15.05.2009 | 20:08

Ein unmoralisches Angebot?

Vor etwa einem halben Jahr musste ich mich entscheiden, was ich mit etwa 2000 Euro machen sollte, die sich über die Zeit auf meinem Girokonto angesammelt hatten und für die ich keine unmittelbare Verwendung hatte. Es war das erste mal, dass ich persönlich mit der Frage nach einer richtigen "Investition" konfrontiert wurde und so begab ich mich in die Weiten des Internets, um mich über gute Anlagestrategien zu informieren. Ziemlich schnell war klar: Auch ohne Finanzkrise würden Aktien und ähnliche Wertpapiere als Anlage ausscheiden, da ich nicht über die nötige Kapitalmege verfügte. Trotzdem wurde allerseits empfohlen, einen Teil des Kapitals in Anlagen mit einer höheren Rendite und damit auch höherem Risiko als dem typische Festgeldkonto anzulegen. Nach einigem Kopfzerbrechen stieß ich dann auf Anlagevariante, die mir genau dies und noch ein wenig mehr ermöglichen würde: Peer-to-Peer lending.

Hierbei handelt es sich um die Möglichkeit, anderen Menschen - vermittelt über einen Anbieter im Internet - einen Kredit zu geben. Da man dies meist gemeinsam mit anderen Privatleuten macht (die Kreditgeber "Poolen" ihre Gelder) kann man zum einen schon mit relativ wenig Geld einsteigen, zum anderen sinkt das persönliche Risiko, da man seine Kredite über viele Kreditnehmer verteilen kann. Ein Anbieter, der solche Kredite innerhalb Deutschlands vermittelt ist zum Beispiel Smava, doch mich zog es zu einer anderen Variante hin, die einen zusätzlichen Bonus bietet: die Welt retten. Man kann nämlich solche Kredite auch an Menschen in den Enticklungsländern dieser Welt vergeben. Dann handelt es sich um so genannte "Mikrokredite", dass Kreditvolumen übersteigt also selten 1000$. Für normale Menschen in vielen Entwicklungsländern sind solche Mikrokredite oft der einzige Zugang zu Krediten überhaupt, da sie zu dem formalen Bankwesen ihrer Länder keinen Zugang haben. Gleichzeitig können sie Kredite aber gut gebrauchen, zum Beispiel um die inoffiziellen Unternehmen auszubauen die sie führen oder Investitionen in ihren Haushalt zu tätigen, durch die sie in den folgenden Monaten viel Geld sparen können. Eigentlich unterscheiden sich ihre Kreditbedürfnisse nicht von denen westlicher Unternehmer und Privatpersonen.

Der Pionier der Mirkokredite ist Muhammad Yunus, der 1983 in Bangladesh die Grameen Bank gründete und dafür (zusammen mit der Bank) auch den Friedensnobelpreis bekam. Ursprünglich beruhte dieses Konzept allerdings darauf, dass sich Menschen in den Entwicklungsländern gegenseitig Geld liehen. Eine Intervention westlicher Bürger war nicht vorgesehen.

Nun gibt es aber eine ganze Reihe Organisationen und Unternehmen, die genau das anbieten - und uns als Anleger ein unter manchen Gesichtspunkten unmoralisches Angebot machen: hohe Zinsen (bis zu 16%) von Menschen, die sowieso schon wenig Geld haben. Ist das jetzt die versprochene Weltenrettung oder Wucher?

Auf die Kreditnehmer in Kenia, Uganda oder Côte d'Ivoire kommen wirklich auf den ersten Blick recht grausige Bedingungen zu: rechnet man Zinsen, Versicherung, Provision und sonstige Transaktionskosten zusammen, kostet sie der Kredit oft mehr als 40% des Kreditvolumens. Sprich: Will ein Afrikaner einen Kredit über 1000$ aufnehmen muss er dafür 1400$ zahlen - und zwar innerhalb von kurzer Zeit, denn Mikrokredite laufen meist nur einige Monate bis zu einem Jahr. Die westlichen Kreditgeber dürfen sich hinegegen über einen Gewinn von bis zu 160$ freuen.

