philoron

Was aber der Mensch ist.....

09.10.2011 | 09:21

Unterm Eiffelturm mittags um halb eins

Es ist Freitag und zugleich unser letzter vollständiger Tag in Paris, bevor wir uns aufmachen, einer liebevollen Einladung folgend, in einem Hochgeschwindigkeitszug, mitten durchs Land in eher eine ländliche Ruhe zu begeben, als Kontrastprogramm pur sozusagen.

Die Sonne macht sich äußerst rar an diesem Tage und schaut nur selten aus der geschlossenen Wolkendecke heraus. Kurzzeitig übernimmt gar ein kräftiger Regen die Regentschaft.  Wir müssen uns mit Hilfe eines kleinen Schirmes unter ein Dach nahe der Avenue Gustave Eiffel retten. Wie andere Leute übrigens auch. Aber das macht nichts, wir mögen lieber Regenschirme statt Rettungsschirme, mit denen man dem Menschen vorgaukelt, er könne sich munter in immer neue, schwindelerregendere Höhen manövrieren, ohne an sicheren Stand einzubüßen! Das jedoch erscheint uns in diesem Moment so fern, wie die Spitze des zum Greifen nahe wirkenden Turmes vor unseren Augen. Eine Woche selbstgewählter Verzicht auf die mediale Konditionierung zu Hause, tragen erste Früchte einer selten empfundenen Gelassenheit.  

So schnell wie der Regen gekommen war, macht er sich plötzlich von Dannen. Wegen des Andranges an den liftbefahrenen Flanken des Bauwerks, entscheiden wir uns für die Fußvariante und verzichten damit neben dem Stehen in der Schlange und dem unabdingbaren Vertrauensbeweis in die menschliche Schöpferkraft, auf die doch recht schwindelerregende Höhe unter der Spitze. So ziehen wir also den Verbleib unterm Fußvolk dem sprichwörtlichen Drahtseilakt des Beförderungsmittels vor. Im Gegensatz zu unseren Politikern und den so schwindelfreien Finanzexperten der westlichen Hemisphäre, könnte ich sagen, wenn ich dieses hier  zum Thema machen wollte. Doch darüber wird genug philosophiert, denke ich. So seien es lediglich relativ unbedeutende Randbemerkungen, welche einige Merkwürdigkeiten unserer Zeit schemenhaft skizieren sollen und mein Befinden dazu. Der Bau eines so monumentalen Objektes, spaltete Gegner und Befürworter seinerzeit sicher genauso in Lager, wie es die vermeintliche Krise heute tut. Und es steht noch immer!

Nein, mich interessieren heute mehr die Menschen, ihr Verhalten, ihre Gestik, ihre Mimik und was diese aussagt über das, was sich vor und hinter ihren Gesichtern abspielt. Am Besten gelingt mir das hier in der U- Bahn. Dort wo es immer einer eiliger hat, wie der schon merklich getriebene vor ihm. In ihren zahlreichen  unterirdischen Gängen, wo Menschenschwärme gleich Lemmingen auf einem bestimmten Wege da hinzuströmen scheinen, kann ich meine kindliche Neugierde ausspielen.

 Die Männer und Frauen, welche ich sehe, tragen häufig kleine Kopfhöherer, die aus ihrem Handy kommen. Retten sie sich auf diese Weise vor der drückenden Enge in ihre eigene Welt?  Andere sind am simsen oder telefonieren. Mit Händen und Füßen, versteht sich, als wären sie ganz alleine, so meine deutsche Mentalität. Dass das Telefonnetz unter der Erde überhaupt so funktioniert!? Viele unterhalten sich angeregt mit ihrem Gegenüber und wenn es auch nur eine Zeitung ist. Betörende Silben rasseln förmlich in der Luft. Plötzlich singen ein paar Jugendliche einfach drauf los, wie schon gestern Abend an der Seine.  Andere steigen mit ein. Aus purer Lebensfreude, unerhört? Nein unglaublich! Eine Frau bringt eine Operneinlage mit ihrer Stimme, dann wieder ein anderer um Geld bittender mit einem Gedicht. An der nächsten Station steigen sie wieder aus, bzw. ins nächste Abteil. Mir fallen die unterschiedlichen Hautfarben, wie man sagt, Nationalitäten auf. Es ist genauso bunt, wie das ganze Treiben überhaupt. Ich habe gelesen, dass dunkelheutige Menschen spätestens seit dem Sieg der französischen Nationalelf bei der Fußball- WM,  integriert sind. Was Sport doch bewirken kann! Eltern, Kinder, Teenager, Alte und die Touristen bilden eine quirlige, interessante Gemeinschaft, in der ich mich vergessen kann. Der ich mich ungekannt anvertrauen kann, trotz aller Fremdheit. Ich staune über vieles. Wie man sich immer mit einem freundlichen Lächeln begegnet. Auch über das Funktionieren, den mechanische Ablauf in dem ganzen Gewirr. Wie sogleich Platz gemacht wird, wenn Menschen zusteigen. Da steht man auch schon mal auf, wie früher bei uns. Also nimmt man sich trotz der Masse, trotz aller Geschäftigkeit doch wahr? Meine Sinne wissen bei alldem manchmal nicht, welchem Eindruck sie als nächstes stattgeben sollen.

Ich ruf es mir nochmal ins Gedächtnis, weit mehr  als 10 Millionen Einwohner in einer Stadt wesentlich kleiner als Berlin. Mit in die Vorstädte sorgsam ausgelagerten Problemen, die wir nicht wahrnehmen und nicht zu vergessen die vielen Obdachlosen. Diana hat es uns am Abend vorher erzählt. Eine 18- jährige französische Studentin, deren flüchtige Bekanntschaft wir an der Seine gemacht hatten. Wo wir unseren Wein gekauft und den Korkenzeiher denn vergessen hätten, fragte sie. In Saint Germain antworteten wir, unweit vom Cafe Flore, in dem Sartre einst verkehrte. Oh, das ist das perfekte Paris, aus dem sie nicht kommen würde, sagte sie leicht seufzend in ihrem französisch gehauchten Deutsch. Ein Satz, dem viel zu entnehmen ist.

Sie ging bald wieder zu ihrem Freund hinüber. Kein fester Freund in dem Sinne. Einfach Freundschaft ++, fanden wir drei gemeinsam heraus, da sie das deutsche Wort dafür nicht wusste.

Während sich unsere Füße den anstrengenden Weg zu den beiden unteren Plattformen bahnen genießen wir den Ausblick in alle Richtungen. Die Stadt erstrahlt von hier oben unglaublich hell, fast durchgängig weiß, besonders die entfernten Kuppeln der Kirche Montmartre im Künstlerviertel oberhalb des Moulin Rouge. Die Menschen unter dem Turm sind nur noch als Winzlinge zu erkennen, die auf der sich vom Regen spiegelnden Straße kaum zu bewegen scheinen.

 Die Skyline des Bankenviertels La Defense in der Ferne, lässt deren Macht erahnen. Weit mehr beeindruckt mich die gut erhaltende Jahrhunderte alte Architektur in Richtung des Seine- Ufers.

Nicht möglich alles hier aufzuzählen oder auch nur den einen Tag im Louvre zu beschreiben. Wer übrigens einmal menschliche Nähe  von höchster Intensität erleben möchte, der braucht sich dort nur in den Andrang vor da Vinci`s Mona Lisa zu begeben.

Was eine Stadt doch alles zu bieten hat, wenn sie keinem Bombenhagel im Lauf  ihrer Geschichte ausgesetzt war, muss ich staunen. Im Umkehrschluss ein wenig schmerzlich für mich. Ein Erlebnis toppt das vorhergehende. Eben eine Stadt der Superlative. Außerdem kann ich mich des allgegenwärtigen Eindruckes eines gewissen nationalen Stolzes nicht erwehren, beneidenswert. Auf den beiden Plattformen tummeln sich Menschen mit Fotoapparaten. Manche liegen sich in den Armen. Es ist schließlich Paris, die Stadt der Liebe. Ich vernehme viele Sprachen, Englisch, Spanisch, Russisch, Französisch, Deutsch und andere, mir unbekannte. Ein Asiate fragt eher gestikulierend, ob ich ein Bild machen könnte. Von ihm in Richtung Arc de Triomphe auf dem Champs Elysees. Freundlich bedankt er sich. Wir genießen noch eine Weile die Eindrücke und steigen dann wieder hinab. Währenddessen läuft der oben getrunkene Cafe creme durch uns hindurch.

