Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

27.10.2011 | 03:26

In Erinnerung an Irina Djassemy

Am 26.Oktober 2009 setzte Irina Djassemy  mit 45 Jahren ihrem Leben ein Ende. Die Germanistin war nach einem jahrelangen vergeblichen Kampf um eine universitäre Festanstellung und wechselnden prekären Jobs im Wissenschaftsbetrieb zermürbt. Jetzt ist ihre letzte wissenschaftliche Arbeit doch noch als Buch erschienen. Die Leser, die Djassemy nicht gekannt haben, der Rezensent gehört dazu, sind beeindruckt, wie es der Autorin gelingt an Hand  den sprachkritischen Artikels  des österreichischen Publizisten Karl Kraus die österreichische .  Gesellschaft auf dem Weg in die NS-Barbarei zu analysieren.

Die Wissenschaftlerin untersucht mit dem theoretischen Rüstzeug der Frankfurter Schule seine in der Fackel veröffentlichten Texte aus mehr als drei Jahrzehnten. Es sind   beklemmende Dokumente der Faschisierung einer Gesellschaft. Kraus gelang es immer den autoritären Charakter kenntlich zu machen,  den die kapitalistische Gesellschaft in allen Kreisen der Gesellschaft hervorgebracht hat.  Das Straf- und Rachebedürfnis gegenüber  Opponenten und missliebigen  Minderheiten und der immer stärker hervorbrechende   Antisemitismus werden in seinen Texten bloßgestellt

Die Autorin hat das umfangreiche Werk von Kraus in drei Großkapitel eingeteilt. Die Zeit von 1899  bis 1914 stellt sie unter den Obertitel „Der unmündige Bürger“, die vier Kriegsjahre sind unter „Die verfolgende Unschuld“ zusammengefasst. Nach dem kurzen Intermezzo der ersten österreichischen Republik, auf die Kraus anfangs große,  schnell enttäuschte Hoffnungen setzte, folgte die 3. Walpurgisnacht. Der Marsch in den NS-Staat wurde auch in Österreich  von einer großen Masse de Bevölkerung mit Jubel gefeiert. Kraus wer einer der wenigen, der mit seiner Sprachkritik schon früh vor diesen Marsch in die Barbarei warnte.  

Der Publizist spürte diesen autoritären Charakter bei Polizei und Justiz ebenso auf, wie bei den selbsternannten Hausmeistern aller Schichten und Klassen, die es in der K und K-Monarchie an jeder Straßenecke gab.

 

Symbol Meldezettel

 

 “Karl Kraus Stärke gegenüber den bloßen Moralisten besteht nicht zuletzt darin, dass er bei den vom ihm kritisierten   Vertretern bestimmter Berufe, z.B. bei Polizisten und Journalisten, auch das berücksichtigt, was er das System nennt: die Arbeitsbedingungen und den organisatorischen Aufbau der Institutionen“, schreibt Djassemy. In vielen seiner   frühen Glossen ist der Meldezettel für Kraus das Symbol für eine autoritäre Gesellschaft, die dem Staat und den Nachbarn die Möglichkeit gibt, im Privatleben ihrer Mitmenschen zu schnüffeln. Damit ist das amtliche Dokument gemeint, dass alle Menschen unterschreiben mussten, die in einen Hotel oder ein Pension übernachten wollten. Immer wieder gab es Skandale, wenn zwei Menschen unverheiratet ein Zimmer teilten, was im bigotten Österreich jener Tage strafbar war. „Eine Justiz aber, die ihre Würde vom Talar bezieht, arbeit jahraus, jahrein im Dienste des Klerus, dessen Macht lieber auf die Köpfe als auf die Hütte verzichtet“, brachte Kraus in seinem Aufsatz „Sittlichkeit und Krimanalität“   sprachlich gekonnt  seine Kritik auf den Punkt.

Dabei ist Kraus keineswegs blind für die Klassenverhältnisse der monarchistischen Habsburgerdiktatur. So ging er in „Allerlei  Falschmeldungen“, einer Glosse von 1912,  auf die Verstöße des Meldewesens durch verarmte Menschen ein.

 

Das österreichische Antlitz

Ausführlich geht die Autorin auf die Texte  „In dieser großen Zeit“ und  „Die letzten Tage der Menschheit“ ein, in der Kraus  die Phraseologie und Verlogenheit  einer Gesellschaft im 1. Weltkrieg   durch seine Sprachkritik entlarvt. Vorangestellt ist der Buchausgabe der „Letzten Tage der Menschheit“ ein Foto, das den von der österreichischen Militärjustiz zum Tod durch Erhängen  verurteilten  italienischen Publizisten und sozialdemokratischen Politiker Cesare –Battisti zeigte.  Für Kraus ist es ein Exempel für „das  österreichische Antlitz“, das in den Kriegsjahren häufig sich stolz ihrer Taten rühmenden  Henker in Aktion zeigte.    Der Autorin gelingt es mit ihrer Analyse des Werkes von Karl Kraus die geistige Verfassung einer Gesellschaft auf dem Weg in die nazistische Barbarei deutlich zu machen  

Die Herausgeber Stefan Gandler, Joachim Rauschner und Stephan Bundschuh würdigen mit dem Buch eine kritische Wissenschaftlerin. Gleichzeitig vermisst der Leser heute Publizisten, die es mit einen Karl Kraus aufnehmen kann. Mir fiele auf Anhieb außer  Herman L. Gremliza niemand ein..  

 

 

 

 Irina Djassemy, Die verfolgende Unschuld, Zur Geschichte des autoritären Charakters in der Darstellung von Karl Kraus,  Böhlau Verlag, Wien 2011, Br  266 Seiten, 35. Euro, ISNN:978-3-205-78615-3

 

Peter Nowak

 
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Kommentare
g. schrieb am 28.10.2011 um 04:52
Trotz des Lärms, den manche hier beim Freitag inszenieren, kann man auch noch so kluge Artikel wie Ihren finden. Herzlichen Dank!
SuzieQ schrieb am 29.10.2011 um 13:12
Ich schließe mich an, denke aber, es ist nicht der Lärm, sondern die Flut an Artikeln, die dafür sorgt, dass ein Blog schnell von der ersten auf die zweite, dritte Seite rutscht und dann übersehen werden kann.
Ich bedanke mich auch, Irina Djassemy hat sich intensiv mit Karl Kraus und Theodor W. Adorno beschäftigt, lesenswert.
Gruß SuzieQ
Peter Nowak
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