Pickelhaube

Blog von Pickelhaube

22.09.2011 | 13:14

Wer die Papstrede schwänzt verliert meinen Respekt

 

Was haben Angela Merkel (Bundeskanzlerin) und Rolf Schwanitz ("Laizistinnen und Laizisten in der SPD") gemeinsam?

Nun, beide profilieren sich auf Kosten der katholischen Kirche. Angela Merkel hatte Benedikt XVI. aufgefordert, sich noch einmal klar zu den Ansichten des Holocaust-Leugners Williamson zu äußern. Schwanitz ist einer der über 100 Abgeordneten des Deutsche Bundestages, die der Papst-Rede am heutigen Donnerstag demonstrativ fernbleiben werden.

Respekt habe ich vor beiden nicht mehr. Denn ihre Kritik ist billig und schäbig. Natürlich hatte Frau Merkel in der Sache nicht unrecht. In der causa Williamson wäre ein deutliches Distanzieren schon nötig gewesen. Und es ist auch nicht richtig, dass ein religiöser Führer vor einem demokratischen Parlament spricht - Kirche und Staat sollten nach meiner Überzeugung strikt voneinander getrennt werden.

Was das Verhalten Merkels und das der über 100 Abgeordneten nun aber so primitiv erscheinen lässt, ist die offenkundige Anbiederung an die mediale Mehrheitsmeinung. Die Kritik ist nicht konstruktiv, weil sie nichts ändern will. Die Kritik ist allenfalls egoistisch, weil man sich als Speerspitze der Deutschen Mehrheitsmeinung geriert und weil man sich im Lichte hoher Zustimmungswerte sonnt.

Es gibt wahrlich genug, was man der katholischen Kirche vorhalten kann und muss. Etwa die überkommene Sexualmoral, die unerträgliche Haltung zu Kondomen und AIDS in der Dritten Welt und natürlich die Missbrauchsskandale. Großes Unverständnis bereitet mir auch die Haltung des Deutschen Staates, der die katholische wie auch die evangelische Kirche in einer Weise finanziell subventioniert, über die man nur noch den Kopf schütteln kann. So ist es ein offenes Geheimnis, dass etwa die katholische Kirche so unermesslich reich ist, dass sie die Banken- und Griechenlandrettungspakte der EU aus der Portokasse finanziert hätte. Aber trotz alledem ist die katholische Kirche selbst für einen Atheisten wie mich immer noch mehr. Sie ist Ausdruck eines Werte- und Menschenbildes, das Europa über zwei Jahrtausende geprägt hat und durch das sich Europa höchst positiv von anderen Zivilisationen unseres Planeten abhebt.

Und der Papst ist das geistige Oberhaupt dieses Kultur- und Menschenbildes. Und Benedikt XVI. ist nicht nur das heutige Oberhaupt, er war und ist einer der entscheidenden Vordenker dieser Wertegemeinschaft.

Wer als deutsche Kanzlerin so einen Mann in oberlehrerhafter Weise kritisiert, gebärdet sich populistisch. Wer als deutscher Abgeordneter noch nicht einmal seine Grundpflicht auf Teilnahme an Plenarsitzungen wahrnimmt, gibt ein erbärmliches Bild.

Für mich persönlich ist es fast schon bizarr, dass ich plötzlich vor einem Volker Beck Respekt empfinde. Der hat angekündigt, sich die Papstrede anzuhören. Und danach geht er auf die Gegendemonstration. Das ist sein gutes Recht. Und wenn er dann demonstriert, dann weiß er wenigstens wogegen.

 

 
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Kommentare
GEBE schrieb am 22.09.2011 um 13:21
Wer solche sätze schreibt: "Wer die Papstrede schwänzt verliert vor mir den Respekt", ist des Respektes selbst nicht würdig.
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 13:26
Können Sie das begründen? Immerhin hab ich versucht, meinen Standpunkt zu erklären.
Amanda schrieb am 22.09.2011 um 13:38
Gebe meint die Überschrift, s müsste wohl heißen ... vor dem verliere ich... Bin aber schon gleich wieder weg hier...
Amanda schrieb am 22.09.2011 um 13:40
Klingle aber sicherheitshalber nomma durch, ob vielleicht die Konsorten doch den Respekt vor Pickelhaube verlieren jetze, weil dann könnte die Überschrift so bleiben...
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 13:43
1:0 für Sie - hab's grad berichtigt
GEBE schrieb am 22.09.2011 um 13:55
:-)
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 14:49
Lieber Blogger Pickelhaube,

ist nun mal mein altmodische Art, so zu beginnen, auch wenn es mir ein Rätsel bleibt wie mann sich diesen Nick geben kann.

