Zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen zu den Bildern des Terrors
Die mediale Aufarbeitung des zehnten Jahrestages des 11.9., der
Anschläge in Washington und News York verlief vorhersehbar. Fast alle Zeitungen
brachten die Berichte, die ihr Klientel erwartete. Diskussionen über
den Tag hinaus fehlten selbst bei den wenigen Ausnahmen, die die routinierte
Langeweile durchbrachen. Die Sonderausgabe der Wochenzeitung Freitag, die
10 Jahre nach Nine Eleven ausschließlich Stimmen aus dem arabischen Raum zu
Wort kommen ließ, hätte eine gründliche Auseinandersetzung verdient.
Auch zwei Ausstellungen, die in Berlin Mitte nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt, zehn Jahre nach den Anschlägen eröffnet wurden, sind ein Kontrapunkt zum routinierten Medienrauschen zum Jubiläumstag.
„Seeing is believing“ in dem Berliner Kunstwerken und „Unheimlich vertraut – Bilder vom Terror“ im alten Postfuhramt beschäftigen sich mit den Bildern vom Terror. Dabei erlebt der Besucher immer wieder Überraschungen und Verwirrungen. So werden in der oberen Etage des Postfuhramtes die scheinbar so bekannten Videosequenzen gezeigt, die
nach dem Einsturz des WTC h vor der Staubwolke fliehende Menschen zeigten.
Auf anderen Sequenzen sieht man die vor Panik aus den Fenstern der Wolkenkratzer springenden Menschen, die zum Sinnbild des 11.9. geworden sind. Doch der erste Blick täuscht. Es handelt sich bei den Filmaufnahmen ausschließlich um Material, das vor dem 11.9.2001 gedreht wurde und in verschiedenen Filmen verarbeitet ist. Die Zwillingstürme waren häufig eine Kulisse für Katastrophen- und Anschlagsszenen. In den Kunstwerken hat die Künstlerin Anita Di Bianco eine ganze Zeitschrift lediglich aus Korrekturen zusammengestellt, die in ausgewählten Printmedien in den letzten 10
Jahren angefallen sind. . Die Berichte über die nie existierenden mobilen Biowaffenlabors des Saddam Hussein, die der US-Außenminister Colin Powell 2003 in der Uno präsentierte, um den Krieg gegen den Irak zu begründen, haben den Künstler Inigo Manglano Ivalle zu seinen Phantom Trucks, einer raumgroßen Installation, motiviert. Giano Motti zeigte einen ungeduldigen aber auch gut gelaunten US-Präsident Bush wenige Augenblicke vor der Fernsehansprache, in der er den Beginn des Irakkrieges bekannt gab.
Die beiden Ausstellungen machen auch den unterschiedlichen Zugang zum Begriffs des Terrors deutlich. Im Postfuhramt wird der Begriff so verstanden, wie er zur Zeit Commen Sense ist. Angefangen von den palästinensischen Angriff auf die israelischen Sportler bei der Olympiade in München 1972, über Aktionen der IRA, der ETA und die FARC wird die UN- und EU-Terrorliste abgeharkt. Ein Hinterfragen des Terrorsbegriff findet bei dieser Ausstellung ebenso selten statt, wie sich kaum eine künstlerische Position mit der Frage beschäftigt, warum der Taliban, der Anschläge verübt, mit Drohnen gejagt wird, während der Todespilot von Kunduz befördert wird. Ob es Rücksicht auf die Geldgeber oder einfach konformistisches Denken ist., dass die Ausstellungsmacher_innen nicht die Courage hatten, den Terrorbegriff selbst auf der Ausstellung zu hinterfragen, muss offen bleiben.
Der Terror aus dem Staatapparaten
In der Ausstellung Seeing is believing, die nur noch bis Sonntag in den Kunstwerken zu sehen ist , wird auch der Terror aus den Regierungsetagen zum Staatsapparaten zum Gegenstand der Kunst gemacht. So kann man Mottis Videoarbeit auch ganz einfach kurz so erklärt werden, dass dort ein nervöser Terrorist vor seinen öffentlichen Bekenntnis gezeigt wird.
Oft sind es auch die kleinen Dinge, die die Künstler_innen zum Gegenstand ihrer Arbeiten. So werden in einer Vitrine all die Gegenstände gezeigt, die am Kontrollbereich des J.F.Kennedy-Airports in New York von Flugpassagieren beschlagnahmt wurden. Da sind Nagelfeilen, Scheren, Rasierzeug, auf weißen Hintergrund zu sehen. Das Arrangement erinnert an eine Ausstellung, die vor einigen Jahren in der Galerie After the Butcher in Berlin-Lichtenberg zu sehen war. Dort war ein Teil der Gegenstände ausgestellt worden, die dem RAF-Gefangenen Rolf Heißler in mehr als 2 Jahrzehnten von Bekannten in den Knast geschickt und beschlagnahmt worden war. Eine solche Kunst dient der Aufwertung, auch weil sie sich der offiziellen Ideologieproduktion entzieht-
Peter Nowak
Ausstellung, unheimlich vertraut . Bilder vom Terror,
10. September bis 4. Dezember 2011 bis 4. Dezember 2011, täglich 11 –
20 Uhr
Seeing is believing, Kunstwerke, noch bis 13.11, Do: 12- 21 Uhr, Fr., Sa., So: 12- 19 Uhr
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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