Peter Plöger

Arbeitssammler

13.02.2012 | 22:35

Franziskus der 99%

 

Bei Franz von Assisi denken die meisten sicher nur an einen Bettelmönch in einer abgerockten Kutte. Doch die Motive, die den Kaufmannssohn zur Gründung des Franziskaner-Ordens bewegt haben müssen, sind unerwartet modern. Die in der Präsentation gelungene Ausstellung, die das Diözesan-Museum im westfälischen Paderborn unter dem Titel „Franziskus – Licht aus Assisi“ organisiert hat, macht leider nur Andeutungen dazu, wie zeitgemäß ihr Thema sein könnte.

Franz von Assisi wurde in eine Epoche der sozialen Umbrüche hineingeboren. Ähnlich wie heute kamen schmale bürgerliche Schichten in kurzer Zeit zu großem Reichtum, die Kluft zwischen ihnen und den weniger gut Gestellten (den 99% des Mittelalters) klaffte weiter und weiter auf. In unseren Tagen soll der ungehemmte Markt für eine stabile soziale Grundordnung und eine effiziente Verteilung der Güter sorgen. Die Parallele zu damals: Der Ordnungsmechanismus gerät zunehmend in Verruf, die Güterverteilung wird immer ungerechter. Franz reagierte Anfang des 13. Jahrhunderts auf seine Weise, entschied sich für die radikale Armut und ging damit einen ganzen Schritt weiter als die vielen anderen, die sich gleichzeitig um soziale Reformen bemühten. So weit muss man heute nicht gehen, es ist mutig genug, einen eigenständigen Schritt zu machen, sich beispielsweise in Gemeinschaftsgärten oder Eigenbau-Werkstätten für die Selbstversorgung zu engagieren und damit überhitztem Konsum und Turbokapitalismus wenigstens teilweise zu entgehen.

Die Franziskaner, die in den kommenden Jahrhunderten dem Beispiel ihres Ordensgründers folgten, waren aber an mehr als an vereinzelten Alternativen zum Verteilungsproblem interessiert. Sie kümmerten sich überdies um die Randgruppen der Gesellschaft, zuerst vor allem um die Aussätzigen. Sie waren die Sozialarbeiter und Pflegedienste ihrer Zeit.

Zu all dem lässt die Paderborner Ausstellung ihre Besucher leider sehr wenig wissen. Dabei liefert Franziskus' Widerstandsgeist gegen ein System ökonomischer und sozialer Ungleichheit eine Steilvorlage für alle, die nach Zügen der modernen Gesellschaft suchen, die schon im Mittelalter erkennbar sind. Die Parallelen herauszustellen und zu vertiefen hätte auch eine Ausstellung leisten können, deren Exponate vor allem Kunstgeschichtsinteressierte anziehen werden. Die Anliegen des Franz von Assisi sind zeitgemäßer als es seine unmodische Kleidung vermuten lässt.



 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.02.2012 um 15:48
Danke für Ihren Beitrag!

Ja, die dritte große Reformbewegung –die Bettelorden – im Mittelalter mit ihren Gründern dem Spanier, Domenicus Guzmán (1170-1121), Domenikus, und dem italienischen Kaufmannsohn Franziskus (1182-1126) von Assisi ist sehr spannend. Während mich Domenikus und die Dominkanern wegen ihrer stupenden Wissbegierde, Intellektualität faszinieren, am meisten Thomas von Aquin, so nimmt mich Franz wegen seiner Intensität und Radikalität ein, ein ganz anderes Leben leben zu wollen, als ihm von Geburt und Herkunft vorbestimmt war. Die Bettelorden haben die Universitäten als Konkurrenz zu den weltlichen Laien und kirchlichen Lehrkörper immens erneuert. Mit Albertus Magnus, dem Lehrer von Thomas, auf der Domenikaner-Seite oder mit Robert Grosseteste, Johannes Bonaventura und Johannes Duns Scotus auf der franziskanischen Seite. Ein Protest des Weltklerus gegen die Bettelorden verlief 1256 auch im Sande. Beide Orden stellten danach noch hundert Jahre lang die brillantesten Köpfe ihrer Zeit.

Diese Idee der radikalen freiwilligen Armut, die Franziskus ohne kirchliche Bildung ergriff, und wie er es vermochte mit seiner demonstrativen Besitzlosigkeit junge Leute um sich zu scharen, „Aussteiger“ im Namen radikalen Ernstes, das war neu. Entsprechend waren er und seine Bewegung sowohl ein Stachel im Fleisch der aufsteigenden italienischen Städte als auch ein Affront gegen den dekadenten Weltklerus. Nur absolute Kirchentreue und die Einsicht zweier Päpste schützte Franziskus vor Verfolgung.
Ganz einzigartig an Franz ist seine religiös begründete Tierliebe. Sie war weder für das Mittelalter noch für das Christentum typisch. Wenn das Tier als verwandt empfunden wurde, dann doch immer nur als Analogon menschlicher Schwäche. Gerade die religiöse Denkweise lenkte schnell zur geistigen Allegorie hin, die in den Tieren menschliche Tugenden oder Laster gespiegelt sahen. Da Tiere nicht in den Himmel kommen konnten, es fehlte ihnen die Fähigkeit zur geschichtlichen Entfaltung, wurden sie als arg minder in der Hierarchie der göttlichen Ordnung einsortiert. Tiere in mittelalterlichen Dokumenten tauchen dann auch nur als Einzelgänger auf, die andere Tiere bekämpfen. Dass Tiere soziale Ordnungen bilden, ist die Einsicht moderner Forschung. Wenn hin und wieder Ameisen oder Bienen als Beispiele für soziales Leben gepriesen wurden, geschah dies nicht auf der Grundlage von Tierbeobachtungen, sondern in Hinblick auf Moralanforderungen: seid keusch und fleißig!

Die franziskanische Idee, so Leonardo Boff, steht ja für das Ende der Hegemonie des Logos. Das Gefühl wird zur grundlegenden Erfahrung und damit der „Anbruch einer zärtlichen Fürsorge und des lebensgerechten Miteinander“. In dem Punkt ist Franziskus äußerst modern und sein Impetus, seine Leidenschaft für die Natur in der Kreatur ist, wenn auch mit großer Verzögerung, so wegweisend geworden und inspirierend für prominente Vertreter der Befreiungstheologie Lateinamerikas.
Wenn Sie schreiben, zu „all dem lässt die Paderborner Ausstellung ihre Besucher leider sehr wenig wissen. Dabei liefert Franziskus' Widerstandsgeist gegen ein System ökonomischer und sozialer Ungleichheit eine Steilvorlage für alle“, betrachte ich dies nicht als Nachlässigkeit. Der aktuelle Papst Benedikt XVI. hat ja als eiserne Faust – Josef Kardinal Ratzinger -die Befreiungstheologie im Namen von Johannes Paul XXIII. bekämpft. Nach wie vor ist Benedikts Verhältnis zu den Ordensgemeinschaften sehr gespannt; er präferiert einen vom „Logos“ inspirierten Weltklerus und nicht die „subversive“ Kraft der Spiritualität.
Leonardo Boffs Buch „Zärtlichkeit und Kraft. Franz von Assisi mit den Augen der Armen gesehen. 2010 halte ich immer noch für eine sehr gute Einführung in das Leben von Franz und die Aktualität seiner spirituellen Botschaft.
Peter Plöger schrieb am 15.02.2012 um 15:23
Mich hat beeindruckt, dass es so früh in der Geschichte - noch bevor überhaupt von "Kapitalismus" die Rede sein kann - immer wieder Menschen gegen Materialismus und soziale Ungleichheit angegangen sind. Franziskus zeigt uns heute noch, dass beides Themen sind, die grundsätzlicher sind als die heutige Wirtschaftsform. Er war mit seinen Gedanken dazu und den Handlungen, die er daraus abgeleitet hat, sicherlich konsequenter und seine Wirkung weitreichender als die meisten anderen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 15.02.2012 um 18:09
Nun, die Situation der italienischen Stadtstaaten im MA scheint mir kaum geeignet zu sein, um mit heutigen Verhältnissen verglichen zu werden, obwohl sich im Rahmen von Feudalstrukturen schon eine Art Kryptokapitalismus (wo ist Herr Theel jetzt?) entwickelt hat.
Die franziskanische Idee finde ich eben in ihrer modernen Ausformulierung der Befreiungstheologie eines Leonardo Boffs so interessant: Basisgemeinden, Gründung von Kollektiven etc.

Und wie oben geschrieben, die Entdeckung des Gefühls für den moralischen Erkenntnis- und Glaubensprozess und dann die enorme Philosophiedebatte, die ausgelöst wurde von den größten ihrer Köpfe, das beeindruckt mich!

Nochmals danke für Ihren Impuls.
Peter Plöger
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