1. Mir ist jede Form von Personenkult zutiefst zuwider.
2. Wer eine Organisation vertritt, die sich auf einen Text beruft - das neue Testament - es aber vom Sinn her mit den Füßen tritt, verdient keinen Respekt.
3. Beispielsweise schon vor Jahren sagte, ein Pädophiler könne kein Priester sein, dann aber so gut wie keinen Betroffenen ausschließt, ist unglaubwürdig.
4. Wen die Papst-Vermarktung vom Ratzefummel-Radiergummi bis sonstwohin nicht abstößt kann ich ebensowenig verstehen wie
5. Einen Mann der vorgibt im Namen der christlichen Nächstenliebe zu agieren und dann bereit ist für eine Reise 25 bis 30 Millionen für sich ausgeben zu lassen.

6. Empfehle ich dringend den Blog von Monsieur Rainer zu lesen:

www.freitag.de/community/blogs/monsieur-rainer/trennung-von-kirche-und-staat

Grüße
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 15:45
Hallo Herr Läntzsch,

Sie stellen mich hier in die kirchenfreundliche Ecke. Aber da kann ich sie beruhigen, diese Brüder können mit mir recht wenig anfangen, und ich mit ihnen auch nicht.

Jetzt erst mal vielen Dank für den link zu monsieurrainer. Kannte ich noch nicht.

Ja, es ist richtig. Deutschland ist vorne und hinten kein laizistischer Staat. Und, es kommt hinzu, explizit in Deutschland werden die beiden Kirchen zu Lasten der Allgemeinheit in fast schon perverser Weise finanziell begünstigt (die Kirchensteuer ist da nur die Spitze des Eisbergs, vielleicht blogge ich dazu mal was).

Ich hätte liebend gerne eine komplette Trennung von Kirche und Staat - organisatorisch, bildungstechnisch (kein Religionsuntericht), und natürlich finanziell. Nur: Solange wir das nicht haben, ist ein Papst-Auftritt im Bundestag wirklich das letzte, was mich stört. Ich will hier ganz ehrlich sein: Der Niveauverfall in der Deutschen Politik ist dramatisch. 50%, 60% oder gar 70% der deutschen Abgeordneten fehlt es am nötigen Intellekt und an der nötigen Bildung. Es tut diesen Leuten mal ganz gut, sich anzuhören, was ein brillianter Intellektueller wie Bendikt XVI. zu sagen hat. Und brilliant ist er, man muss ja nicht gleich seiner Meinung sein.

Jetzt warten wir doch mal ab, wie die Rede denn so wird. Ich wette hohe Beträge, dass sie alles, was Regierung und Opposition in diesem Jahr bisher so von sich gegeben haben, locker in den Schatten stellt (nun, ein ziemlich sicherer Tipp, nicht wahr?).

Wie ich's im Blog geschrieben habe. Volker Beck machts richtig. Anhören, und dann zur Demo gehen.

Grüße

p.s. Dass Sie sich über meinen Avatar wundern, ist ihr gutes Recht. Zum Hintergrund: Ich poste nicht unter meinem Klarnamen. Aber ich poste in verschiedenen Foren unter dem gleichen Nik. Manchmal provoziere ich ganz gern ein bisschen. Hier, beim Freitag allerdings nicht.
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 16:07
Lieber Blogger Pickelhaube,

so wie mir bei jeder Stimmabgabe auch das nicht Anwesendsein wie Stimmenthaltung legitim erscheinen sehe ich dies auch hier.

Warum soll ein Abgeordneter nicht durchs Fernbleiben ganz schlicht sagen dürfen: Es wird mir zuviel Gedöns um diesen Mann gemacht.

"... ein brillianter Intellektueller wie Bendikt XVI. zu sagen hat. Und brilliant ist er ..."

