15.12.2011 | 14:08

Gedicht des Monats: Dezember

Cassandra hat etwas nachgelassen, denn für August bis November gab's keinen solchen Beitrag. Ich weiß nicht, ob sie vorhatte, im Dezember zur Sammlung aufzurufen - sie wird es mir hoffentlich nachsehen, wenn ich, dreist wie ich bin, ihr zuvorkomme.

Nicht nur dreist, auch noch frech, übernehme ich aus Gedicht des Monats: Juli die Einleitung:

In der Tradition von Tittas Blog-Serie kann hier wieder eine Sammlung in den Kommentaren entstehen: mit gefundenen Gedichten.

Fundort: keine Vorgaben. Vom eigenen Kopf über einst Auswendiggelerntes bis Internetsuche ist alles er- und gewünscht.

Sie seien Lichter in der kalten Jahreszeit...

Eislicht

Titta kannte ich nicht, ich habe von ihr erst nach ihrem Tode erfahren.

Ihre Tradition der Gedichtsammlung sollte weitergeführt werden, das ist eine wunderschöne Idee.

Möge das Licht ihr leuchten im Ewigen Tag!

Am Morgen

Die Fotos zeigen eine von Q. aus Eis gefertigte Lampe, die nachts durch ein Teelicht leuchtet.

 
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Kommentare
SuzieQ schrieb am 15.12.2011 um 16:41
Erich Kästner: Weihnachtslied, chemisch gereinigt

(Nach der Melodie: "Morgen, Kinder, wird's was geben!")

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist's noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt's Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt's an Holz!
Stille Nacht und heil'ge Nacht –
Weint, wenn's geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit ...

Ach, du liebe Weihnachtszeit!
Amanda schrieb am 15.12.2011 um 16:42
Totentag

Heut bleib ich fein Zuhaus
Heut geh ich nicht hinaus
Ich hole meine Toten mir
Herein in Herz und Haus

Sie freuen sich und grüßen mich
Sie haben zu erzählen
Von da und dort, ich höre mich
Beiläufig auch erwähnen

Dass heuer hier und anderswo
Und auch im deutschen Filme
Der Tod kommt vor wie sowieso
Mit mehr als einer Silbe

Wenn du einen Toten hast
Sag, ich lass ihn grüßen
Hier mein Ohr, erzähl mir was
Hier ist Platz für süßen

Schmerz und Tränenlachattacken
Oh, Erinnerungen
Leise weht aus Richtung Nacken
Leben rein, gesungen.

Heut bleib ich fein Zuhaus
Heut geh ich nicht hinaus
Ich hole meine Toten mir
Herein in Herz und Haus.
koslowski schrieb am 15.12.2011 um 19:42
Peter Rühmkorf, Zum Jahreswechsel (Auszug)

„Man blickt an sich selber runter
wie auf Sanierungsgelände.
Aber sieh-dann-auch-wieder, mit welchen Kräften der
Greis
um seinen letzten Zahnstummel ringt,
e i n m a l i g
w i e w i r a l l e !”
kvwupp schrieb am 15.12.2011 um 20:01
Erich Mühsam:

"Heilige Nacht"

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit's in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier ­
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)
kvwupp schrieb am 15.12.2011 um 20:02
SuzieQ schrieb am 15.12.2011 um 20:23
Es ist von Christian Morgenstern und heißt Winter oder aber Erster Schnee, eins von beiden

Der Fjord mit seinen Inseln liegt
wie eine Kreidezeichnung da;
die Wälder träumen schnee-umschmiegt,
und alles scheint so traulich nah.
So heimlich ward die ganze Welt...
als dämpfte selbst das herbste Weh
aus stillem, tiefem Wolkenzelt
geliebter, weicher, leiser Schnee.
SuzieQ schrieb am 15.12.2011 um 21:30
Der rauhe Reif, dem Schnee verwandt,
jedoch aus kalter Luft geboren,
legt weisse Schleier über Land,
als hätt` sie eine Fee verloren.

Der Raue wird er wohl genannt,
doch kann es zart`res geben?
Kristallgefunkel, uns gesandt,
um Träumerei`n sich hinzugeben.

Ingo Baumgartner
S. Steinebach schrieb am 15.12.2011 um 23:07
Dichterwinter
Und ist das Wetter noch so kalt,
verschneit und eisig Feld und Wald,
spiel ich dem Winter einen Possen
und dicht' mich warm, ganz unverdrossen!

Sigrid Steinebach/Winter 2010
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.12.2011 um 01:33
Johann Gottfried von Herder(1744–1803)

An die Bäume im Winter

Gute Bäume, die ihr die starr entblätterten Arme
Reckt zum Himmel und fleht wieder den Frühling herab!
Ach, ihr müßt noch harren, ihr armen Söhne der Erde,
Manche stürmische Nacht, manchen erstarrenden Tag!
Aber dann kommt wieder die Sonne mit dem grünenden Frühling
Euch; nur kehret auch mir Frühling und Sonne zurück?
Harr geduldig, Herz, und bringt in die Wurzel den Saft dir!
Unvermutet vielleicht treibt ihn das Schicksal empor.
archinaut schrieb am 16.12.2011 um 01:36
So sieht ein Winterabend aus. Nun wünschen wir uns ein fröhliches Feuer, ein paar Blätter aus einem alten Dichter oder einer heiteren Philosophie, oder auch eine spannende Reisebeschreibung zum Lesen bis tief in die Nacht, und dazu knacken wir Nüsse, die wir im November gesammelt haben.

Henry David Thoreau
Aus den Tagebüchern 1837 – 1861

www.freitag.de/community/blogs/archinaut/aus-den-nuessen
Don Quijote schrieb am 16.12.2011 um 02:16
Der Herbstwinde Wut
ging lautlos ein.
blutleer, bleich
geht dünner Wind
durch kahle Wälder.

Auch der Herbst kann
nicht mehr,
kann
nicht mehr,
selbst die Trauer stirbt
unter eisigem Nebel
in fahlem Licht.

Doch sieh -
die Eberesche
trägt weißen Reif
auf grauen Zweigen,
auf grauen Zweigen
schwarze Knospen,
in schwarze Knospen
gedrängtes Leben.

Komm, Winter.
Verheißung führt uns
durch strenge Stille.

Q.
DandelionWine schrieb am 16.12.2011 um 02:19
@Don Quijote

Die Lampe ist wunderbar... wie hast Du sie denn gemacht?

Ich stelle erst mal ein Stück Musik rein... Gedicht kommt noch. :)

Don Quijote schrieb am 16.12.2011 um 02:40
@DandelionWine
Die Lampe ist wunderbar... wie hast Du sie denn gemacht?

Rezept

Zutaten:
- 4 Luftballons
- Wasser
- 1 Baum
- 1 Teelicht
- 1 Winternacht mit klirrendem Frost

Man fülle einen Luftballon mit ~1/2 l Wasser. Dann stecke man einen zweiten Luftballon in den mit Wasser gefüllten und blase diesen innerhalb des ersten so auf, daß der obere Teil sich dem Äußeren anschmiegt, der Untere das Wasser verdrängt und zur Schale wölbt. Der Doppel-Luftballon wird verknotet und an den bereitstehenden Baum in die kalte Winternacht gehängt.

Mit dem zweiten Luftballon-Paar verfahre man genauso, jedoch bemesse man Wasser- und Luftmenge so, daß der Innenraum des inneren Luftballons groß genug ist, um das Teelicht aufzunehmen, verknote ihn und hänge ihn ebenfalls an den Baum zum garen.

Ist alles gut durchgefroren, nimmt man den Doppel-Ballon ab und ritzt den Äußeren an der Unterseite vorsichtig ein. Das Gummi zieht sich alsdann zusammen und gibt die entstandene Eisschale frei. Nun läßt man vorsichtig die Luft aus dem inneren Luftballon, entfernt ihn und stellt die Eisschale beiseite. Mit dem kleineren Ballonpaar verfährt man genauso.

Hat man einen genügend großen und stabilen Eiszapfen zur Hand, friert man diesen umgekehrt an den Boden und die große Schale auf dessen abgebrochene Spitze.

Dann gibt man einen Teel. Wasser in die große Schale, setzt die kleine hinein und läßt die Schalen zusammenfrieren. Teelicht anzünden, einsetzen und das Licht bestaunen.

saludos,
Q.
Don Quijote schrieb am 16.12.2011 um 02:55
Alternative zum Eiszapfen: ein Kerzenleuchter ohne Sporn in der Mitte.



Da ist ein bissel Schnee drinne - manchmal schneit's halt im Winter.

Q.
DandelionWine schrieb am 16.12.2011 um 12:36
Das ist echt genial... ich hätte auf Luftballons gar nicht gekommen. Es war natürlich klar, dass Du irgendwelche Formen verwendest... aber Luftballons! Sieht total hübsch aus. :)

Hier ist noch ein bisschen Musik (das Gedicht kommt später auch!):

Don Quijote schrieb am 16.12.2011 um 14:49
@DandelionWine
Das ist echt genial... ich hätte auf Luftballons gar nicht gekommen.

Wasser dehnt sich ja aus beim fest werden. Also muß man eine Form nehmen, die sich ausdehnt. Und das erste sich ausdehnende Ding, das der alte Kindskopf fasziniert bewunderte, als er noch berechtigt einer war - ist der Luftballon. Liegt daher nahe. :-)

saludos,
Q.
DandelionWine schrieb am 18.12.2011 um 16:08
Hier ist noch ein bisschen Musik... nicht so vornehm wie in obigen Links, dafür aber sehr freudig. Das ist ein kleiner Ausschnitt aus der Verfilmung des Romans von Brüder Strugatzki "Montag fängt am Samstag an".

Don Quijote schrieb am 16.12.2011 um 04:07
Ein etwas verspätetes Gedicht.

Aus dem Zyklus: Herbst in den Cascade-Bergen

1.
Wildenten sind fort, und heuer früh
wanderten Winde in den Baumwipfeln,
lebende Blätter von toten scheidend.
In der Biegung des sich windenden Pfades öffnete sich das Tal,
der Wasserfall benetzte das Gesicht des Berges,
und plötzlich konnte ich das Leben auswendig.
Heuer entflogen die Wildenten früh, der Winter wird streng,
und nie mehr wirst du so leicht und durchsichtig sein,
wie jetzt, wenn ich dich anschaue.
Vielleicht wirst du dich an die Wildenten erinnern,
und an die Bucht, wo der Anschlag der Wellen singt, vielleicht
erinnerst du dich daran wie an eine Sage,
wenn du dunkelst, und das Tal
zu deinen Füßen leise dämmert.

3.
Lange schon nicht mehr so leicht,
so kühl und sanft nicht mehr,
so leise und doch so nah,
so tief und schneidend,
daß man nirgends entfliehen kann,
nirgends entfliehen.

7.
Immer gegen Abend kommst du,
fegst die Welt von meiner Schwelle
und bleibst wartend vor dem Fenster stehen.
Ich weiß, uns trennt nur das dünne Glas,
doch ich lebe weiter wie immer,
niemandem zeigend, wie nah ich
dem Leben bin, dem Abgrund und dir.

8.
Einmal, vielleicht, geht dies alles zu Ende,
doch zuvor werden noch auf Bergwiesen
Schneelilien erblühen,
die Sterne der Alpenveilchen
und die bescheidenen Dotterblumen.
Zuvor werden Tannen ihre Farbe wechseln
und der Wacholder, gegen Abend werden Fichtenstämme
auflodern und wie Späne verlöschen.
Zuvor werde ich noch einmal
die Augen schließen und
den Herzschlägen aller Zeit und Ewigkeit lauschen.

10.
Mit was für einer Kraft willst du meinen
Fall über den Rand des Alltags aufhalten,
mit was für einer Kraft willst du meine
weitgespreizten Flügel falten,
mit was für einer Kraft willst du mich
aus bodenlosen, lichtlosen Tiefen zurückrufen,
mit was für einer Kraft willst du mich
in sonnenarmen Eisfeldern wärmen?

12.
Was brennt, muß verbrennen,
und was blüht, muß verblühen,
aber warum mußte das Licht
in deinen Augen zerbrechen,
warum wandten diese sich weg
vom Tal, wo es heuer früh
zu schneien anfing, - noch bevor
die Holzäpfelbäume Blätter und Früchte
verloren, um sich - nackt und verkrüppelt -
vor den Richterspruch des Winters zu stellen.

13.
Das erste Wintermorgenrot über den Bergspitzen,
schlanke Froststreifen im Gras,
vor Kälte gestraffte Schultern
und die leichte Vergessenheit.
Näher und deutlicher die Bergkette gegenüber,
und einsamer.
    Doch denke nicht, daß du dem Herbst
    entgehst, denke nicht,
    der sich rankenden Wehmut zu entfliehen,
    die sich täglich in dir vermehrt.

14.
Es schneit im Tal.
Du blickst in ein durchsichtiges Buch,
wo Gestalten der Dämmerung und des Lichtes sich bewegen.
Die Berge sind aus Dämmerung und Licht erschaffen,
die Berge sind durchsichtig,
und du betrittst
die verklärten Tiefen der Berge.

        -- Astride Ivaska
DandelionWine schrieb am 17.12.2011 um 12:03
Aus dem Roman von Boris Pasternak "Doktor Schiwago" (erst veröffentlicht 1958)

Schnee begräbt die Wege
Und überlädt das Dach.
Ich trete vor die Schwelle:
Und lauf Dir in den Arm.

Allein, in dünnem Mantel,
Ohne Hut und Überschuh,
Versuchst Du, Dich zu fassen
Und hast noch Schnee im Mund.

Die Bäume und die Zäune
Versinken fern in Schwarz.
Allein in Schneegestöber,
Stehst Du wie erstarrt.

Wasser rinnt vom Kopftuch
Bis in den Ärmelrand,
Und Glanz getauter Flocken
Hat Dein Haar entflammt.

Die blondgelockten Strähnen
Umspinnen das Gesicht,
Das Kopftuch und den Mantel
Mit Ihrem warmen Licht.

Schnee auf nassen Wimpern,
Dein wehmütiger Blick.
Und der Leib, die Glieder:
Gedreht aus einem Stück.

Als wärest Du mit Eisen
- Getaucht in Antimon -
Mir tief ins Herz geschnitten
Als kleines Medaillon.

Von nun erfüllt es ewig
Die Demut dieses Gesichts.
Und darum ist es nichtig,
Wie hart das Weltherz ist.

Drum haben wir die ganze
Nacht in den Schnee graviert.
Ich finde keine Grenze
Zwischen Dir und mir.

Wer wird nach diesen Zeiten
Noch wissen, wie's uns ging,
Wenn Schwätzer sich verbreiten,
Doch wir schon nicht mehr sind?
Don Quijote schrieb am 17.12.2011 um 13:53
Geh aus, mein Herz

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser finstren Jahreszeit
da alles will erkalten.
Ich brauche keine Therapei,
nur Couch mit dir und mir dabei,
um Wärme zu entfalten.

Q.
Don Quijote
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