7
]
Anfang einer entgegnung auf
www.freitag.de/community/blogs/j-w/was-ist-denn-bei-der-taz-los
JW, deine empörung über Iris Hefets erinnert mich an eine reaktion auf den film "holocaust", die mir in erinnerung geblieben ist. diese reaktion lautete ungefähr so: aber diese nette frau hätte man doch nicht vergasen müssen.
natürlich schlägst du nicht vor, diese schreckliche frau zu vergasen, denn das wäre offen antisemitisch. aber du möchtest sie zum schweigen bringen. also empörst du dich darüber, dass sie öffentlich erklärt, jüdin und israelin zu sein und bis vor einigen jahren in Israel gelebt zu haben und aus diesen (und damit zusammenhängenden) gründen gegen bestimmte politiken des staates Israel und für einen anderen frieden zu sprechen.
nun - jüdin ist sie nach den regeln der halacha, israelin ist sie nach den regeln des rückkehrgesetzes, beides anerkannt von ihr selbst (und ihren eltern und großeltern und....) und dem staat Israel. der sie als israelische staatsangehörige betrachtet und behandelt - und zwar, wie sie selbst sagen würde, als jüdische israelische staatsangehörige.
du bist wohl deutscher - vermutlich nach den regeln der nürnberger gesetze (Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre - so hieß das eine teil und wurde zu "blutschutzgesetz" verkürzt - und Reichsbürgergesetz), die bekanntlich dazu dienten, die auf dem territorium des deutschen reiches lebenden menschen in erwünschte und unerwünschte auseinanderzusortieren (dieser vorgang nennt sich selektion, und an ihm hängen in- und exklusion). Da dies auseinandersortieren ziemlich gründlich vorgenommen wurde, kannst du also davon ausgehen, dass du möglicherweise ein recht ‚reinrassiger’ deutscher bist.
Das klingt überzogen? Das soll es auch – es soll damit aber nicht gesagt sein, dass ich dich für einen ‚reinrassigen deutschen’ halte. Es soll nur verdeutlichen, vor welchem in jüngster vergangenheit liegenden hintergrund zuschreibungen von jude- respektive deutscher-sein hierzulande zustandekamen und weiterwirk(t)en.
Aber zurück zu deiner empörung. Diese erinnert mich auch an etwas, was letztens ein anderer in einem kommentar zu meinem artikel „EIN Staat ist die Lösung“ schrieb, nämlich: „Wohin sollen Juden fliehen wenn in ihrem „Heimatland“ wieder Pogrome abgehen? Israel ist der Fluchtpunkt für Jüdinnen und Juden.“ Er meinte damit zwar, dass Palästinenser/Araber in einem gemeinsamen staat pogromartig über ihre jüdischen mitbürger herfallen könnten – aber er ließ dabei doch auch mehr anklingen.
Dieses ‚mehr’ besteht aus der vermutung, juden hätten eigentlich keine andere heimat als einen jüdischen staat (Israel), egal, in welchem staat sie leben, egal welchen staates staatsangehörigkeit sie auch, sagen wir durch geburt, erworben hätten. Dieses ‚mehr’ besteht also darin, den juden/die jüdin zu geborenen fremden zu erklären. Fast zwangsläufig folgt daraus, dass diese fremden nur dann aufhören, fremde zu sein, wenn sie ihren eigenen, also jüdischen, staat haben. Genauso zwangsläufig folgt daraus aus, dass diese fremden überall bedroht sind – weshalb sie ja auch einen „Fluchtpunkt“ brauchen.
Diesen „Fluchtpunkt“ brauchen sie – jedenfalls sagt das die historische erfahrung – weniger vor Palästinensern/Arabern sondern gerade und im besonderen vor europäischen antisemiten. Also vor „uns“. Vor antisemitismus in polen und frankreich und großbritannien und skandinavien und italien und südosteuropa und und und…. und in DEUTSCHLAND.
Nun hätten die deutschen (west) den film „holocaust“ nicht gebraucht, um zu wissen, dass es unter ihnen antisemitisches denken gibt. Das wußten sie schon seit einer untersuchung des allensbacher institutes für demoskopie im jahr 1949. Und nach der ausstrahlung dieses filmes gab es ihnen Alphons Silbermann im jahr 1982 mit seiner studie „Sind wir Antisemiten? Ausmaß und Wirkung eines sozialen Vorurteils in der Bundesrepublik Deutschland“ nochmals schriftlich, dass sie einen antisemitismus ohne juden pflegten. Von all dem, was sie zwischen 1949 und 1982 zum thema hätten lesen – und erfahren/wissen – können, nicht zu reden.
