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oraniers anregung folgend stelle ich hier in zwei teilen einen ersten teil einer etwas längeren arbeit ein, der sich mit dem allseits bekannten und in der überschrift wiedergegebenen slogan (phrase) beschäftigt und einen eindruck all der kräfte vermittelt, die an der entstehung dessen beteiligt waren, was uns heute noch als "Nah-Ost-Konflikt" in atem hält.
I Einleitung
Der Slogan/die Phrase 'Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land' wurde und wird von zionistischen und palästinensischen Organsiationen wie auch in Darstellungen zionistischer wie auch palästinensischer Geschichte zur Vorgeschichte der Entstehung des Staates Israel als rechtfertigendes Argument bzw. fälschlicher Anspruch für die Berechtigung der Juden vor allem Europas zur Besiedlung Palästinas und zur Errichtung eines mit quasi-hoheitlichen Rechten versehenen Gebildes eingesetzt bzw. bezeichnet.
Faßt dieser Slogan doch in leicht eingängiger Form das Problem, das der politische Zionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu lösen angetreten war: die Befreiung Europas wie auch der europäischen Juden vom 'politischen' Antisemitismus durch Massenübersiedlung breiter Schichten vor allem der Juden Osteuropas, im besonderen Rußlands, in ein durch eine 'Charta' 1) von einem souveränen Staat der Epoche zur Ansiedlung erworbenes/überlassenes Territorium, in dem, da mit quasi-hoheitlichen Rechten versehen und ungehindert durch judenfeindliche bzw. antisemitische Vorurteile und rechtliche wie gesellschaftliche Einschränkungen und Ausgrenzungen, die Juden ein Volk bilden und eine jüdische Gesellschaft entwickeln würden.
Gleichzeitig zeigt dieser Slogan jedoch, kritisch gegen die zionistische Bewegung gewendet, daß die zionistische Bewegung letztlich ein Territorium beanspruchte, das bereits von Menschen besiedelt war, die sich ebenfalls als 'ein Volk' verstanden. Zumindest bildete die Bevölkerung Palästinas eine Entität, die seit Jahrhunderten mit dem von ihr besiedelten und bearbeiteten Boden verbunden war, über eine gemeinsame Geschichte und Sprache verfügte und nicht gewillt war, die Bindung an ihr Territorium aufzugeben.
Palästina wurde in der zionistischen Wahrnehmung zu einem 'Land ohne Volk', wiewohl den maßgeblichen Begründern des politischen Zionismus wie auch seinen späteren Vertretern aus meist eigener Anschauung bekannt war, daß Palästina keine unbewohnte Ödnis war. Zwar mag Palästina gemessen an den Bevölkerungsverhältnissen und der Bevölkerungsdichte im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts relativ dünn besiedelt gewesen sein. Fraglich ist allerdings schon, ob Palästina im Vergleich zum Argentinien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem ebenfalls philantropisch begründete jüdische Siedlungen entstanden waren, noch als relativ unbesiedelt einzuordnen wäre. Fraglich ist weiter, ob das 1903 Herzl durch Groß-Britannien angebotene Territorium im heutigen Uganda mehr oder weniger besiedelt war als Palästina zum gleichen Zeitpunkt. Vermutlich hätte sich um die Jahrhundertwende auf dieser Erde kein Fleckchen - es sei denn ein bis heute unbewohntes - finden lassen, das nicht in mehr oder weniger dichter Weise besiedelt war. Schließlich wurde auch noch um die Jahrhundertwende bis weit danach in etlichen Regionen erbittert darum gestritten, ob die von Eroberern, Besatzern, Aufständischen etc. vorgefundene 'autochthone' Bevölkerung legitime Rechte am betreffenden Territorium hat, haben könnte - in einigen Gegenden dauert diese z.T. auch immer noch bewaffnete Auseinandersetzung um diese Frage bis heute an.
Da sich National- wie Regionalgeschichten zwar auf einer abstrakten Ebene miteinander vergleichen lassen, der Vergleich aber in aller Regel nur die Erkenntnis bringt, daß die einen gelegentlich genauso borniert sind wie die anderen, legt es sich nahe, anhand demographischer Daten und belegter konkreter Entwicklung von lokaler Elitebildung zu untersuchen, ob vom Palästina des ausgehenden 19. Jahrhunderts als einem 'Land ohne Volk' gesprochen werden kann. Wobei vielleicht auch näher darauf einzugehen wäre, wie es zur Wahrnehmung Palästinas als 'Land' kommen konnte, obwohl im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts bekannt war, daß das biblische Palästina Teil einer Provinz des osmanischen Reiches war.
Anhand der demographischen Daten wie auch der sonstigen bekannten Geschichte dieses Teiles des osmanischen Reiches wäre weiter zu untersuchen, ob es gerechtfertigt ist, die muslimischen und christlichen Bevölkerungsteile, die heute weitestgehend als 'die Araber' bzw. ' Palästinenser' bezeichnet werden, als "autochthone Bevölkerung" 2) anzusehen - im Gegensatz zur im 19. Jahrhundert vermutlich in gleicher Weise 'autochthonen' jüdischen Bevölkerung Palästinas.
