Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

04.11.2009 | 16:15

Niederlage für die Standortverteidiger

Gewerkschaften und Politiker, die eben noch zum Lohnverzicht für die Rettung unter Magna aufgerufen haben, empören sich darüber, dass GM weiter im Geschäft bleiben will

 

Der US-Besuch von Bundeskanzlerin Merkel  in den USA fand ein für sie unerquickliches Ende. Gerade noch als Kanzlerin, die vor Kongress und Senat gesprochen hat, gefeiert, gerät sie jetzt in der Causa Opel in Erklärungsnot. Denn kurz nach ihrem Rückflug gab das GM-Management seine Entscheidung bekannt,  ihre Opel-Töchter in Europa, also auch in Deutschland, zu behalten. Damit durchkreuzte sie nicht nur die Pläne der Bundesregierung, den Autokonzern mit der Hilfe von Magna in zu übernehmen und GM auszubooten.  Zudem muss sich die Bundeskanzlerin fragen lasse, ob der medial inszenierte Rettungsplan für Opel Ende Mai nicht vor allem auf den Wahlkampf zielte. Die Bundesregierung konnte sich so als Retter von Tausenden Arbeitsplätzen feiern lassen.

Kritische Töne, die es schon unmittelbar nach der vermeintlichen Opel-Rettung   gab, wurden im Wahlkampfgetöse gar nicht zur Kenntnis genommen. Vor allem  auf taube Ohren stießen alle Analytiker, die daran erinnerten, dass die angebliche Einigung eine Schimäre war.

Kein vertraglich bindendes Konzept

Der linke Verkehrsexperte Winfried Wolf schrieb über die Sollbruchstellen der sogenannten Opel-Lösung:

 

Womit ich die erste von sechs Sollbruchstellen es angeblich gefundenen Konzeptes für eine Lösung der Opel-Krise angesprochen habe. Sie lautet: Es gibt weiterhin kein vertraglich bindendes Opel- Konzept. Der Clou: Kaum einer hat´s gemerkt!“ .

Wolf präzisierte diese Einschätzung:

 

 Am Pfingstwochenende, dem 30. und 31. Mai 2009, gab es gar kein neues Opel-Konzept, wie dies seitens der Bundesregierung und dem Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Klaus Franz impertinent behauptet wird. Vielmehr gibt es ein drei Seiten dünnes Memorandum of Understanding, eine rechtlich unverbindliche Absichtserklärung, an der die Bundesregierung, der zu diesem Zeitpunkt klinisch bereits tote GM-Konzern und der kanadische Autozulieferer Magna beteiligt sind.“

Die Folgen für die Bundespolitik hat der kritische Verkehrsexperte auch klar benannt:

 

„Die Opel-Beschäftigten werden ein weiteres halbes Jahr hingehalten, sprich: verschaukelt; dasselbe gilt für die Öffentlichkeit. Damit dürfte das Thema Opel bei der Bundestagswahl kaum mehr für CDU/CSU negativ zu Buch schlagen, zumal eine Lösung gefunden wurde, bei der die SPD voll mit im Boot sitzt.“

 

 

Verzicht für den Standort

Erstaunlicherweise sollte Wolf fast bis in die zeitliche Prognose recht behalten.  Im Wahlkampf hatte kaum ein Politiker der Opposition hier kritische Fragen gestellt. Dafür haben sich große Teile der für die Opel-Belegschaft zuständigen IG-Metall  sehr früh zum Lautsprecher einer Vereinbarung mit Magna gemacht, sich also im Jargon von Wolf am Verschaukeln beteiligt. Führende IG-Metallfunktionäre, wie der Opel-Betriebsratsvorsitzender Klaus Franz ,  feierten sich selber als gewiefte Co-Manager, die den Magna-Deal mit eingefädelt  haben.  Selbst eine Kommentatorin der Süddeutschen Zeitung hat Franz vorgeworfen   als Lautsprecher des Managements seine eigentliche Betriebsratsfunktion zu vernachlässigen.

Franz hat nämlich immer wieder erklärt, dass er einen Arbeitsplatzabbau für die Magna-Lösung akzeptiert.  Nach  dessen Konzept sollten allein  in Deutschland ca. 4500 Stellen wegfallen. Erst vor wenigen Tagen haben führende Opel-Betriebsräte noch einmal bekräftigt, dass sie für das Konzept im Sinne von Magna zu als Opfer verklärten Lohnkürzungen bereit wären. Damit haben sie Teile der Opel-Belegschaft in Bochum im Regen stehen lassen, die sich schon länger gegen eine solche Verzichtspolitik für den Standort wehrte.            

