streifen Park zwischen munter befahrenen Straßen. Um mich herum erhoben sich majestätisch die Deutsche Bank, die Commerzbank, die Dresdner und die DZ Bank, die Landesbank, sowie weitere Türme, die ich nicht erkannte, die jedoch zweifellos weiteren Banken gehörten. Allein in diesem winzigen Park, erlebte ich eine Erleuchtung. Alles klischeebehaftete Reden über unsere Religion des Geldes hatte hier seinen wahrhaftigen materiellen Kern. Nur mein strammer Atheismus hielt mich davon ab, an Ort und Stelle auf die Knie zu fallen.
Wie die Sonntagsschüler freuen wir uns, wenn uns jemand ein Heiligenbildchen gibt, das etwa zwanzig Euro repräsentiert oder sogar fünfzig. Auf die Kraft dieser Bildchen vertrauen wir, wenn wir zum Gottesdienst bei Karstadt pilgern, bei Aldi, beim Autohaus Südstadt oder der Mozartapotheke. Den Predigten unterworfen, die uns ständig ermahnen, sauber, schön, glücklich und auf dem neuesten Stand zu sein, lassen wir uns 3-in-1-Shampoo, den neuen Kehlmann und Prozac geben. Jeden Tag. Und während des dezemberlichen Joint-Ventures mit der Glockenreligion noch öfter. Dann belästigen wir sogar die, und gerade die, die uns nahe sind, mit Reliquien unseres Glaubens. Dann feiern wir unseren Gottesdienst mit einem besonders beglückten Gefühl oder mit einer besonderen Verzweiflung, wenn sich dieses Glücksgefühl nicht einstellt.
An dieses Erweckungserlebnis muss ich heute wieder denken, wenn ich höre dass Minarette verboten werden, dass Glockenläuten auch verboten werden sollte, weil Religion Privatsache sei, und wenn ich sehe, dass dabei die ganze Zeit die Hauptsache übersehen wird. Wir werden ständig zum Gottesdienst gerufen, nicht nur fünf Mal am Tag. Es ist in unseren Zeitungen und Zeitschriften, im Radio, im Fernsehen und im Kino. Wir werden es von Plakaten, von Zetteln, die Leute uns in die Hand drücken, von Maschinen, die uns anrufen, und von anderen Gläubigen: "Wie siehst du denn aus, kauf dir doch mal."
Doch diese Religion ist uns so sehr zur zweiten Natur geworden, dass wir sie als Religion gar nicht mehr wahrnehmen, sondern als naturgegeben akzeptieren. Was eigentlich eine kultische Handlung ist, halten wir für lebensnotwendig. Und so fällt uns der Lärm, den die Gebetsrufer machen, nicht mehr auf. Statt dessen arbeiten wir uns, zur großen Freude der Börsen-Gurus und ihrer Staatspriesterkaste, an Nebenwidersprüchen ab.
Dabei sind Minarette so sehr ein Problem für unsere gemeinsame Gesellschaft, wie Sommersprossen ein Problem für einen Krebskranken sind.
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Hallo Peripatetik,
Sie bringen es auf den Punkt, es geht seit Anbeginn um eine freie Marktwirtschaft des Glauben, Unglaubens, des Baus von Tempeln, säkularen Konsum Tempeln wie klerikalen Tempeln, wobei die säkularen Tempel an Marktmacht gewonnen, die klerikalen Tempel zu verdrängen scheinen, obgleich diese klerikalen Tempel als Schuldenaufnehmer in die säkularen Tempel als Gläubiger investiert oder diesen gegenüber im Namen anderweitig überdimensionierter Projekte heillos verschuldet sind. Ihren letzten Satz dagegen kann ich die Pointe nicht so recht einordnen und hake deshalb nach, wie Sie den meinen?? "Dabei sind Minarette so sehr ein Problem für unsere gemeinsame Gesellschaft, wie Sommersprossen ein Problem für einen Krebskranken sind". tschüss JP |
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@ chrisamar,
Potzblitz!, Sie drehen aber auch ein Riesen- Rad, dass die virtuellen Immoblienpreise in nie geahnte Höhen treibt. Sie sind das also. In welcher Gegend sind Sie da gerade unterwegs? Wie singt noch Mephisto im Faust: "Paparapam!" Na dann, viel Spaaasss!Sie koboldendes Konsum "Aas" Ha! HA! HA! In diesem neckenden Sinne tschüss JP |
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Gesegnet seien die Vermaleideten.
