Peter Plöger

Arbeitssammler

17.08.2011 | 12:43

Deutschland, kein Raum für Denker

Wo sind sie bloß, die jungen deutschen Intellektuellen? Man hört nicht viel von ihnen in letzter Zeit, trotz Finanzkrise, empörter Jugend in Kontinentaleuropa, Plünderungen in England, Revolutionen in der arabischen Welt. Neue Krisen werden kommen, immer wieder, wir werden die Durchblick schaffenden Stimmen der Intellektuellen weiterhin brauchen. Aber das Land der Dichter und Denker macht es dem denkenden Nachwuchs gerade sehr schwer.

Ihr Problem beginnt heute als Existenzproblem. Welchen Platz räumen wir den nachwachsenden Intellektuellen denn ein? Etwa einen Arbeitsplatz? Die Zeit, als Hochschulabsolventen und andere Hochqualifizierte noch so gut wie sicher mit einem komfortabel dotierten, langfristigen Arbeitsvertrag rechnen konnten, ist vorbei. Einen Stuhl, von dem aus es sich in Ruhe denken lässt, weil er nicht wackelt, gibt es für immer weniger von ihnen. Viele Hochqualifizierte landen heute in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, in Teilzeitarbeit, befristeter Anstellung, als Jobnomaden, andere machen sich gleich als Ein-Personen-Unternehmen selbständig. Der taxifahrende Germanist ist längst nicht mehr das einzige originelle Arbeitsmodell für Akademiker, erst recht kein Scheiternsmodell mehr. Die Juristin mit Lifestyle-Laden oder der Geo-Ingenieur, der projektweise auf Baustellen und parallel als Theaterbeleuchter arbeitet, sind neben tausend anderen Arten, Geld zu verdienen, hinzugekommen. Gerade die Selbständigen sind oft sehr zufrieden mit ihrer Erwerbsform, bedeutet sie doch ein Maß an Autonomie in der Arbeitsorganisation und der Bestimmung der Arbeitsinhalte, das sie als Weisungsempfänger in einem Unternehmen oder an einer Universität lange suchen müßten. Mit Recht begreifen sie ihren volatilen Status als Chance. Nur: Bleibt neben der Selbstverwirklichung, Selbstorganisation und möglicherweise Selbstausbeutung noch Raum, ein öffentlichkeitsrelevanter Intellektueller zu sein? Schwerlich. Wenn, dann mit viel Enthusiasmus, der sehr wahrscheinlich mit steigendem Existenzrisiko bezahlt wird, weil kein Geld in die Kasse kommt.

In diesem Sinne ist die erste Gefahr für die Intellektualität nicht die Alterung, sondern der Arbeitsmarkt, genauer gesagt: dessen rapider Wandel, den wir augenblicklich bezeugen können. Zeitungen haben einen guten Teil ihrer Journalisten entlassen, zu freien Mitarbeitern transformiert oder durch Volontäre ersetzt; an den Hochschulen sind neulich die ersten promovierten Ein-Euro-Jobber aufgetaucht; die ehemaligen Hauptlieferanten von Intellektualität, die Geisteswissenschaften, geraten in den Generalverdacht mangelnder Rentabilität und ducken sich lieber weg; Verlage werden unter zunehmendem ökonomischen Druck immer unbeweglicher, verschlanken Personal und Programm auf das wirtschaftlich Notwendige. Die neuen atypischen und selbständigen Beschäftigungen, die sich die Hochqualifizierten zum Teil selbst erschaffen, sind in der öffentlichen Wahrnehmung noch gar nicht angekommen. Die Politik ignoriert sie, blockiert sie sogar durch ein belastendes und intransparentes Abgabensystem, statt Steine aus dem Weg zu räumen. Der Arbeitsmarkt, kurz gesagt, stellt den Platz für zukünftige Intellektuelle mithin mehr und mehr zu, bis sie sich irgendwann nicht mehr rühren können.

Selbst wenn die Chancen für Intellektuellennachwuchs größer wären beziehungsweise dieser seine Möglichkeiten besser nutzen würde: Woher soll er in Zukunft kommen, der Nachwuchs, der seine Möglichkeiten auch auszufüllen wüsste? Der Umbau der Universitäten, so traurig das ist, entwickelt sich immer weiter zur zweiten Gefahr für die Intellektualität. Intellektualität heißt, neben vielen anderen Fähigkeiten, auch: Antennen für das Wesentliche seiner Zeit zu haben; Themen zu erahnen, noch bevor die Medien sie zu Aktualitäten machen; Zusammenhänge zu erkennen; Gründe und Untergründe zu sehen; Perspektiven zu wechseln. Um sich solche Fähigkeiten anzueignen, bedarf es vor allem zweier Dinge: Zeit und Offenheit. Beides kann das Hochschulstudium der Bologna-Ära nicht liefern. Im Gegenteil.

Zeit haben Bachelorstudierende nicht mehr. Sie müssen Punkte machen. Die erste Frage in jedem Seminar ist heute: „Wie viele Creditpoints bekomme ich dafür?“ Wer seinen Laufzettel nicht innerhalb von drei Jahren voll hat, muss um seinen Prüfungserfolg und seinen späteren Arbeitsplatz zittern. Existentieller Druck ersetzt substanzielles Interesse, denn um Inhalte kann es nicht mehr gehen. Bulimie-Learning füllt Tage und Semester: schnell gelernt und zur Klausur noch schneller wieder von sich gegeben, damit Platz ist für den nächsten Stoff. Ende nach sechs Semestern ohne einen Blick in andere Fächer, ohne Innehalten, ohne disziplinäre Selbstreflexion, von Auslandssemestern oder außerfachlicher Berufserfahrung gar nicht zu reden. Stattdessen Engführung und Beschleunigung.

Die Offenheit für andere als die aktuell notwendigen Inhalte, für den Perspektivenwechsel, für den Blick auf Zusammenhänge, bleibt völlig auf der Strecke. Das Bachelorverfahren verstärkt hier nur eine Schwäche, an der die Universitäten schon lange kranken: Trotz aller Lippenbekenntnisse zur „Interdisziplinarität“ hat es für eine echte, die Grenzen der Fachbereiche überwindende, im besten Sinne transdisziplinäre Forschung und Lehre nur ganz selten einmal gereicht. Man kapriziert sich nach wie vor lieber auf Spezialwissen, statt sich den Unwägbarkeiten auszusetzen, die ein Schritt auf das Grundstück des Nachbarn – geschweige denn auf das angrenzende freie Feld – bedeuten würden. Gelehrtheit mag man so erreichen, für Intellektualität bräuchte es dagegen mehr Mut.

Den Mut zum Intellektuellen hätten viele von denen, die auch das Zeug dazu haben. Wer kann es ihnen aber verdenken, wenn sie andere Wege einschlagen? Die Universitäten sperren die nötige Bildung zunehmend aus und begnügen sich mit Verengung und Irrelevanz. Die Fähigkeiten, die eine Intellektuelle oder ein Intellektueller braucht, werden rar in den Curricula und studentischen Lebensläufen. Ebenso auf dem Arbeitsmarkt, der in Zukunft wahrscheinlich ein noch schlüpfrigeres Pflaster für Denker werden wird. Wo also wäre denn der Ort, an dem Denker ihre Intellektualität entwickeln könnten? All die Fähigkeiten, die ihren unverstellten Raum brauchen, Raum, um sie sich anzueignen, Raum, um sie ins Leben zu setzen. Noch gibt es ihn, aber er schrumpft.

Ach ja, die vielbeklagten Denker! Denken würden sie ja. Fragt sich nur: wo?

 

 
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Kommentare
ebertus schrieb am 17.08.2011 um 15:20
Akademisches Proletariat ante portas?

Kulturwissenschaftliche Studiengänge werden reduziert, zusammengelegt, gestrichen. Brotlose Künste sind nicht mehr gefragt; noch weniger als bislang schon. Das Funktionieren, das Laufen im Rad ist zunehmend Credo der menschlichen Existenz.

Aber war es jemals anders? Nur für wenige Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, vielfach dem Kampf der Systeme, später der Ost/West-Konfrontation geschuldet, nur unter diesen (liberalen) Rahmenbedingungen war Denken möglicherweise ein Stück weit frei von dem Sein, welches das Bewußtsein bestimmt.

Guter Beitrag, die sehr pragmatisch orientierte, ggf. Kollateralschäden zurück lassende Entwicklung erkannt und verständlich skizziert. Dennoch, aus größerer Distanz betrachtet ist dies alles sehr normal, der Rollback in die Feudalgesellschaft. Und ob es wieder die Kirche, die Religion sein wird, unter deren Dach das Denken im Verborgenen blühen kann, dies ist nicht ausgemacht. Die Scheiterhaufen andererseits, wenn Nachdenken über die Zukunft unter Generalverdacht gestellt wird, diese Feuer lodern schon.
GEBE schrieb am 17.08.2011 um 17:59
„Und ob es wieder die Kirche, die Religion sein wird, unter deren Dach das Denken im Verborgenen blühen kann …“

Sehrwohl ist das ausgemacht, lieber ebertus!

Es beweißt doch alleine schon die Tatsache, daß die Kirche(n), daß Religion(en) außer diffusen Gläubischkeiten ja nichts anzubieten hatte, was ein wahrhaftiger geisteswissenschaftlicher Gegenpol hätte sein können, daß sie diese Potenz nicht in der Lage war aufzubringen. Wie soll sich daran plötzlich etwas ändern, solange dies systemisch weiter so gegeben ist?
Das wahrhaftige Begreifen von Wahrheiten und Weisheiten ist ja nur möglich, indem man sie selbst begreift und nicht dadurch, daß man sie für wahr hält, weil sie einem vorgebetet werden. Darin liegt das Schicksal auch unserer Tage: daß es einerseits eine Crux darstellt und andererseits eine Chance ist, daß nur der Einzelne in sich selbst zu Erkenntnissen kommen kann, die fruchtbar sind. Die Crux liegt darin, das damit unweigerlich ein weltumspannender Bankrott bestehender Strukturen einhergehen wird, in einem Ausmaß, welches als Chaos durchaus als richtig vorgestellt zu benennen sein wird; von dessen Beginn wir Zeitzeugen sind. Die Chance liegt dabei in der damit einhergehenden vollkommnen Freiheit und Eigenverantwortlichkeit, nichts überkommenes mehr tun zu müssen und Gestaltungsräume neu schaffen.

Man wird nur (schmerzlich) sich daran gewöhnen müssen, daß es mit dem Anbeten von Atavismen ein Ende hat!
konyhakert schrieb am 18.08.2011 um 13:28
vieles richtig, was du schreibst, GEBE.

aber:
1. die kirchen und religionen sind selbst in der krise. sie sind keine alternative mehr, und bieten zwar gelegentlich, aber immer weniger freiräume, auch für die geistige entwicklung (auch die kirchen sind in den finanziellen sog geraten, dadurch wird es auch für deren handlungsspielräume oft genug eng). heute nicht. die reaktionäre zuspitzung wie in amerika (man schaue sich bspw. die tea-party-bewegung an) oder auch in eine andere region geschaut, die bewegungen im arabischen raum, das sind zeichen dafür, daß sich auch dort etwas wandelt oder wandeln möchte (und auf ein verhärtetes altes stößt, welches sich in dogmatischer zuspitzung zurückzieht und verharrt).

2. dafür, was entstehen wird, wenn das ganze gebäude, welches seit einiger zeit beginnt zu wackeln, zusammen stürzt - dafür sind WIR verantwortlich. wir alle...

wenn wir uns heute nicht bewegen, uns gedanken machen, wie es in zukunft aussehen soll, was wir anders machen wollen, wie es besser werden soll, wie wir die freiräume, die entstanden sind, verteidigen und verbreitern, für alle, für ein besseres leben (so wie es eigentlich die gegenwärtige wirtschaftliche entwicklung als chance enthielte, wenn der gewinn aus dieser immensen produktivität nicht nur in eine richtung abflösse) wenn wir nicht aufhören, uns um des kaisers bart zu streiten und uns auf die wesentlichen dinge einigen, die uns verbinden... etc.pp.... dann wird es so weiter gehen wie jetzt in engalnd: ungerichtete hilflose kämpfe von ausgeplünderten, die sich nehmen, was ihnen in der werbung versprochen wird und was sie sich nicht leisten können. der niedergeschlagen wird und mit aller härte des gesetzes geahndet. und mehr noch, sich bereits in einer illegalen grauzone von repressiver gewalt des staates befindet. um abzuschrecken. und angst zu erzeugen.

ich sage immer wieder: es braucht ideen/ visionen, es braucht zukunft, perspektiven und mut, diese zu artikulieren. und ein zusammenfinden für eine idee der zukunft...
GEBE schrieb am 17.08.2011 um 17:34
Intellektuelle, und somit also auch junge Intellektuelle, die ja zunächst einmal solche sind, bevor sie durch des Lebens Weisheit später zu gestandenen Denkern sich empor fürsten, gehen stets aus einem entsprechenden Erziehungswesen hervor.
Die Niveauabflachung des Erziehungswesens in den letzten dreißig Jahren - indem man sich stets mehr und mehr zum unteren Rand hin orientiert hat, zu dem, was schwache, faule Schüler zu erbringen imstande sind und willens sind zu erbringen, von dem man sich zudem eingebildet hat, es sei ja sooo sozial, diese Ansprüche abzusenken -, ist nun mal nicht mehr imstande, besondere Intellektuelle hervorzubringen bzw. überhaupt eine gesellschaftliche Atmosphäre zu schaffen, in der Denkertum fruchtbaren Boden haben kann.
Es fängt ja schon damit an, daß Existenzfragen, also das eigentliche denkerische Betätigungsfeld des Denkers, verkehrt wird ins Äußere und somit profanisiert wird zum „Existenzproblem“ materialistischer Provenienz, kurz um zum Ökonomischen - welches Sie ja auch ausgiebig beschreiben.
Weder „Alterung“ noch „Arbeitsmarkt“ sind Hindernisse oder Hürden für die Ausbildung von Intellektualität. Es ist diese Aussage eine selbstreferentielle, also ein circulus vitiosus. Denn: was soll das denn überhaupt für eine Intellektualität sein, die sich solche externalen Attribuierungen als Erklärmodelle (vulgo: Ausreden) zimmert, um damit anführen zu wollen, daß sie sich nicht hinreichend betätigen könne?! Alleine dadurch überführt sich der sich latent als intellektuell befähigt Wähnende schon im Ansatz der Unfähigkeit denkerischen Vermögens. So trifft es nicht zu, daß Denken nicht möglich wäre, weil dazu äußere Voraussetzungen, ein kommoder Rahmen fehle. Denken ist ein inneres (intellektuelles) Lebensbedürfnis, - und wenn man dazu also kommode Umstände als Voraussetzung für nötig hält, so kann dieses Bedürfnis wahrlich einerseits nicht besonders ausgeprägt sein; zum anderen scheint es damit schon im Ansatz vor Dekadenz zu strotzen. Es mag auch sein, es liegt schlicht und einfach Denkfaulheit vor, und man gibt aus dieser Faulheit heraus dem Assoziieren, dem Kombinieren schnöder Affirmationen, innerhalb der Kategorien von Sympathien und Antipathien, in Form von Reiz-Reaktionsschemata den Vortritt.
Letzteres, dies ist sehr aufzeigbar, liegt als Ursache vor, aus der sich das Erziehungswesen vornehmlich in den letzten Jahrzehnten rekrutiert hat – mit all den üblen Wirkungen, die Sie in Ihrem Beitrag auch aufgezählt haben, welche ja als eigentliche, inzwischen im gesellschaftlichen „Denkgemüt“ durch entsprechende Konditionierungen etabliert sind. Wahre Intellektualität aber hat immer mit einem gewissen Anarchentum zu tun (vulgo: dem Infragestellen.). Nur dazu gehört als Grundvoraussetzung Übung in Dialektik und folgerichtigem Denken, sprich Logik.

Also: nicht dekadent jammern und picheln, sonder geistig hämmern und sicheln!
GEBE schrieb am 17.08.2011 um 17:40
P.S.: Ich vergaß: es ist das alles kein deutsches Problem; nur will ich aber zugeben, daß der heutige Zustand im Vergleich und im Hinblick auf Deutsche Philosophiegeschichte ein sehr krasser ist.
GEBE schrieb am 17.08.2011 um 19:19
P.P.S.: Daran ändert auch eine gesafranskiierte Sloterdijkirisierung nichts.
claudia schrieb am 18.08.2011 um 11:40
Die Enttäuschung darüber, dass beginnend ab ca. 1970 ein akademisches Proletariat geschaffen wurde, dem die höheren Weihen der „Elite“ versagt bleiben, ist nachvollziehbar.

Aber die Meinung, in einer wohlbestallten Elite entstünde „Intellectus“(=“Wahrnehmung“, „Erkenntnis“) in besonderem Masse ist ein Trugschluss.

>>Wo also wäre denn der Ort, an dem Denker ihre Intellektualität entwickeln könnten? All die Fähigkeiten, die ihren unverstellten Raum brauchen, Raum, um sie sich anzueignen, Raum, um sie ins Leben zu setzen.<<
Der Ort ist überall, wo Menschen bereit sind ihren Kopf zum Denken zu benützen.
Wo Menschen sich die Neugier, das „Wissenwollen“, nicht abkonditionieren lassen.
Wo die Bereitschaft vorhanden ist, „Selbstverständliches“ zu hinterfragen.
(Auch die als Selbstverständlichkeit gesehene Überzeugung zu hinterfragen, dass "Intellectus" durch die Wohlbestallung einer Kaste von Diplomdenkern entstehe.)

