Unten den historischen Gründer_innen der Roten Armee Fraktion gibt Andreas Baader immer noch den Bad Boy. Während über das Leben von Jan Carl Raspe und Ulrike Meinhof mittlerweile differenzierte Bücher und Filme erschienen sind, dominiert bei Baader noch immer das Bild vom machohaften Liebhaber schneller Autos, der eigentlich mit Politik gar nichts im Sinn hatte. Ein unsäglicher Film mit dem Titel Baader stellt dar nur den Höhepunkt der Unfähigkeit dar, den Menschen hinter dem Fahndungsfoto zu erkennen. Selbst in Andreas Veiel jüngsten RAF-Film „Wer wenn nicht wir“, der einen ganz eigenen Zugang zu Gudrun Ensslin herstellt, überwiegen über Baader, der historisch korrekt, erst am Ende des Filmes in Spiel kommt, die Klischees. Und der Schriftsteller und Jurist Peter O. Chotjewitz ist über dem Versuch gestorben, das festgefügte Bild seines ehmaligen Mandaten zu verändern. Doch jetzt hat der Choreograph Christoph Winkler den Beweis erbracht, dass es möglich ist, Andreas Baader künstlerisch darzustellen, ohne in Klischees zu fallen. Auf der verspiegelten Bühne im Ballhaus Ost in Prenzlauer Berg sind zwei Monitore aufgebaut. Dort werden 100 Images über Andreas Baader gezeigt. Der spätere Guerillero als Baby, als Kleinkind, als Schüler, als aufmüpfiger Jugendlicher, als Teilnehmer an den Schwabinger Unruhen und an Protesten gegen die Spiegel-Durchsuchung. Langsam nähern uns den Fotos und Symbolen, die die Öffentlichkeit mit Baader identifiziert, Fotos vom Gerichtsverfahren zu den Frankfurter Kaufhausbränden, ein Cafebesuch mit Gudrun Ensslin in Paris, die Fahndungsfotos, das Bild vom Plattenspieler in seiner Zelle, in dem, wie kürzlich Helge Lehmann in einen aktuellen Buch noch einmal nachgewiesen hat, die Pistole nicht transportiert sein kann, aus der am 18.10. Oktober der Schuss kam, der seinen Leben ein Ende setzte. Die Umstände sind entgegen aller offiziellen Darstellungen bis heute ungeklärt. Auch die Besucher_innen des Tanzstückes bekommen darauf keine Antwort und das ist erfreulich. Es will Fragen stellen und nicht scheinbar sichere Antworten, die keine sind, wiederkäuen. Auf Papierrollen werden frühe RAF-Texte von der Decke gelassen, an denen auch Baader mitgeschrieben hat. Manchen Besucher ist es scheinbar zu viel Text, jedenfalls versucht nur ein kleiner Teil die Sätze zu verstehen, die dort geschrieben sind. „Das ist ja gar nicht dumm und auch noch aktuell“, sagt eine Frau halblaut, als sie gelesen hat, wie schnell Kritiker der linken Legalitätspolitik in diesem Land zu Anarchisten gestempelt werden, auch wenn sie sich selber gar nicht so verstehen Das sind nicht die einzigen Zeilen, wo diejenigen, die sich auf den Text einlassen, überrascht sind, über die klare Analyse, die darauf spricht. Wer bisher die RAF nur als schießende Desperados wahrgenommen hat, entdeckt jetzt, dass es sich um Menschen gehandelt hat, denen man eine politische Analysefähigkeit nicht absprechen kann, auch wenn man mit ihrer Form der praktischen Intervention gar nicht einverstanden ist. In diesem Sinne ist das Tanzstück Kunst im besten Sinne des Wortes, die nicht die Verhältnisse und gängige Meinungen und Klischees nachplappern, sondern Möglichkeiten aufzeigt. Ein besonderes Lob verdient der australische Künstler Martin Hansen, der die Figur des Baader verkörpert. Den suchenden Jugendlichen, den sich politisierenden der Subkultur zugeneigten Heranwachsenden und besonders intensiv, der Körper des vom Hungerstreik gezeichneten nackten Baader, bei dem jeder Atemzug, das Heben und Senken der Brust, Schwerstarbeit ist. Die Besucher, der mit dem Sinatra-Song „It is my Way“ in den Prenzlberger Mittelstandskiez entlassen werden, haben eine Menge Stoff zum Nachdenken gesammelt. Leider gibt es zu dem Stück kein Programmheft, in dem auch einige historische Informationen vielleicht auch jüngeren Zuschauer_innen die Motivation geben, das Gesehene und Gelesene besser einordnen zu können. Peter Nowak 1.7. und 2.7, 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin-Prenzlauer Berg, Tickets: 0 30/47 99 74 74