Peripatetik

Blog von Peripatetik

27.11.2009 | 08:21

Web 1.5

Mein Fahrrad quietscht. Ich muss es ölen, damit ich wohin kommen kann, denn ich habe kein anderes Fahrzeug. Als ich vor gut dreißig Jahren erfuhr, welche Umweltprobleme ein Auto mit sich bringt (Abgase, Rohstoffe, Lärm, Straßenbau), beschloss ich, mir so etwas nie zuzulegen, und dabei ist es geblieben. Gut so, denn wenn man von meinen Velofahrkünsten schließen kann, hätte ich mit einem Auto schon hier und da ein Leben verkürzt.

Ich spare viel Zeit, weil ich für das Geld, das ein Auto kostet, erst einmal lange arbeiten müsste. Während die anderen so schuften, fahre ich schon mal los. Fluchend natürlich, denn der Wind kommt wie immer von vorn. Wir treffen uns am Abend auf einem Campingplatz. Die mit den Autos haben Zelte und einige Kisten Bier mitgebracht, ich nur einige, durch das Rütteln schon fleckige, Bananen. Für die Zelte und das Bier hätte ein Auto gereicht, aber die anderen verstehen nicht, wie es ist, wenn die merkwürdig helle Krähe vor einem sich mit dem Näherkommen als Sperber entpuppt, dessentwegen ich abgestiegen bin, um ihm eine Weile zuzusehen.

Manche Sachen habe ich noch nie gemacht. Ich kann nicht eben mal in die Eifel fahren, weil es mit dem Fahrrad zu weit ist, und der letzte Bus zurück schon um 18 Uhr abfährt. Dabei gibt es dort viel mehr zu erleben als nur einzelne Sperber. Das zu vermissen, ist schwer, aber nicht so schwer, dass ich deswegen den Führerschein machen würde.

Ich fahre sogar mehr Fahrrad als früher, seit ich lange Stunden sitzend dem World Wide Web opfere. Der Hintern wird breit, und der Bauch wird rund, weil der Computer mir heimlich Schokolade unterschiebt. Sport, also das ziellose Fahren in einem möglichst weiten und bergigen Kreis, soll es richten.

Als das Web noch jung war, habe ich Seiten programmiert, die man lesen konnte und sonst nichts. Jedes Ä und jedes Ü habe ich umständlich in HTML übersetzt. Später habe ich mir ein wenig PHP und SQL angeeignet und weiter mit der Hand kodiert. Es kamen Programme auf, die es auch HTML-Unkundigen erlaubten, Websites zu gestalten. Ich sah nicht ein, warum ich die Handhabung dieser Programme erlernen sollte, wenn ich mit ihnen nicht mehr tun konnte als ohne sie. Der Zug fuhr ohne mich ab. Inzwischen gibt es Programme, mit denen man, wenn man sie beherrscht, eine Community-Site binnen weniger Tage aufbauen kann. Meine Fähigkeiten alter Schule übersteigt das bei weitem.

Viele der gesäßerweiternden Stunden mit dem Web verbringe ich mit Versuchen, Communitys zu verstehen. Ich habe mich vor einigen Jahren bei MySpace angemeldet, als ich davon in der Zeitung las, aber meine Seite nie mit Inhalt gefüllt. Meinen Namen und mein Passwort habe ich bestimmt noch irgendwo stehen, aber ich sehe mir nicht einmal die Seiten von anderen Mitgliedern an, weil mein Interesse längst weitergewandert ist, wenn mein Browser endlich alles geladen hat. Ich habe einen Zugang zu Wikipedia, wahrscheinlich unter anderem Namen und Passwort als bei MySpace, und habe einmal aus einer ungarischen Schriftstellerin eine tschechische gemacht. Mehr kann ich beim besten Willen nicht zum Weltwissen beitragen, und diesen besten Willen bringe ich nicht einmal auf, wozu auch. Mein Name war in der Wikipedia einst ein Lemma, verbunden mit einigem Unsinn. Es brauchte mich nicht, um dem abzuhelfen.