---
Abgesehen davon ist ein Bildungswesen, das Menschen zum „renditeschaffenden Faktor“ reduziert natürlich für Menschen nicht zumutbar.
Nietzsche 2011 schrieb am 17.08.2011 um 19:16
Einige Anmerkungen:
Ich bezweifle, dass man alle jungen Intellektuellen so zusammenfassen kann wie im Artikel geschehen. Nach wie vor gibt es die Aufsteiger, die mit 30 Jahren zumindest Juniorprofessor sind oder in der Wirtschaft eine steile Karriere hingelegt haben (z.b. mit juristischer Ausbildung). Ich denke, dass die Streuung viel breiter geworden ist.
Da zu Beginn des Beitrages von krisen und Rebellionen die Rede war - ja, wo sind die jungen Intellektuellen in Deutschland, die sich an die Spitze von Reformbestrebungen (ich will es mal so nennen) stellen? Ich aheb den Eindruck, dass für junge Sozial- und Geisteswissenschaftler es nur noch ein Job, aber keine innere Berufung ist. Kurz, wir werden hier wohl keinen Sartre oder wenigstens Habermas mehr "entdecken".
Ehemaliger Nutzer schrieb am 17.08.2011 um 20:37
Der Zustand der deutschen Universitäten ist gemessen an den Entwicklungen der letzten zehn Jahre sicherlich miserabel, doch den Studenten ist das egal. Sie dulden oder fordern gar Marktfähigkeit und "Praxisbezug". Sie fragen nach der Lektüre von McLuhan, wozu das einem jetzt bitte "nütze". Die Zweckmäßigkeit und Verrechenbarkeit allen Handelns, das reibungslose Funktionieren, um "seinen Arsch zu retten" überragt jede Sehnsucht nach einem müßigen Philosophieren. Und wer sich mit einem Etikett "Junger Intellektuelle" brüstet, sind sicher nicht diejenigen, die Diskurse aufbrechen und gesellschaftlichen Wandel provozieren. Es ist eher noch eine Form von Lifestyle mit Hornbrille und FAZ an der Mensatheke zu stehen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 17.08.2011 um 20:37
Der Zustand der deutschen Universitäten ist gemessen an den Entwicklungen der letzten zehn Jahre sicherlich miserabel, doch den Studenten ist das egal. Sie dulden oder fordern gar Marktfähigkeit und "Praxisbezug". Sie fragen nach der Lektüre von McLuhan, wozu das einem jetzt bitte "nütze". Die Zweckmäßigkeit und Verrechenbarkeit allen Handelns, das reibungslose Funktionieren, um "seinen Arsch zu retten" überragt jede Sehnsucht nach einem müßigen Philosophieren. Und wer sich mit einem Etikett "Junge Intellektuelle" brüstet, sind sicher nicht diejenigen, die Diskurse aufbrechen und gesellschaftlichen Wandel provozieren. Es ist eher noch eine Form von Lifestyle mit Hornbrille und FAZ an der Mensatheke zu stehen.
GEBE schrieb am 18.08.2011 um 14:55
@ Autor Peter Plöger

Mich wundert Ihr Schweigen zum eigenen beitrag. Wollten Sie nur was hingepfählt haben oder eine Diskussion? - Oder ist Ihnen gar das intellektuelle Wechselgeld ausgegangen?
konyhakert schrieb am 18.08.2011 um 15:51
es tut mir leid, das sagen zu müssen: aber mich ödet das negative "genöhle", wie ich es mal ganz direkt ansprechen will, ziemlich an.

dieses oberflächliche herabschauen auf die jungen, die mit handy und lifestyle und einem für ihre generation typischen entwurf dabei sind, diesen umzusetzen. oder das genöhle über "denkfaulheit".

das ist oberflächlich und geht nicht über die beobachtungen hinaus, die man gelegentlich in einer uni-mensa machen kann oder auf dem campus hinaus. und es geht konform mit den unterstellungen, die aus der konservativen ecke kommen, und den jungen , die heute keine arbeit mehr bekommen, unfähigkeit zu unterstellen, eigenverschulden usw. und damit nichts anderes tun, als ihr eigenes schlechtes gewissen zu beruhigen über die entwicklungen, die die protagonisten (diese generartion der noch abgesicherten akademiker und sonstiger funktionsträger etc.) entweder selbst mit hervor gebracht haben oder aber das entstehen dieses akademischen prekariats und der unsicheren verhältnisse auch in diesem sektor der wissensgenerierung und -vermittlung untätig hingenommen haben und weggeschaut. es ist der ausdruck eines schlechten gewissens, der sich selbst nicht eingestanden wird. der psychologe sagt projektion zu einem solchen verhalten. damit wird das eigene verhalten abgespalten und dem gegenüber vorgeworfen. es ist ein ganz einfacher mechanismus. und überall beobachtbar. wenn man ihn einmal kennt und begriffen hat, wie er funktioniert, kann man ihn überall erkennen. insbesondere in so negativen diskussionsverläufen wie hier.

