Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

29.06.2011 | 14:57

Andreas Baader ohne Klischees

Unten den historischen Gründer_innen der Roten Armee Fraktion gibt Andreas Baader immer noch den Bad Boy. Während über das Leben von Jan Carl Raspe und Ulrike Meinhof mittlerweile differenzierte Bücher und Filme erschienen sind, dominiert bei Baader noch immer das Bild vom machohaften Liebhaber schneller Autos, der eigentlich mit Politik gar nichts im Sinn hatte. Ein unsäglicher Film mit dem Titel Baader stellt dar nur den Höhepunkt der Unfähigkeit dar, den Menschen hinter dem Fahndungsfoto zu erkennen. Selbst in Andreas Veiel jüngsten RAF-Film „Wer wenn nicht wir“, der einen ganz eigenen Zugang zu Gudrun Ensslin herstellt, überwiegen über Baader, der historisch korrekt, erst am Ende des Filmes in Spiel kommt, die Klischees. Und der Schriftsteller und Jurist Peter O. Chotjewitz ist über dem Versuch gestorben, das festgefügte Bild seines ehmaligen Mandaten zu verändern. Doch jetzt hat der Choreograph Christoph Winkler den Beweis erbracht, dass es möglich ist, Andreas Baader künstlerisch darzustellen, ohne in Klischees zu fallen. Auf der verspiegelten Bühne im Ballhaus Ost in Prenzlauer Berg sind zwei Monitore aufgebaut. Dort werden 100 Images über Andreas Baader gezeigt. Der spätere Guerillero als Baby, als Kleinkind, als Schüler, als aufmüpfiger Jugendlicher, als Teilnehmer an den Schwabinger Unruhen und an Protesten gegen die Spiegel-Durchsuchung. Langsam nähern uns den Fotos und Symbolen, die die Öffentlichkeit mit Baader identifiziert, Fotos vom Gerichtsverfahren zu den Frankfurter Kaufhausbränden, ein Cafebesuch mit Gudrun Ensslin in Paris, die Fahndungsfotos, das Bild vom Plattenspieler in seiner Zelle, in dem, wie kürzlich Helge Lehmann in einen aktuellen Buch noch einmal nachgewiesen hat, die Pistole nicht transportiert sein kann, aus der am 18.10. Oktober der Schuss kam, der seinen Leben ein Ende setzte. Die Umstände sind entgegen aller offiziellen Darstellungen bis heute ungeklärt. Auch die Besucher_innen des Tanzstückes bekommen darauf keine Antwort und das ist erfreulich. Es will Fragen stellen und nicht scheinbar sichere Antworten, die keine sind, wiederkäuen. Auf Papierrollen werden frühe RAF-Texte von der Decke gelassen, an denen auch Baader mitgeschrieben hat. Manchen Besucher ist es scheinbar zu viel Text, jedenfalls versucht nur ein kleiner Teil die Sätze zu verstehen, die dort geschrieben sind. „Das ist ja gar nicht dumm und auch noch aktuell“, sagt eine Frau halblaut, als sie gelesen hat, wie schnell Kritiker der linken Legalitätspolitik in diesem Land zu Anarchisten gestempelt werden, auch wenn sie sich selber gar nicht so verstehen Das sind nicht die einzigen Zeilen, wo diejenigen, die sich auf den Text einlassen, überrascht sind, über die klare Analyse, die darauf spricht. Wer bisher die RAF nur als schießende Desperados wahrgenommen hat, entdeckt jetzt, dass es sich um Menschen gehandelt hat, denen man eine politische Analysefähigkeit nicht absprechen kann, auch wenn man mit ihrer Form der praktischen Intervention gar nicht einverstanden ist. In diesem Sinne ist das Tanzstück Kunst im besten Sinne des Wortes, die nicht die Verhältnisse und gängige Meinungen und Klischees nachplappern, sondern Möglichkeiten aufzeigt. Ein besonderes Lob verdient der australische Künstler Martin Hansen, der die Figur des Baader verkörpert. Den suchenden Jugendlichen, den sich politisierenden der Subkultur zugeneigten Heranwachsenden und besonders intensiv, der Körper des vom Hungerstreik gezeichneten nackten Baader, bei dem jeder Atemzug, das Heben und Senken der Brust, Schwerstarbeit ist. Die Besucher, der mit dem Sinatra-Song „It is my Way“ in den Prenzlberger Mittelstandskiez entlassen werden, haben eine Menge Stoff zum Nachdenken gesammelt. Leider gibt es zu dem Stück kein Programmheft, in dem auch einige historische Informationen vielleicht auch jüngeren Zuschauer_innen die Motivation geben, das Gesehene und Gelesene besser einordnen zu können. Peter Nowak 1.7. und 2.7, 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin-Prenzlauer Berg, Tickets: 0 30/47 99 74 74
 
