Das Buch "Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus." liefert Anstöße für eine Debatte über den Massenanhang im NS
Warum hat ein Großteil der deutschen Bevölkerung selbst als das Ende desHitlerregimes abzusehen war,keinen Widerstand geleistet?Diese Frage beschäftigt die historische Forschung seit Jahrzehnten. Erklärungsansätze, dieHitlers angeblichesCharisma oder die Repression dafür verantwortlich machensind offensichtlich verkürzt und versuchen teilweise die deutsche Bevölkerungsmehrheit entschuldigen.Sozialpsychologische Erklärungsansätze werden hingegen noch immer zu wenig beachten. Das im Psychosozial-Verlag erschienene Buch „Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus“gibt einen auch für Laien guten Überblick über die aktuelle Debatte der sozialpsychologischen NS-Forschung.In acht Aufsätzen diskutieren Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie an der Leibnitz Universität Hannover historische Fragen
Wenig beachteter Historikerinnenstreit
Die LiteraturwissenschaftlerinIsabelle Hannemann zeichnet die feministische Debatte über die Rolle der Frau im NS nach. Im Zentrum ihres Beitrags steht „der Zickzackkurs der historischen Frauenforschung und die Frage, warum man (deutsche Frauen) zunächst als Unschuldige, gar als Opfer patriarchaler Umstände oder lediglich als Mittäterinnen betrachtete, obwohl einige bereits im Bergen-Belsen-Prozess 1945 als Täterinnen hingerichtet wurden.“Es ist wohl auch ein Ausdruck für Herabsetzung weiblicher Wissenschaftstätigkeit, dass die Historikerinnendebatte über die Rolle der Frau im NSanders als die vonErnst Noltes Thesen angestoßene Historikerdebatte öffentlich kaum wahrgenommen wurde. Mehrere Aufsätze im Buch setzen sich mit der These, die NS-Täter_innenseien ganz normale Staatsbürger_innengewesen, auseinander.Als Beispiel für „die Banalisierung des nationalsozialistischen Verbrechens im Zeichen des Normalitätsdogmas“ setzt sich der Soziologieprofessor Rolf Pohl kritisch mitden Thesen desSozialwissenschaftlers Harald Welzer auseinander, der es ablehnt,die NS-Politik nach einer „Nachkriegsmoral“ zu be- und verurteilen. Pohl erinnert diese Argumentation an die Verteidigungslinie des ehemaligen baden württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger, der erklärte, was damals recht war, kann heute nicht Unrecht sein.Über antisemitische Feindbilder, die ebenso wie die Volksgemeinschaftsideologie den Nationalsozialismus überdauert haben, informiert der Psychologe Sebastian Winter mit Rückschriften auf Schriften von Margarete Mitscherlich und Klaus Theweleit.
Das Buch liefert nicht nur bei diesem Beitrag Anstöße für eineDebatte, die nicht nur für Spezialisten der NS-Forschung von Interesse sein dürften.
Peter Nowak
Brunner Markus, Lohl Jan, Pohl Rolf, Winter Sebastian (Hg.),
Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus.
Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen; ychosozial Verlag, Hannover 2011, 252 Seiten, ISBN 978-3-8379-2055-0, 24,90 Euro