ich erkenne nicht, daß eine/r der diskutanten auch nur ein näheres verhältnis zu den jungen hätte. man hat nur einen äußeren eindruck. mehr nicht. man weiß nicht, man kennt nicht die wut, die dort herrscht, ist nie in den internetforen gewesen, wo sich diese jungintellektuellen austauschen und ihre ideen entwickeln. man hat keinen bezug zu diesen. weil man sie nicht kennt. und auch nicht die orte, wo sich diese treffen.

allein ein aufmerksames nutzen eines facebook-accounts würde schon den zugang erleichtern. hier gibt es vernetzung und austausch. und ideen und zukunftsgedanken. aber nichts davon kommt an bei den "altvorderen". sie maulen und meckern. über etwas, das sie gar nicht kennen.

ich empfehle für den anfang folgende seite:

https://www.facebook.com/pages/Echte-Demokratie-jetzt/210471548985466

von da aus kann man sich weiter bewegen. wenn man bereit ist dazu...
Peter Plöger schrieb am 21.08.2011 um 12:37
Zuerst einmal muss ich mich entschuldigen für meine späte Reaktion. Der Grund ist ganz banal: Ich war unterwegs in Norddeutschland und hatte dort wider Erwarten einige Tage keinen Internetanschluss (ja, schmunzelt ruhig!). Soll heißen, ich konnte denken - aber nur für mich. Genau da, beim „Für-sich-denken“, möchte ich ansetzen:

@GEBE und Claudia
Intellektualität ist keine private Form des Tätigseins. Intellektuelle denken öffentlich. Das ist meiner Auffassung nach ihre wesentliche Funktion. Zu den Voraussetzungen von intellektueller Tätigkeit gehören mithin zum einen sich ohne Angst öffentlich äußern zu können (haben wir in Deutschland allergrößtenteils erfüllt); zum anderen eine Existenz als Intellektueller führen zu können. Auch eine Intellektuelle braucht einen existenziell sicheren Grund, auf dem sie stehen und von dem aus sie ihre Arbeit tun kann. Natürlich: Das muss keine feste Stelle sein. Es können auch mehrere, befristete oder Teilzeitbeschäftigungen sein, von denen man unter Umständen sein täglich Brot bestreiten und sogar zufriedener Leben kann als in der Festanstellung. Natürlich: Das könnte auch die totale Armut sein, denn dann hat man die Freiheit, nichts mehr verlieren zu können. Aber bitte: Sicher kann der Kopf voll sprühender Gedanken sein, wenn das Konto auch leer ist. Aber das ist doch Boheme-Romantik, die wir nicht als Lebensmodell an junge Leute herantragen sollten. Wir haben uns einmal soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen unserer Gesellschaft geschrieben.
Es geht mir um die Grenze zwischen einer Existenz in Prekarität (die natürlich das intellektuelle Tätigsein behindert, weil sie den Fokus der täglichen Aktivitäten auf die Existenzsicherung verschiebt) und einem Leben, das ein Minimum an materieller Versorgung, an Selbstbestimmtung und an Lebenschancen beinhaltet. Es geht mir nicht um die Grenze zwischen diesem Leben mit existenzieller Grundausstattung und dem durch akademische Pfründen „wohlbestallten“, das in einem „kommoden Rahmen“ stattfindet. Die Realität für Akademiker zum Beispiel sieht heute nicht so aus, dass sie die Wahl hätten zwischen einer Professur und einem Job in der Wirtschaft. Oft genug liegt die Wahl zwischen keiner Beschäftigung an der Hochschule und einem unterbezahlten Halbjahresjob als Lehrkraft.
Die Homepage der „Intelligenzija Potsdam“ macht die Arbeitswirklichkeit der Lehrkräfte an deutschen Hochschulen unter den Bedingungen der Prekarisierung plastisch sichtbar: intelligenzija.jimdo.com
Akademisches Proletariat ante portas? Ja genau. Denken können ist nicht der Punkt. Öffentlich und Nachhaltig - das heisst wirksam und langfristig – denkend und sich artikulierend tätig sein zu können ist der Punkt. Dazu muss es die Möglichkeit geben, eine Existenz als Intellektuelle zu führen. Das ist ein Problem der Arbeitswelt und nicht eines der subjektiven Ausstattung mit Synapsen oder Neugier oder privatem Denkraum.
Ein anderes Beispiel: Journalisten unterliegen heute einem verstärkten zeitlichen Druck bei der Herstellung ihrer Texte. Sie müssen darüber hinaus bei der Produktion der Presseerzeugnisse Aufgaben übernehmen, die sonst spezialisierten Kräften übergeben waren: Fotos, Korrektur, Layout, Druckvorstufe, usw. Ein Journalist der Rheinischen Post erzählte mir im Interview einmal, dass er mittlerweile nur noch 20% journalistische Kernarbeit mache, der Rest bestehe aus den oben genannten zusätzlichen Aufgaben. Dazu kommt, dass er Zeuge der Umstrukturierungsprozesse war, die eben jenen Mitarbeitern den Job gekostet hat, die früher diese Aufgaben hauptberuflich erledigt haben.
Urteilen, analysieren, kommentieren, Überblicke schaffen, in das öffentliche Bewusstsein bringen? Vielleicht sogar mal ein Thema so intensiv beharken, dass ein Buch dabei herauskommt? Wie soll das noch in den Beruf passen, wenn quasi nur noch Platz für das nötigste technische Alltagsgeschäft ist? Mit Husch-husch tut man der Intellektualität keinen Gefallen.

