Der neue Star der politischen Szene, Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, tritt wie ein stiller Messias auf, bußfertig, zur Demut mahnend, die christlichen Werte der Familie und der Arbeit hochhaltend. Nichts erinnert mehr an bayrische Deftigkeiten und Sprücheklopferei. Keine Polemik gegen den Gegner, dieser scheint gar nicht vorhanden. So entspricht er bescheiden der Vornehmheit alten Stils. Wozu sich mit den Maulhelden der gegenwärtigen Zeit messen, da er sich doch zu höherem Dienst im Banne der Ewigkeit berufen weiß?
Das könnte klappen, das könnte die ersehnte Wende bringen, zumal Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg nicht vor großen Schuldbekenntnissen zurückscheut.
Die Politik habe sehenden Auges zugelassen, dass Zockertypen in unverschämter und frivoler Weise die Finanzkrise bestellten. Das sei die Schuld der Politik, bevor er als Retter in diese Sphäre gerufen ward, um wieder für Recht und Ordnung zu sorgen. Dieses kühne Schuldbekenntnis erinnert an die großen moralischen Konfessionen nach dem zweiten Weltkrieg, erinnert auch an den Ernst der Stunden bei Staatsbegräbnissen, nach den Mordtaten der RAF. Hier deutet sich schon ein mögliches Ende der Spaßgesellschaft an,
der ironic turn in allen Lagen scheint erschöpft, obsolet plötzlich, angesichts dieses enormen Schwungs neuen, taufrischen Pathos. Die feierliche Stimmung, die er stiftet, bezieht ihre Faszination aus betonter wissenschaftlicher Sachlichkeit, einem Schuss Bonhomie und dem, was Friedrich Nietzsche Pathos der Distanz nannte.
Wahlkampf as usual ist für Guttenberg drum jetzt nicht das Thema, mag er stattfinden trotzdem. Er wird ihm, wenn nötig, in seinem eigenen Stil gerecht, aber sich nicht an diesen oberflächlichen Show-Kämpfen beteiligen. Ihm ist es heiliger Ernst, er will im deutschen Vaterland wieder für Anstand und Würde sorgen. Das bringt er rüber, das macht ihm kein Satiriker madig bisher. Im Gegenteil, er ist der heimliche Antipode zu Horst Schlämmer.
Und das ergibt eine neue Tonlage, ein neues Maß der rhetorischen Künste. Die Wirkung zeigt sich bereits. Die Massen sind schon süchtig, brennen auf den neuen Sound. Sie laufen zusammen, wo immer der neue Messias im eleganten, hellgrauen Anzug erscheinen mag. Millionen von jungen und älteren Frauen träumen von ihm, die Illustrierten und Magazine reißen sich um Foto-Termine mit ihm in seinen vielen Vorzimmern. Die Werbebranche multipliziert bereits seinen Stil und platziert ihn auf allen Hauptadern im Netz. Alte Erziehungsideale werden wach, der Elitebegriff erhält frische Luftzufuhr, die Tradition wird renoviert, ein neuer Schick belebt das altfränkische Milieu, Privatheit umweht wieder der Ruch des Intimen, Exklusiven und Besonderen.
Der mainstream aber bleibt draußen, bei den Hunden.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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