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Da war ich noch ein kleiner Junge. Es war Anfang März. Ich hatte nicht viel zu tun. Ich stand im matschenden Lehm der Dorfstraße. Die schlängelte sich vom Wirthaus unten her den Hügel herauf bis sie zum Rand eines Wäldchens, wo sie zu einem tiefgefurchten Feldweg wurde und sich zwischen den Feldern mit iher nassen schweren dunklen Erde verlor. Ich beobachtete wie meine Stiefelchen im Lehm einsanken. Ich lauschte aufmerksam dem saugenden Geräusch, wenn ich meinen Fuß herauszog. Kuuuatssssch, kuuuatsssch. Ich hörte die Enttäuschung der Erde, die mich nicht einsaugen konnte, dafür war ich schon zu groß und zu mutig. Und ich machte die nächsten Schrittchen. Kuuuatssch, kuuuatsch. Ich wußte von den Moorleichen. Meine Oma hatte mir Geschichten erzählt, von denen, die im Sumpf versunken waren in die ewige Finsternis. Und nur wenn das Moor es wollte, gab es ihre toten Körper frei. Da waren die „Hakelmänner“ und die Lockefrauen, die einem locken wollten in ihr unteres Reich. Da musste man schon aufpassen.
Mir entgegen kam ein Fuhrwerk. Dampfende Kühe, die sich mühten, das Gefährt mit dampfenden Mist den Hügel herauf zu kriegen. Ein Bäuerchen saß, ein Hütchen am Kopf, am Wagen droben. Es schwang leicht mit seiner Peitsche, die die beiden Kühe daran erinnern sollte, nicht nachzulassen und zu ziehen und zu ziehen. Am Hütchen erkannte ich schon vom Weiten, das ist der Keiler-Bauer. Der Keiler Bauer war nicht beliebt im Dorf. Er war zu oft besoffen und dann schrie er immer rum und bot Prügel an, jedem, der ihm gerade über den Weg lief. Am meisten aber seiner Frau, der Keilerin, die deswegen immer ein wenig unglücklich schaute, aber nur wenig sagte. Zu mir war sie immer freundlich, und sie tat mir schon leid, weil sie immer wieder gehaut wurde vom Keiler. Auch war seine Wirtschaft nicht die Beste. Heute würde ich sagen, sein Hof war heruntergekommen. Damals wusste ich nur, bei dem ist alles ziemlich verloddert. Das glaubte ich unbenommen. Ich fragte mich, je näher die Fuhre kam, was heißt verloddert. Heißt das besoffen? Endlich fuhr der Keiler an mir vorbei. Der Wagen ächzte, die Kühe schnauften, ich sagte "Guten Morgen". Der Keiler Bauer schrak zusammen. Er hatte mich gar nicht gesehen gehabt, so sehr war er damit beschäftigt gewesen, seine Ladung Mist den Hügel herauf zu bekommen und mit seiner Peitsche und den beiden Kühen. Da hat er sich wahrscheinlich für den einzigen Menschen auf Gottes weiter Welt gehalten, der sich durch den Matsch abplagen muss. Er blickte auf mich herunter. Er sah mich an, als sei ich ein Geist oder der Hakelmann. Dabei war ich doch nur ein ganz kleiner Junge, am Rande des Wegs, der ihm nichts Böses wollte. Er aber war erschrocken. Er zog mit der Peitsche aus und zog sie mir über das Gesicht. Da fing ich gleich an zu schreien, weil es weh tat und weil ich merkte, dass ich unter einem Auge blutete. Der Kühe zogen den Wagen unverdrossen weiter. Der Keiler in seinem Tran hatte mich wahrscheinlich schon vergessen.
Ich lief so schnell ich auf dem glitschig weichen Boden laufen konnte, nach Hause. Auf dem Weg traf ich, - ein Glück -, meine Mutter, die vom Zeitungsaustragen kam. Viele Zeitungen hatte sie nicht auszutragen im Dorf, aber die Wege waren weit, so dass sie immer eine Zeit brauchte. Jetzt wo ich sie sah, fing ich laut zu heulen an, so laut es halt eine verletzte kleine Seele tun kann. "Was ist los, was hast denn du? Du blutest ja!" "Der Keiler hat mich gehaut, mit der Peitsche hat er mich gehaut." "Was, mit der Peitsche, nun, warte, dem werde ich was erzählen." Wir waren daheim. Meine Mutter wusch mir das Blut vom Gesicht. Ich war getröstet und weinen musste ich nicht mehr, auch wenn mir die rechte Gesichthälfte noch wirklich weh tat.
Immer wieder schaute meine Mutter aus dem Fenster. "Jetzt fährt er heim" Meine Mutter zog ihren Mantel an, sagte mir, jetzt könnne der was erleben. Ich solle nur warten. Sie ging hinunter ins Dorf zum Keilerhof. Ich setzt mich ans Fenster und wartete geduldig bis sie wiederkommen möchte. Es hatte zu regnen begonnen. Das Wasser klatschte an die Fensterscheibe und lief in Spuren herunter, denen ich zuschaute wie sie sich vereinigten und wieder trennten, wieder zusammenfanden. So verging die Zeit. Der Regen ließ nach. Und ich sah meine Mutter heim kommen. Sie lief geduckt und hielt eine Hand an ihre Wange. Sie kam herein, legte ihren Mantel ab. Sie sagte kein Wort. Ich schaute mich zu ihr um. Ihr linkes Auge war verfärbt. "Siehst du, jetzt hat der Keiler dich auch noch gehaut!" Da musste meine Mutter über meine kluge Beobachtung lachen und schließlich lachte auch ich.
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Ziemlich deprimierender Text über eine Erfahrung mit Brutalität und Gewalt.
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das ist ja eine gute Beschreibung von Tristesse der Willkür.
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Eine wirklich tapfere Frau, Ihre Mutter, lieber Hardob.
Gewiss ahnte sie schon auf dem Hinweg zu diesem grässlichen Kerl, was ihr vermutlich widerfahren würde. Und trotzdem ist sie dorthin gegangen. Ja, das sind die wahrhaft Tapferen, die, obwohl sie ziemlich sicher sein können, dass sie auf schmerzhafte Weise dafür "bezahlen" müssen, ein Unrecht trotzdem anklagen. Traurige, aber ergreifende Geschichte! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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