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Ein Theaterabend mitten in Kreuzberg beschäftigt sich mit weiblichen Diskursen ums Kinderkriegen in der frühen Sowjetunion und im Neoliberalismus
Wenn man die Frau reden hört, kann man verstehen, warum es im Stadtteil Prenzlauer Berg das Phänomen der Mütterfeindschaft gibt. Er richtet sich gegen jene Mütter, die ihre Kinder mit T-Shirts ausstatten, auf denen Prenzlzwerg steht und die ihren Nachwuchs wie ein Stück persönliches Eigentum betrachten. Die Frau, die in dem aktuellen Zweipersonenstück „sale, ich will ein Kind haben“, die moderne Mutter spielt, würde gut in ein solches Ambiente passen. In ihrem Redeschwall verteidigt sie ihre Entscheidung, ein Kind haben zu wollen mit eugenischen Argumenten, macht einen gedanklichen Streifzug zu den „Chinesen, die uns mit Plastikbildschirmen überschwemmen“. Immer wieder kommt sie auf die Gene zu sprechen. Wenn man diesen Redeschwall hört, wird einen klarer, warum Sarrazin mit seinen eugenischen Thesen bis ins grüne Milieu auf Zustimmung stößt. Der Gegenpart zu der modernen Mutter ist die Kulturfunktionärin Milda, die mit Organisation, Produktion und Reproduktion zu einer kommunistischen Welt beitragen.
Hausfrauen sterben aus wie die Dinosaurier
Dabei ist die Befreiung der Frau ein wichtiges Element dieser Utopie. „Hausfrauen sterben aus wie die Dinosaurier“ und Reproduktion ohne Familie“ sind dabei Kernforderungen. Daneben finden sich für heutige Ohren verstörende eugenische Anklänge, wenn von einer gesunden Erziehung in einer gesunden Umgebung auf gesunde Menschen geschlossen wird. Grundlage dieser Szene ist das von Sergej Tretjakow 1926 entwickelte Theaterstück “Ich will ein Kind haben“, das erst 1980 in Stuttgart zur Uraufführung kam. Tretjakow war einer der vielen Künstler_innen, die ihre Arbeit im jungen sowjetischen Staat ganz in den Dienst der Umgestaltung der Gesellschaft stellten. Er folgt 1928 der Losung Schriftsteller in die Kolchose und beteiligt sich unter anderem in der Einberufung von Massenversammlungen und der Erstellung von Wandzeitungen. Noch in dem Monolog der Genossin Milda findet sich ein fernes Echo dieser Utopie der freien Menschen. Denn selbst der eugenischer Einschlag und die Verbindung von gesunden Wohnbedingungen zur Volksgesundheit können als fast notwendige falsche Gedanken in einer Zeit gedeutet werden, wo es für die Mehrheit der Bevölkerung in Russland galt, raus zu kommen aus den feuchten Kellerlöchern in die helle, saubere beheizte Zimmer. Manchen mögen solche Forderungen heute fast lächerlich und spießig vorkommen. Doch es war die Durchsetzung eines grundlegenden Menschenrechts für Millionen, dass von den alten Regimes missachtet wurde. Erst nach der Oktoberrevolution wurde es in Angriff genommen. Heute wissen wir um den gravierenden Rückschlag, der mit der Durchsetzung der stalinistischen Konterrevolution in der Sowjetunion diese Utopie erlitten hat. Auch Sergej Tretjakow gehörte zu den vielen damals ermordeten Kommunist_innen. Doch trotz allem ist seit den roten Oktober die Vorstellung in der Welt, es möge keine Herren mehr geben und keine Knechte und auch keine Unterdrückung der Frau. Das knapp einstündige Theaterstück hat das wieder einmal deutlich gemacht. Wenn Felicita Reuschling in ihrem Text in dem Programmflyer schreibt, dass es an der Zeit ist, den Motiven der sozialen Reproduktion, in denen die privaten Beziehungen ein kostbarer Schatz erscheinen, etwas entgegen zu setzen, dass jenseits der Wiederholung bekannter neoliberaler Muster verläuft, kann man ihr nur zustimmen. Das Theaterstück macht uns mit Vorstellungen unserer Vorkämpfer_innen bekannt, die noch in ihrer Begrenztheit eine Leuchtkraft gegen das seichte völlig gedankenfreie Geschwätz der Prenzlzwerg-Mütter haben. Das hat der kurzweilige Theaterabend deutlich gemacht.
Mitten im Kreuzberger Leben
Der Theaterraum befindet sich auf der Galerie der ersten Etage des Neuen Zentrums (NKZ) Kreuzberg mitten am Kottbuser Tor, sicher einer der ungewöhnlichsten Theaterorte Berlins. Denn es ist kein abgeschlossener Kunstort zur Erbauung weit weg vom realen Leben. Ganz im Gegenteil, im NKZ ist das Theater mitten im Leben, hier mag die abgedroschene Phrase mal erlaubt sein. Nur wenige Meter neben dem Theaterraum wird gekocht, darüber liegen Mietswohnungen, einige Meter weiter findet eine Politveranstaltung und am anderen Ende der Galerie wird eine Nachbarschaftszeitung produziert. Wenn man mich fragt, wie stellst Du Dir das Leben im Kommunismus vor, würde ich sagen, das NKZ gibt eine Ahnung davon und der Theaterraum ist daran nicht unschuldig.
Peter Nowak
sale | Regie: Dirk Cieslak I von und mit Mariel Jana Supka
Ich will ein Kind haben | Regie: Konstanze Schmitt | von Sergej Tretjakow mit Antje Widdra
Raum: Olf Kreisel | Kostüm: Anika Schmitz | Video: Ana Ticak | Produktionsleitung: Hendrik Unger, nächste Aufführungen am 20 – 21-1.. 27. – 28.1, jeweils 20 Uhr, NKZ, Galerie, 1 OG, Zugang über Außentreffen Adalberstr. 96,
Weitere Infos: www.viertewelt.de/Aktuell.html