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Arnold war nie krank. Er war ein einfacher, meist freundlicher Mensch, den nichts aus seiner Routine bringen konnte. Er lebte im Schrankenwärterhäuschen auf einen größerem Werksgelände, das von einer Lokalbahn durchquert wurde. Arnold brauchte keine Uhr. Um 4 Uhr 30 wachte er auf, ging auf den Hof , dort zur Toilette, im Haus wusch er sich kurz am Wasserhahn, - zum Rasieren kam zweimal in der Woche der Bader vorbei, für den Arnold schon heißes Wasser auf dem Herd in der Küche bereitgestellt hatte, - und Arnold begann mit seinem Tagwerk. Er ging in die Speisekammer und holte sich ein Fläschchen Bier. Er öffnete den Bügelverschluss, nahm einen ersten tiefen Schluck, seufzte erleichtert und zufrieden auf. 4 Uhr 50. Arnold ging zur Schranke und kurbelte. Er hörte das Leuten der Glocke, das Signal, das auch mit Kurbel vom entfernten Bahnhof in sein Häuschen gegeben wurde. Arnldl war er schon fertig, die Schranke war zu. Um 4 Uhr 52 passierte der Zug pünktlich. Arnold ging zurück in Häuschen, leerte die Flasche Bier und begab sich zur Schranke 5 Uhr 17, der Zug kam vorbei auf dem Weg zur Kreisstadt. Arnold holte sich aus der Kammer das zweite Fläschchen Bier, leerte es in aller Ruhe, begab sich zur Schranke, 6 Uhr 22, der Zug fuhr vorbei, die Schranke ordentlich geschlossen. Schranke öffnen, zurück, aus der Kammer ein Fläschchen Bier, zur Hälfte getrunken 6 Uhr 58, der Zug fuhr vorbei, mit den Schülern, die ihrem strengen Lehranstalten entgegen fuhren. Jetzt blieb ihm etwas Zeit. Er holte Holz vom Hof, schürte den Herd in der Küche ein, wobei er den Rest aus der angebrochenen Flasche trank. Er machte Wasser heiß und daraus einen Kaffe der Marke Quieta grün,. schnitt sich einen Kanten Brot, bestrich ihn mit Marmelade, mit der ihn seine Schwester versorgt hatte. Und ging frisch gestärkt zur Kammer, holte sich die nächste Flasche Bier und trank diese in aller Ruhe aus. Jetzt war es Zeit für den 8 Uhr 12 Zug, der ins Land fuhr um die Marktbesucher aufzusammeln, die um 8 Uhr 43 fröhlich in gespannter Erwartung vorbeifuhren., welches Angebot sich ihnen heute ausbreiten würde. Zwischen 8 Uhr 12 und 8 Uhr 43 hatte er die Flasche zu drei Viertel geleert und schon stand er pünktlich und präzise an derKurbel. Gegen 9 Uhr kam der Bierlieferant, Arnold wuchtete den angebrochenen Kasten Bier hoch, der Lieferant stellte den vollen Kasten in die Kammer, Arnold den seinen darauf.
So verging der Tag. Arnold orientierte sich an den geleerten Flaschen, Schranke zu, Schranke auf, um 20 Uhr 30, der letzte Zug war vorbei, der Kasten leer, die Schranke blieb den Rest der Nacht geöffnet. Arnold stellte die nun leicht gewordene Kiste Bier auf den Hof, begab sich zur Toilette, danach wieder ins Haus und ins Bett.
Arnold brauchte nie eine Uhr, die Signale des Bahnhofsvorsteher waren ihm überflüssig. Er wusste immer, wie spät es war. Er war flexibel genug, Verspätungen im Fahplan in seinen Tageslauf zu integrieren. Ab Samstag Mittag, Sonntags und Feiertags, wenn die Züge seltener fuhren, trank er statt das übliche Pilsener, Starkbier, und schon war er wieder orientiert.
Arnold war nie krank. Mit 65 ging er in Rente, mit 67 haben wir ihn auf dem Kirchhof beigesetzt. Die Bahnerkapelle spielte Märsche, im ruhigen Stil, der Pfarrer hielt eine Rede, ich warf ihm eine Fasche Bier ins Grab. Ich hoffe, ihn hat’s gefreut.
