Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

07.03.2010 | 17:16

Isländische Bevölkerung sagt "Ya Basta"

 

Sie hat  mit haushoher Mehrheit eine Vereinbarung zur Tilgung riesiger Auslandsschulden aus dem Banken-Kollaps 2008 abgelehnt. Das Geld sollte bis 2024 an die britische und die niederländische Regierung gehen, welche heimische Anleger bereits entschädigten. Bei den Verlusten handelt es sich keineswegs überwiegend um Einlagen von Kleinsparern, sondern zu beträchtlichen Teilen  um Investitionen institutioneller Mogule, die nach Auffassung vieler Isländer mitschuldig am Finanzcrash sind und eher bestraft als entschädigt werden sollten.

Bei dem von der Bevölkerung erzwungenen Referendum stimmten nach dem vorläufigen Ergebnis 93,3 Prozent gegen und nur 1,7 Prozent für den im vergangenen Jahr ausgehandelten Vertrag mit den Regierungen von Großbritannien und den Niederlanden. Fünf Prozent legten am Samstag bei der ersten Volksabstimmung der isländischen Geschichte ungültige Stimmzettel in die Urnen. Damit waren auch alle Meinungsforschungsinstitute blamiert, die in den letzten Tagen ein viel knapperes Ergebnis prognostiziert hatten.

Aber die größten Blessuren trugen all jene europäischen Agenturen davon, die nicht müde wurden, die isländische Bevölkerung vor einer Ablehnung der Schuldentilgung zu warnen. Die mögliche EU-Mitgliedschaft stehe auf dem Spiel, wurde gewarnt. Doch all diese Auguren unterschätzten die Stimmung der isländischen Bevölkerung, deren größter Wunsch überhaupt nicht die Mitgliedschaft in einem maroden Krisenbündnis namens EU ist, die gerade im Fall ihres Mitglieds Griechenland deutlich macht, dass für sie Solidarität ein Fremdwort, Diffamierung und Erpressung zu unsozialen Maßnahmen aber alltäglich ist.

In den letzten Tagen hatten dagegen griechische Arbeiter mit Streiks und Demonstrationen mobil gemacht. Dabei fehlten auch nicht Appelle an die Arbeiter in anderen europäischen Ländern, sich mit den griechischen Kollegen zu solidarisieren. Das Ergebnis der isländischen Abstimmung ist eine solche praktische Solidarisierung, auch wenn es die Abstimmenden mehrheitlich sicher nicht so verstanden haben wollen. Auch die Schweizer Bevölkerung hat am Wochenende in einem Volksentscheid mehrheitlich eine von den bürgerlichen Parteien und Medien als Akt der wirtschaftlichen Vernunft propagierte Rentensenkung abgelehnt und folgte damit den Empfehlungen von Gewerkschaften, sozialen Verbänden und linken Parteien. Anders als die Abstimmung zu den Minaretten fand das Votum weniger Resonanz in den ausländischen Medien

Die Proteste in Griechenland, das Ergebnis aus dem Alpenland und das Nein aus dem hohen Norden drücken einen Unwillen der Bevölkerung aus, für die Krise des Kapitalismus den Gürtel enger zu schnallen. „Ya Basta“, hieß der Ruf auf zapatistisch, „Wir zahlen nicht für Eure Krise“, lautete die Parolen bei Demonstrationen eines Antikrisenbündnisses in Deutschland im letzten Jahr.

Genau das ist auch die Botschaft aus Island, der Schweiz und Griechenland. Und sie ist auf der Insel so überwältigend ausgefallen, dass zumindest die isländische Politik sie nicht ignorieren kann. Noch vor Tagen wurde in den ausländischen Medien gespottet, die Isländer stimmen über etwas ab, über das sie gar nicht zu entscheiden haben. Diese Arroganz der Staatsapparate, der bei der Abstimmung über die EU-Mitgliedschaft in Irland einfach hieß, wählen bis das Ergebnis passt, dürfte dieses Mal nicht verfangen. Allerdings dürfte der Druck der europäischen Eliten auf Island zunehmen. Daher ist es jetzt wichtig, sich mit der isländischen Bevölkerung ebenso zu solidarisieren, wie mit den griechischen Demonstranten gegen das EU-Spardiktat.

So  würde gegen das Europa der Banken und Konzerne ein Europa des  sozialen Widerstands hergestellt. Das und nicht der Rückfall in nationalstaatliche Scheinlösungen ist die richtige Antwort auf das aktuelle EU-Projekt.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Lukasz Szopa schrieb am 08.03.2010 um 13:21
Also wer das isländische Referendum mit den Protesten in Griechenland in einen Topf wirft, hat wohl eine realitätsferne Sehsucht nach der Revolution...

"Wir zahlen nicht für EURE Krise"??? In Island haben durch den Boom des Finanzsektors sehr wohl die meisten "Normalbürger" profitiert, ob durch das künstliche Wirtschaftswachstum, oder durch die Möglichkeit des "Lebens auf Pump" (Privatkredite). Dennoch denke ich, dass der Staat keine Entschädigungen an GB oder NL zahlen sollte: Ob Kleinsparer oder Großinvestor - Wer wie ins "Icesave" investiert, riskiert immer, und muss manchmal selber dafür Rechnung tragen. Dass Island eigenen Bürgern hilft (die auch wie Briten und Niederländern bei den isl. Privatbanken ihr Geld verloren hatten), ist eine eigene, autonome "Hilfsaktion" - denn auch da könnte man sagen: Seid selber Schuld, dass eure Privatbank pleite ist.

Und in Griechenland ist es unabhängig von der früheren oder derzeitigen Spekulationen der int. Finanzwirtschaft schlicht und einfach das hohe, strukturelle Budgetdefizit, das zum Sparen zwingt. "Wir zahlen nicht für eure Krise" sagen derzeit die meisten potenziellen Käufer der griech. Staatsanleihen - indem sie keine kaufen wollen, oder wenn, dann mit einem hohen Risikoaufschlag (würden Sie welche kaufen?)
Sollen die Griechen streiken und protestieren - wenn bis April sich keiner findet, der doch Anleihen für die nächste Schuldentilgung von 11 Mrd kauft, geht ihr Staat pleite. Also sollten die Griechen eher mit Bannern demonstrieren: "Vertraut uns, kauft unsere Staatsanleihen zu niedr. Zinsen, und hofft, dass wir diese irgendwann zurückzahlen. Aber sparen wollen wir nicht, es klappt schon."
Peter Nowak
lesender arbeiter
Mitglied seit:
3 Jahre 2 Wochen
Zuletzt aktiv:
08.02.2012
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 236
Kommentare: 76
Logbuch
01:46
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:42
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:38
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:35
SuzieQ hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:33
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG