Peter Knobloch

Hinter sieben Burgen

13.02.2012 | 22:08

Kolumne #10: Ein Tag im Mai am Bosporus

► Manchmal glaubt man eine eine Melodie zu hören. In Wahrheit ist der einzige Klangkörper die eigene Phantasie. Über die Suche nach einem verlorenen Lied


Eine Melodie wie ein Maitag am Bosporus.
(Foto: Dieter Titz)

Aus meiner Sonntagskolumne der Siebte Tag: 
www.peterknobloch.net/index.php/kolumne/Ein_Tag_im_Mai_am_Bosporus

Da sind Streicher und eine rauchige Stimme. Ich glaube, es ist eine Frau, die singt. Und was da in mir tönt. Halt. Es kann gar nicht tönen. Der einzige Klangkörper ist meine Phantasie. Also sofern es tönen könnte, dann klänge das alles ein wenig so, wie Baklava schmeckt. Balkanisch süß, aber nicht ganz so schwer im Magen. Dazu klingt das alles viel zu beschwingt und leichtfüßig. Wie ein Tag im Mai am Bosporus. Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Frau da auf wirklich türkisch singt, es könnte genauso gut serbisch oder kroatisch sein. Wie auch immer. Spräche ich jedenfalls die Sprache, dann könnte ich vielleicht mehr singen als „Didedödede de de de dä.“ Und so weiter.

 

Mein Problem ist in Wahrheit nämlich nicht die Sprache. Die ist mir völlig egal, genauso wie der Text. Das wirklich entsetzliche an diesem Lied ist, dass es mir immer wieder als Ohrwurm in den Kopf kommt. Ein Echo aus den neunziger Jahren.

 

1994 muss es gewesen sein. Ich stehe im Garten von einem Hermann J. In dessen Mitte ist ein großes Wettkampf-Trampolin aufgestellt. Darauf macht mein Vater immer wieder Saltos, vorwärts – rückwärts. Auf dem Rasen spielten zwei erwachsene Männer Ninja und bekämpfen sich mit Holzstöcken. Einer von beiden heißt Matthias. Aus der Anlage im Wohnzimmer tönt es bis in den Garten hinaus, Sie ahnen es. Matthias pfeift mit. Ein blonder Typ mit ehrlichem Lächeln und guter Laune, ein Mann, den Kinder mögen. Und während Matthias so mitpfeift, schwingt er fröhlich seine Nunchakus. Ein Tag im Mai – in einem Kaff bei Neuss am Rhein.

 

Dieses Bild von diesem Tag. Immer wenn die Melodie kommt, schwingt es in mir mit. Nur habe ich dieses Lied seit knapp 18 Jahren nicht mehr gehört. Natürlich kenne ich den Titel nicht. Einmal habe ich Angst bekommen, ich könnte schwachsinnig geworden sein und in Wahrheit gibt es das Lied gar nicht. Keine Panik. Ich kriege das hin, denke ich. Ich brauche jemanden, der sich mit den Charts der Neunziger auskennt. Meine Hoffnung heißt János.

 

Mit zwei Discman hat Jancsi, so heiß János für alle Freunde im Kreis meiner Eltern damals, jede Fete zum Kochen gebracht. Von Lambada über Ace of Bace und Haddaway – so war lautete auch das Kennwort für mein erstes Sparbuch – bis 2 Unlimited hatte er alles im Plattenkoffer.

 

An einem runden Geburtstag meines Vaters stehe ich mit Jancsi rauchend auf dem Balkon. Ein Tag im Mai in Angelmodde an der Angel. Innerlich reibe ich mir die Hände, platze fast vor Aufregung. Klar. Und so summe ich, Sie wissen schon.

 

Natürlich. Klar kennt Jancsi das Lied. Aber wie es heißt? Keine Ahnung. Wenn Jancsi es nicht weiß, dann weiß es niemand, ahne ich – und behalte recht. Leider. Seit diesem Tag habe ich gefühlten hundert Menschen diese Melodie vorgesummt. Und es ist immer das gleiche. Ausnahmslos jeder kennt das Lied, aber niemand weiß den Titel.

 

Eines Tages, vermutlich im Mai in einer Stadt, die an irgendeinem Gewässer zwischen Bosporus und Gibraltar liegt, werde ich ein Lied summen, dessen Titel ich nicht kenne. Eine wunderschöne Frau wird zufällig neben mir stehen und sagen: „Hey, das ist doch ‚Dings’ von ‚Bums’?“ Und die Wolken werden der Sonne weichen. Die Strahlen werden wie göttliche Pfeile auf unsere Häupter zeigen. Wir werden uns küssen, dass in der ganzen Stadt die Hochzeitsglocken läuten. Und ein oder zwei Jahre später werden wir uns – natürlich an einem Tag in Mai – vermählen. Unddann wird die Kapelle ‚Dings’ von ‚Bums’ spielen. „Didedödede de de de dä.“ Und so weiter.

 

 
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Peter Knobloch
Ich habe Politik und Kommunikationswissenschaft studiert, lebe und arbeite als freier Journalist in Berlin.
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