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P. kam neu in die Klasse, mitten im Schuljahr. Ihm fehlte die linke Hand. Er stand vor der Klasse, der Stumpf des linken Arms schaute aus dem Ärmel seines blauweiß gestreiften Russenkittels. Er lächelte uns an. Unser Klasslehrer, ein Mann vom Krieg gezeichnet, mit Beinprothese und einer schrecklichen Narbe im Gesicht, stellte ihn vor. Er wies ihm einen Platz an. Englischunterricht, 1. und 2. Stunde. P. war stämmig und selbstbewusst. Er verhielt sich in der ersten Pause schon so, als wäre er immer mit uns in der Klasse zusammengewesen. Schlagfertig und voll Witz begann er uns Geschichten zu erzählen. Und er konnte erzählen. Wie er mit Schießpulver am Dachboden des elterlichen Anwesen experimentiert hatte und wie das zur falschen Zeit los gegangen war. Wie es ihm die Hand weggerissen hatte. Die Linke, glücklicherweise, so erzählte er. Er schilderte uns phantastisch fachmännisch, wie unser Klasslehrer, von dem wir das nie erfahren hatten, zum Holzbein und zur Schramme im Gesicht gekommen war. Er schilderte den Abschuss der Schrapnell, die nicht aufzuhaltende Flugbahn, den Aufschlag, die Explosion und die gemeingefährlichen Stahlstückchen, die durch die Landschaft und Luft pflügten bis sie in das weiche Fleisch der herumliegenden und stürzenden Menschen fraßen, die Knochen durchschlugen und Blut und über all Blut. P. konnte den Krieg erzählen. Dabei war er nie dabei gewesen. Wie denn auch. Er war zur Welt gekommen als der Krieg in Europa vier Jahren vorüber war. P. konnte den Krieg anders erzählen als die Erwachsenen, die meistens schwiegen und die wenigen, die was preis gaben, schilderten den Krieg als touristisches Unternehmen oder irgendwelche anonymen Heldentaten, die uns nicht erklärten, was ihnen wirklich widerfahren war. P. konnte sich in Schützenlöchern eingraben. Er grub sich ein im Sumpf von Ypern und schlug die Axt in den gefrorenen Boden vor Stalingrad mit einer Gewalt und Panik, dass uns staunenden Zuhörern mitten im kalten Februar 1962 der Schweiß von den Gesichtern rann. Er ließ sich vom Bajonett durch Brust und Rücken stechen, dass es kaum noch herauszuziehen war. Er hieb mit den Spaten auf einen anderen Menschen ein, bis der regungslos und zerteilt vor ihm lag. Er schoss mit Maschinengewehr, er schoss mit der Pistole, als Scharfschütze lag er auf der Lauer. Er zog die Lafette aus dem Morast, ertrank niedergehauen in einer Pfütze, die Kugel zerfetzte ihm den Schädel, seine Därme quollen aus dem Leib und er versuchte sie zurückzustopfen, seine Beine wirbelten führerlos durch die Luft, während er mit den Händen den Blutstrom zu stoppen suchte. Er war das Kind, das unter den Ketten des Panzers zermalmt wurd. Er war die Frau, die im Vorübergehen am Telegrafenmast aufgehängt wurde und lang und qualvoll erstickte. Er starb 1000 Tode so wie er 1000 andere massakrierte
P. starb vor 45 Jahren. Es war kurz vor den Pfingstferien. Auf dem Heimweg von der Schule schilderte er eine Feuerwalze und wie er ihr auszuweichen versuchte. Er sprang hin und her, die Luft war so heiß, er konnte nicht mehr atmen. Er suchte den kühleren Punkt. Er sprang vom Gehweg auf die Straße. Im Augenwinkel sah der den heranfahrenden Stadtbus, er sprang zurück auf den Trottoir, strauchelte, fiel rückwärts, sein Hinterkopf knallte auf die Gehwegkante. Wir begriffen nicht. Er schwieg. P. schwieg für immer. Und es sollte lange dauern, bis uns vom wirklichen Grauen des Krieges erzählt wurde.
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Und noch Mal mit Lesepfeife. Nicht zum Anzünden gekommen ...
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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