Meine eigene Website, per Hand mithilfe eines über zehn Jahre alten Texterfassungsprogramms kodiert, hat keine Kommentarfunktion. Die Site ist schlecht gepflegt, einige Texte warten seit Monaten darauf, dort zu erscheinen, und ich kann mich nicht dazu bringen, täglich nachzusehen, ob etwa einer von denen da war und unflätig kommentiert hat. Einer von denen, die von Forum zu Forum ziehen, in der offensichtlichen Absicht, alle User des gesamten Webs in alphabetischer Reihenfolge zu beleidigen. Ich prüfe täglich, ob die Hausaufgaben gemacht sind, und sehe zu, dass das Fahrrad auf die Straße kommt, damit mein Bauch nicht ranzig wird. Mehr ist nicht drin.

Der Sinn von Facebook entgeht mir völlig. Ich bin von früh bis spät mit Leben beschäftigt, ich käme gar nicht dazu, das alles öffentlich zu dokumentieren. Wenn man die Kommunikation mit Freunden rationalisieren will, reichen sicher Rundmails aus, wobei ich gar nicht weiß, warum ich etwas für das emotionale Leben so wichtiges wie Freundschaften rationalisieren sollte. Ich weiß auch nicht, warum ich Zeugnisse meines Privatlebens auf einem Computer abspeichern sollte, der mir nicht gehört.

Es gibt zwar Foren, die mich reizen, mein Wort zu tippen. Doch regelmäßig erhebt sich eines von drei Hindernissen vor meiner Tastatur. Vor mir haben bereits zweihundert andere geschrieben. Was auch immer ich sage, es sollte gegenüber den zweihundert vorangegangenen Beiträgen etwas Neues bringen. Was auch immer ich sage, wer wird die Geduld aufbringen, das und zweihundert andere Äußerungen zu lesen? Alle, die bisher etwas gesagt haben, haben es binnen einer Woche getan, und diese Woche ist schon einen Monat her. Spreche ich noch zu jemandem oder nur noch zu einer Festplatte, wenn ich hier etwas hinzufüge? Wenn ich etwas beigetragen habe, muss ich später zu diesem Forum zurückkommen, um zu sehen, was vielleicht jemand geantwortet hat, jemand, den ich nicht kenne, weil ich nicht weiß, was ersie sonst so denkt und schreibt.

In der Schule nannten sie mich nicht beim Vornamen, sie nannten mich Gestern. Das will ich nicht mehr. Ich will an der Gegenwart teilnehmen. Vorläufig habe ich ein Forum gefunden, an dem ich mich nach Lust und Kraft beteiligen will. Ich weiß noch nicht, ob das möglich ist, denn die Website bietet eine Unzahl an Funktionen, deren Sinn ich nicht erfasse, und mit denen ich mich auch nicht befassen will. Ich lerne gerade italienisch, das ist viel spannender. Zu dem Zweck lese ich "Marcovaldo" von Italo Calvino, von dem ich einmal irgendwo gelesen hatte, es sei ein Kinderbuch, worauf ich von dem schmalen Band eine relativ einfache Sprache erwartete. Mithilfe eines dicken Wörterbuchs und gewisser Erfahrungen mit Englisch und Spanisch lese ich nicht mehr als einen Absatz am Tag. Gleich am Anfang der ersten Geschichte stand der mich beglückende Satz: "Aveva questo Marcovaldo un occhio poco adatto alla vita di città." Ich war glücklich, weil ich nur zwei Wörter nachgucken musste ("aveva questo" - "hatte dieser"). Und ich war glücklich, weil ich dachte, ja, so kann man es auch sagen. Ich bin zwar Städter, dennoch frage ich mich: Was mache ich hier, wo ist der Ausgang, und wie lang und verschachtelt müssen meine Sätze sein, um mich zu schützen?

Definitiv Web 1.5.

 
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Kommentare
klara schrieb am 27.11.2009 um 08:40
Hallo Peripatetik,
das habe ich gerne und mit Interesse gelesen - nicht nur, weil ich selbst überzeugter So-gut-wie-nie-(selbst)-Autofahrer bin und den Auto-Fetischismus nicht nur wegen der Umwelt" nicht nachvollziehen kann: Ein Auto ist ein Fahrzeug, ein Gebrauchsgegenstand, oft praktisch, manchmal göttlich immer teuer, nie folgenlos. (Ich selbst trau mich kaum noch ans Steuer, seit ich einmal fast einen Unfall verursacht hätte, fahre nur noch, wenn ich mal "auf dem Land bin", und wir haben wegen unserer großen Familie so eine große Kiste, die wir nur selten nutzen - wird wohl bald abgeschafft - und die ich, rede ich mir ein, nicht einparken kann, zum Einkaufen, und vor Kurzem noch Kleinkinder transportieren verwende ich ein Lastenrad.)

Sondern auch, weil ich ähnliche Internet-Erfahrungen gemacht habe.

Im Grunde ist Ihr Blog 1.5 eine Antwort auf Schirrmacher. Nur erscheinen die Gedanken in Ihrem Text - erwachsener ;)

"Ich weiß auch nicht, warum ich Zeugnisse meines Privatlebens auf einem Computer abspeichern sollte, der mir nicht gehört." Gut gesagt!

Gruß
klara
Deaktivierter Nutzer schrieb am 27.11.2009 um 08:49
Ein Text, der mir sehr gefallen hat. Wahrscheinlich hab ich heut Abend Zeit, mehr dazu zu sagen. Bis dann!

Danke!
Friedland schrieb am 27.11.2009 um 15:23
Lieber Peripatetik. Danke für diesen Text.

"...denn die Website bietet eine Unzahl an Funktionen, deren Sinn ich nicht erfasse, und mit denen ich mich auch nicht befassen will."

So geht es wohl vielen hier, aber nur Geduld:
Alles wird beta...
Peripatetik schrieb am 28.11.2009 um 07:58
Antwort dort.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 27.11.2009 um 22:00
So, nun ist es also Abend. Habe mir Deinen Text noch mal in Ruhe durchgelesen. Gefällt mir immer noch, so als Text. Nur, bist Du mit Dir im Reinen? Ich meine, wer ist das schon ganz. Aber wenigstens annähernd annähernd? Hmm, hmm...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 27.11.2009 um 22:37
Pling, Groschen gefallen, Du bist nicht 'ich'!!
Peripatetik schrieb am 28.11.2009 um 08:32
Hallo, meisterfalk,

ob ich persönlich mit mir im Reinen bin, ist hoffentlich keine ernst gemeinte Frage. Das würde ich lieber mit mir allein ausmachen. Ich behalte mir vor, mit mir selbst dreifach über Kreuz zu liegen und trotzdem hier zu posten.

Ansonsten bin ich schon ich: hin- und hergerissen zwischen Web 2.0 und Kannitverstan. Ganz schön schwer, als Cassettenzurückspuler und Bücherumblätterer hier mitzuhalten. Schon vom Tempo her, aber auch sonst.

Grüße,
Peripatetik
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.11.2009 um 10:37
Grüß Dich, meine Frage oben war in keiner Weise kritisch gemeint, eher sozusagen besorgt. Dann fiel mir ein, dass Du ja erklärtermaßen nur Fiktionales veröffentlichen willst.
Einens schönen Samstag! Da, wo ich gerade bin, ist bestes Fahradwetter.
Peripatetik schrieb am 29.11.2009 um 10:04
Ja, meisterfalk, ich weiß was ich gesagt habe, und beiße mir auf die Lippen. Mit dieser zwar ernst gemeinten, aber leichtfertigen Äußerung habe ich vielleicht meinen künftigen Texten geschadet. Wie soll ich berichten, was ich gesehen habe, wenn es dann heißt, das hat der sich bloß ausgedacht? Ts, ts.

Ich denk noch mal drüber nach.