@ konyhakert und Mira Malady
Tatsächlich kann man den jungen Akademikern ihre grundsätzlich pragmatische Haltung dem Aneignen der Studieninhalte gegenüber nicht nachtragen. Schließlich kennen sie sie noch aus der Schule und haben danach nichts anderes kennengelernt. Dennoch kann man bei ihnen allenthalben eine Bereitschaft zum Engagement außerhalb des täglich Nötigen beobachten. Deshalb halte ich die Anfangzwanziger auch nicht für die „unpolitische, oberflächliche Generation“, als die sie gerne dargestellt werden. Sie engagieren sich punktuell für alles mögliche, innerhalb und außerhalb der Hochschule; merkwürdigerweise aber kaum für ihre eigene Zukunft in einer Arbeitswelt, die ihnen (s.o.) ein Minimum an materieller Versorgung, Selbstbestimmtung und Lebenschancen eröffnen würde – was strukturell sicher möglich wäre, aber nach dem jetzigen Trend unwahrscheinlicher wird. Die Gerechtigkeit der Lebenschancen nimmt in Deutschland ab, das betrifft auch mehr und mehr Hochqualifizierte. Was sollen die Jungen denn noch mehr tun, als sich bis unter die Haarspitzen zu qualifizieren? Sie haben sich ja schon allem angepasst, was der durch Funktionäre in Fakultäten und Verwaltungen vorschnell durchexerzierte Bolognaprozess an sie herangetragen hat. Jetzt müssten sie wieder weitsichtiger werden und die Folgen des Prozesses für sich und die Nachkommenden klar benennen; die Wut, wo sie vorhanden ist, artikulieren; sich darin denen anschließen, die schon in der prekären Arbeitswelt angelangt sind. Kurz: zu „Empörten“ werden!
GEBE schrieb am 21.08.2011 um 15:09
Um es auf den Punkt zu bringen, Herr Plöger, sind Begriffsdefinitionen manchmal sehr hilfreich.

Intellekt, von lat. Intellectus ≈ Innewerden, Wahrnehmung, Erkenntnis, bezeichnet die Fähigkeit, unter Einsatz des Denkens Erkenntnisse und Einsichten zu erlangen; Denk-, Erkenntnisvermögen.“

Denk- und Erkenntnisvermögen zu erlangen hat nun wahrlich nicht die Bohne mit äußerer Stellung zu tun.

Das, was Sie hier vortragen, mag hinsichtlich des ökonomischen Kontextes begreiflich sein – es betrifft dies allerdings alle Menschen! Sogenannte "Intellektuelle" herauszustellen gerät für Sie damit zu einer pseudointellektuellen einzigartigen Beschämung!

Weshalb Sie nämlich meinen, es beträfe insbesondere sogenannte Intellektuelle, ist absolut nicht nachvollziehbar – bzw. nur dann nachvollziehbar, wenn man Ihren Denkgemütsfiguren eine ordentliche Portion Eingebildetheit und Chauvinismus als Triebfeder zugrunde legt.

Ich bin fast geneigt zu sagen: ich könnte mir vorstellen, es würde sehr von Vorteil für Vertreter solcher Positionen wie der Ihren geraten, wenn ihnen tatsächlich über längere Dauer der Magen knurren würde, damit sie anfangen sich ihrer inne zu werden und beginnen Denk- und Erkenntnisvermögen zu erlangen. Denn was Sie nun noch unterstreichend - nach einer Woche Abwesenheit, die Ihnen selbstverständlich aufgrund der Umstände nachzusehen ist – zum besten geben, ist, mit Verlaub, Ausfluß einer wohlstandsverwahrlosten Wehleidigkeit.

Intellekt scheint für Sie tatsächlich ein Fremdwort zu sein.
Peter Plöger schrieb am 21.08.2011 um 17:42
Ich begreife nicht, wie man so störrisch an einer Wörterbuchdefinition von "Intellekt" hängenbleiben kann, wenn sich die Diskussion in ihrem Kern um die sozialen Auswirkungen der Arbeitswelt für Hochqualifizierte dreht und weiter deren Folgen für die zukünftige Situation der Intellektuellen in Deutschland.
Ich begreife nicht, warum man "Intellektualität" so beständig mit einem bestimmten hohen Status in Zusammenhang bringen muss. Welches hartnäckige Fremdurteil ist da denn am Werk? Natürlich gehören die meisten prekär Beschäftigten nicht zum akademischen Nachwuchs, das muss hier doch nicht extra erwähnt werden.
Ich begreife auch nicht, wie man die beobachtbare Realität der Hochschulen und der Jobs des akademischen Nachwuchses ignorieren kann, indem man den Hinweis darauf schlicht mit "Wohlstandsverwahrlosung" wegbegründet.
Um das zu verstehen fehlen mir in der Tat die intellektuellen Ressourcen.
tlacuache schrieb am 21.08.2011 um 13:20
Peter Plöger,
insgesamt bin ich mit Ihrer Analyse sehr einverstanden, auch Intelektuelle brauchen die "Maslowsche Bedürfnispyramide" um frei denken zu können.
Aber mir, der ab 1981 - 1999 noch richtig Kohle gemacht hat, um dann ab 2000 5 Jahre mit 5 € am Tag dahinzusiechen, ohne Krankenversicherung, weil er "sich Intelektuell" weiterbilden wollte und eine andere Kultur kennenlernen wollte, da ist nicht mehr viel mit "intelektuell Denken", da geht es eher darum "wie gehe ich jetzt die Leiter hoch damit ich mir kein Bein breche", weil es keiner zahlen wuerde...

Und ich hatte noch den Riesenvorteil, einen deutschen Pass zu besitzen, also last exit Hartz IV wenn alles danebengeht...

Wenn wir nicht in der Lage sind, den "jungen Intelektuellen Maslowmässig" freiraeume zu schaffen, ist da bald schluss mit "gesamtheitlicher Intelektuellialitaet".

Eine Kleinigkeit habe ich noch zu bekritteln:
Sind die "Nichtintelektuellen" jetzt 2. Klasse oder wie?
;-)
Peter Plöger schrieb am 21.08.2011 um 14:23
Ihr Beispiel ist ein treffendes für das, was ich meine: Wie kann ich intellektuell tätig sein, wenn ich mir erst einmal mehr Sorgen um meine Krankenversicherung machen muss? Es ist keineswegs so, dass alle, die zu intellektueller Arbeit befähigt wären, "maslowmäßig" auf einem breitem Pyramidensockel stünden. Wenn das so ist, muss man sich - Sie sagen es - Gedanken darüber machen, was es gesamtgesellschaftlich bedeutet, wenn jungen Intellektuellen die Räume eng gemacht werden.
Die Gedanken um die "Klasse" mache ich mir dabei überhaupt nicht. Letzten Endes sitzen wir alle im selben Boot. Was man auch daran sieht, dass die Existenzchancen durch die Entwicklungen am Arbeitsmarkt quer durch alle "Klassen" (lies: Ausbildungsniveaus) hindurch beschnitten werden.
tlacuache schrieb am 21.08.2011 um 15:10
Lieber Peter,
ich meine das nicht persoenlich oder "bocke" immer gegen "Blogger", im Gegenteil, ich freue mich auf Kommentare die mich selber weiterbringen.
Ihr Kommentar:
"Letzten Endes sitzen wir alle im selben Boot" stimmt einfach nicht !
Die meisten, wie Sie und ich, sitzen im 3 Meter Kanu, viele wenige in der 12 Meter Yacht, wenige in der 30 Meter Yacht mit Hubschrauber und die Milliardaere basteln schon am Boot Richtung Mars, obwohl Sie sich fuer ihre Enkel ganz gewaltig verkalkulieren werden...
Aber Inselchen der Heimseligkeit haben ja Auftrieb, um die naechsten 100 Jahre noch durchzuhalten...

Siehe
www.vladi-private-islands.de/kaufinseln.html

schoene Gruesse
Peter Plöger schrieb am 21.08.2011 um 17:47
... und manche halten sich an dem letzten Strohhalm fest, der von ihrem Floß noch übrig geblieben ist. Natürlich haben Sie recht: Das selbe Boot ist es nicht - höchstens das Meer ist für alle gleich. Um die Gesellschaft als ganzes ist es, meine ich, aber schlecht bestellt, wenn sie ihre Intellektuellen vergisst. Oder die sich auf eine entfernte Insel verabschieden.
tlacuache schrieb am 21.08.2011 um 17:58
..."höchstens das Meer ist für alle gleich"...
schoener Satz, so meinte ich es
;-)
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