Peripatetik

Blog von Peripatetik

08.10.2009 | 06:51

Warum ich gedruckte Zeitungen lese

In der Freitag-Community wird seit Tagen darüber debattiert, wie sich beide Teile der Zeitung, die gedruckte und die Online-Ausgabe, gemeinsam finanzieren lassen. Ich beteilige mich an der Diskussion nicht, weil ich genauso gut den Bioladen an der Ecke, wo ich ebenfalls Kunde bin und der mal floriert, mal nicht so, zu seinem Geschäft beraten könnte. Vom Geschäft verstehe ich aber nichts. Andernfalls müsste ich wohl nicht von Hartz IV leben.

Das Hin und Her über die Finanzen des Freitags haben für mich aber erneut Fragen in den Vordergrund geworfen, die ich offenbar bisher anders beantwortet habe als viele Leute, nämlich: Was will ich von einer Zeitung? Wo finde ich das am besten? Was darf mich das kosten?

Was ich will, ist einfach gesagt. Ich will über das wesentliche Geschehen in der Welt informiert werden. Ich will umfassend informiert werden, also nicht nur über Neues aus Deutschland, sondern aus allen Kontinenten, nicht nur über Politik und Wirtschaft, sondern aus allen Ressorts. Ich brauche aber nicht jeden Tag jede Einzelheit. Ich muss gar nicht wissen, wer bei irgendwelchen Verhandlungen wann was gesagt und welches Kleid er dazu getragen hat. Ich will nur erfahren, welche verschiedenen Positionen es gibt, wer sie vertritt und welche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Von einer Flut muss ich nicht täglich hören, wieviele Leichen geborgen wurden, es reicht, wenn ich von der Flut höre und erfahre, was sie angerichtet hat und wie geholfen werden kann oder wird.

Es gibt überhaupt wenig, das ich tagesaktuell wissen muss. Es geht eigentlich nur um Angelegenheiten, in die ich persönlich eingreifen kann, über die ich allerdings durch die Organisationen, denen ich angehöre, informiert werde, und um Angelegenheiten, bei denen ich, gemeinsam mit anderen, mitfiebere, also Wettkämpfe: Sport, Wahlen, Eurovision Song Contest.

Diese Wettkämpfe will ich aber nicht tagesaktuell verfolgen, sondern live. Dafür eignet sich ganz klar das Fernsehen am besten Für alles andere kaum. Bei Nachrichtensendungen kann ich nicht auswählen, was mich interessiert, kann ich nicht kurz die ersten Sätze überfliegen, sondern muss ich warten. Und am Ende habe ich nur das erfahren, was für ein vermutetes Durchschnittspublikum interessant sein soll. Für alles darüber Hinausgehende muss ich andere Sendungen sehen und noch mehr Sendungen. So geht der Abend rum, ehe ich umfassend informiert bin. Schade um die Zeit, in der ich eine ganze Tageszeitung und zusätzlich ein, zwei Gedichte hätte lesen können, und das auch noch an der frischen Luft, wenn mir danach gewesen wäre.

Lesen geht ohnehin schneller als zuhören. Es gibt auch viele Dinge, die keiner Bilder bedürfen. Denn ein Bild sagt nicht immer mehr als tausend Worte, sondern oft genug gar nichts. Z.B. für eine Buchrezension brauche ich keine extra gefilmten Spielszenen. Ich muss auch nicht sehen, wie ein dicker Mann Bücher, die ihm nicht gefallen, in einen Papierkorb wirft und dann anzündet. Eine Rezension zu lesen reicht völlig und ist meistens erhellender.

Wo im Feuilleton Bilder von Vorteil wären, nämlich wenn es um Filme oder Ausstellungen geht, habe ich mit dem Fernsehen schlechte Erfahrungen gemacht. Filmrezensionen sind in der Regel bloße Lobhudeleien, in Berichten über Ausstellungen wird selten auch nur ein Exponat gezeigt.

Ein weiteres Problem, das ich mit Fernsehbildern habe, liegt im Ton. Meistens, wenn die Bilder etwas zu sagen haben, wird mir nämlich erklärt, was sie sagen. Ich brauche nicht selbst zu gucken. Gut, will ich ja auch nicht.

