Thorsten Puttenat

Blog von Thorsten Puttenat

28.01.2012 | 21:04

Gedanken zur Zeit, zum gesellschaftlichen Tauziehen und zu facebook

 

Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich gerne vom Tauziehen spreche. Dieses Tauziehen, das ich meine, findet auf gesellschaftlicher Ebene statt. Das hat es vermutlich schon immer, aber seit einiger Zeit spitzt es sich zu. Definiertes Altes gegen noch undefiniertes Neues. Was aber meine ich damit?

 

Wir leben in einer Zeit, die entscheidend für unsere Zukunft, für unsere Gesellschaften und für diese Welt ist. Was machen wir also damit? Wer der Meinung ist, dass alles so weitergehen kann wie es bisher, der irrt. Ich war immer schlecht in Mathematik, aber 1 +1 zusammenzählen gelingt auch mir. Und dieses 1 + 1 ergibt nicht mehr 2. Das Interessante daran ist, dass diese Rechnung auch für jene nicht mehr aufgehen kann, die sie sich bisher so sehr zu "gute" machten - jene, die noch immer starr und stur an den Rezepten der Vergangenheit festhalten. Und dennoch versuchen manche alles, jenes alte Rezept, das seit dem 2.Weltkrieg am Zuge ist, zu verteidigen. Das des 'höher, schneller, weiter', des sogenannten Wachstums und des sogenannten Wohlstands.

 

Hier komme ich ins Spiel. Ich und viele, viele andere mehr. Denn immer mehr Menschen auf dieser Welt verstehen, dass ein Punkt erreicht wurde, der nach drastischer Veränderung ruft. Selbst unter den so genannten "Konservativen" wird man für diese Feststellung mittlerweile nicht mehr gleich in eine Schublade gesteckt, auch viele von ihnen sind ins Grübeln gekommen. Ein vorerst kleiner, aber wichtiger Fortschritt.

 

Die Menschen protestieren, obwohl es ihn doch gut geht? Was ist denn dieses "gut gehen"? Ist es nicht gerade dann die Aufgabe jener Menschen, von denen so viele im materiellen Wohlstand leben, diese Welt entscheidend und maßgeblich zu verändern, und mit "gutem Beispiel" voranzugehen? Ich denke, dass es genau so sein sollte. Gerade weil wir die Möglichkeiten und Freiheiten haben diese Welt zu verändern, sollten wir vorangehen. Wir sollten Vorbilder sein, uns darüber Gedanken machen, was wir brauchen und was nicht, und auf welche Kosten jene Dinge gehen, die wir in Anspruch nehmen. Und ja, auch ich gehöre zu jenen, die große Worte schwingen und dennoch selbst Teil des Problems sind. Ich kann und will mich da nicht ausnehmen. Aber soll ich deshalb die Klappe halten? Hilft es ruhig zu sein, nur weil man selbst zum Problem beiträgt und so oder so wie alle anderen immer wieder mal versagt, in den verschiedensten Bereichen? Ganz bestimmt nicht. 

 

Facebook ist eine Art des gesellschaftlichen Hochschaukelns, unabhängig davon, wie man es nutzt. Seien es Tierbilder, Musikvideos oder Links jedweder Sorte, Unmutsbekundungen persönlicher Art, Nachdenklichkeiten, politische Inhalte, Tier- und Umweltschutzinteressen, Witze, Youtube, Wetterberichte, etc. All das verändert die Gesellschaft, egal ob man eher voyeuristisch oder exhibitionistisch veranlagt ist. Das Internet ist nicht virtuell, es ist für viele von uns Alltag. Es kann dazu verführen sich zu informieren, nachzudenken, zu reflektieren, und dann im besten Falle zu verändern und aktiv zu werden. Das eigene Konsumverhalten ist ein gutes Beispiel: Wer kauft welche Produkte, und wer hat sie wie unter welchen Bedingungen hergestellt? Und so weiter und so fort. 

 

Und dann gibt es jene Menschen, die sich exponieren: Sie gehen auf die Straße, sie gründen Initiativen, sie setzen sich ein. Es wird ihnen Applaus gezollt, und sie werden verachtet. Die einen sagen "Du machst das toll, mach weiter so!", und klicken in facebook auf "gefällt mir". Manchmal teilen sie sogar Links, die man selbst für besonders teilenswert hält. So verbreitet sich Information. So werden Menschen darauf aufmerksam, dass es in vielen Bereichen unseres öffentlichen Lebens große Probleme gibt. Nur durch Informationen lässt sich die Gesellschaft verändern. Natürlich ist es schwer zu wissen, welche Information in den meisten dieser komplexen Strukturen der Wahrheit nun am nächsten liegt, sind wir doch alle Weltmeister des Halbwissens. Denn wir alle handeln, lesen und kommunizieren nach unseren Präferenzen, nach unseren Konditionierungen. Die einen so, die anderen so.

 

Die letzten Jahre auf facebook haben mir sehr viel aufgezeigt. Verhaltens- und Kommunikationsmuster, ob Menschen eher voyeuristisch oder exhibitionistisch sind, ob sie eher schweigende Anteilnahme nehmen und nur lesen, Dampfplauderei, Oberflächlichkeiten, Anstößigkeiten, Gewissenskonflikte, Gruppendynamik, pure Aufrichtigkeit, Deckmäntel, Hohn, Häme und Spott … 

 

Selbstverständlich ist es nachzuvollziehen, dass viele Menschen entweder keine Zeit, keine Lust, keine Nerven, gesellschaftliches Desinteresse haben, oder schlichtweg nicht den Mut besitzen, sich durch eindeutige Positionierung in den gesellschaftlichen Konflikten öffentlich mitzuteilen. Nicht zuletzt, weil viele die Datensammelwut der Unternehmen fürchten. Denn Facebook bedeutet Öffentlichkeit. Man gibt sich Preis, ob man will oder nicht. Das kann man so tun, oder so tun.

 

Diese Plattform ist alles andere als virtuell. Alle, die hinter dem Computer sitzen, benutzen echte Finger, die an einem echten Arm hängen - obendrauf sitzt ein Kopf. Im Schutze der scheinbaren Anonymität des Computerlebens zeigen sich Gesichter. 

 

 
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Thorsten Puttenat
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