Unten angekommen suchen wir die nächste Toilette auf, vor deren Türen sich folgende kleine Geschichte abspielt. Wer kennt nicht das Lied von den 10 kleinen Negerknaben? Als Volkslied besungen, oft kopiert und abgewandelt, w. z.B. von den Toten Hosen. Bei meinem Erlebnis läuft die Geschichte allerdings andersherum ab und es sind mehr Kinder, unterschiedlicher Herkunft. Vor besagter Toilette steht ein dunkelheutiger, uniformierter Ordner. Er redet mit den Reinigungskräften auf dem Herren- WC, welche dieses just in dem Moment meiner kleinen Notlage zu reinigen bemüht sind. Er weist mich an, auf der Treppe stehen zu bleiben und meiner Partnerin mit einem Wink den Weg zum freien Damen- WC daneben. Hinter mir ankommende Touristen erfahren dasselbe Spiel. Sie wird durch gewunken, während Er die hell leuchtende untere Handfläche als Stoppsignal zu sehen bekommt. Dazu klare Anweisungen, die ich bestenfalls bruchstückhaft oder über die Gestik verstehe. Verdutzte Gesichter bei den Männern. Schließlich bildet sich die Schlange sonst eher vor dem Damen- WC, indessen Er den sofortigen freien Zugang hat. Plötzlich kommt ein kleines dunkelhäutiges Mädchen von der Toilette und möchte die Treppe hinaufgehen. Energisch wird es vom Ordner zurückgepfiffen und angewiesen unten vorm Behindertenaufzug zu warten. Ihre großen dunklen Pupillen rollen verständnislos, fast rebellisch. Ein zweites Mädchen mit heller Hautfarbe und blonden Haaren kommt  heraus und wird ebenfalls zurückgehalten. Dasselbe Rollen in den Augen. Doch schnell und ungefragt schwingen sie sich auf einen herumstehenden Tisch und plaudern. Vergessen ist der unhöfliche, strenge Alte…. Auf der Treppe das bekannte Bild. Frauen dürfen hindurch, sichtlich verblüfft. Männer die sich ungläubig an der inzwischen gebildeten Schlange vorbei schieben wollen, werden lauthals zurückgeschickt. Murrend stellen sie sich an. Die unten wartenden Kinder, es sind inzwischen drei, fangen nun an, aus der Situation ein Spiel zu machen. Mucksmäuschen still warten sie auf dem Tisch, wenn das nächste von ihnen zur Türe heraus kommt. Hat der Ordner jedoch seines Amtes gewaltet und es zurückgeholt, lachen sie zusammen laut los. „Ätsch, hat er dich auch erwischt…….“ Umso mehr es werden, desto lustiger scheinen sie es zu finden. Ich merke, wie mich die Situation ansteckt und ich mit ihnen lache. Das Ganze beginnt der Verkehrsregelung eines Polizisten an einer Straßenkreuzung zu ähneln. Nun verstehe ich die Notwendigkeit einer Uniform an einem solch ungewöhnlichen Ort. Ich drehe mich um und stelle verdutzt fest, dass ich der einzige Erwachsene bin, der lacht. Dann muss die Not der anderen ungleich höher sein, als meine eigene, resümiere  ich. Am Aufzug, vor dem die Kinder warten, ertönt überraschend ein akustisches Signal und eine Lampe geht an. Alle schauen gespannt auf die sich öffnende Lift- Tür. Eine Frau schiebt einen Mann im Rollstuhl heraus und grüßt. Keines der Kinder lacht. Der Ordner fragt die Reinigungskräfte, ob das Behinderten- WC denn schon fertig sei. Ja, antworten diese. Die Kinder machen automatisch Platz und die Frau schiebt den Rollstuhl an ihnen vorbei. Inzwischen ist ein Junge von der Toilette gekommen. Der Order hat ihn offenbar übersehen. Fast schon hat der Kleine die gesamte Treppe erklommen. Die Kinder unten grienen sich schelmisch zu, bewegen wild aber lautlos die Arme. Die Anstehenden geben sich teilnahmslos. Auch mir fällt nichts Besseres ein, als dem Jungen hinter herzusehen. Da bemerkt der Aufpasser  seine Nachlässigkeit, sprintet die Treppe hoch, fängt den Ausreißer ein. Das Gelächter der Kinder ist nun besonders groß, während der Junge noch gar nicht registriert, wie ihm geschehen. Er reiht sich ein. Kind für Kind gesellt sich nichtsahnend zum Spiel dazu. Der Platz auf und um den Tisch hat sich inzwischen mit knuffigen, sorgenfreien Gesichtern gefüllt. Auch asiatische sind darunter. Es sind nun weit mehr als 10 und keines macht einen Unterschied zu einem anderen. Das sehe ich sofort. Lachen tun sie ebenfalls alle gleich, begeistert vergnügt. Ungeduldig ruft der Ordner, etwas in die Toilette hinein. Einen Moment noch, scheint es zu antworten. Er meckert etwas für mich unverständliches zurück. Für ihn erlösend kommt eine Erzieherin aus der Türe. Und noch zwei weitere. Die drei bedanken sich höflich für den Einsatz des Mannes, zählen und sortieren ihre Kindergartengruppe und verschwinden mit ihnen über die Treppe aus meinem Gesichtsfeld. Meine Partnerin wartet indes oben schon eine Weile und sieht ihnen nach. Endlich kommt das Signal der Freigabe. Die Lage entspannt sich, besonders für den Ordner. Erleichtert geht jeder dem nach, wozu zu tun er gekommen war. Keiner weiß, wie der jeweils andere die kleine Geschichte empfunden hat. Eigentlich sind es ja nur ein paar Minuten, die einem  jedoch wie eine Stunde vorkommen. Und dieses unbeschwerte Kinderlachen, der offene Umgang miteinander, diese Gleichheit trotz unterschiedlicher Hautfarben, das alles werde ich wohl nie vergessen. Nein, ich hatte es eigentlich nie vergessen, schließlich war ich auch mal ein Kind. Aber vielleicht sollte es so sein, dass es auf diese überraschende Weise nun einmal zurück ins Bewusstsein gerufen wurde.

Unser Tag geht weiter. Die Sonne kommt heraus. Wir reden noch eine Zeit lang über das Erlebnis. Was können wir von Kindern nicht alles lernen? Was haben wir im Laufe unseres Lebens verlernt, welches uns im Grunde natürlich vorgegeben? Wo ist der Punkt, an dem ein Mensch sich über einen anderen stellt? Wann über sich selbst? Was ist uns überhaupt bewusst oder nehmen wir nur an? Fragen über Fragen, wie das eben so ist, wenn man Zeit hat zum Denken. Morgen werden wir genug Zeit und Muße haben, darüber gemeinsam zu reden und unsere Gedanken anregend mit Freunden zu teilen, so meine Vorstellung. Doch kennen wir unsere Gastgeberin nur virtuell aus der Freitags- Community, wissen also nicht, was uns erwartet. Morgen, dann wenn wir am Atelier im Garten zwischen Natursteinmauern sitzen. Um uns der herum Bäume, in denen zahlreiche Hornissen an der Rinde nagen. Ihr Brummen ist das einzige Geräusch weit und breit, was die Luft erfüllt und der Himmel des Nachts voller Sterne, wegen der fehlenden künstlichen Beleuchtung. Und wir sind erfüllt von einer Mischung aus Vorfreude und Gespanntheit…..  

 

 
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Kommentare
Yola schrieb am 09.10.2011 um 11:09
@philoron ."Ich habe gelesen, dass dunkelheutige Menschen spätestens seit dem Sieg der französischen Nationalelf bei der Fußball- WM, integriert sind. Was Sport doch bewirken kann!"

Danke für den herzhaften Lacher!
(Ganz abgesehen von dem "Freud'schen Verschreiber", der den 'dunkelhäutigen Menschen' zum 'dunklen heutigen Menschen' "ver...dunkelt").

"Mit in die Vorstädte sorgsam ausgelagerten Problemen, die wir nicht wahrnehmen und nicht zu vergessen die vielen Obdachlosen."

So, so, ausgelagert werden sollen also 306.000 in Paris lebende Ausländer, also ein Ausländeranteil von 14,5 %, die prekäre Wohnsituation, die Arbeitslosenquote, die Probleme mit dem schlecht funktionierenden sozialen Netz etc....

"Auslagerung" sollte in jedem Parteiprogramm an oberster Stelle stehen und "Ausblenden" sollte zu den herausragenden Werten eines jeden priveligiert Lebenden gekürt werden. Denn so machen wir jeden Ort dieser Welt zu einem Paradies, wo der Wolf mit seinen Schafen ein Lager teilt, einerseits lustvoll und andererseits möglichst friedfertig...
philoron schrieb am 11.10.2011 um 23:44
Na ich finde es schon ein wenig bemerkenswert, wenn in einem Reiseführer die Wohnungspolitik angedeutet steht. Dass die Probleme eben systematisch seit Jahrzehnten in die Randbezirke verdrängt werden. Die dunkelhäutigen Menschen wären seit dem Sieg anerkannt. Integriert ist wahrscheinlich das völlig falsche Wort in dem Fall.
Allerdings sollte der Schwerpunkt des Beitrages nicht auf irgendwelchen Zahlen oder einer speziellen Hautfarbe liegen.
Im Übrigen besteht das menschliche Sein mindestens zu 90% aus Verdrängung und Ausblendung, so meine Meinung. Wie könnte es da mit der Gesellschaft anders sein?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.10.2011 um 11:46
Nach einer sehr lesenswerten Erzählung stellen Sie wesentliche und interessante Fragen @ philoron!

Was können wir von Kindern nicht alles lernen? Was haben wir im Laufe unseres Lebens verlernt, welches uns im Grunde natürlich vorgegeben?[...]

Ich denke nicht, dass wir z.B. verlernt haben zutiefst soziale Wesen zu sein. Nicht alle zumindest, wie Sie ebenfalls erkennen lassen, denn sonst könnten Sie wohl kaum so wunderbar schreiben. Wir "Kinder" ähneln einander nur und entwickeln uns doch zu grundverschiedenen erwachsenen Individuen.

Wo ist der Punkt, an dem ein Mensch sich über einen anderen stellt? Wann über sich selbst? Was ist uns überhaupt bewusst oder nehmen wir nur an?

Nach der Adoleszenz ist man als Jugendlicher gemeinhin zu Selbstreflexion imstande. Herkunft, Erziehung, also Lebensumstände und Kontext werden stärker wahrgenommen und beeinflussen meiner Meinung nach die "Position" bzw. wie Sie es ausdrückten, ob man sich "über", "unter" oder als "gleichgestellt" betrachtet. Vergangenheit oder ein Zukunftsbild spielen erst dann eine Rolle. Ja und dann entwickelt sich für jeden von uns sein persönlicher Lebenslauf. Ein Fortschritt wäre, wenn man bereit wäre sich selbst kritisch kennenzulernen, um sein Verhalten zu ergründen.

Hier in der Community kann man dies durchaus schreibend tun.
In einem kleinen Park in Paris, am Square Painlevé ist ein entsprechendes figuratives Vorbild davon zu bewundern.

Freundlichen Gruß
philoron schrieb am 11.10.2011 um 23:26
"Ich denke nicht, dass wir z.B. verlernt haben zutiefst soziale Wesen zu sein. Nicht alle zumindest, wie Sie ebenfalls erkennen lassen, denn sonst könnten Sie wohl kaum so wunderbar schreiben. Wir "Kinder" ähneln einander nur und entwickeln uns doch zu grundverschiedenen erwachsenen Individuen."

Ich bin mir nicht so ganz sicher, welche Verhaltensweise uns natürlicherseits vorgegeben ist. Der Hang zum sozialen Wesen oder doch eher das Abdriften zu den von mir angesprochenen Punkten.
Wie sie schon sagten, es ist sehr individuell, äußerst unterschiedlich ausgeprägt, egal ob die eine oder die andere Seite.
Das soziale wird gelehrt und wir schreiben es uns all zu gern auf die Fahnen, während die Praxis gnadenlose Vorteilssuche und Konkurenzkampf beweist. Ist das nicht aber eher natürlich und wir müssen dies erkennen, um eine wirkiche Veränderung herbeizuführen? Solange wir uns jedoch etwas vormachen..... Das gilt für viele Bereiche, den eizelnen sowie die Gesantheit die sich aus vielen Individuen ergibt erstrecht, wie ich meine.

"Hier in der Community kann man dies durchaus schreibend tun.
In einem kleinen Park in Paris, am Square Painlevé ist ein entsprechendes figuratives Vorbild davon zu bewundern."

Sicher ein Grund dafür, dass ich überhaupt schreibe. Schade, in dem Park bin ich nicht gewesen. Wusste davon leider nichts. Bei dem Vorbild dürfte es sich allerdings um den Verfasser nachfolgender Zeilen handeln?

"In uns ist eben so viel Unterscheid, wie zwischen uns und anderen. Wie bunte Fetzen hängen wir im Wind."

der sogenannte Kraut und Rüben- Philosoph Montaigne?
Duurch dessen Garten ich übrigens zu gern streife.

LG
Tycho schrieb am 11.10.2011 um 23:44
Ich bin mir nicht so ganz sicher, welche Verhaltensweise uns natürlicherseits vorgegeben ist.

Lieber Philoron,

es ist sogar eines der wenigen Dinge, die genetisch prädisponiert sind und erst im Laufe der Prägung abgelegt werden können. Hierzu gibt es Studien zum Sozialverhalten von Kleinkindern der Gattung Homo Sapiens.

lieber gruss
tycho.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.10.2011 um 12:37
Ja, der gute Michel de Montaigne schaut lächelnd auf die Sorbonne , @philoron.
www.paul-landowski.com/wp-content/uploads/2009/06/montaigne1.jpg

Das soziale wird gelehrt und wir schreiben es uns all zu gern auf die Fahnen, während die Praxis gnadenlose Vorteilssuche und Konkurenzkampf beweist. Ist das nicht aber eher natürlich und wir müssen dies erkennen, um eine wirkliche Veränderung herbeizuführen?

Ja und ein wenig Nein. Erst wenn wir -jede/r für sich - sich selbst gut kennengelernt hat, seinen Charakter ethisch- moralisch geformt hat, d.h. dass (s)eine individuelle Haltung auf seine selbst gewählten Werte und Ideale basiert bzw. erkennbar ist, die er fortwährend in den unterschiedlichen Situationen und Kontexten erprobt und festigt, kommen wir einen Schritt weiter. Das schient mir ein Ansatz, weil er bei uns selbst beginnt.

Vorteilssuche und Konkurrenz zu Lasten anderer scheint mir weder ein (natürlicher -universeller) Wert, noch ein nachahmenswertes Ideal zu sein. Ich denke übrigens nicht, dass Sie dies mit Ihren interessanten Antworten, für die ich mich bedanke, suggerieren wollten.

Es ist klar, die meisten von uns, wissen nicht wer sie sind und was sie eigentlich mit ihrem Leben wollen.

Beste Grüße.
philoron schrieb am 12.10.2011 um 23:39
Ich hatte das Denkmal dank google schon gefunden, aber trotzdem danke. Das Lesen der Essays dieses Mannes hat mir persönlich viel gebracht.

"Ja und ein wenig Nein. Erst wenn wir -jede/r für sich - sich selbst gut kennengelernt hat, seinen Charakter ethisch- moralisch geformt hat, d.h. dass (s)eine individuelle Haltung auf seine selbst gewählten Werte und Ideale basiert bzw. erkennbar ist, die er fortwährend in den unterschiedlichen Situationen und Kontexten erprobt und festigt, kommen wir einen Schritt weiter. Das schient mir ein Ansatz, weil er bei uns selbst beginnt."

Ich sehe das genauso, ohne Einschränkung. Vor allem den letzten Satz verwende ich in derselben Form. Es kann nur bei jedem selbst anfangen.
Ich frage mich, ob eine solche Sichtweise, bezogen auf den heutigen Zustand der Welt, auf den ersten Blick nicht zu ambitioniert erscheint. Natürich, ohne Glaube an eine Sache braucht man diese nicht weiter zu verfolgen. Dafür allerdings liegt sie mir zu sehr am Herzen. Vielleicht braucht es neue Wege oder diese neuen Wege einfach ihre Zeit.
Ob der Mensch nun von Natur aus böse ist oder die Gesellschaft ihn erst dazu macht, beschäftigte bekanntlich schon Rousseau. seinerzeit. Was hinterließ er selbst auf seinem Weg? Philosophieren ist die eine Seite, dies auch tatsächlich zu leben, eine andere. Das halte ich für eines unserer Grundprobleme. Uns selbst zu reflektieren, dabei hat uns die Natur nicht besonders gut ausgestattet. Eher darin, leicht irgendwelchen Dingen zu erliegen. Aber wir haben immer auch die Möglichkeit, uns zu überwinden. Das erfordert Bewusstsein, was sich wiederum in einem immerwährenden Prozess befindet. Wie das ganze Leben ja auch. Aber wer bekennt sich dessen?

"Es ist klar, die meisten von uns, wissen nicht wer sie sind und was sie eigentlich mit ihrem Leben wollen."

Eine Wertung, die ihre Berechtigung findet, aber wem kann man sie schon sagen und wie sieht es überhaupt in einem selbst aus?
LG
philoron schrieb am 12.10.2011 um 23:52
"es ist sogar eines der wenigen Dinge, die genetisch prädisponiert sind und erst im Laufe der Prägung abgelegt werden können. Hierzu gibt es Studien zum Sozialverhalten von Kleinkindern der Gattung Homo Sapiens."

Das erklärt einiges. Ich denke, es stecken beide Seiten im Menschen.

Es gibt sicher auch hier Ausnahmen, genügend rücksichtsvolle, sensible Menschen bspw. Diese mögen es nicht so leicht im Leben haben, wie andere.

LG
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.10.2011 um 11:40
Uns selbst zu reflektieren, dabei hat uns die Natur nicht besonders gut ausgestattet. Eher darin, leicht irgendwelchen Dingen zu erliegen. Aber wir haben immer auch die Möglichkeit, uns zu überwinden. Das erfordert Bewusstsein, was sich wiederum in einem immerwährenden Prozess befindet. Wie das ganze Leben ja auch.

Stimme Ihnen absolut zu, bis auf eine kleine korrigierende Anmerkung: Da, wie Sie sehr richtig schreiben, das Bewusstsein erst Reflexion ermöglicht, hat uns die Natur aber schon besonders gut ausgestattet, denke ich. Der Einzelne muss es entdecken und im Umgang mit anderen anwenden und jeweils gewichten.

[...] Eher darin, leicht irgendwelchen Dingen zu erliegen So ist es. Wir erliegen ( ich generalisiere) einer flüchtigen Lebensweise, "lassen" uns oft leben, was ein klares Indiz, wenn nicht einer Identitätskrise ist, dann ganz sicher Ausdruck einer innernen Richtungs- und Orientierungslosigkeit, (Werte/Ideale). Anstatt in zwanghafte, oft kompensierende Bedürfnisbefriedigung aller Art zu flüchten, überdeckt der "schöne Schein" deren Sein, dafür "ambitioniert" man sich merkwürdigerweise schon.

Unsere individuellen (kulturellen) Unterschiede sind ein phantastisches Phänomen. "Wie es in anderen oder in mir selbst aussieht", sagt uns andeutungsweise die (wechselseitige, aufrichtige) Reflexion - andeutungsweise, weil es ein der Zeit unterworfener Prozess ist, in dem wir uns durch Erlebnis und Erfahrung fortwährend verändern, ja.
Zeit(lichkeit) ist so betrachtet ein sehr positiver Aspekt, also eine Chance in unserem Leben.

Freundlichen Gruß
Novalis schrieb am 09.10.2011 um 22:10
Was für eine schöne Erzählung! Sie sagt mehr aus als vieles, was ich in letzter Zeit über Paris gelesen, gehört oder gesehen habe! GLG
philoron schrieb am 11.10.2011 um 23:28
Danke Novalis, vielleicht habe ich ja durchaus etwas mitnehmen können......
GLG
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