Wenn ich nicht hingucke, habe ich praktisch Radio. Richtiges Radio ist natürlich besser als Fernsehen ohne Ton, leidet aber unter dem gleichen Problem. Auch hier muss ich warten, bis ich gehört habe, was mich interessiert, und mehrere Sendungen suchen, bis ich alles gehört habe, was mich interessiert.

Immerhin kann ich ein Radio mit an die frische Luft nehmen, bei jedem Wetter und bei jeder Beleuchtung. Und beim Radiohören kann ich gleichzeitig allerlei anderes tun, wie Abwaschen, Aufräumen oder Dauerlaufen. Radiohören kostet also potentiell überhaupt keine Zeit. Zuletzt ist das Radio auch dafür prädestiniert, über Musik zu informieren, und tut es manchmal sogar exzellent.

Trotzdem lese ich lieber Zeitung. Innerhalb weniger Minuten weiß ich, was sie mir zu bieten hat, nach einer Stunde habe ich das meiste gelesen. Beim Lesen springen meine Augen oft auf einer Seite umher, von einem Artikel zum anderen, was ich als wohltuend empfinde, denn das ganze Bildschirmgucken und Bücherlesen ist ja doch eintönig. Zeitunglesen ist für die Augen ein bisschen wie Spazierengehen und kann mit diesem auch kombiniert werden, solange es hell ist und nicht regnet.

Lesen kann man auch abkürzen. Man kann einen Artikel überfliegen, um das Wesentliche zu erfassen oder weil man eine bestimmte Einzelheit sucht - unmöglich bei Radio und Fernsehen. Man kann Stellen, die man nicht verstanden hat, noch einmal lesen - unmöglich bei Radio und Fernsehen. Man kann sich einzelne Artikel aufheben - sehr umständlich bei Radio und Fernsehen.

Bei allen dreien, Zeitung, Radio und Fernsehen, kann ich von vornherein sehen oder abschätzen, wie lang ein Artikel oder ein Beitrag ist. Ich kann mit der Zeit eine Redaktion einschätzen und weiß, wie ich ihre Berichte aufzufassen habe. Alle drei geben mir eine gewisse Struktur. Wenn ich durch bin, bin ich durch. Mehr gibt es erst morgen bzw. nächste Woche.

Das Internet ist potentiell endlos. Es gibt immer noch einen Link, der mich weiter führt und mir mehr Information bietet oder dieselbe Information oder der mich dahin zurückführt, wo ich schon war. Was mich erwartet, sehe ich, wenn die jeweilige Seite geladen ist. Das Laden dauert manchmal, weshalb ich in der Zwischenzeit etwas in einem anderen Browserfenster lese. Das Lesen dauert auch manchmal, weil ich, wenn die Seite geladen ist, noch nicht erkenne, wie lang ein Text ist. Lange Texte sind oft über mehrere Seiten verteilt, so dass ich sie nicht überfliegen und nicht als Ganzes aufnehmen kann. Bevor ich auf einen Link klicke, weiß ich nicht, ob ein Text lang oder kurz ist, ob ich ausführlich oder knapp informiert werde, ob es überhaupt eher Information oder eher Meinung ist.

Das Internet ist in den letzten Jahren tatsächlich an vielen Stellen immer auf dem neusten Stand. Es ist leicht, sich einen Überblick über die Neuigkeiten der letzten drei Stunden zu verschaffen. Es ist nicht so leicht, sich einen Überblick über die Neuigkeiten des Tages zu verschaffen, ganz zu schweigen von der Woche oder dem Monat. Es geht, wenn man nur ein Interesse hat. Wenn man aber ein breites Interesse an Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Sport, Wissenschaft und Kuriosa hat, muss man sich im Internet sehr gut auskennen, Spezialseiten und vertrauenswürdige Blogs aufrufen. Hinter diesen Spezialseiten stehen meistens Zeitschriften, und die meisten guten Blogs werden von Journalisten geführt, die ihr Geld in einer Redaktion verdienen.

Oft werden Blogs abrupt aufgegeben, worauf man sich etwas Neues suchen muss, und gute Blogs sind schwer zu finden. Viele Blogs bringen bloß Meinungen in rüdem, besserwisserisch-ignorantem Ton, ebenso rüde kommentiert. Noch mehr Blogs bringen bloß Links. Und diese Links führen ganz oft zu den Portalen, was soll ich sagen, von Zeitungen.

Das Internet, einschließlich der Zeitungsportale, bedeutet außerdem, dass man am Bildschirm lesen muss, was niemand so schnell kann wie auf Papier und was auch, so jedenfalls meine Erfahrung, für die Augen eine größere Belastung ist, schon weil der Bildschirm leuchtet. Das Internet nehme ich nicht mit aufs Klo, die Zeitung schon. Und es bringt einen nicht zu unterschätzenden Stromverbrauch mit sich, sofern der Computer ansonsten aus wäre. Ob das tonnenweise Bedrucken von Papier ökologisch verträglicher ist, kann ich allerdings nicht einschätzen.

Ich will nicht leugnen, dass das Internet auch Vorteile hat, weil man hier viel leichter andere Leute auf bestimmte Artikel hinweisen kann und weil man im Internet meistens ohne Probleme die Zeitung von gestern bekommen kann, was am Kiosk meistens nicht gelingt.

Zeit ist aber der einzige Rohstoff, den man nicht ersetzen kann. Deshalb spreche ich soviel davon, wieviel Zeit die Medien einem abverlangen. Wenn man eine Stunde mit einem bestimmten Medium verbracht hat, kann man nicht in die Redaktion gehen und sich die Stunde zurückgeben lassen. Nein, hoffentlich hat man die Stunde sinnvoll verbracht, also lehrreich, unterhaltsam oder sonstwie gewinnbringend. Unter diesem wichtigsten Gesichtspunkt und unter den genannten auch wichtigen Aspekten halte ich die Zeitung für das überlegene Nachrichten- und Reportagemedium. Ich sage nicht, dass sie das bleiben muss, weil ich die Zukunft nicht kenne. Ich sage auch nicht, dass es allen Menschen so gehen muss wie mir, sondern freue mich, eines ganz anderen belehrt zu werden.

 
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Kommentare
mh schrieb am 08.10.2009 um 09:44
die zeitliche einstiegshürde ist hoch .. danach konsumiert man wesentlich mehr infos per internet als per per zeitung in der gleichen zeit.

momentan geht der trend auch gen persönlicher empfehlungen bei den news. twitter bietet da einen ersten ansatz.

mfg
mh
jfenn schrieb am 08.10.2009 um 21:40
Man konsumiert möglicherweise Infos online als offline, aber versteht man deshalb bereits die Zusammenhänge, von denen die Infos handeln, besser, als wenn man weniger konsumieren würde? Qualität rulez.
jfenn schrieb am 08.10.2009 um 21:41
Sollte heißen: „Man konsumiert möglicherweise mehr Infos online als offline …“
mh schrieb am 10.10.2009 um 10:14
die beste information wäre ein artikel, in dem alles drin steht. nur selbst wenn es das gäbe, müsste ich dann noch das vertrauen haben, dass dem so ist. und auch wenn es zunächst unlogisch klingt, bin ich mir sicher, dass solch ein artikel mein eigenes denken beschränken würde, da er informationstechnisch genial wäre aber die verschiedenen nuancen, die verschiedene artikel hergeben, könnte er nicht aufgreifen.

ich brauche also verschiedene quellen.

und dabei liest man die artikel auch nur bedingt durch. absatz für absatz wird angelesen, neue informationen werden konsumiert, bekannte übergangen. danach gibt es noch ein querlesen, fertig.

d.h. beim lesen werden die informationen bereits aufs wesentliche runtergebrochen und können sich so, hier die antwort auf deine frage, problemlos in das eigene gedankenbild einfügen und es weiter entwickeln.

unwichtige informationen vergess ich einfach. ebenso dinge die erledigt sind und somit nicht mehr relevant. dadurch hat der kopf auch immer genügend spielraum für neue informationen. wenn es gerade mal zu viel ist, dann wirds irgendwo weiter hinten abgelegt und taucht irgendwann wieder auf. das kann ich bisher leider noch nicht so ganz steuern.