Die jüdischen Einwanderer, die ab 1882 nach Palästina gelangten und geprägt von den Diskussionen der Hovevei-Zion und anderer jüdischer intellektueller Zirkel in Osteuropa den Aufbau landwirtschaftlicher Mustersiedlungen als Grundlage einer erneuten territorialen Staatlichkeit des jüdischen Volkes anstrebten, wurden vom 'alten Jishuv' als Bedrohung angesehen; einen inhaltlichen Grund, sich fortan aus dem osmanischen Staatsgefüge auszuklinken und den 'alten Jishuv' als Besonderes sowohl neben dem 'neuen Jishuv' als auch neben den anderen ebenfalls osmanischer Herrschaft unterliegenden Bevölkerungsgruppen zu sehen, boten sie folglich nicht. Daher stellt sich hier die Frage danach, ob und wie und wann im Zuge der faktischen Durchsetzung des 'neuen Jishuv' und seiner tatsächlichen - womöglich auch nur partiellen - Dominanz im historischen Verlauf die Integration des 'alten Jishuv' gelang. Besondere Aufmerksamkeit verlangt in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß zionistische/israelische und osmanische Zahlen über die Entwicklung des jüdischen Bevölkerungsanteils im ausgehenden 19. Jahrhundert erheblich differerieren. Im weitesten wäre hier zu untersuchen, welchen Anteil demographische Erhebungen wie auch demographisches Sich-Erheben-Lassen oder sich-Nicht-Erheben-Lassen an der Wahrnehmung und nachträglichen Rechtfertigung politischer Entwicklungen haben.
Weiter wäre der Frage nachzugehen, ob der osmanischen Bodenrechtsreform von 1856 3) nolens-volens ein wesentlicher Anteil am Gelingen des zionistischen Projekts in Palästina bereits während der sog. 1. Aliya (1882 bis 1903/04) zukommt oder ob man nicht, entgegen der zionistischen Intention und der israelischen Geschichtsdarstellung über die Auswirkung des innerzionistischen Wiederverkaufsverbotes für erworbene Immobilien, angesichts des weiteren statistischen Materials zu dem Schluß gelangen muß, daß zumindest der Erwerb und die Besiedlung von landwirtschaftlich genutzten Immobilien bis zum Ende der 1. Aliya (1903/4) nicht als unmittelbare Umsetzung des Slogans angesehen werden können. Zu fragen wäre auch, ob dies für die weitere Entwicklung im Erwerb landwirtschaftlich nutzbarer Flächen bis 1939 angenommen werden kann oder ob nicht ohne den militärischen Sieg der israelischen Streitkräfte 1948 und ohne die damit verbundene militärische Besetzung großer Teile Palästinas das Wiederverkaufsverbot wie auch das Prinzip der 'jüdischen Arbeit' in den vom UN-Teilungsplan festgesetzten Grenzen wesentlich weniger Wirkung entfaltet hätten.
Zuvor ist aber die Frage zu klären, ob bereits die 1.zionistische Einwanderungswelle von 1882-1903/04 das demographische Gefüge in Palästina so tiefgreifend veränderte, daß die Schlußfolgerung Edward Saids 4)
"daß es in dem Territorium namens Palästina seit Jahrhunderten ein Volk überwiegend bäuerlicher Struktur gab, das sozial, kuluturell, politisch und ökonomisch eine Identität besaß; ein Volk, dessen Sprache arabisch und dessen Religion der Islam war. Dieses Volk, oder, wenn man seine Selbsteinschätzung als Volk ablehnt, diese ethnische Gruppe identifizierte sich mit dem Land, das sie bebaute und auf dem sie lebte (...). Die Realität Palästinas beruht auf dem Akt des Widerstandes gegen diesen fremdgesteuerten Kolonialismus."
bereits für diesen Zeitraum gerechtfertigt ist.
Fußnoten:
1 Dan Diner, Israel in Palästina. Über Tausch und Gewalt im Vorderen Orient,
Königstein/Ts. 1980, 21, Fn 21, gibt eine kompakte Darstellung der Idee
der Charta
2 so durchgängig Dan Diner, Israel in Palästina
3 nach Diner die Einbruchstelle für das zionistische Unternehmen in Palästina;
zu den in Palästina üblichen Eigentumsformen an Boden vergl. die
ausführliche Darstellung bei Kenneth W. Stein, The Land Question in
Palestine, 1917-1939, University of North Carolina Press 1984, 3ff
4 Edward Said, Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung, Stuttgart
1981, 23
und der zweite teil folgt sogleich.
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Schon aufgrund des Lesens der Fußnoten möchte ich loslesen. Aber es ist mir zu lang jetzt, ich melde mich ca. Ende März. Vielleicht.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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