„Da draußen herrschen Hunger und Seuchen. Die Ordnung ist aus der Welt, die Sitten verfallen und es herrscht das Böse“.Was eine sehr pessimistische Beschreibung des Lebens in vielen Teilen der Welt unserer Tage sein könnte, stammt aus einer ganz anderen Zeit. An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, der 30jährige Krieg hatte Land und Menschen zerstört, begegnete einer der vielen Waisen jener Zeit einen Müller, der ihn in seiner Mühle aufnimmt, wo schon zahlreiche weitere heimat- und obdachlose Jugendliche leben. Der Müller verlangt absoluten Gehorsam und ständigen Arbeitseinsatz von ihnen. Jede Aufsässigkeit und Renitenz wird sofort bestraft. Schlimmer noch als die Schläge sind seine Drohungen, alle, die sich ihm widersetzen mit seinen sagenhaften Zauberkräften in Tiere zu verwandeln. Es handelt sich also bei der sagenhaften Mühle um eine jener Zwangsanstalten, die den Übergang der Feudalgesellschaft zum Frühkapitalismus ankündigen, ein Arbeitshaus geführt mit Zwang und den Mitteln der psychischen Unterwerfung Wie Michel Foucault in seinen Büchern gut herausgearbeitet hat, haben Arbeits- und Irrenhaus sowie Gefängnisse den gleichen Ursprung.
Aus den Zwangsanstalten
Daher ist es eine sehr gute Idee von der freien Theaterinitiative Aufbruch die Theaterproduktion „Krabat ganz in Weiß“ in der JVA Berlinstrafanstalt Berlin aufzuführen, also einer jener Zwangsanstalten, in der wie es gleich am Anfang heißt,nur Rettungs- aber keine Fluchtwege gibt. Die Schauspieler sind junge Strafgefangene. Das Stück zwei literarische Vorlagen: Den Roman "Die schwarze Mühle" von Jurij Brezan und den Hörspielentwurf „Ganz in Weiß“ von Rainer Werner Fassbinder.
Die Mischung ist gut gewählt. Denn so kontrastieren die Textpassagen, die scheinbar einer Welt stammen, die mehr als 300 Jahre alt und damit längst vergangen ist mit ganz neuzeitlichen Texten.
„Wenn ich dann wieder rauskomme, ich weiß nicht, arbeiten, immer die gleiche Scheiße, also die in den Läden, Gefängnis oder so, weiß nicht, irgendwie sind die ganz froh wenn man kommt, die brauchen ja Leute wie wir“, zitiert ein junger Strafgefangener Fassbinder. Doch in der Art wie es sagt, steckt da eine ganze Menge eigener Erfahrung drin.
Die Phrasen von der Marktwirtschaft, in der jeder seine Chancen hat und es an der eigenen Verwahrlosung liegt, wenn er sie nicht wahrnimmt, haben die jungen Leute sicher schon oft in ihrem Leben gehört. In dem Stück werden sie von ihnen rezitiert und damit die Absurdität deutlich. So wie der Müllerin der Krabat-Sage seine Macht über seine Arbeitssklaven mit der Furcht vor den Verwünschungen und Hexereien begründete, so wird als moderne Zivilreligion die Marktwirtschaft, die öffentliche Ordnung und die Unveränderlichkeit der Verhältnisse angeführt, um die Vielen ruhigund gefügig zu halten. In der Krabatsage siegen am Enden die Vielen, weil sie den Drohungen und Verwünschungen des Meisters nicht mehr glauben, weil sie das Gerade über seine magischen Fähigkeiten als Schwindel erkannt haben. Das moderne Geschwätz über Ordnung und Erfolg der Tüchtigen haben zumindest die Protagonisten des Stücks schon längst als Schwindel erkannt. Sie spielen nicht das Stücken, es sind die Erfahrungen ihres eigenen Lebens, das die jungen Darsteller auf der der JVA präsentieren. Deswegen ist ihr Auftritt auch so überzeugend. Der Applaus des Publikums, Freunde und Angehörige der Schauspieler und kulturinteressiertes Publikum ist ehrlich gemeint. Genau so wie der Dank der jungen Darsteller, die ihre Kappen in die Höhe werfen und auch am Ende so authentisch sind wie im gesamten Stück.
Peter Nowak
Am 18., 23., und 25. März gibt es weitere Vorstellungen des Stücks im Kultursaal der JSA Berlin, Friedrich-Olbricht-Damm 40. Beginn ist jeweils um 17.30 Uhr, letzter Einlass um 17.15 Uhr, der Personalausweis und eine Voranmeldung sind notwendig. Weitere Infos : www.gefaengnistheater.de/aufbruch/