Ist er das? Wenn ja dann im Sinne eines gerade zu teuflisch zynischen Demagogen.

Oder eben nur mit fehlender intellektueller Brillianz läßt sich seine Regensburger Rede verstehen?

Grüße
ps
Das Recht auch auf seltsam wirkende Avatare bestreite ich nicht, auch nicht das auf Provokation noch das auf Niks im allgemeinen. Trotzdem, in diesem Fall verstehe ich es nicht so recht, den als Fan von Kaiser- oder gar Hitlerei vermag ich Sie mir nicht vorzustellen.
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 16:53
Lieber Ullrich Läntzsch,

da sprechen Sie einen Punkt an, den ich vielleicht durch eine Ungenauigkeit in meinem Blog selbst verursacht habe. Es geht ja vielen der abgeordneten nicht nur ums Fernbleiben - also Schwänzen -, sondern um das aktive Nichtteilnehmen (bis hin zum Rausgehen). Da wird schon eine tiefe Ablehnung zum Ausdruck gebracht.

Nochmal: Ich habe größtes Verständnis für jeden, der - etwa wegen der aktuellen Missbrauchsskandale und ihrer Vertuschungen - aus der katholischen Kirche austritt (ich bin es schon längst). Ja mir fehlt fast das Verständnis für die, die auch heute noch dort Mitglied bleiben.

Aber man sollte den Mann nicht in dieser Weise brüskieren, wie es viele Abgeordnete jetzt aus Gründen eitler Selbstdarstellung tun (auch Angela Merkel hat nichts anderes betrieben als Selbstdarstellung).

Grüße

ps: Der Kerl unter der Pickelhaube ist Bismarck. Nicht etwa Hindenburg.
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 17:12
Lieber Blogger Pickelhaube,

Merkel zu verteidigen habe ich selbstredend Null Bock. Sie ist mir zutiefst zuwider. Gelegentlich jedoch stimme ich ihr zu, so bei ihrer Kritik an Oettinger, nachdem dieser 2007 den unsäglichen Marinerichter Filbinger zum NS-Widerstandskämpfer erklärt hatte.

Doch diesen an Scheinheiligkeit nicht zu übertreffenden Mann zu brüskieren halte ich für ausgesprochen löblich.

Grüße

ps: Auch zu Bismarck fällt mir nichts Gutes ein.
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 17:17
Und wie ist es mit der Regensburger Rede? Zur Erinnerung das, was ich in meinem Blog - www.freitag.de/community/blogs/rick/mitleid-mit-moslem-matussek/?searchterm=moslem+matussek - dazu schrieb:

Unter welcher intellektuelle Blindheit – nein, er ist kein absichtsvoller Demagoge – selbst der kluge Matussek leiden kann, zeigt seine Haltung zur Regensburger Rede seines Papstes. Ein Demagoge hätte nicht den Wortlaut des Zitates wiederholt um das es hierbei geht.

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ (byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos , gegen 1391)

Noch einmal:

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden …“ Nun aber füge ich einen Auszug der Sure 90 ein: „… Doch wie kannst du wissen, was das Hindernis ist? (Es besteht darin) daß man einem Sklaven zur Freiheit verhilft oder an einem Tag, an dem alles Hunger hat, einer Waise aus der Verwandtschaft oder einem Armen, der sich im Staube wälzt (etwas) zu essen gibt und (daß man) überdies zu denen gehört, die glauben und Geduld und Barmherzigkeit einander (als Vermächtnis) ans Herz legen. Das sind die von der rechten Seite.“ – Wer will da noch sagen: „…da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden ...“

Selbstverständlich darf, kann und soll sich der Papst zum Thema Gewalt auch im Islam äußern. Die Frage ist nur wie! Darf man von einem studierten Theologen, der zum Islam Stellung nimmt erwarten, daß er den Koran kennt? Ich meine ja. Wenn er ihn kennt, ist es schlicht eine ungeheure Provokation, die man auch Demagogie nennen kann. Kennt der Papst den Koran nicht, dann sollte er schweigen. Immer macht er sich jedoch schuldig, das 8. Gebot gebrochen zu haben: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."