es ist allerdings auch so, dass ich in diesem fall dann auch tatsächlich das internet als ausgelagerten wissenspeicher nutze. dinge die ich nur 2-3 mal in meinem leben brauche, muss ich mir nicht behalten. den platz brauche ich für wichtigeres.

der punkt bei all dem ist: vorhandenes wissen wird im kopf gesammelt und zusammengeführt. vorhandene ideen können genutzt und weiterentwickelt werden. und im gesamten kommt nicht selten etwas komplett neues raus. mit diesem, meinem persönlichen, informationsverarbeitungssystem habe ich ungefähr eine trefferquote von 90% was das vorhersehen künftiger entwicklungen angeht. nicht im kurzfristigen sondern im langfristigen bereich. konträr zu dem, was unsere gesellschaft mittlerweile als ultima ratio der sichtweisen definiert.

mfg
mh
misterl schrieb am 08.10.2009 um 11:50
Das scheint einer der Generalkonflikte zu sein.

Will ich Informationen ausschließlich erhalten also konsumieren oder erliege ich dem Wahn und meine Informationen produzieren zu können, um etwas oder jemanden in meinem Sinne zu beeinflussen?

Das Medium ist fast irrelevant. Entscheidender (amS) ist der Zeitaufwand. Der liegt geschätzt bei in der Grössenordnung eines Paralleldaseins zum Normaljob.
Jakob Augstein schrieb am 08.10.2009 um 20:15
Liebe(r) Peripatetik,
das ist eine ziemlich genaue und umfassende Beschreibung einer bestimmten Art des Medienkonsums, die meiner Ansicht nach sehr, sehr typisch ist - zumindest für Leute, die mein Alter und darüber haben. Aber ich glaube auch für eine Art des Medienkonsums, die es immer geben wird. Denn Leser wie MH120480, die souverän und selbstbestimmt ihren Inhalt selber steuern und zusammenstellen, die über die notwendigen Tools dafür verfügen und auch jeweils wissen, wo man diese findet und wie man damit umgeht, werden meiner Meinung nach eher traditionelle Leser nicht erstetzen. Ich glaube, was MH sagt stimmt: Am Anfang muss man viel Zeit investieren, um auf diesen Stand der Medienkompetenz zu gelangen - danach geht es dann einfacher. Das ist ja oft so bei der Nutzung neuer Technologien. Die Frage ist nur, ob alle Leute das wollen - oder brauchen. Und das glaube ich einfach nicht. (Daher auch mein - vielleicht naiver - Glaube an die Institution und ihre Aufgabe im Netz. So naiv wahrscheinlich auch nicht - weil man das Wort Instutition auch durch das Wort Marke ersetzen kann - und dann wird es einsichtiger. Warum ist spiegel.de Marktführer? Weil eine Marke aus der analogen Welt ihre Glaubewürdigkeit ins Netz übertragen konnte. Das Netz hat monopolisierenden Charakter. Ich sehe im Moment nicht, warum sich an diesem Mechanismus etwas ändern sollte: Starke Marken werden im Netz noch stärker. Und für Wettbewerber wird es immer teurer, den Anschluss noch zu schaffen.
JA
mh schrieb am 08.10.2009 um 20:33
eine frage, ja:

wenn dir ein freund einen artikel empfiehlt, liest du den dann eher, als wenn eine zeitung einen schreibt und online stellt?

mfg
mh
Deaktivierter Nutzer schrieb am 08.10.2009 um 21:48
Warum ich lese??? Bin freier Lektor!!!
Vor Beruf heißt Rate mal.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.10.2009 um 23:44
Für allgemeine Nachrichten ist eine gedruckte Zeitung vielleicht noch ausreichend, aber da reicht auch ein Radio weil ich dann andere Sachen nebenbei machen kann. Was aber wenn ein Thema genauer untersucht werden will? Zeit mit herumrennen verlieren? Bibliothek? Da ist online alles schneller und vor allem wegen der Vielfalt viel überprüfbarer. Und mit den Ausdrucken kann ich mich dann auch in Ruhe in den Garten setzen. All diese Ausdrucke werden dann zusammen geleimt und die Bibliothek im Haus wächst & wächst.
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