Ein untrügliches Zeichen der politischen Krise ist es, dass in ihr so verzweifelt nach Inhalten gefischt wird. Als gingen der Politik die Inhalte aus. Man ahnt längst dass die wahren Entscheidungen ganz woanders als in der politischen Sphäre, nämlich auf einer jenseitigen, transpolitischen Ebene getroffen werden. Diese gefühlte aber unbewusste Ebene aber meint mehr als den Primat der Ökonomie. Noch kaum jemand kann diese neue Wirklichkeitsquelle definieren und erfassen. Das macht alles Geschwätz dazu so makaber und unheimlich.
Jean Baudrillard bekümmerte diese Dämonie nachhaltig, er rätselte dauernd am untoten Material herum, an den Simulakren, am Unechten, am fiktiven Überwuchern des Realen. Doch auch er fand den Schlüssel zur neuen Wirklichkeit schließlich nicht.
Statt nach den Anzeichen und Spuren der neuen spukhaften Realität, die uns bereits narrt und beherrscht, zu fahnden, wird pausenlos das alte Kampfwerkzeuge des kalten Kriegs herausgeholt und munter darauf los geholzt. Rinks und Lechts sind, wie Ernst Jandl spöttisch anmerkte bereits vor 25 Jahren, zwar obsolet, sagen sie, doch glauben sie nach wie vor an diese Schablonen. Das Manichäertum feiert auch hier im Freitag täglich fröhliche Wiederkehr, Gesinnung ist Trumpf, der Gutmensch hat Konjunktur, als sei er Mitglied der Moderne, wo er diese in Wahrheit doch nur boykottiert und verhindert überall. Besonders in der Kultur herrschen Enge und Verzagtheit, die Bösen werden ausgespäht und an den Pranger gestellt. Verwaltung der Pfründe ist alles, Wissenschaft pflegt und legitimiert sie, schöpferische Kräfte werden gefürchtet und zensiert wie anno dunnemal, bloß halt in modernen Klamotten und grotesken Sprachgebräuchen.
Man achte einmal darauf, wie oft Politiker aller Couleur das Wort inhaltlich und Inhalte verwenden, als wäre damit Konkretes schon bezeichnet, statt nur ersehnt. Als hätten sie damit schon etwas gesagt, als wüssten wir nicht schon lange, dass ihnen Formbewusstein ein absolutes Fremdwort ist.
Den Gipfel der Misere bezeichnete die Europawahl, wo für ein leeres Phrasenkauderwelsch votiert werden sollte, da doch kein Mensch wusste, wofür Europa stehen soll, außer für bürokratische Absurditäten und maßlose Privilegien für Europapolitiker. Kein halbwegs wacher und vernünftiger Mensch wählte sie deshalb.
Der semantische Bankrott aber wurde rasch wieder verhüllt und in neue Nebelwände der Begriffs- Verbildung abgeschoben.
Der Inhalt der Politik ist verstorben, er ist tot, überlebt in Resten noch im Kommerz, in der Kulturindustrie und im historischen Roman.
Aber die Grünen tun so, als hätten sie ihn noch, den Inhalt, als einzige. Auf Inhalte bezogen, die sie freilich kaum anders als mit allfälligen Schlagwörtern benennen können, erheben sie verrückter Weise sogar einen moralischen Monopolanspruch. Und keiner lacht. Den Grünen gegenüber herrscht Humorverbot. Das macht sie den Nazis so gespenstisch ähnlich.
Aber auch die Tendenz, wie David Precht sagt, "jeden Lebensbereich in der Sprache des Marktes zu beschreiben", erzählt jede Menge vom Verlust politischen Inhalts.
Dabei ist der Markt natürlich auch nichts anderes als eine abstrakte, lere Metapher, ein Deckname für die empörende soziale Ungerechtigkeit überall.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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