(Habe ich schon mal auf ZOC gepostet, jetzt wage ich es auch einmal hier als Probelauf)
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Geehrter Hardob,
schöne Geschichten machen Sie da. Ich geselle Ihnen noch eine Ziege dazu, die Eisenbahnerkuh :) |
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Lieber ed2murrow,
wenn ich mich richtig entsinne, wurde die Lokomotive, die dem Zug aus vier Waggons vorgespannt war, "Mockel" also Kälbchen genannt. Die vier Waggons bedürfte noch einer eigene Beschreibung. Da war Material aus ungefähr zwei Jahhunderten zusammengespannt. Arnolds stand ganz selbstverstndlich bei seiner Schwester, die etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, im Häuschen auf Nutzgarten wohnte. |
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...Arnolds Ziege stand ganz selbstverständlich...
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und graste, auf Anordnung der Bahndirektionen, gelegentlich den Bahndamm ab. Andere (Un)Krautvernichter gab es da noch nicht.
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Allmende
Wegraine, Bahndämme wurden von den Enkeln meiner Oma abgeerntet. Auch sie versorgte eine Ziege mit dem Gras und dem Heu, das sie ihr im Bollerwagen zufuhren. Ostern gab es dafür Zicklein für die ganze Kinder- und Enkelschar. |
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Back to nature, ins Idyll, wollte ich schreiben, wenns nicht schon bessere und klügere getan hätten. Aber es wird ein Osterspaziergang, das ganz sicher.
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Danke born2bmild für den Hinweis, dass es auch"dann" noch weitergehen wird. Arnold hat jedenfalls irgendwann den letzten Schluck genommen, zufrieden geseufzt und sich davon gemacht. Ein zufriedenes Leben.
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"... dass es auch"dann" noch weitergehen wird."
Nur das nicht! Aber ich bin ganz zuversichtlich, dass es nur noch insofern weitergeht, als dass es sich die Würmer an meinen leiblichen Überresten gut gehen lassen werden. Es sei ihnen gegönnt. Die Schilderung des er- und abgefüllten Lebens ihres 'Helden' hat mir gut gefallen. Leider ist es mir nicht vergönnt, ihm das Wasser - Pardon, das Bier - reichen zu können. |
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und wenn Arnold jetzt, re-inkarniert, zum lichtschrankenwärter umschulte? müßte er dann auf kurze umsteigen?
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Re-inkarniert müsste Arnold enttäuscht feststellen, dass die Brauerei, deren nahezu lebenslanger Kunde er gewesen war, bald nach ihm das Zeitliche gesegnet hatte. (Übrigens ohne Trauerpredigt eines Pfarrers welcher Konfession auch immer, vielleicht dass in einem oder anderem Pfarrhaus ein trauriger Gedanke über die Vergänglichkeit allen irdischen Daseins ihr nachgeschickt wurde.) Im Lichtschrankenwärterhäuschen stünde in der durchautomatisierten Küche selbstverständlich eine Espressomaschine der Marke DeLonghi. an dem sich Arnold mit Experimenten zur Verbesserung der Latte macchiato durch selbstgefertigete Obstbrände verschiedenster Provenienz versuchen würde, womit er der modernen Forderung nach lebenslangem Lernen in vorbildlicher Weise nachkäme.
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also müßte Arno nur noch - na ja... nur noch - zwischen den verschiedenen lichtschranken hin- und herlaufen. vielleicht auch nur mal hier winken und mal da. ob ihn die brände über die mangelnde bewegung hinwegtrösten?
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Natürlich ist die Arbeit eines Lichtschrankenwärters mehr sitzender Natur mit all den bösen Folgen für die Gesundheit eines Menschen, der solche Tätigkeit ausüben muss. Arnold könnte sich aber einen Obstgarten am Rande eines mittleren deutschen Mittelgebirges gepachtet haben, den er hegt und pflegt und durch das Ziehen immer neuer Obstsorten die Basis seiner Versuche zur Verbesserung des Geschmacks von Latte Macchiato wesentlich verbereitert. Damit hätte er einen erforderlichen Ausgleich, der ihm die Schwächung seines Knochenapparats in Gelenken und Rücken entgegenwirkt, wenn er nicht, was ich ihm wirklich nicht wünsche, von seinem Arbeitgeber zur Ableistung endloser unbezahlter Überstuden, die ihm angeblich den Arbeitsplatz erhalten, im Eigentlichen ihn aber nur am Arbeitsplatz halten, gezwungen werden würde.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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