Zu diesem dazwischen gehört die nach dem 6-tage-krieg so häufig geäußerte bewunderung für Israel, für den kleinen David, der den riesen Goliath schlug. Ab diesem sieg machte nach dafürhalten vieler deutscher die wiedergutmachung sinn, hatte der sieg doch gezeigt, dass das viele geld kein rausgeschmisssenes war. Wenigstens das nicht, dachte sich da so mancher.
Und nun, und damit bin ich endgültig wieder bei deiner empörung angekommen, sind einige so frech und kommen hierher und erzählen uns, dass und warum sie mit bestimmten politiken des staates Israel – ihres staates Israel! – nicht einverstanden sind. Nicht nur das! Sie kritisieren den umgang mit dem holocaust im staat Israel und streiten wortgewaltig dagegen an, dass im namen dieses holocaust neue verbrechen an anderen ‚anderen’ begangen werden. Am fast allerschlimmsten: sie rufen zum boykott auf! Das wirklich allerschlimmste daran ist aber, dass sie dies als israelische staatsbürger_innen tun, als jüdische zumal!
Das nehmen „wir“ ihnen übel.
Und damit sind wir bei der frage angekommen: warum?
Weil sie beifall von der falschen seite bekommen?
Weil die falsche seite sie zugleich mit Häme überschüttet?
Nun, es ist doch nicht schwierig anzunehmen, dass eine Iris Hefets sich gegen beifall von der falschen seite zu verwahren und zu wehren weiß. Wie es auch nicht so schwierig sein dürfte, sie gegen häme von dieser selben seite in schutz zu nehmen – also diese falsche seite zu kritisieren (und sei es, indem diese seiten aufgesucht und mit kritik überzogen werden).
Und schließlich dürfte es auch nicht so schwierig sein, das sachlich zu kritiseren, was Iris Hefets vorträgt/schreibt – soweit es da etwas zu kritisieren gibt. Ich nehme allerdings an, dass es zum umgang mit der shoa als gründungsmythos in Israel und zu den damit zusammenhängenden diskussionen und auseinandersetzungen für „uns“ erst einmal nur etwas zu lernen und zur kenntnis zu nehmen gibt, bevor „wir“ uns in die kritik an Iris Hefets stürzen. Wie ich auch annehme, dass vor der kritik an Iris Hefets der kritische blick auf die deutsche erinnerungskultur gerichtet gehört.
Wenn es also nicht diese so garnicht schwierigen dinge sind, was ist es dann?
Ist es womöglich die tatsache, dass das reden und schreiben einer Iris Hefets uns an den immer noch un-bearbeiteten eigenen antisemitismus erinnert?
Liegt darin, dass ausgerechnet eine frau uns daran erinnert, ein zusätzliches oder das eigentliche Skandalon?
Ich nehme mal an, es handelt sich nicht um reinen zufall, dass bei den tags zu deinem artikel der name Iris Hefets nicht vorkommt, dafür aber Finkelstein (ohne vornamen, davor aber Israel – weshalb ich sofort an Israel Finkelstein denken mußte und mich fragte, ob dessen thesen zur landnahme im Kanaan der eisenzeit jetzt auch schon auf dem index stehen).
Und da kriege ich schon wieder ganz große ohren und frage mich warum? Warum kann nicht in den tags deines artikels ‚beglaubigt’ werden, dass eine frau spricht? Und dass du dem widersprechen willst, was eine frau sagt?
Meinst du, du bringst das, was sie zu sagen hat, dadurch zum verschwinden, dass du erst mal die sprecherin als person zum verschwinden bringst?
Wenn wir das ‚durch’ haben – und ich hoffe, wir haben es bald ‚durch’ – dann fände ich es allerdings sehr angebracht, zur geopolitischen diskussion zurückzukehren. Zu fragen von nationalstaat und westlicher hegemonie. Und zu den fragen zu den bereits stattfindenden wie auch den drohenden kriegen.
Ps: Im unterschied zu Norman Finkelstein veröffentlicht Israel Finkelstein natürlich auch in hebräisch.
|
|
Vielleicht als Ergänzung Aus NZZ-Folio:
«Wer ein Jude ist, bestimme ich!» "Wer oder was ein Jude ist, haben die Feinde der Juden immer wieder zu definieren versucht. Vergeblich. Noch heftiger allerdings streiten die Juden selbst darüber." Von Doron Rabinovici tinyurl.com/y9ljes7 |
|
|
In meinen Augen eine sachliche und einleuchtende Argumentation. Wäre zu wünschen, dass alle Diskutanten bei Themen aus diesem Umkreis sich eines so sachlichen und unaufgeregten Tones befleißigen würden. Wird aber wohl ein frommer Wunsch bleiben...
Freundliche Grüße von g. |
|
|
Böse Mädchen wie Iris Hefets kommen nicht nur überall mit ihren Argumeten, angesagt gefragt, ungefragt, hin, sondern kränken das Bild, das Europa als Papa der fragilen Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten von sich selber weiter zu pflegen geneigt ist. Wie kann das böse Mädchen Iris Hefets nicht nur die fragile Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten, sondern gar das vom Papa Europa zugewiesene Haus Israel in seiner statischen Belastbarkeit und gesellschaftlichen Nachhaltigkeit in Frage stellen?
Diese unselige Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten fusst auf dem morastig brüchigen Fundament des voherigen Welt- Kolonilismus Europas. Läuft nicht Israel täglich waffenstarrend Gefahr, aus Sicht der arabischen Welt, dieses unheilvolle Erbe Europas als Kolonialherr anzutreten. tschüss JP |
|
|
“Finkelstein ist international bei Antisemiten beliebt, weil ihm allein durch die Tatsache, dass er sich als Jude und Sohn von Holocaust-Überlebenden bezeichnet, Glaubwürdigkeit und die absolute Wahrheit bescheinigt wird.” heißt es in einem Beitrag des BAK Shalom zur Finkelstein-Debatte. (bak-shalom.de/index.php/2010/02/22/norman-finkelstein-erfolgreich-verhindert/) Genau das habe ich auch auf die Frage nach dem "Warum" der Empörung zu sagen: Hefetz und ihr Verein missbrauchen die historisch bedingte und damit auch nachvollziehbare Unfähigkeit weiter Teile der deutschen Bevölkerung, in jüdischen Menschen zuerst den Juden und dann den Menschen zu sehen. Sie weiß das und genau deswegen hängt sie ihr Jüdischsein an die große Glocke, denn in Deutschland wird man kaum auf die Idee kommen, die Forderung nach Historisierung des Holocaust aus ihrem Mund genauso zu kommentieren, wie aus dem Mund eines deutschen Nazis. Das erinnert mich an Achmadinedschads Umgang mit den verrückten Rabbis, die an seiner Holocaustleugnerkonferenz teilnahmen. Auch diese mussten Kraft ihres Jüdischseins für einen Wahrheitsgehalt einstehen. Solcher Missbrauch widert mich an. Warum weist der Name ihres Vereins auf eine "jüdische Stimme" hin, warum nicht nur "Stimme"? Ist die jüdische Stimme mehr wert, richtiger und weiser als jede andere? Es ist pure Berechnung. Als ich nach dem Warenboykott der "jüdischen Stimme" gegen israelische Waren auf meine Assoziationen zum Boykott der Nazis gegen jüdische Geschäfte hinwies, wurde ich ebenfalls gerügt. Nicht weil ich zwei verschiedene historische Dinge verglichen habe, nein, ich wurde angegriffen, weil ich eine Aktion von Jüdinnen und Juden mit der von Nazis verglich. Dass Hefetz mit diesen Reflexen spielt ist ihr anzulasten.
|
|
|
@JW
versteh ich das jetzt richtig: Iris Hefets mißbraucht den antisemitismus? |
|
|
Nein. Die Verkrampfung in Deutschland würde ich nicht als Antisemitismus, auch nicht als seine Spielart Philosemitismus, bezeichnen. (Es hat sich bei mir ein Fehler eingeschlichen: füge ein zwischen "Menschen" und "zuerst" ein "nicht" ein.)
|
|
|
@JW
ich verstehe es immer weniger! was bitte ist denn die unfähigkeit, zuerst nicht den juden und dann den menschen zu sehen? ist das die fähigkeit, erst den menschen und dann den juden zu sehen? und wenn es so wäre, was wäre daran so falsch? Und was ist in deutschland "verkrampft"? oder wer? |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen