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Unsicherheit, Leistungsdruck, soziale Ausgrenzung – die Situation junger Menschen
Die Jugend von heute säuft sich ins Koma, schlägt Menschen in S-Bahnen zusammen und ist grundsätzlich faul und desinteressiert. Das ist überall zu hören. Doch natürlich ist die Situation anders.
Der Druck auf junge Menschen hat zugenommen, weil Schul- und Studienzeiten gekürzt wurden. Immer mehr Stoff muss in immer weniger Zeit geschafft werden. Zu wenige Ausbildungsplätze führen zu mehr Konkurrenzdruck zwischen denen, die einen Ausbildungsplatz suchen. Das Bachelor- und Mastersystem hat zur Folge, dass Studierende von Anfang an darum kämpfen müssen, das Pensum zu schaffen. Diesen Anforderungen steht eine Unterfinanzierung des Bildungssystems gegenüber: zu große Klassen, zu wenig Lehrende, Unterrichtsausfall in den Berufsschulen, Massenveranstaltungen an den Universitäten. Die Folgen sind: Psychische Krankheiten, fehlendes soziales, kulturelles und politisches Engagement oder einfach nur das Gefühl in der Leistungsgesellschaft nicht mitzukommen.
Ein anderes Phänomen ist die Unsicherheit, in der junge Menschen leben. Dies setzt ein mit der Suche nach einem Ausbildungs- und Studienplatz nach dem Schulabschluss. Noch immer mangelt es an Ausbildungsplätzen und auch die Suche nach einem Studienplatz ist angesichts undurchsichtiger Aufnahmeverfahren nicht leichter geworden. Nach der erfolgreichen Ausbildung oder des Studiums geht es weiter. Weder ist der Abschluss einer Ausbildung heute eine Garantie für die Übernahme, noch ein abgeschlossenes Studium eine Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt. Unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktika, befristete Arbeitsverhältnisse und schlechte Entlohnung bestimmen zunehmend die Arbeitswelt. Eine langfristige Lebensplanung ist damit kaum mehr möglich. Das betrifft das Privatleben, aber auch politisches, soziales und ehrenamtliches Engagement.
Wer diesen Anforderungen nicht gerecht wird, fällt schnell durchs gesellschaftliche Rost. Soziale Ausgrenzung hat viele Gesichter und trifft auch junge Menschen. Kinder, deren Eltern nicht Akademiker sind, haben es schwerer. Die Erfahrungen aus ihrem Umfeld geben ihnen das Gefühl, dass ihnen sowieso fast alles verschlossen bleibt und es deshalb auch überhaupt nichts bringt, sich anzustrengen. Kein Ausbildungsplätze, keine Jobs, keine Chancen. Chancenlosigkeit wird im dreigliedrigen Schulsystem auch klar vermittelt. Es teilt schon sehr früh in „Gewinner“ und „Verlierer“. Ein Teil von Jugendlichen nimmt sich als außerhalb der Gesellschaft stehend wahr. Die reaktionäre Antwort darauf liegt in der Repression mit dem Argument, dass die Jugendlichen zu faul seien und mehr Druck bräuchten. Dabei ist es ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, wenn Jugendliche von 13 Jahren mit einer derartigen Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ausgestattet werden. Repression ist der falsche Weg.
Die Situation der Jugend ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen junge Menschen heute aufwachsen, haben sich verändert: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der Neoliberalismus die Polarisierung verschärft. Einkommen und Vermögen sind immer ungleicher verteilt und Beschäftigung in prekären Arbeitsverhältnissen nimmt zu. Von jungen Menschen erfordern die gesellschaftlichen Veränderungen einen hohen Preis. Sie führen zu Leistungsdruck und Unsicherheit. Wer dann den Anforderungen nicht gewachsen ist, erfährt, was soziale Ausgrenzung heißt.
Der richtige Weg wäre es, den Druck abzubauen, sozialere und sichere Jobs zu schaffen und mehr Chancengleichheit durchzusetzen. Weniger Druck gibt es, wenn mehr Freiräume, eine Entzerrung der Lehrpläne und mehr Reflektion statt Auswendiglernen Realität werden. Mehr soziale und sichere Jobs gibt es, wenn alle Jobs sozial abgesichert sind, angemessen entlohnt und z.B. der Missbrauch von Praktika-Verhältnissen nicht mehr möglich ist. Mehr Chancengleichheit gibt es, wenn in gute Bildung mit kostenlosen Kitas, längerem gemeinsamen Lernen in Ganztagsschulen mit kleinen Kitas, mehr Kontrolle in der Ausbildung und bessere Studiengebühren investiert wird. Das Geld dafür gibt es. Man muss nur die Vermögenssteuer und die Finanztransaktionssteuer einführen sowie die Erbschaftssteuer und den Spitzensteuersatz erhöhen.
Möglichkeiten gibt es genug. Entscheidend ist der politische Wille.
Auf dem Kongress „Links 2010- Veränderung durch Bewegung“ und www.links2010.de diskutieren wir, wie die Situation verändert werden kann.
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Ich erlebe die aktuelle Situation ähnlich und glaube, dass es ein fundamentales Thema der kommenden Jahre wird, wie diese Gesellschaft mit ihren Kindern und Jugendlichen umgeht und welche Perspektiven sie ihnen bieten kann. Interessant fand ich neulich bei einem Gespräch im Job Center beispielsweise, dass Hartz IV Empfänger keine Praktika machen dürfen, die länger als vier Wochen sind. Gestärkt werden soll damit angeblich die Rolle der Arbeitnehmer in prekären Verhältnissen. Tatsächlich wird so aber nur ALG II Beziehenden der Einstieg in den Job erschwert, solange die Unternehmen Praktika an andere vergeben, die die Bedingungen akzeptieren. Etwas schräge Denke, wie ich finde.
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Ich möchte höflich daran erinnern, daß der Mißbrauch von Praktikas und die dauernden Warteschleifen,in die Jugendliche (und nicht nur die) gesteckt werden, von der SPD in den Regierungen rot/grün und rot/schwarz massiv forciert wurde.
Und was sind "verbesserte Sudiengebühren?" Von meinen Kindern studieren derzeit 3, demnächst 4. Wir zahlen uns mit Studiengebühren / Anmeldegebühren /Verwaltungskosten /up-to-date Laptops / Fachliteratur schier kaputt. Von den Zimmermieten ganz zu schweigen. Und selbst das Leih-Bafög ist nur schwer und nicht für lange Zeit zu bekommen. Das Geld gibt es, ja natürlich. Es sammelt sich bei den Bankern, Aktiengesellschaften und dem FDP-Klientel und vermehrt sich dort wundersam. Die Griechen gehen z.B. auch nicht an ihrem Sozialsystem kaputt, sondern weil sie zum Rumballern (vor allem gegen den Erzfeind Türkei) ohne Ende neue Panzer, Kampfbomber und U-Boote brauchen. Das Gleiche gilt hier: Schluß mit dem Kriegführen von Bosnien bis in den Hindukusch und radikal runter mit den Rüstungsausgaben. Dafür sollte eine politisch-linke Bewegung kämpfen. Und das mit der Bildung in den Kindergärten: Beim letzten "Invest in future"-Kongress der Arbeitgeber in Stuttgart tönte der für Bildungs-und Qualifizierung zuständige Stefan Küpper, es handle sich bei den Kindern um "Humankapital", das von kleinst auf zu formen sei. Spätestens dann wird die Bildungsfrage eine Interessensangelegenheit, die zu hinterfragen ist. (by the way : Ich bin Mitautor des Orientierungsplans BaWü und leite eine mehrfach ausgezeichnete Kita, weiß also, wovon ich spreche). Durch den Rost fallen vor allem Sonder-und Hauptschüler, und hier besonders diejenigen, die bilingual aufwachsen, das heißt, keine Muttersprache beherrschen, sondern deutsch und ihre Herkunftssprache beide nur unvollständig sprechen können. Das ist nicht neu, trotz alledem wird viel zu wenig für diese Jungs und Mädchen getan. Gruß Hermanitou |
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Wenn wir Antworten suchen, um die sozialen Probleme in der BRD zu lösen, müssen wir über den Tellerrand der Republik hinausschauen.
Die Regeln die uns betreffen, werden zwar immernoch letztendlich vom Bundespräsidenten unterschrieben. Der überweigender Teil der Regulierung,die Vorverhandlungen die Vorentscheidungen, trifft man seit einiger Zeit auf überstaatlicher Ebene. Nicht durch Parlamentarier sondern durch Regierung und Bürokratie. Möglicherweise sind letztere auch national "legitimiert" sie sind jedoch- ich will ihnen in diesem Text nicht die guten Absichten absprechen- nur einige von vielen. Auf dieser Ebene können vor allem diejenigen, die es sich leisten können ihre Wünsche in die Waagschaale werfen: professionelle Argumentation, Werbung für die eigene Idee, Geschäftsessen, usw. Wenn es sie überhaupt gab, jetzt jedenfalls sind die Zeiten in denen die nationale Bevölkerung "souverän" war längst vorbei. Zwar müssen Politiker ihre Machenschaften durch Wahlen bestätigen lassen, gleichzeitig hängt ihr Überleben, als Regierung aber auch als politischer Gesellschaft überhaut, davon ab, wie erfolgreich die ansässige Wirtschaft ist, wie viele Steuern eingetrieben werden können. Wir leben in einem nationalen Wettbewerbsstaat. Der Neoliberalismus fördert das Gegeneinander der Menschen, Abgrenzung , Isolation Ausgrenzung und Hass. Wenn diese Probleme angegangen werden sollen, dürfen wir dabei nicht vergessen das wir in einer europäisierten und globalisierten Welt leben. Franziska muss wenn sie "wir" schreibt viel mehr meinen als nur die deutsche Gesellschaft. Wenn überhaupt lässt sich die Tobin Steuer nur weltweit verabschieden. |
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Bravo! - Ein Artikel, der mir aus der Seele spricht.
Es wird klar, was grundsätzlich falsch ist an unserem Erziehungssystem. Wenn wir unseren "i-Dötzchen" schon von Beginn an drohen "Morgen beginnt der Ernst des Lebens" kann doch in der Schule keine Freude aufkommen. Dort wird alles dem Leistungsgedanken unterworfen, individuelle Fähigkeiten werden nichtmehr gefördert, sondern versucht alle in eine Richtung zu erziehen, nach dem Motto: Was im Lehrplan steht mußt du können, alles andere ist egal und nichts wert! Viele Kinder kommen damit nicht zurecht und bekommen dann in der Schule den Druck. Der wird noch verstärkt von den Eltern, die fürchten, dass das Kind bei schlechten Leistungen später nicht anständig für sich sorgen kann. - Dieser Druck kann von den Kindern niht aufgefangen werden, sondern wird weitergegeben. An wen? - Natürlich an die noch Schwächeren der Gruppe, was sich in den bekannten Eskalationen äußert. Es herrscht also eine Stimmung vor, die durch die neokapitalistische Weltsicht geprägt ist, deren Zielen sich der Einzelne gnadenlos unterzuordnen hat. Ich finde wie Fr. Drohsel auch: Das muß endlich aufhören! |
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Wir alle, ausgewiesen durch unsere ja schließlich demokratisch legitimierten Vertreter, scheinen der Meinung zu sein, dass mehr Druck in allen sozialen Bereichen notwendig ist. Überall droht sonst die Hängematte. Also verordnen wir Pubertenten 36 Unterrichtsstunden, mithin eine volle Arbeitswoche. Aber während die Arbeitswoche eines Erwachsenen, selbst eines Studierenden die Beschäftigung mit einigen wenigen miteinander mehr oder weniger eng verwandten Themen vorsieht, zwingen wir die Heranwachenden(!) unsere gesamte Kultur in Akkordform auf: 45 Minuten Wiener Kongress, 45 Minuten Raum-Zeit-Konzept der Relativitätstheorie, 90 Minuten Gretchentragödie, 45 Minuten Händel, 45 Minuten auf Ebenen senkrecht stehende Vektoren, 90 Minuten Test über Verfassungsorgane der Bundesrepublik.
"Ich wollte eigentlich nach dem Abi ein Jahr ins Ausland, aber das geht nicht, denn dann sind die Unis noch überlaufener, ich habe mich deshalb auch gleich fürs Frühstudium beworben." Meiner Einschätzung nach haben ab der Klasse 12 etwa 10% der Schülerinnen und Schüler selbst für mich als Laie erkennbare burn-out-Symptome. Meiner Beobachtung nach sind das gerade die leistungsbereiten, interessierten Schüler: Wir bilden keine Staatsbürger, wir züchten Neurotiker. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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