Kaum war bekannt geworden, dass GM da nicht mitspielen will, schlug die Stunde der Populisten. Der CDU-Ministerpräsident von NRW gerierte sich mal wieder als Arbeiterführer und geißelte den  Turbokapitalismus, den er natürlich nur in den USA verortete. Vor den Mikrophonen des Deutschlandfunks  erklärten Opel-Mitarbeiter, dass die USA  die größten Lügner in der Geschichte sind und schon die Indianer betrogen hätten. Bei einer solchen Gemengelage aus einer mit antiamerikanischen Ressentiments vermischten falschen Kapitalismuskritik  und Angst um die eigene Existenz, ist es nicht schwer, die Belegschaft auf die Straße zu bringen.  Die ersten Wahnstreiks sind schon angekündigt. Dabei stellt sich doch die Frage, warum es für  Opel-Beschäftigte ein Unterschied sein soll, ob sie von Magna oder GM entlassen werden. Auch eine Analyse, was an ihren Arbeits- und Lebensbedingungen sich bei einem Verbleib von Opel bei GM verändert, unterbleibt. Natürlich stellt sich deshalb auch niemand die Frage, warum Verzicht für den Standort unter dem Dach von Magna den Arbeitern nützen soll, während gegenüber  GM Widerstand angesagt wird.

Britische Gewerkschaften feiern

Während sich also die Mehrheit der deutschen IG-Metall  nun als Geprellte und Betrogene sieht, feiern in Großbritannien Gewerkschaften und ein Teil der Belegschaft die Nachricht aus der GM-Zentrale., Sie hatten in der Magna-Lösung eine Bevorzugung des deutschen Standortes gesehen. Mit den deutschen Arbeitnehmern hält sich  die Solidarität dort in Grenzen, weil die IG-Metall in den letzten Monaten auch nicht besonders um die Arbeitsplätze in anderen europäischen Standorten gekümmert hat. Von einer europaweiten Solidarität der Opel-Beschäftigten kann keine Rede sein, solange jede Gewerkschaft nur ihren Standort verteidigt. Dass es auch anders geht, zeigt eine oppositionelle Strömung innerhalb der IG-Metall, die vor allem bei Opel Bochum einigen Einfluss hat. Die hat sich schon lange gegen die Standortverteidigung und die totale Identifikation der Belegschaft mit Opel ausgesprochen.  In der Parole „Wir müssen bleiben – nicht Opel“ versuchten sie eine andere Orientierung der Belegschaft deutlich zu machen. Dieser Strömung ist es auch immer um einen gemeinsamen, länderübergreifenden Kampf aller Opel-Beschäftigten gegangen. Der ist bisher auch an der Politik der Gewerkschaften gescheitert.            

 

Peter Nowak

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Achtermann schrieb am 04.11.2009 um 20:01
Es ist bedauerlich, dass nicht mal den Gewerkschaften mehr zu trauen ist. Einerseits gerieren sie sich so als seien sie in der Lage, den schlimmsten Auswüchsen der Globalisierung entgegenarbeiten zu können, da sie europaweit vernetzt seien, und andererseits hat sich die Funktionärsebene im Verkennen der realen Situation von den amerikanischen Kapitaleignern locker übers Parkett ziehen lassen.
luggi schrieb am 04.11.2009 um 20:07
@ Achtermann
Willst du jetzt Sommer zu Tisch bitten? Also bitte.
Janusz Biene schrieb am 05.11.2009 um 09:45
Danke für den ausführlichen Beitrag, sehr lesenswert!

Die Community scheint einig in der Annahme eines Wahlbluffs. JJK zieht da mit und fragt in der Politikarena nach der Zukunft von Opel unter GM:

"Alles Wahlbluff: Wird Opel unter GM überleben?"
www.freitag.de/arena/debatte?id=944
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.11.2009 um 10:39
Merkels Besuch enthüllte vor allem: Politiker labern, die "Macher" im unverzerrten Wettbewerb entscheiden. Basta.
Peter Nowak
lesender arbeiter
Mitglied seit:
3 Jahre 17 Wochen
Zuletzt aktiv:
13.05.2012
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 250
Kommentare: 85
Logbuch
15:22
Joachim Petrick hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:21
Magda hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
15:20
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:17
Juliane Löffler hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:16
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG