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Beim letzten Donaufest, in Ulm im Haus der Donau, erzählte uns eine bekannte Übersetzerin aus dem Kroatischen, einiges aus der Schatulle ihrer Erfahrungen mit großen deutschen Literaturverlagen. Empfehle sie ein großes Buch, sagte sie, kämen zuerst die Fragen nicht zum Inhalt, sondern darüber, ob die Autorin hübsch sei, ob es ein Foto von ihr gebe und ob sie in ihren Romanen Themen der Weiblichkeit und der Beziehungskisten behandele. Erst weit danach ginge es dann um die eigentliche Qualität der Texte. Die Verkäuflichkeit sei oberstes Kriterium, der Käufer ist gefragt, kaum mehr der Leser. Ganz abgesehen von der Gier, die offensichtlich auch deutsche Verlagsmanager antreibt, wird hier deutlich, welche Abgründe sich auftun, zwischen den Auffassungen von Literatur und Poesie hierzulande und in den südosteuropäischen Donauländern.
In Serbien Z.B. riskiert man ein kompliziertes postmodernes Buch wie „das russische Fenster“ von Dragan Velikic zu veröffentlichen, in Budapest erscheinen Bücher von Nadas und Bartis, in Slowenien kennt man sogar noch Lyriker, die keinem Leser zu dienen haben, der amerikanisches Prosa- fastfood gewöhnt ist und nur dieses gern frisst.
Dort will man wissen, wie die besten Autoren die jüngste Kriegsvergangenheit und die Folgen des Stalinismus noch einmal erzählen und ins Gedächtnis rufen. Auf diese Erwartung reagieren die besten Autoren mit dem Humor, der sie die Sprache neu erfinden lässt.
Hier aber, bei uns, kommt es auf den Stoff allein an. Der Leser, sagen die Literaturvermarkter, will endlich den ultimativen Berlin-Roman haben oder in die Sex- and Crime- Szenen des internationalen Terrorismus eingeweiht werden. ‚Spannung pur’ versprechen die Klappentexte, erotisch Abseitiges und interessante Identitätsprobleme.
Die höhere belletristische Sprachnorm ist erfüllt, wenn der Text leicht verständlich ist, eine süffige Wirkung erzeugt und von allzu schiefen Metaphern befreit werden kann.
Also: Bei uns regiert das Können, die Machart,
der erfolgreich absolvierte creative writing Kurs. Dort ist man mehr auf das Denken neugierig. Wie denkt der Autor selbst, nachdem die ideologischen Zwänge des Kollektivdaseins abgeschüttelt werden können, lautet die bange Frage. Dort geht es um erlittene Geschichten wie bei Mircea Cartarescu, dem Rumänen, der von mystischen Ereignissen mitten im Plattenbau erzählt. Hier müssen die Geschichten recherchiert und konstruiert werden, die Erfahrungs - und Elebnisarmut, die unser Gemüter im Westen seit langem kontaminiert, lässt viele unserer Bücher so kahl, verhungert und entrümpelt erscheinen. Die Urlaubserlebnisse reden zwar von begeisternder Sinnlichkeit, doch zu Hause in Düsseldorf in der teuren Penthousewohnung bleibt davon nichts mehr übrig. Der Jammer ist groß und wird ironisch gekonnt und vielfach gebrochen. Doch der Spaß deckt die Not nur zu, hilft für nichts, und doch hofft man, Lachen sei gesund.
Auf dem Balkan sucht man wieder die Wahrheit. Hier weiß man, dass es diese gar nicht gibt und blinzelt unsicher in die nächstbeste Zukunft.
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Es ist ja nicht nur so, daß Autorinnen (mit hübschem Profil) bevorzugt werden, selbst die Verlagsbranche selber stellt doch nur noch nach dem Bewerbungsfoto ein, soweit es Weibliches zeigt. - Und wer will´s dem Verlagsleiter verdenken.
Die Wahrheit ist auf dem Balkan und hieß früher Prawda. |
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hier scheint man sich gar nicht für das unbekannte zu interessieren, das es im offensichtlich vertrautem zu entdecken, zu erkunden gibt - man ist eher geneigt, nach erklärungen zu suchen oder an der bebilderung von "geschichte" genüge zu finden; doch was ist erinnerung, was heißt sich zu erinnern? Dabei handelt es sich um kein hie oder da abgelegtes und sicher verwahrtes gut ... (verwahrtes - auch darin verborgen ein stück wahrheit, und wahrheit ist nichts, das ewig in ein und derselben gestalt "wandelt"). Zum glück hats doch selbst in düsseldorf ganz andere häuser, als jene (s.o.) ..., und häuser sind höhlen, in den freien raum getrieben ...
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ja, zur Einnerung braucht man Zeit, die den Autoren hier nicht mehr zugestanden wird. Man treibt sie zur Produktion. Schnell schnell, jetzt ist dieses Thema aktuell, also ran an die Textbulette.
Unmenschlich, Kulturbarbarei statt Buchkultur. Was Sie, Jayne, mit dem Wort "verwahren" andeuten, sozusagen als unberührbares Herzstück der Erinnerung, ist des Pudels Kern. Dazu wäre noch einiges zu sagen. Liebe Grüße Quenzel |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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