31.05.2009 | 21:42

Die Maße der Kritik

da ich in letzter Zeit so viele schlechte bzw. mittelmäßige Rezensionen gelesen habe, frage ich mich, worin bestünde eine gute, m.E, geglückte Rezension? Wodurch zeichnete sie sich aus?

Die Kritik hätte , falls sie im ganzen zustimmend wäre, ihr Lob indirekt und so diskret wie möglich auszusprechen.  Sie hätte in erster Linie aber einen analytischen,  stilistisch aufregenden  Blick auf den kompositorischen Bau freizugeben, der dem Leser die Lektüre als dringendes Bedürfnis nahelegte.

Falls der Kritiker bei aller Wertschätzung des Buches, die er kundgibt, dennoch ein leises Ressentiment  gegen den Autor bzw. einen Teil des Werkes in sich verspürte, hätte er dieses herauszukramen aus seinem Inneren und öffentlich zu überwinden. Denn  neben der Analyse des Strukturbaues   hat der Kritiker sein Erlebnis des Gegenstandes seines Vergnügens  zu schildern und gegen mögliche Einwände zu verteidigen.  Und zwar  so, dass es verlockend wäre, es ihm nachzutun und sich flugs in die Seiten zu stürzen, für die er so grandios zu werben verstand. . . 

Wäre ein Buch zu tadeln, weil Anspruch und Thema auseinanderfallen, weil das Thema sich in der Weise nicht stellt, wie es hier langatmig, umständlich und großsprecherisch entfaltet wird, hätte sich der Kritiker auf die innigste Kürze zu konzentrieren. Denn was nicht empfehlenswert ist, sollte schnell beseite gelegt werden und doch so, dass der Ablehnung Argumente vorauf gehen, die jenes negative Urteil glaubwürdig und plausibel erscheinen ließe.

Ein Zusätzliches, das darin bestünde das Unwohlsein des Kritikers beim Negieren mit einem geglückten Scherz zu krönen, - Scherz wohlgemerkt, nicht kalauernd, - wäre naturgemäß das versöhnliche Moment inmitten des Unglücks. Denn natürlich wird kein Kritiker, der in Ehren so genannt werden kann,  ein Vergnügen daran finden,  üble Mängel und Versäumnisse beim Bau einer Geschichte bzw. eines Werkes herausfinden zu müssen.

Eine ganz andere sache ist die Polemik, ein Genre, das heute so gut wie keiner mehr begreift, so mein Eindruck. Der Krieger im Geiste folgt einer außergewöhnlichen Berufung, ber bedarf einer schier theologischen Legitimation, auch und gerade stilistisch,  die eine seriöse Form der Kritik , was den ethischen Selbstanspruch angeht, bei weitem übersteigt.

Dazu ein anderes Mal mehr. 

 

 
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Kommentare
Anna Dorothea schrieb am 01.06.2009 um 09:05
Lieber quenzel;

mir scheint, eine ganz bestimmte Rezension hat sie bei diesem Blog inspiriert. Welche?

In meinem Volontariat wurde mir eingebimst: "Eine gute Kriitk (Buch, Theater, Film) schreibt sich immer schwerer als eine schlechte: Bei einer schlechten kann man alle Register ziehen, Sarkasmus usw. Eine gute aber wird, (wie Sie ja auch oben andeuten), schnell langweilig...

Als Viel-Leser sehe ich das so: Eine Rezension muss mich neugierig machen. Vielleicht noch auf ein paar Sachen hindeuten, die mir den Texthintergrund erschließen - Infos zum Autor etc. Der Rest erledigt sich doch dann beim An-Lesen von ganz allein (?)

Herzlich, Anna
quenzel schrieb am 01.06.2009 um 11:06
jaja natürlich, liebe Anna, Neugierde, Kreativität,so sagt man und hört man es überall. o.k. nichts dagegen. Nur, wo bleibt das Vergnügen an poetischen Gegenständen? F.Schlegell und Novalis, unsere Besten, forderten, die Kritik der Poesie muss selbst poetisch sein, sonst taugt sie nichts, sonst gilt sie gar nicht.
Das haben die Zeitungsmacher heute ganz vergessen. Denn wo kämen sie hin, Poeten einstellen? Kommt überhaupt nicht in Frage.
Drum die vielen faden, traurigen Texte und das Litergeschwätz der Großkritiker-Schickeria überall. Wie tötet diese gerade ihre "Neugierde", liebe Anna hierzulande? Haben Sie schon einmal einen Steinfeldartikel genießen können?
Wer will das lesen auf Dauer?
Da liegt ein Problem, drum gehen die Blätter unter, sie sind zu fad geschrieben.
von Herzen
Quenzel
Bildungswirt schrieb am 01.06.2009 um 14:54
Lieber quenzel,
volle Zustimmung in dieser Allgemeinheit. Geben Sie doch mal eine Empfehlung für eine aus Ihrer Sicht "geglückte Rezension" 2008/2009:
a) Politisches Buch
b) Roman
c) Lyrik

Georg Steiner hat mal die wilde These vertreten: Verbot aller Sekundärdiskurse. Das würde den Tod der traditioneller Literaturkritik bedeuten.
Freundliche Grüße vom Bildungswirt
Streifzug schrieb am 01.06.2009 um 15:28
Mir gibt eine einzelne Rezension wenig. Auch wenn der Kritiker sich bemüht die genannten Forderungen zu erfüllen ist es bemühen. Mehrere kurze Kritiken verschiedener Personen, die Biografie des Autoren, weitere Büchern, die er geschrieben hat und Angaben welche andere Autoren sich auf ihn beziehen finde ich hilfreicher.

Kenn ich den Autoren schon, fällt die Entscheidung natürlich leichter.
quenzel
naja, ich bin der ich noch immer werden will,der andere, was sonst?
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Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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