Die Attentate von Norwegen und das dazugehörige schriftliche Begleitwerk seien in Wahrheit "im Internet geboren“, so Hans-Peter Uhl. Dem schloss sich so mancher Netz-Denker an - gestern beispielsweise Sascha Lobo in seiner SPON-Kolumne.
Ein ekletisches Werk, „zum Teil zusammengestellt aus Quellen im Internet, neu montiert, ergänzt und weitergesponnen“, entwickelt wie "eine modulare Software", "Open Source", "Remix-Kultur" - merkwürdig fasziniert wird da der 1500-Seiten Schinken von Breivik beschrieben. Und Lobo stimmt Uhl zu - der moderne Terror würde im Internet geboren, aus Worten könnten schließlich Waffen werden. Zu kurz gefasst, meinen wir.
An anderer Stelle äußerten wir da bereits unseren Unmut:
"Und ich frage mich, woher diese merkwürdig anmutende Faszination kommt, die mancher diesem Unwerk entgegen bringt – auch wenn es selbstredend eine mit Antipathie gepaarte Faszination ist. Erkennen da einige so etwas wie das Erbe des protestantischen Arbeitsethos wieder? Muss man da ins Staunen geraten, dass da jemand anscheinend genug Arschleder hatte um sich mal hier und da im Copy-und-Paste-Verfahren eine „Ich mach mir die Welt widde widde wie sie mir gefällt“-Ideologie zusammen zu basteln? Dass da jemand war, der genug Sitzfleisch hatte, um sich durch aberhunderte fragwürdige Blogseiten zu scrallen und Wikipedia-Einträge zu verwursten? Und das sage ich nicht, um die Gefahr derjenigen, die sich pseudowissenschaftlich betätigen und dazu den stumpfen Fleiß des reproduktiven Idiotentums zu Rate ziehen, von der Hand weisen zu wollen – ich sage es, weil ich nicht einsehe, dass derartige Aktivitäten wie auch immer gelagert „honoriert“ werden sollen. Zum Beispiel indem mit Begriffen um sich geschmissen wird, die dieses Werk ganz eindeutig nicht verdient – und auch niemals verdienen würde.
Fangen wir der Einfachheit halber also doch nochmal ganz kleinschrittig an: Terrorismus äußert sich in Gewalt und Gewaltaktionen (Check). Das Ganze richtet sich dabei gegen eine politische Ordnung, um einen politischen Wandel herbeizuführen (Check). Das Ganze wurde im Internet geboren (Hä?!)."
Fehlt eigentlich nur noch die Analogie zum Buchdruck oder zu Satellitentelefonen - letztere waren schließlich ein beliebtes Kommunikationsmittel für Al-Qaida-Extremisten bis weit ins neue Jahrtausend.
Glücklicherweise aber gibt es ForscherInnen, die sich schon vor Jahren mit der Kopplung "Terror" und "neue Massenmedien" beschäftigten: Karin Knorr-Cetina beispielsweise etwa blickte schon vor knapp einem Jahrzehnt auf globale Mikrostrukturen und zeigte auf, dass globale Kommunikation – wie sie auch durch das Internet ermöglicht wird - eine Form von Intersubjektivität bewahren kann, die oftmals typisch ist für terroristische Akte. Zudem wies sie auf die Kopplung an Finanzmärkte hin – ohne natürlich jemals auf die Idee zu kommen, afghanische Warlords etwa würden #anderbörsegeboren. Vielmehr geht es unter anderem um temporale Dynamiken und um auto-effektive Prinzipien der Selbstmotivation. Soviel dazu.
Heißt: Das Internet ist in diesem Fall mal wieder Mittel zum Zweck, wobei das Mittel in diesem Sinne vielleicht auch durchaus zur Heiligung des Zwecks beigetragen hat.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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