Grüße,
Peripatetik
Anette Lack schrieb am 29.11.2009 um 14:15
Liebe(r?) Peripatetik;

danke für diesen Blog. Ich habe ihn sehr gern gelesen - er hatte so eine eigene Stimmung für mich ...

Diese Dabei-Sein und sich auf der anderen Seite nicht mehr DAUERND auf etwas Neues einstellen wollen, kenne ich.

Ich bin z.B. bei Facebook ausgetreten und bei Xing, weil mir das einfach zuviel wurde, dieses Verwalten, und ich will auch nicht permanent erzählen, was ich "gerade" mache. Mir nimmt das zuviel Zeit, die ich für anderers verwenden möchte.

Andrerseits: Kann ich es mir, als Journalistin, leisten, diese Netzwerke (und das sind sie ja vor allem) links liegen zu lassen?

Und wie viel brauche ich von all diesem Computerdeutsch, um mich als "gegenwärtig, dazugehörig" kennzeichnen zu können? Dabei ist das meiste einfach aufgeblasen und könnte genauso auf Deutsch gesagt werden - was mithin für die meisten Fremdwörter gilt. Wenn ich hier noch mal "Content" lese, schreie ich, glaube ich!

Wenn ich mich aber auf die trendige FORM konzentriere, geht mir dann nicht viel davon verloren, was für mich das Schreiben AUCH ausmacht - der sinnliche Eindruck? Hören, sehen, schmecken, riechen - und nicht nur zweidimensional erfassen?

Ich treffe für mich da ständig Entscheidungen, weil ich eben nicht NUR die Gefangene des "Auf-dem-Laufenden-sein" möchte. Ich klinke mich bewusst aus, mein Handy ist nur gelegentlich an, ich schreibe NIE SMS... und arbeite auf der anderen Seite schon seit 22 Jahren mit Computern, seit 14 Jahren fast täglich mit dem Internet. Vielleicht deswegen; für mich hat es den "Hype" längst verloren.

Was diesen Beitrag mit der "Fiktion" von Ihnen angeht: Mir geht es da etwas wie Meisterfalk. Ich weiss nicht mehr so richtig, wann sind SIE es? Ich gehe jetzt einfach mal davon aus: wenn Sie von sich erzählen, dann ist das "real". Alles andere zu denken, wäre mir zu mühsam.

Herzliche Grüße, Anna
Peripatetik schrieb am 30.11.2009 um 09:26
Liebe Anna,

"kann ich es mir leisten?": Das wollte ich sagen.

Fiktion: Ich bin noch am Denken. Ich hatte ja gesagt, für Fiktion habe ich ein anderes Forum, also nicht dieses.

Echt und authentisch hatte ich ausgeschlossen. Allerdings halte ich mein Leben für beispielhaft, gerade da, wo es vom für üblich Gehaltenen abweicht. Deshalb schreibe ich um des Arguments willen doch von meinem privaten Leben, aber nach Möglichkeit ohne mich zu entblößen. Wie Sie treffend sagten: sorgsam kodiert.

Ich finde es schön, wie Sie beide sich meinen Kopf zerbrechen. Im Moment mache ich erstmal Erfahrungen. Ich habe keine Jahre öffentlichen Schreibens hinter mir und lerne gerade, was wann wo wie aufgefasst wird. Dem versuche ich dann, meine Äußerungen anzupassen, um letztlich zu sagen, was ich zu sagen habe, falls ich etwas zu sagen habe.

Ich will ernst nehmen und ernst genommen werden. Beides bereitet mir Freude. Aber es könnte sein, dass ich exemplarisch von Problemen aus meinem Leben berichte. Da befürchte ich mitfühlende Reaktionen, wo ich eigentlich vom Politischen des Privaten sprechen will. Mitgefühl wäre nicht der Ernst, den ich meine.

Zum Schluss noch eine neugierige Frage: Habe ich irgendwo widersprüchliche Hinweise auf meine unwichtige geschlechtliche Identität gegeben?

Grüße,
Peripatetik
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