Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

05.02.2012 | 17:24

Kunst, Kommerz, Kapitalismus und die Kritik

 

 

Beobachtung und Kritik einer sich antikapitalistisc verstehenden Intervention in den Berliner Kulturbetrieb

 

 

: Freitagabend in Galerie Thomas Schulte in Berlin-Mitte. Gerade wird eine neue Ausstellung eröffnet,  die Besucher_innen halten sich am Weinglas fest und stolzieren um die Bilder herum. Wie immer bei Vernissagen also, doch plötzlich tut sich etwas. Eine  neue Besucher_innengruppe betritt die Galerie, einige tragen Plakate, auf denen  ein Musical    beworben wird. Ein Zelt wird in der Galeriemitte aufgebaut und Kartoffeln werden verteilt. Ein Teil der Besucher_innen blickt eher belustigt, einige   sind aufmerksam. Vielleicht ist das ja eine Performance, die oft zu Ausstellungseröffnungen geboten wird? Doch spätestens als die Aktivist_innen ein Flugblatt verteilen, das als „Positionspapier gegen die Art Fair“ überschrieben ist, wird klar,   dass es sich nicht um einen eingeplanten Kulturbeitrag handelt.

Bald kommen auch die Galeriemitarbeiter_innen und machen deutlich, dass sie kein Zelt in der Galerie haben wollen. Ein Großteil der Besucher_innen verliert das Interesse, als klar wird, dass es um eine politische Aktion handelt. Bei ganz wenigen steigt dagegen gerade dann das  Interesse, bei den wenigen Menschen, die Kunst und Kommunismus im Sinne von Peter Weiss und seiner  Ästhetik   des Widerstands als etwas Gemeinsames verstehen. Die daher froh sind, dass der Kulturbetrieb durch eine solche Aktion einmal, wenn auch für wenige Minuten, kreativ unterbrochen wird.

Warum soll ausgerechnet die Kunst im Kapitalismus keine Ware sein?

Doch da muss auch die Kritik einsetzen, die dazu dienen soll, Anregungen  für künftige  theoretische und praktische Praxen  zu geben. Die Kritik entzündet sich

a.) an dem konkreten Agieren der Gruppe: Es blieb bei den Versuch, das Zelt aufzubauen,   dem Verteilen von Flugblättern und Kartoffeln, damit hatte sich die "Propaganda-Aktion" schon erschöpft. Es gab keine weiteren Erklärungen und offensichtlich war die Gruppe gar nicht darauf vorbereitet, auf Menschen   zu stoßen, die das Grundanliegen der Aktion teilten, es aber von einen linken Standpunkt kritisierten. Darauf gab es kaum Reaktionen, vor allem keine argumentative Auseinandersetzung mit der Kritik Da die Aktion offensichtlich  nicht ohne   theoretische Vorarbeit gelaufen ist, warum sollte jemand einfach sonst bestimmte Galerien und die „Texte zur Kunst“ kritisieren,  ist es bedauerlich, dass die Aktivist_innen nicht zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu Art der Aktion und Inhalt des Flugblattes bereit oder in der Lage waren.

 

b)an dem  Inhalt des Flugblattes

Die Hauptkritik richtet sich an den Inhalt des Flugblattes, weil nicht deutlich wird,  warum im Kapitalismus gerade die Kunst nicht zur Ware werden soll. „Was hier zur Schau gestellt wird, stempelt sich mutwillig zu Produkten“, heißt es dort. Aber damit bleiben die Aktivist_innen tief im bürgerlichen Denken befangen. Dort  gab es schon immer das Lamento, dass doch die Kunst nicht auch noch zur Ware werden soll. Diese Klage ist ein  durchgehender Topos im Bürgertum, das keine Kritik an der tagtäglichen Vernutzung der Menschen für die Kapitalverwertung hat. Nur die   Kunst soll das ganz  Andere sein, dass sich nicht zum Produkt, zur Ware stempeln lassen will. Gerade weil es diese Bürger_innenklage seit der Romantik gibt, wäre es sinnvoll gewesen, deutlich zu machen, dass man  für die Aufhebung der Kapitalverwertung generell ist und in diesem Kontext natürlich auch die Kunst ihren Warencharakter verliert. Aber das wäre den Aktivist_innen dann scheinbar doch zu radikal gewesen.   

Mit dieser verkürzten Kritik kommt die Aktivist_innen auch in weitere argumentative Schwierigkeiten. Die Kunst, die sie beschwören, existiert nämlich nicht jenseits der Kapitalverwertung. Es ist kein Zufall, dass seit dem Frühbürgertum, Kunst, Kapitalismus und Mäzenentum zusammengehören. Auch der als positives Beispiel im Flugblatt  angeführte Dadaismus war in der kapitalistischen Welt nicht jenseits des Kapitalismus sondern wurde wie alle andere Kunst auch  von Vermögenden gefördert.

Doch nur eine etwas andere Performance?

Daher ist es umso unverständlicher, dass die Aktivist_innen einerseits beklagen, dass auch die Kunst zur Ware wird, aber vom Warenverhältnis im Kapitalismus nicht reden wollen. So ist die Gefahr groß, dass eine solche Intervention doch nur eine Art vielleicht unangekündigte Performance wird, was vor allem der letzte Absatz im Begleitflugblatt zumindest nicht ausschließt:

„Vielmehr verstehen wir uns, indem . wir hier sind als der progressive Teil, der euch fehlt. Das hier als Plattform für unsere eigene Show und damit auch als Show für euch“ (Rechtschreibung im Original). Da bleiben  zumindest  viele Fragen, an deren Aufklärung auch die Aktivist_innen vielleicht Interesse haben 

 

Peter Nowak

 

   

 

 

 

           

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 05.02.2012 um 18:31
Auch nach 'Aufhebung der Kapitalverwertung', nachdem die Kunst 'den Warencharakter verliert, hören Kunstwerke nicht auf PRODUKTE zu sein. Andernfalls müssten die Kritiker des 'Produkt- (sprich Waren-)charakters der Kunst nicht nur einen bürgerlichen, sondern einen geradezu esoterischen Kunstbegriff haben. Kunstwerke könnten dann ja nur noch als irgendwie ätherische Ausdünstungen eines schöpferischen Weltgeistes oder so sein. Das ist unterste Spukgeschichtenschublade.

Und es wäre schon schön, wenn gerade linke Kritiker die Begriffe 'Produkt' und 'Ware' nicht synonym benutzen würden...
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