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Kommentare
Matto schrieb am 29.06.2011 um 18:26
Da ich ein sehr wißbegieriger Mensch bin, habe ich z.B. viele persönliche Veröffentlichungen über Ulrike Meinhof, Gundrun Ensslin, Irmgard Möller oder Gerhard Wisnewski gelesen.
Andreas Baader kommt bei allen nicht gut weg.
Für mich ist Baader ein Extrem, über das man sich eigentlich nicht groß unterhalten sollte. Das eine war falsch, dass andere aber ebenso.
Was mich am meisten schockiert ist, dass junge Menschen, die ja alle aus gut bürgerlichen Familien kamen, zu Mördern wurden.
Ich kann mir das nur so erklären, Kinder werden ja durch eine Gesellschaft geformt, dass das damalige verkommene und verlogene System der BRD diese jungen Menschen zu Mördern machte. Schlimm war, dass dann Richter bildlich über ihre eigenen Kinder die Urteile sprechen mußten.
Interessant war eine Äußerung von Herrn Dr. Baum der sagte, hätte der Staat diesen jungen Menschen das Gespräch angeboten, wäre diese Tragödie nicht passiert. Der Staat hat nur die Gewalt gekannt, die dann von den Mitgliedern der RAF mit Gewalt beantwortet wurde.
Heute ist es nicht viel anders, man sucht nicht den Weg des Dialogs, sondern nur den Weg des Spaltens.
Ich kann mich noch gut an den evangelischen Kirchentag erinnern, wo der ehemalige Ministerpräsident Herr Dr. Höppner davor warnte, wer Menschen schikaniert, erntet Gewalt.
Gerade wir in der BRD werden nicht gerade gut von der Obrigkeit regiert, sondern wir werden an allen Enden bevormundet und eben auch schikaniert.
Wir lange diese Prozedur noch gut geht, mag ich zu bezweifeln.
Und weil die Obrigkeit weiß, wie es im Volk brodelt, wird es von den bestimmten staatlichen Einrichtungen bespitzelt und ausgeforscht. Das Verhalten der DDR verurteilt man, im Grunde ist man aber noch viel schlimmer, aber keiner regt sich auf. Vom Bundesdatenbeauftragten kommt zwar ein Vorsicht, der Staat macht aber munter weiter. Das ist eben die große Freiheit und Demokratie.
Wie sagte der bekannte Liedermacher Herr Biermann, als er in die BRD ausgewiesen wurde. Er sei vom Regen in die Jauche gekommen. Wie wahr.
ebertus schrieb am 29.06.2011 um 18:42
„Das ist ja gar nicht dumm und auch noch aktuell“, sagt eine Frau halblaut, als sie gelesen hat, wie schnell Kritiker der linken Legalitätspolitik in diesem Land zu Anarchisten gestempelt werden, auch wenn sie sich selber gar nicht so verstehen.
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Würde es selbst so formulieren:

"Es ist weniger wichtig, wer etwas sagt, vielmehr was sie/er sagt"

Nun ist mir aus der schwachen Erinnerung allerdings wenig bis nichts an journalistischer, intellektueller Reflektion von Baader bekannt; vollkommen anders bei Ulrike Meinhof, deren engagierte, gesellschaftspolitische Analysen "vor!" ihrem Abgleiten in den Terrorismus wohl nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck hinterließen.

Warum also Baader posthum verklären? Die vordergründig-plakativen Rambo/Aktion-Szenarien sind mit Sicherheit ebensowenig passend, aber in derartigen "Kollektiven" wird es immer verschiedene Strömungen, deren repräsentative Akteure geben; Macher, Reflektierer und auch Zweifler, um nur die möglicherweise wichtigsten zu nennen.

Vielleicht nicht vollkommen vergleichbar, aber wenn man das "Kubanische Tagebuch" liest, den aus meiner Sicht nur wenig überzeichnenden Pathos gar ausblendet, so beschreibt der Autor sich und andere mit eben diesen genannten Zuschreibungen.

Und Sinatras "My Way" ist dabei wirklich unpassend, relativierend, verklärend, gar provozierend.
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