@ Joachim Petrick Im allgemeinen sind Sommersprossen eben kein Problem. |
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@ chrisamar,
jetzt machen Sie es sich n. m. E. mit den Minaretten aber etwas zu einfach. Denn nicht die Minaretten sind das Problem, sondern die Anbetung der Konsum- Tempel durch die Medien, die von der unsichtbaren Hand der Priester/innen der Konsumtempel leben und keine anderen Tempel neben sich dulden wollen, schon gar keine, die als Minaretten daherkomen. So schlicht wie Sommersprossen im Gesicht, ist das Problem unter dem Arbeitstitel "Minarett" folglich nicht!, oder? Wo kommen wir denn dahin, wir "Vermaldeiten" ohne den Gefreiten? tschüss JP |
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schrieb am
04.12.2009 um 00:48
@ Joachim Petrick
Eigenartigerweise war mein Mann halb Schweizer & halb Perser. Trotzdem fehlt es mir an Ernstaftigkeit für die Problematik der Schweizer Genossen. Von einer gescheiterten Hausfrau, welche sich einen Molosser als Haustier hält, können Sie keine Moral erwarten. Den Geruch & das Knistern von Scheinchen finde ich nämlich toll. Über ein gutes Geschäft kann ich mich freuen. Manchmal beschließe ich spontan einen Neuwagen zu kaufen. Dann verhandel ich lange und hartnäckig über die Konditionen. Natürlich kaufe ich dann doch keinen Wagen. Die Zeiten sind wohl vorbei. Aber ich mache das, um in Übung zu bleiben. Manche Menschen können mit Geld nix anfangen. Sie horten es und schämen sich, dass sie so viel haben. Bei mir ist das anders. Mein Geld kann ich betrachten. Ich kann es mit mir rumtragen. Es steht in der Garage. Es liegt im Kühlschrank. Es läuft mir auf 4 Pfoten entgegen. Mit anderen Wort: Es wird verkonsumiert. |
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@ chrisamar,
Ihr ungetrübt inniges ERleben und AUSleben Ihres Glaubens an den Gott des Konsums in seinen Stadtbild beherrschenden Tempeln, hat auf herrliche Weise etwas Verführerisches, weil Ihnen scheinabr dabei schnuppe ist, ob Sie Moneten in Mengen haben oder nicht. Ihnen scheint es, reicht ein Geld- Schein, um den Geruch, das Knistern desselben genüsslich wahrzunehmen, dem Verkaufspersonal in den Konsum tempeln vor die Nase zu halten und dann unverrichteter Dinge wieder in die eigene Geldbörse zu packen. Monetär betrachte, erscheinen Sie mir die vortreffliche Ausgabe eines Konsum Koboldes zu sein, der zum Hohn des Sinn des Geldes seinen Schabernack in den Tempeln der Konsumwelt treibt? Lassen Sie es ruhig weiter knistern, das Geld. tschüss JP |
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schrieb am
04.12.2009 um 16:41
@ JP
"Konsum Kobold" Mit diesem Begriff haben Sie ins Schwarze getroffen. Unnötig zu erwähnen, dass zu meinen weiteren Hobbies auch das "dann-doch-nicht-kaufen" von Immobilien gehört... |
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"...unsere Religion des Geldes hatte hier seinen wahrhaftigen materiellen Kern. Nur mein strammer Atheismus hielt mich davon ab, an Ort und Stelle auf die Knie zu fallen."
:-) das ist Frankfurt a.M. sehr schöner Text, danke! |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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