So richtig neu vor allem für Katholiken ist dabei Mohameds Aussage zur Freilassung von Sklaven. Ja, verflucht neu für die Katholische Kirche. Ihre Kirchensklaven – ja die gab es tatsächlich – durften nicht freigelassen werden. Und: „der Vatikan schaffte als einer der letzten Staaten im Jahr 1838 die Sklaverei offiziell ab“
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 17:41
Mein lieber Ullrich Läntzsch, jetzt habe ich lange nachgedacht und etwas gefunden, was uns beiden an dem" konservativen Revolutionär" Bismarck gefallen dürfte: Stichworte sind "Kuturkampf", "Katholizismus", "Zentrumspartei".

Noch dazu passt es doch trefflich zum Thema Papst und Bundestag ..
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 17:42
Das mit der Sure90 habe ich nicht verstanden. Jedenfalls habe ich gegenüber dem Islamismus mindestens die selben Vorbehalte wie bei den beiden christlichen Kircheninstitutionen ..
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 17:58
Liebe Pickelhaube,

bei Bismarck fällt mir die Kaiserproklamation in Versailles ein, mit überzogenen Reparationsleistungen die meines Wissens die Grundlage derjenigen nach dem II Weltkrieg bildeten.
Dann die Sozialistengesetze, auf denen die heutige Rentenversicherung beruht. Die eben den Namen Versicherung nicht verdient, weil eine erste Generation, nur in den Genuß von Leistungen kommt ohne selbst gezahlt zu haben. Bei Ihren Stichpunkten muß ich passen.

@ Sure 90 - sie widerlegt doch eindeutig das Papst-Zitat in seiner klar demagogischen Absolutheit.

Grüße
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 18:15
Lieber Ullrich Läntzsch,

die Reparaturleistungen 1919 hat aber nicht Bismarck zu vertreten. Das war die Art der Kriegsführung im ersten Weltkrieg, ein Thema, das heute übrigens ziemlich tot geschwiegen wird.

Nun, Bismarck hat doch die Katholiken durch eine Reihe von Sondergesetzen bekämpft, im so genannten "Kulturkampf" (ich habe den Ausdruck nie verstanden). Es ging dabei aber vor allem um ein Zurückdrängen der Zentrumspartei.

Sure hin oder her, "Feuer und Schwert" steht jedenfalls auch im Koran. Was aber nur noch einmal bestätigt, dass Staat und Religion zu trennen sind (die Türkei war da vor über 100 Jahren schon weiter als wir heute).

Grüße zurück
Pickelhaube schrieb am 22.09.2011 um 18:20
Sie sehen jedenfalls, in der heutigen CSU wäre Bismarck wohl nicht heimisch geworden.

Er war schon durch und durch ein "konservativer Revolutionär".
goedzak schrieb am 22.09.2011 um 14:52
Ganz gewiss ist die Institution 'Katholische Kirche' "Ausdruck eines Werte- und Menschenbildes", nämlich eines, dass sich u.a. in "überkommene(r) Sexualmoral", einer bestimmten "Haltung zu Kondomen und AIDS in der Dritten Welt und natürlich" auch durch "die Missbrauchsskandale" äußert. Dass diese Institution dank ihrer ökonomischen und politischen Macht "Europa über zwei Jahrtausende geprägt hat" und immer noch prägt (z.B. die Sexualgesetzgebung), ist ebenfalls nicht zu leugnen. Den Unterschied aber, den man in Europa gegenüber den weniger "positiv(en) Zivilisationen" genießt, kann sich die katholische Kirche wohl nicht auf der Habenseite verbuchen. Dass heute in Europa (fast) keine Ketzer, Homosexuellen und Juden mehr dran glauben müssen, ist eine Situation, die nicht wegen, sondern trotz der Papisten erreicht wurde.
KalleWirsch schrieb am 22.09.2011 um 15:04
Schöner hätte ich es nicht formulieren können.
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 18:00
Lieber Goedzak,

schließe mich Kalle an.

Grüße
abghoul schrieb am 22.09.2011 um 18:32
Goedzak, das hast du wirklich wohlgetroffen
Ich schließ mich dann mal Kalle und Ullrich an :)
Pickelhaube
Ich weiß ja jetzt nicht, ob ich mit meinen politischen Einstellungen so 100% die Zielgruppe des "Freitag" bin .. aber für guten Journalismus bin ich immer zu haben.
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