Werner Krösinger widmet sich in seinen neusten Stück der Verbrechensgeschichte von Telefunken
Die Köpi ist über Deutschlands als lange Jahre besetztes und kurz vor der drohenden Räumung legalisiertes besetztes Gebäude und Kulturzentrum in Berlins Mitte bekannt. Dass auf dem Gelände der Köpenicker Straße 137 in der NS-Zeit ein Zwangsarbeitslager eingerichtet war, in dem Menschen aus dem europäischen Ausland eingepfercht waren, haben die Bewohner allerdings nicht bekannt gemacht. Wahrscheinlich wissen sie es nicht einmal. Es war die Recherche des Teams um den Theatermacher Hans-Werner Krösinger, das für die neueste Theaterarbeit „Wellenartillerie Telefunken“ auch in Erfahrung brachte, in Erfahrung brachte, dass die Köpi ein ehemaliges Zwangsarbeiter war. Eines von mehr als zwei Dutzend allein in Berlin-Kreuzberg, wie ein Schauspieler während der Aufführung mit Kreide an eine Tafel schrieb. Das Gebäude, in dem das Stück spielt, das Hau 3 am Tempelhofer Ufer 10 war ebenso wie zahlreiche Nachbarhäuser ein Refugium für Zwangsarbeiter. Es war das Revier der Telefunken AG, deren Verbrechensgeschichte im aktuellen Stück von Krösinger im Mittelpunkt stellt. Die Anfänge dieser Historie beginnt am Beginn des letzten Jahrhunderts mit dem Herereoaufstand und dem russisch-japanischen Krieg begann. Damals war der Naueneer Funkturm nach dem Eifelturm das zweithöchste Bauwerk Europas. Die Schauspieler bringen die deutsche Verbrechensgeschichte ideenreich auf die zweigeteilte Bühne des Theaterraums. Erst nach dem schon die Hälfte der Spielzeit vergangen sind, wird die Wand verschoben und nun sitzen sich die Zuschauer des zweigeteilten Theaterraumsgegenüber. Dazwischen sind auf der Bühne die Beweise für die Telefunken-Verbrechensgeschichte in Vitrinen, an den Wänden und aufgereiht. Dazwischen stehen die Radios verschiedenen Alters, von denen kurze Geschichtslektionen abgespielt werden. „Das Wort Telefunken ist zum Inbegriff geworden für das Schaffen Deutschlands auf dem Gebiet der drahtlosen Technik“, heißt es dort. Telefunken verdiente gut am ersten von Deutschland verursachten Weltkrieg, in der Weimarer Republik, aber besonders aber nach der Machtübertragung an die Nazis. Denn Telefunken war von Anfang an führend beteiligt, an der Vorbereitung für den 2. deutschen Eroberungskrieg. Schon 1934 entwickelte das Unternehmen Zielfluggeräte als Vorläufer der heutigen Blindfluggeräte. Ein großes Geschäft machte es mit den Volksempfänger in den unterschiedlichen Formen. So wurden am Lustgarten und am Tempelhofer Feld zu besonderen Anlässen Lautsprecher aufgestellt, von denen die Bevölkerung im Sinne des Systems beschallt wurde. Auch in vielen Wohnungen stand bald ein Radio, der in der NS-Sprache kleiner Volksempfänger genannt wurde. Schon Mitte der 30er Jahre ging das Regime dazu über, die Bevölkerung auf den Krieg vorzubereiten. Die entsprechenden Erlasse des Regimes wurden vorgelesen.
Ein großer Teil nimmt die Darstellung der verschiedenen Formen der Zwangsarbeit ein. Es wird geschildert, wie die Beschäftigten um ihren Lohn geprellt, misshandelt unter menschenwürdigen Bedingungen in Lagern zusammen gepfercht und bei der geringsten Widersetzlichkeit ermordet wurden. So wurde aus Akten vorgelesen, wie drei junge Zwangsarbeiter erschossen wurde, weil sie beschuldigt wurden, Essen mitgenommen zu haben. Aus einen bei einem in der Sowjetunion gefallenen deutschen Soldaten gefundenen Brief seiner Mutter sprach die Stimme der deutschen Volksgemeinschaft. „Mein lieber Sohn, gestern Mittag kam zu uns Annelies Rostock gerannt. Sie war sehr aufgeregt. Bei ihnen hatte sich im Schweinestall ein russisches Mädchen erhängt. Unsere polnischen Arbeiterinnen sagen, Frau Rostock habe die Russin immer geschlagen und beschimpft. Sie war im April hierher gekommen und hatte die ganze Zeit geweint. Wir haben Frau Rostock besänftigt, man kann doch schon für wenig Geld eine neue russische Arbeiterin erwerben“.
Das Ohr der Volksgemeinschaft
In der Topographie des Terrors ganz in der Nähe der Spielstätte ging gerade eine Ausstellung zu Ende, die von Nazis fabrizierte Fotos über den Abtransport der jüdischen Bevölkerung in Süd-Westdeutschland und die Versteigerung von deren Haushaltsgegenstände zeigte. Die erwartungsfrohen Gesichter der Nachbarn zu Beginn der Schnäppchenjagd waren überschrieben mit dem Titel „Das Gesicht der Volksgemeinschaft“. Das Theaterstück von Krösinger widmet sich dem Ohr der Volksgemeinschaft. Wenn am Ende das hohle Geschwätz des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau zu hören ist, der sich und die deutsche Gesellschaft dafür lobt, dass sie 1999 den wenigen noch einigen Überlebenden eine Entschädigung zahlen musste, dann hat man den Eindruck, den Nachklang der deutschen Volksgemeinschaft zu hören.
Peter Nowak
Wellenartillerie Telefunken, Regie Hans-Werner Krösinger,
Weitere Vorstellungen: 10 – 11. 1., jeweils 20 Uhr, Hau 3, Tempelhofer Ufer 10,
www.hebbel-am-ufer.de/de/kuenstler/kuenstler_22466.html?HAU=3