Was man bei dieser Rechnung allerdings beachten muss: die lokalen Kredithaie nehmen Zinssätze bis zu 280%. Dagegen sind die Kreditkosten der westlichen Anbieter fast zu vernachlässigen. Ausserdem gehen hier die Kreditnehmer einen rechtsgültigen Vertrag ein, der ihre Rechte und Pflichten genau regelt. Dies wird von lokalen Kreditgebern nur in den seltensten Fällen gewährleistet. Das die Kreditnehmer mit den geforderten Zinssätzen und Gebühren gut zurecht kommen, zeigt auch die hohe Rückzahlugsquote: einige Anbieter haben Ausfallquoten von unter einem Prozent.

Einen Mikrokredit zu vergeben ist also etwas grundsätzlich anderes als zu Spenden. Gleichzeitig macht man aber trotzdem etwas "sinnvolles" mit seinem Geld - eine Eigenschaft, die nur die wenigsten Hedgefonds in ihre Prospekte schreiben könnten. Der Anbieter über den ich anlege heist übrigens MYC4. Über den Ablauf einer Kreditvergabe schreibe ich bei Interesse gerne zu einem späteren Zeitpunkt.

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 15.05.2009 um 23:05
Eigentlich eine tolle Sache, diese Mikrokredite. Die Frage ist nur, ob 40% Zinsen weniger Wucher sind, nur weil jemand anders 280% nimmt. Damit gibt man sich ja schon geschlagen, bei der Frage, der Markt den Preis regeln soll oder die Frage ob dieser gerecht ist.
Ein Banker würde sicher ähnlich Argumentieren wie Du.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Praxis so richtig ist. Es ist ein bisschen so, als überließen die Haie uns die kleinen Fische, weil es so mühsam ist, sie zu jagen und man von denen nicht richtig satt wird.
peter.doerrie schrieb am 16.05.2009 um 10:39
Für mich sind Mikrokredite auch nicht in erster Linie ein Tool zur Weltverbesserung, sondern eine Geldanlage. Das ich damit gleichzeitig andere Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen helfe, ist nur ein Bonus und der Grund, diese Anlageform anderen vorzuziehen.

Ich glaube das Mikrokredite (und gerade solche, die mit Zinsen arbeiten) ihren Nutzen vielfach und in den verschiedensten Kontexten bewiesen haben. Für mich sind sie ein Baustein eines neuen Verhältnisses zwischen Süd und Nord, in dem "wir" (im Norden) "die anderen" (also die im Süden) nicht mehr ausschließlich als Empfänger wohlmeinender Spenden und Hilfspakete sehen, sondern als eigenständige Akteure die in der Lage sind eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen ernst nehmen.
merdeister schrieb am 16.05.2009 um 19:18
Mikrokredite sind also zur Zeit die am wenigsten schlechte Lösung, wenn ich das richtig verstehe.
wiebke00 schrieb am 22.05.2009 um 10:02
Ich investiere seit zwei Jahren bei oikocredit. Es ist zwar kirchlich, aber nun ja, das ist bisher auch mein einziger Kritikpunkt.
Man bekommt nur 2% Zinsen, wobei heute wohl "nur" das falsche Wort ist. Oikocredit investiert fast überall, vor allem auch da, wo die Banken sich nicht hintrauen.
Für den Anleger ist das Ganze nicht von der Hand zu weisen, weil es sich um eine mittelfristige Anlage handelt: Man kann wirklich jederzeit sein Geld wiederzurück bekommen, d.h. es ist sogar zur kurzfristigen Anlage möglich. Aber da man auch einen Mitgliedsbeitrag für die Genossenschaft zahlen muß (16€ pro Jahr), lohnt sich das für gewinnorientierte Anleger erst mittelfristig.
Die 2 % Zinsen kann man übrigens auch spenden.
peter.doerrie
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