Pharma-Marketing-Beobachter

Medizin und Ökonomie

10.02.2012 | 07:57

Das Malariamedikament, die US-Armee und der Whistleblower

In einem aktuellen Interview äußert sich der Epidemologe Dr. Remington Nevin kritisch über die Rolle des Malariamedikaments Mefloquin in der US-Armee. Das in Deutschland von Hoffmann La Roche unter dem Namen "Lariam" vertriebene Mittel zur Vorbeugung und Behandlung der Krankheit wird mit neuropsychiatrischen Nebenwirkungen und Fällen von Suizid in Verbindung gebracht.

Der durch zahlreiche Publikationen in Fachzeitschriften bekannte Mediziner ist selbst in der US-Armee tätig, führt sein Interview jedoch  als Privatperson. Nevins Forschung ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass amerikanische Soldaten seit einiger Zeit im Regelfall kein Mefloquin zur Malariavorbeugung mehr erhalten.

In dem Interview äußert sich Dr. Nevin auch zu dem Einsatz des Medikaments im US Gefangenenlager Guantanamo Bay. Dort erhielten alle Inhaftierten ohne Diagnose zu Beginn ihrer Haft eine hohe Behandlungsdosis des Mittels, woraufhin der Verdacht des pharmakologischen Waterboardings geäußert wurde. Zu den Betroffenen zählt u.a. der aus Bremen stammende Murat Kurnaz.

Dr. Nevin äußert sich zu dem Einsatz wie folgt:

"The use of mefloquine at Guantanamo represents either medical malpractice with culpability at some of the highest levels of military medical leadership, or it suggests something far more intentional and sinister. I typically believe that one should never ascribe to malice what can be attributed to simple incompetence, but in this case, I am not so certain. There are too many inconsistencies and unanswered questions. The issue will ultimately require the release of medical records, open hearings, and testimony to resolve. I am confident this will happen."

Eine kritische Einstellung gegenüber Mefloquin ist in Deutschland nach wie vor nur ansatzweise vorhanden. Zwar empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit e.V. seit rund einem Jahr das Mittel aufgrund seiner Nebenwirkungen im Normalfall nicht mehr zur notfallmäßigen Selbstbehandlung der Malaria. Als vorbeugendes Medikament ist Mefloquin dagegen weiterhin einer von drei Wirkstoffen erster Wahl. Medizinische Studien belegen seit langer Zeit die bessere Verträglichkeit der anderen beiden Mittel.

In der Bundeswehr ist Mefloquin weiterhin unumstrittenes Medikament erster Wahl zur Vorbeugung der Malaria in Afghanistan. Ein Umdenken wie in den USA ist bislang nicht erkennbar.

 
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