Beobachtung und Kritik einer sich antikapitalistisc verstehenden Intervention in den Berliner Kulturbetrieb
: Freitagabend in Galerie Thomas Schulte in Berlin-Mitte. Gerade wird eine neue Ausstellung eröffnet,die Besucher_innen halten sich am Weinglas fest und stolzieren um die Bilder herum. Wie immer bei Vernissagen also, doch plötzlich tut sich etwas. Eineneue Besucher_innengruppe betritt die Galerie, einige tragen Plakate, auf denenein Musicalbeworben wird. Ein Zelt wird in der Galeriemitte aufgebaut und Kartoffeln werden verteilt. Ein Teil der Besucher_innen blickt eher belustigt, einigesind aufmerksam. Vielleicht ist das ja eine Performance, die oft zu Ausstellungseröffnungen geboten wird? Doch spätestens als die Aktivist_innen ein Flugblatt verteilen, das als „Positionspapier gegen die Art Fair“ überschrieben ist, wird klar,dass es sich nicht um einen eingeplanten Kulturbeitrag handelt.
Bald kommen auch die Galeriemitarbeiter_innen und machen deutlich, dass sie kein Zelt in der Galerie haben wollen. Ein Großteil der Besucher_innen verliert das Interesse, als klar wird, dass es um eine politische Aktion handelt. Bei ganz wenigen steigt dagegen gerade dann dasInteresse, bei den wenigen Menschen, die Kunst und Kommunismus im Sinne von Peter Weiss und seiner Ästhetikdes Widerstands als etwas Gemeinsames verstehen. Die daher froh sind, dass der Kulturbetrieb durch eine solche Aktion einmal, wenn auch für wenige Minuten, kreativ unterbrochen wird.
Warum soll ausgerechnet die Kunst im Kapitalismus keine Ware sein?
Doch da muss auch die Kritik einsetzen, die dazu dienen soll, Anregungen für künftige theoretische und praktische Praxen zu geben. Die Kritik entzündet sich
a.) an dem konkreten Agieren der Gruppe: Es blieb bei den Versuch, das Zelt aufzubauen,dem Verteilen von Flugblättern und Kartoffeln, damit hatte sich die "Propaganda-Aktion" schon erschöpft. Es gab keine weiteren Erklärungen und offensichtlich war die Gruppe gar nicht darauf vorbereitet, auf Menschenzu stoßen, die das Grundanliegen der Aktion teilten, es aber von einen linken Standpunkt kritisierten. Darauf gab es kaum Reaktionen, vor allem keine argumentative Auseinandersetzung mit der Kritik Da die Aktion offensichtlichnicht ohne theoretische Vorarbeit gelaufen ist, warum sollte jemand einfach sonst bestimmte Galerien und die „Texte zur Kunst“ kritisieren, ist es bedauerlich, dass die Aktivist_innen nicht zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu Art der Aktion und Inhalt des Flugblattes bereit oder in der Lage waren.
b)an dem Inhalt des Flugblattes
Die Hauptkritik richtet sich an den Inhalt des Flugblattes, weil nicht deutlich wird, warum im Kapitalismus gerade die Kunst nicht zur Ware werden soll. „Was hier zur Schau gestellt wird, stempelt sich mutwillig zu Produkten“, heißt es dort. Aber damit bleiben die Aktivist_innen tief im bürgerlichen Denken befangen. Dort gab es schon immer das Lamento, dass doch die Kunst nicht auch noch zur Ware werden soll. Diese Klage ist ein durchgehender Topos im Bürgertum, das keine Kritik an der tagtäglichen Vernutzung der Menschen für die Kapitalverwertung hat. Nur die Kunst soll das ganz Andere sein, dass sich nicht zum Produkt, zur Ware stempeln lassen will. Gerade weil es diese Bürger_innenklage seit der Romantik gibt, wäre es sinnvoll gewesen, deutlich zu machen, dass man für die Aufhebung der Kapitalverwertung generell ist und in diesem Kontext natürlich auch die Kunst ihren Warencharakter verliert. Aber das wäre den Aktivist_innen dann scheinbar doch zu radikal gewesen.
Mit dieser verkürzten Kritik kommt die Aktivist_innen auch in weitere argumentative Schwierigkeiten. Die Kunst, die sie beschwören, existiert nämlich nicht jenseits der Kapitalverwertung. Es ist kein Zufall, dass seit dem Frühbürgertum, Kunst, Kapitalismus und Mäzenentum zusammengehören. Auch der als positives Beispiel im Flugblatt angeführte Dadaismus war in der kapitalistischen Welt nicht jenseits des Kapitalismus sondern wurde wie alle andere Kunst auch von Vermögenden gefördert.
Doch nur eine etwas andere Performance?
Daher ist es umso unverständlicher, dass die Aktivist_innen einerseits beklagen, dass auch die Kunst zur Ware wird, aber vom Warenverhältnis im Kapitalismus nicht reden wollen. So ist die Gefahr groß, dass eine solche Intervention doch nur eine Art vielleicht unangekündigte Performance wird, was vor allem der letzte Absatz im Begleitflugblatt zumindest nicht ausschließt:
„Vielmehr verstehen wir uns, indem . wir hier sind als der progressive Teil, der euch fehlt. Das hier als Plattform für unsere eigene Show und damit auch als Show für euch“ (Rechtschreibung im Original). Da bleiben zumindest viele Fragen, an deren Aufklärung auch die Aktivist_innen vielleicht Interesse haben
Peter Nowak