Malte Krøgergaard

Alles, aber mit Gefühl.

28.02.2012 | 03:23

Warum Wehmut wohl gut tut...

Ironie der Geschichte ist, wenn der Insolvenzantrag eines Unternehmens, das seinerzeit maßgeblich an der Entwicklung des jungen Kinos beteiligt war, mit der fünffachen Oscar-Prämierung eines nachempfundenen Stummfilms zeitlich fast zusammenfällt. Da prallen Nostalgie und knallharte Marktwirtschaft ganz schön aufeinander. So geschehen anno 2012 mit der Eastman Kodak Company und "The Artist" von Michel Hazanavicius.

Dabei dürfte es noch gar nicht die Generation sein, für die es ein Rätsel aus grauer Vorzeit darstellt, einen Film korrekt in einen Fotoapparat einzulegen, welche das schwarz-weiße Kinospektakel bejubelt. Wie ist das bloß zu verstehen? Habe bloß ich das mit dem Angebot und der Nachfrage nicht richtig kapiert? Oder ist der Stoff, den die Roaring Twenties einst selber produziert haben, mittlerweile schlecht geworden?

Scheinbar ist es an der Zeit, mal wieder wehmütig zu werden, angesichts der guten alten Zeiten, der großen Tage des Kinobetriebs und darin enthalten natürlich das verlorene Glück goldener Gründerjahre. Sehnsucht, das muss man wissen, ist nicht selten Selbstzweck. Ganz besonders dann, wenn die echte Geschichte nebenan sozusagen sang- und klanglos absäuft.

Jedenfalls ist es schon putzig mit anzusehen, wie Hollywood sich frenetisch selbst beklatscht und dabei flugs den Oscar-Tempel von Kodak Theatre in Hollywood & Highland Center umbenennt. So geht Denkmalpflege heute! Eingedenk der Tatsache, dass Kodak (vor langer Zeit, in einem weit, weit entfernten Hollywood) mit acht Academy Awards für seine herausragenden filmtechnischen Leistungen geehrt wurde trotzdem ein verwunderlicher Akt der Erinnerungskultur. Aber gut, da war man ja noch flüssig... Und Pleitegeier hat es gerade eh genug.

Eine Errungenschaft stellt "The Artist" seinerseits nicht wirklich dar. Schön anzuschauen ist er, nett, was für's Herz eben. Kitsch, aber gut gemacht. Also eher noch Camp.

"Denn Camp-Kunst ist häufig dekorative Kunst, die die Struktur, die von den Sinnen wahrgenommene Oberfläche, den Stil auf Kosten des Inhalts betont." (Susan Sontag: Anmerkungen zu "Camp", 1964)

Und wenn wir schon beim Inhalt sind, der Film handelt bekanntlich unter anderem davon, wie der Tonfilm den Stummfilm von der Leinwand verdrängte. Preisfrage deshalb: Wer brachte 1929 den ersten Tonfilm auf den Markt, der das Schicksal der stummen Zeitgenossen besiegelte?

Kleiner Tipp, jetzt wird es wieder ironisch...

 

(Foto auf der Startseite: Gabriel Bouys/ AFP/ Getty Images); Anm. der Redaktion

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 28.02.2012 um 11:10
The public wants real music in the theatre!



Malte Krøgergaard schrieb am 28.02.2012 um 15:43
Those were the days... Und kein Lukács weit und breit!
Malte Krøgergaard
"Das Problem der Menschheit ist insgeheim per D-Zug in Richtung Stern gereist." [Giovanna]
Ort:
Nürnberg
Mitglied seit:
13.10.2011
Zuletzt aktiv:
21.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 5
Kommentare: 67
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
17:58
Nur mal so hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:55
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:43
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:39
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:38
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG