Rapanui

Landschaftsgestaltung

24.01.2011 | 02:33

Kommunismus als globaler Frieden

Kommunismus als ein Produktionsverhältnis (PV), setzt einen Mindest-Entwicklungsstand von Produktivkräften (PK) voraus. Ohne ein bestimmtes Niveau an Wissenschaft, Kultur, Instrumenten, Kommunikation, Transport kann es keinen Kommunismus geben. Hieraus ergeben sich zwei Probleme: 1. Was ist das "bestimmte" Entwicklungsniveau 2. Ist die jetzige "Technik" überhaupt die geeignete.

zu 1. Wer von diesem Entwicklungsniveau PK absieht, setzt sich der Gefahr aus PV zu simulieren, die im Widerspruch zum Entwicklungsstand PK stehen und zu katastrophalen Störungen der Ökonomie führen, mindestens aber zu permanentem Mangel. Eines der Lieblingsworte Lenins für diese Differenz ist das Wort "Voluntarismus" - was ihn zwar nicht vor solcherart Praxis bewahrte, aber immerhin die NÖP hervorbrachte.

Dies erklärt mir die Entwicklung in der Sowjetunion hinreichend. Die Entwicklung der PK in Russland war definitiv keine für sozialistische, gar kommunistische PV genügende. Ab 1925 setzte Stalin mit der gigantischen Industrialisierung der Sowjetunion die konkrete russische ursprüngliche Akkumulation des Kapitals in Gang. Was ab 1925 in der Sowjetunion ablief, ist mit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals in den Ursprungsländern des Kapitalismus erklärbar. Wenn dies sich verifizieren lässt, ist Stalinismus die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals in der russischen Variante. Besonders daran sind nicht die Internierung von Arbeitssklaven, nicht die enorme Ausbeutung der Arbeiter, nicht der Terror gegen die Bauern und andere soziale Schichten. Das alles findet sich in jeder nationalen Geschichte des westeuropäischen Kapitalismus - allerdings in anderer Form.

Es ist hier nicht der Raum auf alle diese je speziellen Formen in den einzelnen frühkapitalistischen Ländern einzugehen. Den wichtigsten Unterschied in der Form sehe ich darin, dass die Kolonialisierung, als wesentliche Voraussetzung für die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, sich in Russland gegen die "eigene" Bevölkerung richtete. Hier werden also nicht "Indianer" in der Größenordnung von Millionen interniert, ermordet und diskriminiert, sondern Russen selbst und an Russland angrenzende Nationalitäten.

Der "Trick" der zivilisierten Westeuropäer von den eigenen Verbrechen bei der Akkumulation des Kapitals abzulenken und sie der Vergleichbarkeit mit den russischen zu entziehen, besteht in simplem Rassismus und der exotischen Entfernung der Massaker. Nicht ganz so leicht gelingt das den USA, die den Rassismus bis zum heutigen Tag als ein ungelöstes innenpolitisches Problem in sich tragen.  Zudem gibt es eine historische Differenz, die kapitalistische Entwicklung in Russland 1925 setzt ein, als sich westliche Staaten schon bürgerlich demokratisierten. Nicht darauf eingehen, aber darauf verweisen möchte ich - auf die Überlegungen von Marx zur asiatischen Produktionsweise und der darauf basierenden Despotie. So ist  vergangener und wohl auch gegenwärtiger vulgärer Antikommunismus nur der Kampf zwischen konkurrierenden Nationalstaaten.

Prinzipiell scheint mir der Entwicklungsstand der PK in den entwickelten kapitalistischen Ländern ausreichend für den Kommunismus zu sein. Da es aber kein Messinstrument für die Entwicklungsstand der PK gibt und es auch keine hinreichende Bedingung, sondern nur seine Voraussetzung ist, ist eine kommunistische Praxis überaus schwierig und voller Tragik. Das aber ist nicht nur Tragik der Linken, sondern Tragik der Menschheit. Das Neue kommt nicht als das Gute, es kommt als das Notwendige. Es ist kein Privileg der europäischen Linken, den Kommunismus zu denken und zu schaffen, es sind nur diejenigen, die am meisten davon reden. Für dieses Gerede und die Praxis ihrer Herrschaft, wenn sie diese ausübten, tragen sie die Verantwortung. Herrschaft ist kein Privileg der Rechten.

zu 2. Es gibt sehr viel Technik in der Gegenwart, die der Kommunismus nicht braucht und es fehlt viel Technik, die er braucht. Der Kommunismus braucht wahrscheinlich keinen Porsche Cayenne, keine 50m-Yacht, keine englischen Maßanzüge und keine Budapester Schuhe, ganz sicher braucht er keine Flugzeugträger, Interkontinentalraketen und Panzer. Er braucht Verhandlungsmaschinen, Demokratiemaschinen, Kreativmaschinen. Ich kann mir den Kommunismus nicht ohne die Fähigkeit der Menschen vorstellen, ihren Leib in einer Weise zu produzieren, der sie als sinnliche Wesen erst möglich macht - ja ich halte diese Kenntnis für die wesentliche kommunistische "Technik".  Erotik, Tanz, Gesang, Kampf, Sport, Poesie, Gartenbau, Kochen, Essenzen. Vermutlich benötigen wir dafür viel weniger Energie und Rohstoffe als heute und wären nicht unglücklich. Es wäre kein Geschäft Erdöl zu fördern, sondern eine Last, nur zu tragen, wenn es nicht anders geht. Lohnen würde es sich, singen zu können und dies zu hören. Ob es dazu einer "Musikindustrie" bedarf, bezweifle ich.

Wie kommen wir dahin? Wir sind schon unterwegs und wenn wir viel Glück haben, überleben wir es. Die wichtigste Voraussetzung ist es, die Produktion von Waffen drastisch zu reduzieren und dann bis auf vereinbarte Maßnahmen zu stoppen, zu allererst in den Ländern, die am meisten davon produzieren. Daraus ergibt sich ein ungeheurer Druck, die globalen Probleme als soziale Probleme anzuerkennen und mit geeigneten Mitteln zu lösen. Eine Anerkennung der „Niederlage“ der Bundeswehr in Afghanistan wäre der erste praktische und vor allem als politisches Ziel realistische Schritt. Der dann folgende Abzug würde eine tiefe Krise des Militärs in Deutschland und darauf folgend eine tiefe Krise der NATO auslösen. Das Verhältnis Europas zu Russland könnte geklärt werden. Die USA könnten sich aus Europa und Asien zurückziehen und würden zu einer regionalen Macht. Die erste globale Bewährungsprobe wäre es, den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens ohne militärische Konfrontation zu bewältigen. Dann hätten wir aus der glücklichen historischen Erfahrung, dass die Sowjetunion als Großmacht ohne globale militärische Konfrontation abgetreten ist, den richtigen Schluss gezogen. In diesen Verhandlungen zu Erlangung eines globalen Friedens als eine Selbstverständlichkeit menschlicher Existenz würde die Menschheit so viel lernen, dass wir einen guten Schritt auf dem Weg zum Kommunismus vorangekommen wären. Wenn wir uns von der Geißel des Krieges und den politischen Einpeitschern befreien, dann stehen uns alle Türen mit Maßanzügen in allen Farben für jede und jeden offen.

 
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Kommentare
j-ap schrieb am 24.01.2011 um 02:50
Englisches Tuch und Budapester braucht der Kommunismus bestimmt nicht. — Aber manche Menschen legen Wert darauf, zB, weil sie der relativ altmodischen Meinung sind, daß man sich seinen Mitmenschen nicht ungepflegt zumutet. Das hat übrigens auch etwas mit dem Niveau an Kultur, Kommunikation und Eros zu tun, von dem Sie reden.

Was machen Sie mit denen, und vor allem: wie erklären Sie denen den Unterschied zwischen der Despotie des Marktes und der Despotie dessen, der verbindlich festsetzt, wer Anzüge und Budapester brauchen darf und wer nicht?
Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 03:15
Hallo j-ap,

natürlich war der "englische Maßanzug" für Sie bestimmt. Aber erstens schrieb ich "wahrscheinlich", trennte das von den Dingen, die man sicher nicht braucht und zweitens habe ich auch extra für Sie den Schluss meines Blogs verfasst. Darin ist ausdrücklich Ihr rotes Sakko eingeschlossen. Nur, zur Zeit haben alle Maßanzüge den gleichen Schnitt und stehen nur wenigen zur Verfügung. Bei mir gibt es Maßanzüge für jede und jeden im Maß eines jeden und jeder. Dies nun aber, so hoffe ich, wird auch andere Formen ermöglichen als die englische.
j-ap schrieb am 24.01.2011 um 03:23
Hallo Rapanui,

genau dieses: »Bei mir gibt es Maßanzüge für jede und jeden im Maß eines jeden und jeder« hat mich nun beruhigt, denn eben das unterscheidet die Freiheit, die ich mit Kommunismus verbinde, von der real existierenden Despotie des Marktes: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen; Einheit des Vielen ohne Zwang durch Kaufkraftschranke einerseits und Tugendterror andererseits.

Ich stelle damit fest, daß wir uns einig sind — und gestatten Sie mir zu bemerken, daß ich mit Ihnen stets gerne einig bin.
Wolfram Heinrich schrieb am 24.01.2011 um 07:14
@j-ap
Aber manche Menschen legen Wert darauf, zB, weil sie der relativ altmodischen Meinung sind, daß man sich seinen Mitmenschen nicht ungepflegt zumutet. Das hat übrigens auch etwas mit dem Niveau an Kultur, Kommunikation und Eros zu tun, von dem Sie reden.

Das ist alles auch eine Frage des Bezugsrahmens:
www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/immer-der-gleiche-fetzen

Ciao
Wolfram
Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 10:18
@ Wolfram Heinrich

Dank für Ihren Link. Sie finden mein Mitleid und mein Verständnis für Ihren Kleiderschrank.

Das Entwerfen, Anfertigen oder zumindest Auswählen schöner Kleidung ist ein großes Vergnügen. Noch schöner ist es, einen mit Leidenschaft und Kreativität gekleideten Menschen zu erleben.

Kleidung transportiert unter unseren Bedingungen vor allem sozialen Status und das Kokettieren mit diesem. Dies sowie die Anforderungen Zeit und Geld limitieren meine Freude an dieser Ausdrucksform.
Rahab schrieb am 24.01.2011 um 10:20
englisches tuch und budapester = die oshkosh-hose für die großen
Wolfram Heinrich schrieb am 24.01.2011 um 14:14
@Rapanui
Dank für Ihren Link. Sie finden mein Mitleid und mein Verständnis für Ihren Kleiderschrank.

Man dankt. Ich habe Ihre freundlichen Worte an meinen Kleiderschrank weitergegeben, der undeutlich etwas davon murmelte, daß es wirklich 1 Schande sei, wie er ausgestattet sei.

Ciao
Wolfram
born2bmild schrieb am 24.01.2011 um 08:52
Mir die Maß und ihm den Stremel
Lachs, ein Ätsch der Merkelwelle Welt.
Marxland, Freudschland über alle,
über alle, alle Welt
Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 09:24
@ born2bmild schrieb am 24.01.2011 um 08:52

Fein. Ohne Poesie wird das nämlich nix mit dem Kommunismus. Man muss auch nicht gleich alles verstehen. Aber froh hat es mich gemacht.

Ich habe gerade den Weg zum Kommunismus vom Schnee befreit, aber auf der Wiese ziehen die Boten Schneeglöckchen und Krokus erst einmal die Köpfe ein und erwarten die Machtprosa der aboluten Koalition bei der Abstimmung zum Afghanistan-Krieg.
ebertus schrieb am 24.01.2011 um 10:37
"Wie kommen wir dahin? Wir sind schon unterwegs und wenn wir viel Glück haben, überleben wir es."

Dies scheint mir, herunter gebrochen auf die überwiegende Zahl der Menschen, die wesentliche Aussage zu sein. Darin schwingt eine Hoffnung mit, die sich Ende 1989 und auch hierzulande manifestierte, die aber im geschichtlichen Rückblick von "Wende", von Umstürzen oder gar Paradigmawechseln eher die Ausnahme darstellt.
claudia schrieb am 24.01.2011 um 10:53
>>Da es aber kein Messinstrument für den Entwicklungsstand der PK gibt<<
Eventuell als Schätzmethode könnte der Grad der Überproduktion mit dem Bedarf an Exportüberschuss dienen. Ist aber unsicher, weil von Binnenmarktzerstörung überlagert.

>>Der dann folgende Abzug würde eine tiefe Krise des Militärs in Deutschland und darauf folgend eine tiefe Krise der NATO auslösen.<<
Die unter kapitalistischen Bedingungen eine Überproduktionskrise der Kriegsrüstung wäre. Mit Entlassungen und Zuweisung von Armutslohn. Eventuell Sturz von Aktienkursen.
Rüstungsbeschäftigte, die jetzt noch gute Arbeitsengelte beziehen und Manager von Aktienfonds würden möglicherweise eine Angstgemeinschaft bilden, die von Papa Staat Transferleistung fordert.

In diesem Zusammenhang fällt mir Michail Gorbatschow ein, der einst die USA mit einem einseitigen Abrüstungschritt in Verlegenheit brachte. Was hätte Reagan getan, wenn durch Abrüstung plötzlich die Arbeitslosigkeit hochgeschnellt wäre und ihm gleichzeitig Aktionäre und Konzernmanager aufs Dach gestiegen wären? In der Tinte sitzen.

>>Dann hätten wir aus der glücklichen historischen Erfahrung, dass die Sowjetunion als Großmacht ohne globale militärische Konfrontation abgetreten ist, den richtigen Schluss gezogen.<<
Ich erinnere mich an die Zeit vor 20 Jahren.
Es wurde von der „Friedensdividende“ gesprochen, die mit dem Ende des Wettrüstens auf die Welt zukäme und von der alle profitieren könnten. Eigentlich logisch, weil bis dahin auch „Regionalkonflikte“ als Stellvertreterkriege identifiziert werden konnten. (Auch in Afghanistan: Die Mudschaheddin waren Stellvertreter der „Westwelt“, die die Sowjetunion aufgrund des militärischen Beistandspaktes in einen verlustreichen Hochgebirgskrieg ziehen konnten.)

Es war in den Jahren 1990 ff interessant, den Wirtschaftsteil von Zeitungen zu lesen. Sind Kursstürze aller Aktien, die mit Kriegsrüstung zu tun haben, zu erwarten? Sollen Anleger schleunigst umschichten, zu rein zivilen Wirtschaftsbereichen? Die erlösende Botschaft kam bald: „Nein. Regionale Konflikte mit Militäreinsatz werden in den nächsten Jahren nicht ab-, sondern zunehmen. Rüstung bleibt lukrativ.“ Am 12.09.2001 wurde die Prophezeiung endgültig wahr: Rüstung bleibt noch lange lukrativ.
Das wars dann.

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Gedanken zur Produktivkraft:
In den Industriestaaten hat die Produktivkraft längst den Eigenbedarf überschritten. Auch dann, wenn ich davon ausgehe, dass man für Importe etwas exportieren muss, was dem Eigenbedarf zuzurechnen ist..
Darum geht es längst nicht mehr. Jeder will dem Anderen seine Überschüsse andrehen. Daraus wurde letztlich eine Perversion des urspünglichen Bestrebens nach einer nicht negativen Handelsbilanz: Exportförderung durch Lohndumping. Die Binnennachfrage wird im Exportkrieg geschreddert.

Eigentlich ergibt sich daraus schon, dass eine grundlegende Änderung unserer ökonomischen Grundlagen dringend erforderlich ist.
Im Grunde wurde das Dilemma schon sichtbar mit der „Weisheit“: „Nachfrage entsteht nicht einfach, sondern Werbung muss sie schaffen“. Es ist schon lange her, dass das zum Credo wurde. Warum muss eine Nachfrage, die gar nicht vorhanden ist, erst mal mit Arbeitsaufwand per Werbetricks generiert werden, nur damit mehr Produktionsarbeit geleistet werden müssen kann?
Innerhalb der kapitalistischen Denke lässt sich die Frage nicht beantworten: Es ist eben so, basta.

Einen „Nachfrageüberhang“ für bestimmte Industrieprodukte könnte es in „Drittweltländern" geben, aber die haben nicht das nötige Geld.

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Zur Klamottenfrage:
Man kann ja in einer nichtkapitalistischen Produktion alles Mögliche herstellen. Strapazierfähige Alltagsklamotten, Dirndl&Kniebundhosen&Haferlschuhe, Nadelstreifenanzüge und Kostüme. Wenn genug Leute es wollen und den Aufwand für gerechtfertigt halten, Brokatgewänder mit Goldfadenstickerei.
Das sollte uns nicht daran hindern, die Rüstung runter zu fahren, über ein rationelles Verkehrs- und Transportsystem nachzudenken und auf Reklame zu verzichten, die letztlich nur den Arbeitsaufwand erhöht. Wir könnten die nötige Arbeit so verteilen, dass auch Bereiche, die sich nicht automatisieren lassen, von Mühe entlastet werden.

Am Ende würden wir feststellen, dass wir maximal die halbe Lebensarbeitszeit wie jetzt brauchen, um alles zu produzieren, was wir wollen. Und wenn wir es produzieren können, dann können wir es nutzen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, davon jemand auszuschliessen.

Wir hätten genug Zeit, uns mit unseren kulturellen Bedürfnissen zu beschäftigen, uns um die Kinder zu kümmern, die strukturellen Angelegenheiten unseres Verwaltungsgebietes zu regeln. Vielleicht würden wir das Verwaltungsgebiet nicht mehr „Staat“ nennen, weil sich damit eher unangenehme Erinnerungen verbinden :-)

Manche sagen, dass nennt man Kommunismus.

Kommunismus ohne ismus könnte doch ganz kommod sein?
Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 11:44
Hallo Claudia,

schön, dass Sie da sind, wie immer gut strukturiert und durchdacht.

>>>Produktivität<<< Sehe ich wesentlich so, wie Sie. Nun stelle ich mir den Kommunismus nicht als eine technikfeindliche Gesellschaft vor, aber als eine, die keine Technik kennt, die Herrschaft reproduziert. Damit meine ich in erster Linie Waffen. Aber auch die Ausübung von Herrschaft über Wasser, Nahrung, Luft, Information, Kultur muss durch neue Technik unmöglich gemacht werden. Eine Analyse von moderner Technik unter diesem Gesichtspunkt ist überaus ergiebig. Herrschaft wird wesentlich durch adäquate Technik realisiert. Modernes Design und Ergonomie kaschieren diese Dimension von Technik. Technik ist nicht neutral, sie unterliegt in Ihrem Design der Anforderung von Herrschaft.

Wenn Menschen gesund leben, brauchen Sie weniger industrielle Pharmazie und Medizin. Welche Technik brauchen Menschen, um gesund zu leben? Diese Technik gehört wesentlich dem Individuum und unterliegt nicht der Interventionsmöglichkeit von Herrschaft im Gegensatz zu den Abhängigkeiten von Medikamenten.

>>>Rüstung, Abrüstung<<< Hier finde ich die praktische Antwort auf die Frage: Warum Kommunismus? Der Kapitalismus kann keine Antwort auf die Frage finden, für ihn ist der Krieg kein Unfall, sondern Notwendigkeit. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir dieser Not zur Zeit persönlich nicht ausgesetzt sind.

>>>Kommunismus ohne ismus könnte doch ganz kommod sein?<<< Ich versuchte diesen Gedanken zu entwickeln, in dem ich schrieb, dass über den Kommunismus viel geredet wird. Wie wir es nennen ist ohnehin sekundär, keiner weiß wie sich eine Wirklichkeit entwickelt. Dass aber die Abwesenheit von Rüstung und Krieg eine Voraussetzung für unsere Zukunft ist, daran besteht kein Zweifel. Eine Krise durch Abrüstung ist immer noch besser als ein Krieg. Dieses Bewusstsein wäre der Beitrag der Bevölkerung in den hochentwickelten westlichen Staaten.
Giuseppe Navetta schrieb am 04.02.2011 um 23:07
Prima Kommentar!

Eine kleine Anmerkung lediglich:

"Im Grunde wurde das Dilemma schon sichtbar mit der „Weisheit“: „Nachfrage entsteht nicht einfach, sondern Werbung muss sie schaffen“."

...naja, die Mainstream-Ökonomie huldigt ja bis heute sogar noch in gewissem Umfang dem Sayschem Theorem...da sollte man sich eigentlich über gar nichts mehr wundern...
Giuseppe Navetta schrieb am 04.02.2011 um 23:07
@claudia
Gustlik schrieb am 24.01.2011 um 10:56
Vor dem Wachstum steht (auch) die Haltung zur Ökologie.
Uwe Theel schrieb am 24.01.2011 um 12:21
Meine Zustimmung und danke Rapanui!

ut
Nietzsche 2011 schrieb am 24.01.2011 um 16:47
Zunächst: Produktivkräfte sind eben nicht nur Technik!! Zieht sich leider durch den gesamten Artikel. Und kokettiert mit den Fehlern der "kommunistischen" Praxis.
Kommunismus ist lt. Engels der Ausgang des Menschen aus dem Reich der Notwendigkeit (wir nennen es heute Sachzwänge) in das Reich der Freiheit. Letzteres wurde im "real existierenden Sozialismus" zur Losung "Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung, jedem nach seinen Bedürfnissen". Voraussetzung dafür wäre ein Mensch, der wohl erst noch erschaffen werden muss. Menschen werden von Neid (darüber hat übrigens auch Marx in seiner Frühphase geschrieben), von Egoismus und anderen menschlichen Schwächen beherrscht. Wer das vergisst, kann keine neue Gesellschaft errichten; egal, wie sie heißen möge.
Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 20:15
@ Nietzsche2011

>>>Zunächst: Produktivkräfte sind eben nicht nur Technik!<<<

Genau. Deshalb lautet mein 2. Satz: "Ohne ein bestimmtes Niveau an Wissenschaft, Kultur, Instrumenten, Kommunikation, Transport kann es keinen Kommunismus geben."

Um nach einigen eng an den Begriff "Technik" angelehnten Begriffen einen sehr weiten Begriff zu beschreiben "ja ich halte diese Kenntnis für die wesentliche kommunistische "Technik". Erotik, Tanz, Gesang, Kampf, Sport, Poesie, Gartenbau, Kochen, Essenzen"

Insofern bleibt mir unklar wohin Ihre Kritik zielt.

>>>Menschen werden von Neid (darüber hat übrigens auch Marx in seiner Frühphase geschrieben), von Egoismus und anderen menschlichen Schwächen beherrscht. Wer das vergisst, kann keine neue Gesellschaft errichten; egal, wie sie heißen möge.<<<

Mein Blog beginne ich mit der Darstellung des Kommunismus als ein Produktionsverhältnis, eben einer materialistischen Anschauung. Menschen haben Bedürfnisse, Neid und Egoismus sind die Folge von Mangel bei der Stillung der Bedürfnisse. Sie sind nicht, wie Sie unterstellen, Voraussetzung für die Befriedigung von Bedürfnissen. Vermutlich sprechen Sie von deformierten verunstalteten Menschen, wie sie durch künstlich erzeugten Mangel und einer zur Warenwelt verkommenen Anhäufung von Gütern entstehen.

Nicht weit ist es von dieser Ihrer Unterstellung bis zum Wunsch nach einem gütigen Herrscher, der den schwachen Menschen zeigt, was sie bedürfen und wessen sie nicht bedürfen. Es gibt aber keinen "wer", der die neue Gesellschaft errichtet. Es gibt nur von Herrschaft befreite Menschen, die gemeinsam überlegen werden, wie sie ihre Angelegenheiten regeln und möglichst gut leben.

Wenn Sie sich das nicht vorstellen können, besagt es erst einmal nichts weiter, als, dass Sie sich das nicht vorstellen können.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.01.2011 um 22:23
@Nietzsche 2011 schrieb am 24.01.2011 um 16:47

"Letzteres wurde im "real existierenden Sozialismus" zur Losung "Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung, jedem nach seinen Bedürfnissen". "
**********************************************

Keine Ahnung, wie es in DDR war, aber in UdSSR gab es so eine Losung nicht. Es gab die Losung: "VON jedem nach seinen Fähigkeiten und Begabungen (nehmen, Leistungen bekommen) und jedem nach seinen Bedürfnissen (geben)".

Diese Losung wurde aber nicht als Beschreibung von real existierenden Verhältnissen betrachtet, sondern als Ziel, die erst im Kommunismus zu erreichen wäre.
Rapanui schrieb am 25.01.2011 um 23:20
@ Krem-Browning schrieb am 25.01.2011 um 22:23

>>>Keine Ahnung, wie es in DDR war<<<

1. "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung" hieß es in der DDR und für den Sozialismus
2. Die frohe Botschaft für den Kommunismus, den es aber nach in der "Planung" nicht noch nicht gab hieß "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen"

Das aber wurde eher süffisant vom Volke zitiert, z.B. wenn ein Funktionär, ein Handwerksmeister (das waren die wirklichen Spitzenverdiener der DDR, wegen Schwarz- und Westgeld) oder ein Schlagersänger sich Massen von Geld reinstrudelten und gar nicht die Leistung erbrachten. Es gab eine Menge Berufe in der DDR, die richtig schlecht bezahlt wurden, vor allem Frauenberufe: Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Friseurinnen.
goedzak schrieb am 24.01.2011 um 20:53
Die Geschichtssicht, die Du hier mit den Worten "Stalinismus (ist) die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals in der russischen Variante" ausdrückst (es gibt dann auch noch die chinesische Ausgabe), vertrete ich auch seit Jahren und ich bin Dir dankbar, dass Du das hier zur Sprache bringst. (Es gibt wenige Autoren, die seit 1990 in dieser Richtung argumentiert haben, Robert Kurz z.B.) Sie ist für meine Begriffe so einleuchtend und offensichtlich, dass es mehr als Ignoranz, nämlich demagogische Absicht sein muss, was z.B. die Herausgeber des Sammelbands 'Schwarzbuch des Kommunismus' veranstaltet haben. Die in allen Ecken der Welt zusammengekehrten Opfer 'des Kommunismus' aufzurechnen mit den Opfern EINES kapitalistischen Systems, dessen Existenz auch noch auf ganze 12 Jahre der 500jährigen Weltgeschichte des Kapitalismus begrenzt war, kann nicht nur wissenschaftliche Beschränktheit sein. Die Opfer einer mehrhundertjährigen Geschichte von ursprünglicher Akkumulation, Kapitalisierung (Subsumierung aller Verhältnisse unter das Kapital), Kolonialisierung, Industrialisierung, Rationalisierung usw., die fortdauert (fragt mal z.B. Jean Ziegler!) werden in kleine Portionen unterteilt und in spezialistischen Einzelstudien als bedauerliche vergangene oder ferne Entgleisungen behandelt, die mit der bestmöglichen aller Gesellschaftsformen, dem freiheitlich-demokratischen Wohlstandkapitalismus ja gar nichts zu tun haben.
Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 21:32
@ goedzak schrieb am 24.01.2011 um 20:53

Diese These benötigt sicher noch wissenschaftliche Verifizierung, damit Sie nicht als eine vulgäre Analogie daherkommt und auch nicht als banale Entschuldigung für alle Funktionäre der KPdSU.

Aber es wäre eine Theorie, die das Geschwurbel der "Totalitarismustheorie" vom Kopf auf die Füße stellen würde. "Totalitarismus" nicht als eine Regelabweichung von einer abstrakten Demokratie, sondern als optimaler historischer Verwertungsrahmen von Kapital.

Mich würde als Dikussionsgegenstand interessieren: Warum aber erwies sich das konkrete Denken und Handeln jener "kommunistischen" Funktionäre als kompatibel mit der Akkumulation von Kapital. Warum haben selbst threoretisch gut bewanderte Funktionäre wie Bucharin keine linke Opposition gebildet und sich stattdessen mit einer optimalen Kapitalverwertung beschäftigt?
j-ap schrieb am 24.01.2011 um 23:19
Mich würde als Dikussionsgegenstand interessieren: Warum aber erwies sich das konkrete Denken und Handeln jener "kommunistischen" Funktionäre als kompatibel mit der Akkumulation von Kapital.
Man kann das anhand der historischen Evidenz sogar relativ schnell erklären, lieber Rapanui:

1. Weil Lenin die alte kommunistische Parole »Arbeiter aller Länder vereinigt euch!« umlog zu »Arbeiter aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt euch!«

2. Weil schon 1920 die Komintern dem türkischen Staat Atatürks gestattete, die türkische KP abzuschlachten, weil die Türkei der erste Staat war, der die Sowjetunion diplomatisch anerkannte.

2. Weil die Bolschewisten die Kommune von Kronstadt 1921 genauso brutal zusammengeschossen haben wie die Weißen ihrerseits die Bolschewisten.

Schon damit ist klar, was goedzak oben zurecht schreibt: Die Sowjetunion war nur eine andere Art Kapitalismus, nämlich ein originärer Staatskapitalismus, exekutiert von einer Formation namens KPdSU, die nichts weiter war als eine kleinbürgerlich-sozialdemokratische Veranstaltung (man sehe ich dazu an, was Stalin, damals noch getreuer Schüler Lenins, 1912 in Wien tat, nämlich die Minoritätspolitik der österreichischen Sozialdemokratie studieren, heraus kam dabei das berühmte »Marxismus und Nationale Frage«) zum Zwecke des Revolutionsverrats und die weit eher in Begriffen der orientalischen Despotie zu beschreiben wäre.
Rapanui schrieb am 25.01.2011 um 10:15
@ j-ap

Die 3 von Ihnen genannten Beispiele sind schon Auswirkungen dieser Kompatibilität, erklären mir noch nicht die Ursache.

Lenin verfasste mit "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" eine fundierte ökonomische Theorie des Kapitalismus. Lenin stand in heftigem Dissenz zu Kautsky und Bernstein, die sich von einer kommunistischen Praxis schon verabschiedet hatten.

Lenin nahm ja wahr, dass es erhebliche wirtschaftliche Probleme und Fehlentwicklungen gab. Einerseits konnte das mit dem Bürgerkrieg tatsächlich begründet werden, andererseits versuchte er die ausufernde Bürokratie zu bekämpfen. Lenin startete auf der ökonomischen Ebene das Experiment der NÖP. In jedem Fall bestand ein Dissenz zwischen seiner theoretischen Vorstellung und der wirtschaftlichen Praxis.

Wir sagten immer, dass "Lenin Glück hatte", weil er, schon 1924 an den Folgen des Attentats sterbend, nicht erleben musste, wie weit seine kommunistischen Vorstellungen von den vorgefundenen wirtschaftlichen Verhältnissen entfernt waren. Diesen Konflikt hat Stalin nach Lenins Tod mit den Mitteln der "asiatischen Despotie" gelöst. Er verwendete die Terminologie von Lenin und praktizierte die "ursprüngliche Akkumulation des Kapitals" in Russland.

Hat er diesen Konflikt zwischen der kommunistischen Terminlogie und den kapitalistischen Verhältnissen überhaupt bemerkt? War die Terminologie soweit zur Phrase verkommen, dass diese auf alles passte? Menschlich war diese Dissonanz nur mit den Mitteln von Verrat, Lüge, Mord, Angst zu bewältigen. Politisch und wirtschaftlich erscheint ein despotischer Staat, der sich "kommunistisch" nennt.

Hätte es überhaupt die Möglichkeit einer kommunistischen Praxis gegeben, oder schloss der konkrete historische Entwicklungsstand der Produktivkräfte in Russland diese nicht von vornherein aus? Ihren Überlegungen entnehme ich, dass es die falschen politischen Entscheidungen Lenins waren. Ich neige zur Ansicht, dass es in Russland nicht die Spur einer Chance für eine kommunistische Praxis gab.

Was ich hier mal so locker nach beinahe 100 Jahren Oktoberrevolution resümiere, ist ein politisches Drama, wir hatten das hier schon einmal (Engelberg), shakespearscher Dimension. Die Menschen denken sich etwas und derweil kochen drei Hexen ihr eigenes Süppchen.

Da wir da nicht mittun können, die Gewürze für den Hexensud nicht kennen, werden wir nichts weiter tun können, als uns wieder etwas zu denken.
j-ap schrieb am 25.01.2011 um 13:34
Meine Anschauung davon: Man kann die Emanzipation — und nichts anderes heißt ja Kommunismus — nicht mit einer Formation erreichen, die genauso strukturiert ist wie die Verhältnisse, die man überwinden will.

Denn das war ja der große Fehler Lenins: daß er die Bolschewiki genauso organisierte wie der Feind organisiert war, den sie schlagen wollten. Wie soll man die Befreiung ins Werk setzen, wenn man tatsächlich nur die bestehenden Verhältnisse (in dann anderer Form) reproduziert statt sie aufzuheben?

Das ist eine der Lehren, die daraus zu ziehen wären: Es kann keine »Avantgarde« geben, keine Hierarchie, keine falsche Verallgemeinerung (als Abstraktion und d.h. Enteignung) vom sozialen Interesse, keinen Befehl und keinen Gehorsam, ja streng genommen dürfte es dazu überhaupt keine »Organisation« in diesem Sinne geben, denn in einer solchen sind bereits alle Merkmale mitgesetzt, die eben radikal negiert werden müssen, um wirkliche Emanzipation zu erreichen.

Oder kürzer formuliert: Wie sollen von vornherein nur anders Unfreie die Freiheit jemals erreichen können?
ForenBoy schrieb am 25.01.2011 um 13:57
eben, gar nicht, denn Utopien sind Utopien, die umzusetzen utopisch ist.
Rapanui schrieb am 25.01.2011 um 14:44
@ J-AP

Wenn Sie erlauben, quäle ich Sie noch ein wenig, weil mir Ihre Überlegungen wirklich wichtig sind. Sonderbarerweise erscheint mir Ihr Ansatz "voluntaristisch" (würde Genosse Lenin sagen), sonderbar, weil Sie sonst sehr konsequent materialistisch argumentieren.

Sie klingen so, als müssten die Menschen nur richtig denken oder wie Sie sagen "das war ja der große Fehler Lenins". Woher sollte es die Masse des russischen Volkes wissen, wie "Kommunismus geht". Ich fragte schon oben: Gab es überhaupt die ökonomischen, kulturellen, technischen,... (PK) Voraussetzungen für "Kommunismus".

Insofern war Lenin Realist: schaffe eine Avantgarde, revolutioniere die Verhältnisse, wende bei Widerstand gegen den Fortschritt auch Gewalt an - dann werden die Menschen schon lernen, wie "Kommunismus" geht. Es gab eine populäre Losung der Bolschewiki, die uns irgendwie wie Kindergarten vorkam - die aber im besten Sinne gemeint war: "Lernen, lernen, nochmals lernen".

Wenn es, und das ist ja meine materialistische These, so wäre, dass Kommunismus als ein Produktionsverhältnis bestimmte PK voraussetzt, dann geschieht das "Lernen" des Kommunismus auf andere Weise, als sich das Lenin vorgestellt hat und welches zu solch einem Unglück geführt hat.

Ein Beispiel des "kommunistischen" Lernens in der Gegenwart möchte ich nennen: das "Urheberrecht". Das bürgerliche Recht möchte Ideen, Patente, Wissen als ein "Eigentum" sichern und stößt auf eine Vielzahl von Problemen, die im Stoff dieser immateriellen Phänomene liegen. Mühsam schafft das "Urheberrecht" immer kompliziertere Konstruktionen, die aufgrund der schieren Masse der Nutzer nicht mehr funktionieren.

Hier entstehen PK, die bürgerliche PV nicht mehr fassen können. Die Musikindustrie schrumpfte innerhalb von 10 Jahren von 3Mrd auf 1,5 Mrd Umsatz (aus dem Kopf). Aber die Leute hören Musik wie immer, vielleicht immer mehr sogar. Nicht das die gegenwärtigen Formen des Musikkonsums schon "kommunistisch" wären - aber sie führen zum "kommunistischen Lernen". Die Konflikte zwischen "kriminellen Raubkopierern" und den Urhebern sind reichhaltiges Anschauungsmaterial. Wenn, so der Begriff, die "Wissensgesellschaft" grundsätzlich von einem exponenziellen Wachstum des "Wissens" spricht, dann sollten dies die PK sein, die kommunistische PV hervorbringen können. Dann ist der "Kommunismus" kein Paradies, keine Utopie (wie ForenBoy) unten schreibt, sondern einfach eine Tatsache. Dann aber wären die politischen Forderungen und Ziele der "Kommunisten" ganz andere als die der "Linkspartei" heute.

So entsteht und auch das ist "dialektisch-materialistisch" im "Schoße der alten - hier kapitalistischen - Produktionsverhältnisse" der Kommunismus. Zwingend, weil es nicht anders geht. In diesem Sinne ist Lenin, wie Thomas Müntzer auch, ein "zu früh gekommener". Da beide tot sind, ist die üble propagandistische Hetze des Spiegel, gegen den "Lötsch-Kommunismus" eine Leichenfledderei. Aber warum eigentlich? Weil der Spiegel sich davor fürchtet, dass der "Kommunismus" seine Printausgabe überflüssig macht?
Phineas Freek schrieb am 25.01.2011 um 16:46
Hi Rapanui,

Der Verweis auf die (immer schwieriger werdende) flächendeckende staatliche Durchsetzung „geistigen“ EIGENTUMS mittels Urheberrechts im Netz, verweist erstmal nur auf die vom technischen Fortschritt geschaffenen (ungewollten) Nebenprodukte: Nischen und Möglichkeiten für das nachfragende Bedürfnis, Selbiges ohne (vorhandene) geldwerte Mittel befriedigen zu können, da hier die warenförmige Herstellung von Bits und Bytes zum „immateriellen“ Musikprodukt für deren Eigentümer noch zu keiner befriedigenden Lösung gekommen ist.

Der Unterschied zu einer Gebrauchs- und Bedürfnisorientierten Beschaffungsmaßnahme bei Karstadt - ohne zu bezahlen - liegt aber hier in der NOCH wesentlich Risikoloseren Praxis illegaler Downloads. Anders ausgedrückt: wäre der lukrative Bankraub eine so Risikolose Angelegenheit wie der illegale Download – ich und vermutlich auch Du hätten da schon, nicht nur die eine oder Andere ÜBERLEGUNG angestellt!

„Kommunismus“ könnte in diesem Sinne auch da seinen Anfang finden, wo Mensch sich nimmt, was er zum Leben braucht – in BEWUSSTER und WILLENTLICHER Missachtung seiner beschränkten oder gar nicht vorhandenen GELDWERTEN Möglichkeiten, gegenüber den (ihn) ausschließenden Eigentum und seiner Staatsgewalt.

Und in diesem Sinne wäre er eine schlichte Notwendigkeit.
ForenBoy schrieb am 25.01.2011 um 17:23
„Kommunismus“ könnte in diesem Sinne auch da seinen Anfang finden, wo Mensch sich nimmt, was er zum Leben braucht – in BEWUSSTER und WILLENTLICHER Missachtung seiner beschränkten oder gar nicht vorhandenen GELDWERTEN Möglichkeiten, gegenüber den (ihn) ausschließenden Eigentum und seiner Staatsgewalt.

Und in diesem Sinne wäre er eine schlichte Notwendigkeit.
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Das sind doch mal klare Ansagen und ein Hinweis auf die wirklichen Absichten.

Da kann man ja schon froh sein, dass aus der hier beschriebenen Anarchie nichts werden wird.
Zumindest wird diese Art der "Beschaffung" weiterhin nicht Kommunismus genannt, sondern fällt unter Kriminalität.
Phineas Freek schrieb am 25.01.2011 um 18:03
Erhalten Sie sich Frohsinn und Ihre untetänige Zuversicht.
Es ist alles was SIE haben.

"Die Hoffnung ist ein kreidebleiches Kind, dass den Killer anlächelt, der es abschlachtet."
(Gerrit Achterberg)
j-ap schrieb am 25.01.2011 um 21:50
(Rapanui schrieb am 25.01.2011 um 14:44)

Hallo Rapanui,

hab's gelesen, schreibe Ihnen aber erst morgen was, weil ich heute schon zu perdu bin dafür. Dann auch in einem anderen Zweig weiter unten, ansonsten uns goedzak auf die Eisen steigt, wenn wir das alles unter seinem Kommentar ausbreiten.

Gruß und geruhsame Nacht
J. A.-P.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.01.2011 um 22:31
@Rapanui schrieb am 24.01.2011 um 21:32

"Warum haben selbst threoretisch gut bewanderte Funktionäre wie Bucharin keine linke Opposition gebildet und sich stattdessen mit einer optimalen Kapitalverwertung beschäftigt?"

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Hallo Rapanui,

meines Wissens nachgab es sehr viele theoretisch gut bewanderte Funktionäre in dieser Revolution... wieso gerade Bucharin? Zu welchem Zeitpunkt wäre es für ihn möglich, linke Opposition zu bilden?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.01.2011 um 22:48
@j-ap schrieb am 24.01.2011 um 23:19

"Weil Lenin die alte kommunistische Parole »Arbeiter aller Länder vereinigt euch!« umlog zu »Arbeiter aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt euch!«"
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Die Parole war "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!". Sie stammt aus dem Kommunistischem Manifest von Karl Marx und wurde in Russland Wort zu Wort übernommen. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, was Parolen (in welcher Form auch immer) mit der Akkumulation von Kapital zu tun haben...
Rapanui schrieb am 26.01.2011 um 01:30
@ Krem-Browning

>>>meines Wissens nachgab es sehr viele theoretisch gut bewanderte Funktionäre in dieser Revolution... wieso gerade Bucharin? Zu welchem Zeitpunkt wäre es für ihn möglich, linke Opposition zu bilden?<<<

Bucharin habe ich beispielhaft ausgewählt, er galt als "Liebling der Partei" - ein kluger Intellektueller. Nach der Oktoberrevolution war er eher "links" (Weltrevolution) und driftete dann unter Stalins Druck nach "rechts" (Staat). Mir geht es darum, herauszufinden, unter welchen konkreten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen beispielsweise Bucharin nach "rechts" driftete. Hier sehe ich Ansatzpunkte, mich mit j-ap über das "falsche Denken" auseinanderzusetzen.

Bucharin war eben nicht frei "richtig zu denken". Dienigen die "frei" waren, waren wirkungslos.
goedzak schrieb am 31.01.2011 um 23:36
Rapanui, ich habe Dich teilweise missverstanden. Du schreibst:"...ist Stalinismus die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals in der russischen Variante." und führst im Kommentar weiter aus, dass "'Totalitarismus' nicht als eine Regelabweichung von einer abstrakten Demokratie, sondern als optimaler historischer Verwertungsrahmen von Kapital" zu verstehen wäre, und sich in den 20ern das "Denken und Handeln jener 'kommunistischen' Funktionäre als kompatibel mit der Akkumulation von Kapital“erwiesen habe. Was wohl heißen soll, dass 'ursprüngliche Akkumulation des Kapitals' als eine Art schnelles Zusammenraffen riesiger Geldmengen zu verstehen sei, etwa wie der von Bereicherungsgier motivierte Raubzug, wie ihn z.B. die Conquistadoren im neu entdeckten Amerika veranstaltet haben.

Kapitalismus heißt Trennung von Besitz und Arbeit (einerseits Nachfrage nach Arbeitskraft bei den Prod.mittel-Besitzern und Zwang zum Verkauf derselben mangels sonstigen Eigentums bei ihren Besitzern), rasante Entwicklung der Prod.kräfte (Qualifizierung der Arbeitskraft und Modernisierung der Prod.mittel), was Investitionsmittel/Kapital in bis dahin unvorstellbarem Umfang erforderte.

Neben der Schaffung der Klasse der (doppelt freien) zur Arbeit gegen Lohn Gezwungenen und der Klasse der Eigentümer an Prod.mitteln und Kapital war also der Sinn des Prozesses der ‚ursprünglichen Akkumulation des Kapitals’ nicht einfach die Anhäufung von Reichtum, sondern das kurzfristige Aufbringen einer POTENZ, denn Kapital ist nicht einfach Reichtum, sondern sozusagen potenzielle Energie!

So gesehen ist der Goldraub der Spanier im 16. Jh. nur der äußeren Form nach mit der Staatspiraterie und dem Menschenraub (Sklavenhandel) der Briten und der Holländer z.B. vergleichbar. Die Spanier brachten es nur zu einer vorübergehenden feudalen Pracht- und Machtentfaltung, die Holländer und Briten nutzten das Geraubte als kapitalistische Anschubfinanzierung, ein wesentlicher Unterschied, der natürlich mit der jeweiligen politischen Macht des Bürgertums hier wie dort zu tun hatte).

Rapanui, Du schreibst richtig, „Die Entwicklung der PK in Russland war definitiv keine für sozialistische, gar kommunistische PV genügende.“ – Ein wichtiger Streitpunkt zwischen Menschewiki und Bolschwewiki war, in welcher geselschaftlichen Form diese nachholende PK-Entwicklung zu leisten wäre, auf liberal-kapitalistische oder sozusagen prä-sozialistische Weise. Die bolschewistische und dann stalinistische Variante hat sich schließlich durchgesetzt.

In der Sowjetunion der 20er Jahre bis 1941 hat also kein irrtümliches oder böswilliges Nachspielen von Kapitalismus stattgefunden, sondern eine prinzipiell historisch notwendige nachholende Modernisierung (Schwerindustrie, Energiesektor, erste Stufe von industriellen Mobilitätsnetzen wie Eisenbahn, Güter- und öff. Personentransport), deren notwendige ‚potenzielle Energie’ gewonnen wurde z.B. durch Massenmobilisierung von Arbeitskräften, die sich etwa auf Großbaustellen blutig-, krank- und totgearbeitet haben, wie sich die afroamerikanischen Sklaven im 18./19. Jh. blutig-, krank- und totgearbeitet haben. Das Vorgehen gegen die sog. Kulacken und die Zwangskollektivierung sind nichts wesentlich anderes als das Bauernlegen und die Einhegungen in Westeuropa 400 bis 100 Jahre vorher. In beiden Fällen bestand der historische Sinn darin, als eine Voraussetzung für Modernisierung archaische und feudale Formen privateigentümlicher Produktionsweisen zu zerstören.

Ob es in der Sowjetunion die realistische Alternative einer sozusagen humanen, harmonischen, gewaltfreien Modernisierung, auch einer andersförmigen im technischen, logistischen und etwa ökologischen Sinn gegeben hat, da sind Zweifel angebracht. Die Maßstäbe fürs Überleben hat der imperialistische Westen gesetzt...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.02.2011 um 00:12
@g....
"Das Vorgehen gegen die sog. Kulacken und die Zwangskollektivierung sind nichts wesentlich anderes als das Bauernlegen und die Einhegungen in Westeuropa 400 bis 100 Jahre vorher. In beiden Fällen bestand der historische Sinn darin, als eine Voraussetzung für Modernisierung archaische und feudale Formen privateigentümlicher Produktionsweisen zu zerstören."

Ach wirklich? Scheint mir eine etwas gewagte Theorie zu sein.
Das Bauernlegen sollte feudale Strukturen zerstören? Bisher dachte ich, es diente gerade der Refeudalisierung, wenn Gutsherren sich die Höfe vormals freier Bauern aneigneten.

Abgesehen davon gibt es, auch wenn man die Einhegungen zum Vergleich heranzieht, zwei wesentliche Unterschiede:
Bei den Einhegungen handelte sich um einen historischen Prozess, der viele Jahre dauerte und diverse Ursachen hatte. Stalins Zwangskollektivierung dagegen wurde von oben angeordnet und innerhalb weniger Jahre durchgezogen. Den Hungertod von Millionen von Menschen nahm der Diktator billigend in Kauf.

Aber was tut man nicht alles, um Väterchen Stalin von jeglicher Schuld und Verantwortung rein zu waschen. Schon lustig diese gedanklichen Verrenkungen, um am Ende dem "imperialistischen Westen" die Schuld in die Schuhe zu schieben. LOL
Rapanui schrieb am 01.02.2011 um 08:43
@ Goedzak schrieb am 31.01.2011 um 23:36

Ursprüngliche Akkumulation des Kapitals: Ich habe keinen Dissenz zu Ihrer Beschreibung. Das Zusammenraffen von Gold durch die Spanier im 16./17. Jahrhundert ist nicht nur äußere Erscheinung, es ist die konkrete historische Erscheinung. Ohne dieses Gold hätte es die "ursprüngliche Akkumulation des Kapitals" in Europa nicht geben können. Das "spanische" Gold brachte diese erst richtig in Bewegung, etwas was das Silber der Fugger bis dahin nur schleppend vermochte.

Das "Spanien" abstieg und keine kapitalistische Entwicklung erlebte, hing von folgenden wesentlichen Komponenten ab: Verlagerung der Handelsströme; Aufstieg Englands, Katholizismus, Degeneration der spanischen Königsfamilie. Zudem stimmt auch nicht so ohne Weiteres, dass es in "Spanien" keinen Kapitalismus gab: Vorallem die Niederlande, aber auch die Lombardei,... als spanische Besitzungen waren gerade Zentren des frühen Kapitalismus.

>>>In der Sowjetunion der 20er Jahre bis 1941 hat also kein irrtümliches oder böswilliges Nachspielen von Kapitalismus stattgefunden, sondern eine prinzipiell historisch notwendige nachholende Modernisierung <<<

Weiter oben hatte ich darauf verwiesen, dass hier wissenschaftlich einiges zu tun ist. Sehr deutlich hatte ich vor banalen historischen Analogien gewarnt. Weil Lenin, Stalin, Trotzki, Bucharin,...mit einer "kommunistischen Phraseologie" die "ursprüngliche Akkumulation" vollzogen, hatte ich nur gefragt wie dieses Zusammenspiel denn möglich war. Es wäre zu billig, das Ganze als einen "Betrug" darzustellen. Wir bewegen uns mit der "ursprünglichen Akkumulation" in einer hoch abstrakten Dimension, die nur mit dem entsprechenden historischen Abstand zu erfassen ist. Die russischen Revolutionäre hatten praktische Probleme zu lösen und ihr unmittelbares politisches Überleben zu sichern, da gab es wenig Gelegenheit für einen solchen abstrakten Blick.

Zu Ihren Sätzen danach: Kein Dissenz.
Rapanui schrieb am 01.02.2011 um 08:56
@ derDonnerstag schrieb am 01.02.2011 um 00:12

Hallo Donnerstag,

Sie bewerten die Qualität der Diskussion meiner Meinung nach falsch, wenn Sie schreiben >>>Aber was tut man nicht alles, um Väterchen Stalin von jeglicher Schuld und Verantwortung rein zu waschen. Schon lustig diese gedanklichen Verrenkungen, um am Ende dem "imperialistischen Westen" die Schuld in die Schuhe zu schieben.<<<

Diese Gedanken tauchen hier im Thread nicht einmal ansatzweise auf. Oben hatte ich explizit geschrieben, dass es nicht um eine Entschuldigung für die stalinistischen Funktionäre gehe.

Unterschied "Einhegung" - "Kollektivierung": beides sind Voraussetzungen für die Durchsetzung des Kapitalismus - und damit im Sinnen unserer Diskussion: wesentlich. Aus der von Ihnen aufgezeigten zeitlichen Differenz können Sie dann die vielen Unterschiede zwischen beiden je historisch konkreten Formen extrahieren. Ziel meiner Diskussion ist nicht primär eine zielorientierte politisch-praktische, sondern eine - die Ansatzpunkte, für eine neue Diskussion von "Kommunismus" schafft. Andere Ansatzpunkte als die Agit-Prop-Muster von Spiegel u.a.

Was ich versuche ist ein Denkmodell. Ein Denkmodell ist eine Abstraktion. Die Grenzen eines Modells zu beschreiben, Voraussetzung einer Diskussion. Das haben wir in dem hier möglichen Rahmen getan.
ebertus schrieb am 25.01.2011 um 20:17
Das Thema "Urheberrecht", hier mal begrifflich etwas globaler gemeint, ist schon spannend. Und dabei geht es sicher weniger um den gern kolportierten Sex&Crime-Klamauck, auch nicht um die bösen Downloader. Das Netz als Gegenöffentlichkeit für Wissen, für Bildung und jenseits von Bezahlschranken hat die Mächtigen, die Besitzenden schon etwas irritiert. Der sog. "rechtsfreie Raum" wird daher konsequent als Anarchismus konstruiert, auf allen nur denkbaren Ebenen, mit allen verfügbaren Mitteln eingehegt.

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Im Gespräch mit dem “manager magazin” sprach Mathias Döpfner im Zusammenhang mit kostenlosen Inhalten im Netz von “abstrusen Phantasien spätideologisch verirrter Web-Kommunisten“.
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carta.info/20447/mathias-doepfner-manager-magazin/
abghoul schrieb am 25.01.2011 um 22:49
@Phineas
„Kommunismus“ könnte in diesem Sinne auch da seinen Anfang finden, wo Mensch sich nimmt, was er zum Leben braucht – in BEWUSSTER und WILLENTLICHER Missachtung seiner beschränkten oder gar nicht vorhandenen GELDWERTEN Möglichkeiten, gegenüber den (ihn) ausschließenden Eigentum und seiner Staatsgewalt.

Das habe ich über einige Jahre durchgezogen, aber ich dachte immer , das wär Anarchie,... ker ker ker...

greetings from the pit
a broad ghoulie not unlike Fat Freddy
Rapanui schrieb am 26.01.2011 um 00:41
@ Phineas Freek schrieb am 25.01.2011 um 16:46

Hallo Phineas,

in meinem Beispiel "Urheberrecht" geht es nicht darum nachzuweisen, dass damit der Kommunismus beginnt, sondern darum zu zeigen, wie aus dem Gebrauch von neuen Produktionsmitteln Konflikte mit den überkommenen rechtlichen, kulturellen, wirtschaftlichen Regelungen entstehen. Der moderne Kapitalismus hat schon so vieles - Rock'n Roll, Punk, Drogen, Jugend, Fernweh,... - gefressen, verdaut und als Ware wieder ausgeschieden, dass es auch hier zumindest teilweise so sein kann. Aber ich glaube "er" wird sich diesesmal überfressen.

1. Letztlich ist der Kapitalismus hierarchisch und muss, um seine Macht zu sichern wahr/ falsch Entscheidungen produzieren, er benötigt eine Strategie, die über wahr/ falsch Aussagen exekutiert wird; was den Beherrschten heute als wahr erzählt wird, ist morgen falsch und umgekehrt; wichtig ist der zeitliche Vorsprung und die Macht aus wahr falsch zu machen und umgedreht; diese Veränderungen wahr/ falsch laufen in einer extrem hohen Geschwindigkeit ab und setzen bei den Beherrschten zwei Konditionen voraus: Dummheit oder Stress, beides gefährdet aber die Reproduktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems
2. die Gefahr das wahr/ falsch verwechselt wird steigt enorm an und kann verheerende Folgen haben; exemplarisch: Friendly Fire beim Militär/ Geheimdienst; Wechsel von Anlagestrategien bei Finanzinstituten; da hilft auch keine "Theorie des Nichtwissens" oder "Risikomanagement", bei einem Kollaps solcher Systeme sind gesamtgesellschaftliche Auswirkungen gar nicht zu vermeiden
3. die Vielzahl neuer rechtssystematisch gar nicht mehr zu erfassender wirtschaftlicher Transaktionen höhlt das Rechtssystem aus; Kriminalität wird zur Voraussetzung wirtschaftlichen Agierens; gleichzeitig schafft diese Kriminalität neue Wirtschaftsformen, ggf. können sich aus diesen Frühformen "kommunistischer" Produktionsverhältnisse entwickeln. Ihr Beispiel vom "Nehmen beim Karstadt" ist sehr anschaulich, wenn auch etwas vulgär - das ForenBoy da nicht mehr mitkommt, macht ihn als Probanden für gegenwärtiges Denken so interessant. Danke ForenBoy!

Alle 3 besipielhaft genannten Themen finden eine Lösung im "Kommunismus". Lösung nicht in dem Sinne: Führen wir doch einfach den Kommunismus ein. Sondern Lösung als neuer Rahmen in der gesellschaftlichen Praxis zu findender Rahmen für eine Produktivkraftentwicklung.
1. Wahr/ falsch als auf unterschiedlichen Ebenen ausgehandelte gesellschaftliche fluide Strategie, die Irrtum einschließt, ihn aber in seinen Auswirkungen begrenzen kann; "Verlierer", also diejenigen die für einen "Irrtum" verantwortlich sind tragen in bestimmter Form Verantwortung, werden aber nicht exekutiert oder ausgegrenzt; "Gewinner" haben Vorteile aber tragen aus systemischen Gründen auch einen Teil der Last der Verlierer; da jeder in vielen Zusammenhängen mitspielt gleichen sich Verlust/ Gewinn hoffentlich aus
2. es gibt keine systematische Lüge, sondern "nur" Widersprüche; die ausgehalten oder ausgetragen werden müssen; im Extremfall vielleicht sogar mit begrenzter und freiwilliger Gewalt
3. wirtschaftliche Transaktionen größeren gesellschaftlichen Umfangs werden mit Hilfe von "Verhandlungsmaschinen" abgewickelt Energie, Verkehr, Banken; kleinere wirtschaftliche Transaktionen sind weitgehend frei - keine Steuern, Subventionen, aber Kredite, Zinsen, Tilgung - wirtschaftliche Verantwortlichkeit...

Es geht mir hier nur darum, beipielhaft zu zeigen, dass "Kommunismus" kein phantastisches Planspiel ist, keinen besseren Menschen voraussetzt und keine Idyllen produziert. Er ist es wert bedacht zu werden - als Kritik an den herrschenden Verhältnissen und als Hoffnung für ein besseres Leben.
j-ap schrieb am 26.01.2011 um 22:35
(Rapanui schrieb am 25.01.2011 um 14:44)

Ich setze hier weiter fort, wenn Sie gestatten.

Es kann nicht schaden, noch einmal an die innere (negative) Dialektik des Kapitals zu erinnern, die auch Marx im »Kapital« zur Sprache brachte:

Einerseits stellt der Kapitalismus nämlich die Bedinungen der Möglichkeit seiner eigenen Überwindung genauso bereit wie die bürgerliche Gesellschaft von einer ständigen Latenz zu ihrer eigenen Aufhebung gekennzeichnet ist (wobei nach Maßgabe ihrer Konstitution entscheidend ist, ob es sich dabei um eine emanzipative Aufhebung handelt — die der Kommunismus nur sein könne — oder um eine Aufhebung durch Barbarei wie im Faschismus), andererseits ist das Kapitalverhältnis aber nichts anderes als die »Produktion unendlichen Leids«.

Diese Dialektik als die innere Bewegungsform des Kapitals zeigt sich auch am Weltmarkt: einerseits wird die gesamte Menschheit unters Kapital subsumiert und damit in das Zwangsverhältnis verstrickt, das sein Wesen ist, andererseits wird aber eben dadurch, daß die Verwertung des Werts notwendigerweise vor keiner Landes-, Kultur- oder Volksgrenze haltmachen kann und alle hergebrachten persönlichen Herrschaftsverhältnisse (nach Marx: die »Blutsurenge«) an ihm früher oder später zerbrechen müssen, zugleich die einzige wirklich globale Einheit der einen Menschheit bewirkt. Eben dieses anonyme Prozessieren, dieses Hinweggehen über alle konkreten Traditionen, Tabus und kulturellen Grenzen wirft ihm die reaktionäre Version des Antikapitalismus ja bis heute vor.

Der Weltmarkt hat — freilich negativ — geschafft, was kein Staat, kein Staatenbund, keine Kultur und keine Religion vor ihm vermochte.

Die Geschichte des Kapitals ist zugleich die Geschichte der Beziehung des Staats zum ökonomischen Grund seiner Existenz, d.h. die Geschichte staatlich organisierter Einbettung partialer, spezifischer »Identitäten« in den Universalismus des Kapitals, und das Verhältnis von Gesellschaft und Staat, Ökonomie und Politik dreht sich ums Kapital als den Souverän gesellschaftlicher Realität. Dieser Souverän ist zwar das Zentrum aller gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion, aber er erscheint nicht sichtbar, er ist nichts als bloße Form, ist eine Form, die die Individuen sich geben, um ihr, in ihrer Praxis als Subjekte (also erst im Resultat), einen Inhalt zu verschaffen. Dieser Souverän ist negativ in dem doppelten Sinne, daß er zum einen nur formal und abstrakt »existiert« und als solcher nicht, wie ehemals Gott oder ein Kaiser oder ein Patriarch, inhaltlich faßbar ist, und zum anderen in dem präskriptiven Sinne, daß er natürlich die Fortexistenz von Ausbeutung und Herrschaft des Menschen über den Menschen festschreibt.

Beim kapitalistisch konstituierten Souverän handelt es sich um nicht sehr viel mehr, aber auch nicht weniger als den welthistorischen Beweis dafür, daß die Menschheit ohne eine Vergemeinschaftung auskommen kann, die auf unmittelbarer, personaler Herrschaft, auf Befehl und Gehorsam, auf überlieferte Sitten, Gebräuche und Traditionen, auf »ewig« festgeschriebenen Tugenden beruht. Den Beweis dafür also, daß der Mensch in einer (in genau zu bestimmender Weise: rein formal synthetisierten) Gesellschaft, in der das Individuum, in all seiner »Triebhaftigkeit«, sich selbst überlassen bleibt, nicht nur überleben, sondern auch sehr viel besser und selbstbestimmter leben kann als jemals bisher in der Geschichte.

Dies festzustellen bedeutet keineswegs, diejenigen, die unter dieser Vergesellschaftung zu leiden haben oder daran zugrunde gingen oder auch noch werden, zu Opfern zu machen; denn einen sinn am Leiden gibt es nicht, sondern bewiesen ist damit nichts anderes als dies, daß der Kommunismus möglich und zur Verhinderung von künftigen vermeidbaren Leiden unbedingt notwendig ist und sich damit jede anthropologisch-psychologistisch begründete Notwendigkeit einer »Bindung« an Religion oder Kultur oder Ethik historisch längst als das erwiesen hat, was sie ist: sockreaktionäres Gewäsch.

Diese Souveränität, die immer alle »befreien«, d.h.: inhaltlich überhaupt erst verwirklichen, wollen, statt sie endlich durch eine Herrschaft und Ausbeutung verunmöglichende Synthesis zu ersetzen, ist gemeint, wenn gerade einmal wieder »Politik« gemacht wird.

Die Revolution ist genau wie ihre geistige Vorwegnahme, die Kritik, niemals konstruktiv und schon gar nicht Politik, sondern destruktiv und also: Anti-Politik.

Das wollte ich mit der Bemerkung über Lenin mitteilen.
Rapanui schrieb am 26.01.2011 um 23:53
@ j-ap schrieb am 26.01.2011 um 22:35

Vielen Dank. Ein Lehrstück materialistischer Dialektik. Weil es so gut ist noch einmal:

>>>Einerseits stellt der Kapitalismus nämlich die Bedinungen der Möglichkeit seiner eigenen Überwindung genauso bereit wie die bürgerliche Gesellschaft von einer ständigen Latenz zu ihrer eigenen Aufhebung gekennzeichnet ist (wobei nach Maßgabe ihrer Konstitution entscheidend ist, ob es sich dabei um eine emanzipative Aufhebung handelt — die der Kommunismus nur sein könne — oder um eine Aufhebung durch Barbarei wie im Faschismus), andererseits ist das Kapitalverhältnis aber nichts anderes als die »Produktion unendlichen Leids«<<<

Was für mich offen bleibt: Was aber ist dann eine kommunistische Praxis? Oben habe ich mich dilettierend an einer solchen versucht.

Mit Ihrem Satz >>>Die Revolution ist genau wie ihre geistige Vorwegnahme, die Kritik, niemals konstruktiv und schon gar nicht Politik, sondern destruktiv und also: Anti-Politik.<<< "verweigern" Sie eine Aussage zur "kommunistischen Praxis".

Vielleicht ist die Figur Lenins nur durch einen "Shakespeare" zu erfassen? Oben kam ich kurz auf Bucharin zu sprechen. Lenin hatte diesen in seinem, durch sein Urteil über Stalin berühmt gewordenen, "poltischen Testament" als einen zur Dialektik unfähigen Menschen bezeichnet. Als einen der immer im "einerseits - andererseits" gefangen bleibt und in der politischen Praxis zwischen Extremen schwankt. Für Bucharin war es nicht so kompliziert von "linksextremen" zu "rechten" Positionen zu schwanken, in dessen politischer Entwicklung wird wirklich ein "Fehler" sichtbar. Bucharin hat in verantwortlicher Position diese "Fehler" politisch exekutiert.

Aber Lenin beherrschte die dialektische Methode, ihn eines "Fehlers" auf der Ebene Bucharins zu zeihen, ist zu einfach. Lenins Vorstellung von der Revolution brach spätestens dann zusammen, als die deutsche Räterepublik durch die Politik der deutschen Sozialdemokratie hintergangen und schließlich durch die Ermordung der kommunistischen Führer Liebknecht und Luxemburg mit Gewalt zerschlagen wurde. Auf diesem Stand der Entwicklung musste (!) zur Politik übergegangen werden. Dann diktierten die politischen und ökonomischen Fakten die Entwicklung, deren Diskussion Gegenstand der politische Wissenschaften, aber nicht mehr die revolutionärer Praxis waren.
Phineas Freek schrieb am 27.01.2011 um 01:44
Der Faschismus ist eine Variante der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft?
Eine "barbarische" zwar - aber Aufhebung.
Das ist ja ein Ding.
Phineas Freek schrieb am 27.01.2011 um 19:10
(Rapanui schrieb am 26.01.2011 um 23:53)

"Was aber ist dann eine kommunistische Praxis?"

Das hier:

kommunistisch = israelsolidarisch = prowestlich = antideutsch = kommunistisch = ….
Rapanui schrieb am 28.01.2011 um 07:32
@ Phineas Freek schrieb am 27.01.2011 um 01:44

>>>Der Faschismus ist eine Variante der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft?<<<

Dank für die kritische Nachfrage. Lese ich das sorgfältiger und öfter wirft dieser Satz tatsächlich Fragen auf.

Ich hatte ihn (den Satz) so verstanden, dass es keinen Automatismus gibt, in dem sich aus der Krise der bürgerlichen-demokratischen Gesellschaft "automatisch" eine kommunistische Gesellschaft entwickelt. Aus einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft könnte wieder eine bürgerlich-faschistische werden. Beides sind Erscheinungen einer bürgerlich oder kapitalistischen Gesellschaft. Auf dieser Ebene würde ich j-ap nicht kritisisieren, da herrscht doch Übereinstimmung. Oder?

Hier wäre nun zu klären, ob man die von uns erlebte bürgerliche Gesellschaft als "demokratisch" bezeichnen kann. Dazu gibt es wesentliches anzumerken, aber für die Betrachtung hier würde ich die Gesellschaft als solche bezeichnen.
Rapanui schrieb am 28.01.2011 um 07:53
@ Phineas Freek schrieb am 27.01.2011 um 19:10

>>>Das hier: kommunistisch = israelsolidarisch = prowestlich = antideutsch = kommunistisch = ….<<<

In diesem Punkt bleibt mir j-ap auch immer unklar. Mehrfach versuchte ich ihm gegenüber das als "Verdacht" zu artikulieren. Wie kann sich j-ap der sich als Kommunist bezeichnet, eine solch beinahe bedingungslos israelsolidarische Haltung einnehmen? Als "Taktik" gegenüber rassistischen Einstellungen habe ich dafür Verständnis, aber das muss j-ap mir gegenüber doch nicht praktizieren - da sind wir uns doch einig.

@ damit ich hier nicht "über" Sie rede. Den "englischen Maßanzug" hatte ich Sie explizit für Sie platziert und das wurde auch so verstanden und mit einer sofortigen Reaktion bedacht - charmant, aber von mir auch nur als eher unwesentlicher Auftakt gewollt. Es gibt aber im Blog noch einen Satz, der extra für Sie ist. >>>Nicht ganz so leicht gelingt das den USA, die den Rassismus bis zum heutigen Tag als ein ungelöstes innenpolitisches Problem in sich tragen.<<< Ihre Verteidigung Israels und der USA als die gerade nicht bürgerlich-nationalistischen Staaten, ja gerade als Muster von Nichtstaaten ist mir wiederum als "Taktik" verständlich - aber wesentlich ist mir das unverständlich. Gerade diese beiden Staaten tragen ein in hohem Maße "modernes" faschistisches Potenzail in sich.

Um beim Thema des Blogs zu bleiben. Eine solche, wie die Ihre, "Verteidigung" Israels und der der USA hätte ja nur dann einen "Sinn", wenn sich daraus "taktische" Vorteile für eine kommunistische Lösung ergeben. Aber erstens ist das aus politisch praktischer Sicht ein Unfug und zweitens, das ist mir noch viel wichtiger, ein Widersinn gegen das von Ihnen postulierte materialistisch-dialektische Geschichtsverständnis.
Rapanui schrieb am 28.01.2011 um 07:56
Hinter dem @ in der Mitte des Textes soll natürlich "j-ap" stehen, und Potenzail heißt Potenzial.... usw.
j-ap schrieb am 28.01.2011 um 08:29
Ich habe mal eine relativ einfache Frage an Sie beide, Rapanui und Phineas:

Kann es eine »kommunistische Praxis« geben, die sich pro-deutsch ausspricht?
Rapanui schrieb am 28.01.2011 um 08:57
@ j-ap

>>>Kann es eine »kommunistische Praxis« geben, die sich pro-deutsch ausspricht?<<<

Nein.

Ich habe mal eine relativ einfache Frage an Sie allein j-ap:

Kann es eine »kommunistische Praxis« geben, die sich pro-israelisch, pro-usa ausspricht?
Phineas Freek schrieb am 28.01.2011 um 17:31
(j-ap schrieb am 28.01.2011 um 08:29)

„Kann es eine »kommunistische Praxis« geben, die sich pro-deutsch ausspricht?“

NEIN!

Nun will ich Sie gar nicht danach fragen, ob die antinationale und internationale „kommunistische Praxis“ auch für den israelischen Proleten gelten darf, denn seine daraus folgende notwendig anti-israelische Haltung, wäre ja nach Gusto antideutscher Lesart schwer antisemitisch und wahrscheinlich sogar Ausgeburt „islamofaschistischer Wurzeln“ der hauptsächlich arabischstämmigen und „orientalischen“ israelischen Arbeiterklasse.

Aber die Durchsetzung des kapitalen Weltmarktes - der Erfolg ihrer staatlichen und supranationalen Protagonisten (und die bedingungslose Unterstützung des Nationalstaates Israels) - als geschichtsteleologische Voraussetzung für Kommunismus zu behaupten:
zusätzlich seine praktische Vollendung und seinen Hauptakteuren nicht nur theoretisch die Daumen zu drücken, sondern auch im Verein mit Neocons und rechtsextremen pro – deutschen Initiativen die absurd-bizarre Behauptung aufzustellen – dies wäre einzige und wahre „kommunistische Praxis“:
dass ist der heutige traurige Stand ehemaliger Antideutscher Linker, die nach Preisgabe aller linken Positionen es nicht fertig bringen, wenigstens auch noch ihre verbliebene „linke Rhetorik“ über Bord zu werfen, um endlich offen und ehrlich zu bekennen, wo sie schon längst angekommen sind – in der rechten Mitte unserer schönen „Gesellschaft“.
j-ap schrieb am 28.01.2011 um 19:33
Hallo Phineas,

nur die Ruhe. Wir sind hier in einem relativ entlegenen Thread und es besteht daher keinerlei Grund, die frontstabilisierenden rhetorischen Automatismen auch hier abzuspulen. Und bevor Sie fragen: Nein, ich teile die Einordnung Ihrer Person an Sie-wissen-schon-welchem Orte nicht oder jedenfalls nicht in dieser Schärfe, weil ich zB in anderen Punkten und von Israel abgesehen viele Punkte finde, an denen ich mit Ihnen völlig einig bn. ZB gehören Ihre Ausführungen über den Anarchismus zum mitunter Besten, was ich hier in diesem Forum darüber gelesen habe.

Dies gesagt habend kann ich mir ziemlich genau vorstellen, weshalb Sie mich nach gewissen Dingen gar nicht fragen wollen: Weil es vielleicht sein könnte daß, wenn Sie fragten, Ihre so schön und wie von selbst laufende Assoziation zuschanden käme, die nach meinem Eindruck so läuft:

israelsolidarisch → antideutsch → Bahamas → Justus-Wertmüller-Wiedergabeautomat

Daß es abseits der Wertmüller-Bahamas-Fraktion auch ganz andere Kaliber gibt, die zB schon längst geschnallt haben, daß es dem Wertmüller seit einigen Jahren nur mehr darum geht, Politik zu machen statt Kritik zu üben, das gerät dann in aller Regel schon an dieser Stelle in Vergessenheit.

Deshalb habe ich mich, falls Ihnen das aufgefallen ist, auch noch nie und nirgendwo als »Antideutschen« bezeichnet: Erstens ist das ein effektheischender Begriff, der vom Elsässer stammt, zweitens versteht es sich für mich von selbst, daß es eben keinen pro-deutschen Kommunismus geben kann, wie es überhaupt keinen pro-nationalistischen Kommunismus geben kann, und drittens liegt für mich auf der Hand, daß auf der Basis der Erkenntnisse über die vorgängige Geschichte weder teleologisch noch ontologisch, sondern materialistisch-dialektisch klar sein sollte, daß man die bürgerliche Gesellschaft nicht aufhebt, indem man ihr eigenes Niveau systematisch unterschreitet.
Phineas Freek schrieb am 28.01.2011 um 23:00
Halo j-ap,

Dass Sie der Morbus Wertmüller nicht befallen hat freut mich erstmal.
Auch Danke für die Blumen über ein paar Erklärungsversuche Meinerseits.

Im Unterschied zu Ihnen allerdings teile ich nicht nur nicht die Einordnung meiner (und anderer) „Person“ im besagten Anklageblog, sondern lehne generell die Einteilung, die Art Tugendterroristischer Anmaßung mit ihren ausschließlich MORALISCHEN Maßstäben kategorisch ab! Ein durchgeknallter Narrenkäfig!

Ob Sie dann die Einordnung meiner „Person“ generell nicht teilen oder nur die „Schärfe“ dieser Anmaßung nicht teilen – müsste ich eigentlich noch mit Ihnen klären, bevor ich hier mit Ihnen weiter parliere! Na ja.

Wer die antideutschen Peinlichkeiten ausschließlich auf einen ihrer ehemaligen Protagonisten wie Elsässer abzuschieben gedenkt und behauptet, der war nie lupenrein „antideutsch“ und schon immer latenter Nationalbolschewik – macht es sich wirklich einfach.
Vielleicht noch mal die ollen Kamellen von Ihm aus Konkret der 90er Jahre lesen, vom Lob der Fremdherrschaft, den großen Imperien und dem Kurze Prozess machen gegen das ganze Pack und Gewürm wirken da wunder.
Der hat mittlerweile nur die Namen der „großen Männer“ und Länder seiner Obsessionen gewechselt: aus Israel wurde Serbien, aus den USA Russland und aus Churchill wurde Stalin.
Ein gewissermaßen immer noch „struktureller Antideutscher“, dieser Elsässer.

Hier hab ich was ganz Schönes gefunden - auf den von Ihnen sicher bekannten (Hüstel, Räusper…) Seiten der ISF (so versteckt, dass über die Hauptseiten gar nicht ranzukommen ist) von Bodo Schulze:

„Offener Brief

Bodo Schulze

Liebe Leute,

seit einiger Zeit schon bin ich mit Eurer Ideologiekritik nicht mehr einverstanden. Weshalb, möchte ich versuchen hier darzulegen.

Blicke ich zurück, so stelle ich fest, daß die Differenz mit jeder weltpolitischen Krise größer wurde, beginnend spätestens mit dem Golfkrieg 1991. Habt Ihr damals noch versucht, den Spagat zu schaffen zwischen der Verurteilung des Angriffs auf den Irak als eines einerseits imperialistischen Kriegs und andererseits der unbedingten Notwendigkeit, Israel zu verteidigen, so ist das Einerseits seit den Anschlägen vom 11. September völlig weggerutscht. Israel avancierte zum Vorschein des Kommunismus im Stande seiner Unmöglichkeit.

Wie ist es möglich, daß Kommunisten einen kapitalistischen Staat zum Platzhalter ihrer Utopie erklären? Möglich ist dies nur durch die Vertauschung von Substanz und Akzidenz. Nur indem das Attribut „jüdisch“ zur Substanz erklärt wird – was ja auch die Antisemiten tun –, kann der Staat, an dem es haftet, zum Vorbeispielenden erklärt und für Umdeutungen ins Kommunistische verfügbar gemacht werden. Da solche Verkehrungen von Gegenstand und Eigenschaft an sich gegen alle Regeln der Vernunft, erst recht des Verstandes verstoßen und Euch die Kritik solcher Verkehrungen geläufig ist, stellt sich die Frage, aus welchem Grund Ihr Euch gleichwohl dazu bereitfindet. Israel – das heißt hier nicht der Staat, in dem Juden leben, sondern Juden, die sich als Staat konstituieren – Israel in diesem Verstand kann nur dann als die kommunistische Platzhalter-Substanz behauptet werden, wenn das, wogegen dieser Staat gegründet wurde, als das Anti des Kommunismus gilt: der Antisemitismus, die Judenvernichtung als Staatsprogramm. Dies wiederum impliziert, daß die antisemitisch verfaßte Totschlagsgesellschaft, auf die die Staatsgründung Israel reagierte, etwas substanziell anderes war als Kapitalismus, so wie es Jochen [Bruhn] prägnant formulierte: eine zwar „kapitalgeborene“, aber doch „kapitalentsprungene“ Gesellschaft. Wenn aber diese aus dem Kapital herausgesprungene Gesellschaft der Anti-Kommunismus ist, was ist dann das Kapital? Wie freundlich es einen auf einmal anguckt, schließlich gibt’s Schlimmeres, substanziell Schlimmeres. Doch sobald man näher zu ergründen sucht, worin denn nun jener vorgeblich grundstürzende Unterschied bestehe, löst sich alles in Nebel auf.

Vor Zeiten habt Ihr das an Horkheimer angelehnte Argument bemüht, die Vernichtung der Juden in der zweiten Weltkriegshälfte habe gegen die Regeln der instrumentellen Vernunft, das Mittel-Zweck-Kalkül verstoßen. Solches Kalkül mag die bürgerliche Handlungsrationalität wie immer rationalisierend beschreiben, das Kapital jedenfalls beschreibt es nicht, die sich in jeder Krise selbst widersprechende Verwertung des Werts beschreibt es nicht.

Dann war eine Zeitlang – diesmal in Anlehnung an Sohn-Rethel – davon die Rede, das Kapital habe sich nach dem Rationalisierungsboom Mitte der Zwanzigerjahre in einer Spirale nach unten in den Boden gebohrt, und dies und die NS-Antwort darauf mache das qualitativ Andere aus. Doch auf diese Schranke stieß das Kapital in allen hochkapitalisierten Ländern und konnte sie in allen diesen Ländern nur durch Rüstungsproduktion und deren Amortisierung im Krieg überwinden.

Dann wieder wurde das staatlich Geplante, zielbewußt Gewollte industrieller Menschenvernichtung als das herausragende Kriterium festgehalten. Ist es zielbewußter, Menschen zu vergasen als sie, wie heute noch, bei überquellenden Lebensmittellagern verhungern zu lassen? Ist das Anstößige die industrielle Vorgehensweise? Jede Gesellschaft tötet mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Ist es der selektive Charakter der Mordaktion? Nicht erst der kapitalistische Staat sucht sich seine Ersatzhandlungsopfer aus. Wo man hingreift, verflüchtigt sich der vorgebliche substantielle Unterschied ins Akzidentelle. Zum Schluß bleibt nur die Beschwörung des Behaupteten, die petitio principii oder der Strukturalismus eines Postone. Der allerdings macht die Sache auch nicht besser. Er verweist nur darauf, welche Geschichtsphilosophie im schlechten, von Euch immer kritisierten Sinn ihr Euch zurechtgelegt habt. An die Stelle des Grand Soir des Proletariats tritt die finstere Nacht der Judenvernichtung. Sie ist das Telos des Kapitals, nicht der Kommunismus.

Und jetzt, liebe Leute, wird mir ganz schwummrig, wie sich eins zum anderen fügt und Eure radikale Kapital- und Denkformkritik wie ein gigantisches Ablenkungsmanöver erscheint oder vielmehr als typisch intellektueller Umweg, um daraus die einzig mögliche Konsequenz zu ziehen: Wenn am Ende der Geschichte der staatlich organisierte Antisemitismus droht und wenn dies als das Andere des Kapitals imaginiert wird, wie anders wäre darauf zu reagieren, als durch die Verteidigung des Bestehenden gegen das Drohende? Nun aber freilich nicht in der generellen linksbürgerlichen Form des Demokratismus-Antirassismus-Antiantisemitismus, sondern in der speziellen antideutschen Form der Verteidigung des Staates derer, die dem Ende der Geschichte zum „Opfer“ fallen würden. Daß Ihr damit wohl den perfidesten Weg zur Versöhnung mit dieser Gesellschaft geht – den Weg über die ermordeten Juden –, mag ja noch angehen, schließlich sind die Toten tot, ihnen kann’s also egal sein. Aber die daraus folgende Hartherzigkeit, die Ihr allen Menschen gegenüber zeigt, die den angeblichen Rettungsmanövern für Israel zum „Opfer“ fallen, ist schon starker Tobak (obwohl es auch denen egal sein kann, welches Schicksal Ihr ihnen zugedacht habt).

Wo muß man stehen, um seine Sympathien so verteilen zu können? Wie wohl muß es einem in dieser Gesellschaft sein, wenn man zumindest einem Staat fähnchenschwingend die Stange halten kann (worauf sich die „Normalbürger“ ja ebenfalls beschränken, einem Staat die Stange zu halten). Merkt Ihr nicht, daß Ihr Gefahr lauft, nein: mitten drin seid in der Gefahr, zum Vexierbild der und des von euch Kritisierten zu geraten? Daß Ihr Euch solcherart wie ein „Geschöpf des Reichtums“ [Ulrich Enderwitz] aufführt, mag mir nicht so recht einleuchten. Schließlich „rollt Ihr nicht auf Gold“, wie die Franzosen sagen. Vielleicht sind diese Abwege einfach ein Resultat der Tatsache, daß Ihr die Ökonomiekritik zwar programmatisch im Munde führt, Euch faktisch aber ausschließlich in den luftigen Gefilden der Ideologie bewegt, wenn auch kritisch, eben ideologiekritisch. Wo aber bleibt die Kritik der aktuellen politischen Ökonomie? Sie führt als strukturalistischer Unterbau feuilletonistischer Ideologiekritik ein gar kümmerliches Dasein. Spezieller: Wo ist die Kritik der politischen Ökonomie des näheren und ferneren Ostens, die es Euch erlaubt, solch kategorische Urteile über die dortigen Bevölkerungen zu fällen. Wo ist Euer – wie man will – Kolonialismus-, Imperialismus- oder Neokolonialismusbegriff? Macht die strukturale Kapitalkritik ihn überflüssig? Ist also alles eins? Ist es dieses Einsein, das Euch verleitet, überall Kategorien anzulegen, die Ihr aus Eurer Analyse der deutschen Geschichte gewonnen habt? Ist es dieser deutsche Größenwahn, der Euch sagen läßt (…) der künftige Materialismus werde antideutsch sein oder er werde nicht sein? Habt Ihr schon einmal versucht, einem Kommunisten aus einem anderen Land diese Sichtweise nahezubringen? Und wenn ja, kamt Ihr Euch dabei nicht saublöd vor? War es euch zumindest ein wenig peinlich? Ich hoffe ja.

Beste Grüße, Bodo

www.ca-ira.net/isf/beitraege/schulze-offener.brief.html
Rapanui schrieb am 29.01.2011 um 10:21
@ Phineas Freek schrieb am 28.01.2011 um 23:00

Vielen Dank Phineas Freek. Der Brief von Bodo Schulze verschafft mir zumindest eine Ahnung von den ideologischen Hintergründen.

In Hinsicht auf die von Bodo Schulze beschriebene Konstruktion "Israel als Vorschein des Kommunismus im Stande seiner Unmöglichkeit" befinde ich mich im Zustand der Unschuld. Aus diesem Zustand heraus kann ich nur schreiben - das ist ja etwas für einen guten Therapeuten!

Geschichtlich zeugt dies von einer Konfusion der Linken, die sie als eine relevante politische Kraft in der Gegenwart beinahe bedeutungslos macht.

Das wiederum wirft für mich die Frage auf, ob nicht doch "Macht" das geschichtliche Grundmuster darstellt: Aufstieg und Fall von "Macht". Dann wäre "links" ein Krisensymptom von Macht, das in dem seltenen Moment wo die Träger von "links" Machtpositionen einnehmem, zur verbalen Hülse wird. Macht wäre dann in einem noch viel weiteren Sinne korrumpierend. Sie korrumpierte nicht nur Personen, sondern auch Philosophien.

Was nun berechtigt materialistisch zur Hoffnung, dass dieses Muster von "Aufstieg und Fall der Mächte" durchbrochen wird? Wenn ich unterstelle, dass dies als Zivilisation geschehen soll - sprich nicht in einem subsistenziellen urkommunistischen Zustand - dann setzt dies einen weiteren technologischen Fortschritt voraus.

Die Aufgabe einer kommunistischen Bewegung bestünde dann darin, den technologischen Fortschritt selbst zu übernehmen. Technlogischer Fortschritt als Kommunismus würde darin bestehen, diesen der Verwertungslogik des Kapitals zu entziehen. Dann würde tatsächlich "kommunistische Technologie" entstehen. Politische Träger dieser Bewegung wären jene Schichten der Bevölkerung, die mit fortschrittlicher Technologie arbeiten.

Hier würde eine Diskussion einsetzen, die an Daniel Bells, Nachindustrielle Gesellschaft (1973) anknüpft und sich nicht damit befasst, ob Israel "kommunistisch" ist. Damit wäre die Linke wieder auf der Höhe der Zeit.
j-ap schrieb am 29.01.2011 um 16:08
(Beim Kommentar eben ging's layoutmäßig arg drunter und drüber. Ich fasse mal neu:)



Hallo Phineas,

nicht ich habe hier irgendetwas auf den Elsässer »abgeschoben«, das hat er ganz allein gemacht, indem er sich ganz als der autoritäre Zampano gerierte, der er wohl schon immer gewesen ist. Expressis verbis nachzulesen auf seiner eigenen Homepage:
»„Nie wieder Deutschland“ – dieser Slogan wurde von unserer Polit-Gruppe in Stuttgart zu Jahresanfang 1990 erfunden, im Zweifelsfall liegt das Copyright bei mir. Nach dem Fall der Mauer sah es wirklich so aus, als ob ein „Viertes Reich“ entstünde, deswegen musste man antideutsch sein. Aber die nationalistische Dynamik wurde ab Mitte der neunziger Jahre durch die globalistische Dynamik gebrochen. Deutschland musste sich den USA wieder unterordnen. Wer heute angesichts der Bush-Politik keine antiamerikanischen Reflexe hat, ist hirntot oder gekauft.«
Ist's Ihnen aufgefallen? 1. Einer, der sich Kommunist nannte und nennt, behält sich irgendein Copyright vor.
2. »Wer heute ... keine antiamerikanischen Reflexe hat, ist hirntot oder gekauft.« — Nun ist zwar wahr, daß Hirntote keine Reflexe mehr entwickeln können, genauso wahr ist aber, daß jemand, der auf einen äußeren Reiz mit nichts sonst als Reflexen antwortet, sich auf dem Bewußtseinsniveau eines elektrischen Schaltkreises bewegen muß, da selbst der dümmste Hirni auf dieser Welt nicht umhin käme, auf dem Weg zwischen dem Reiz und seinem Reflex eine Reflexion zustande zu bringen, und sei sie auch noch zu flach.

Was nun Bodo Schulze anlangt, so sollte man bei der Lektüre seines Briefes vorab wissen, was von jemandem zu halten ist, der jahrelang als Übersetzer in einem Verlagskollektiv tätig ist und dem, ganz zufällig, kurz nach seinem — ich formuliere es neutral — »Ausstieg« ebendort einfällt, daß ja wohl irgendetwas mit der dort gepflegten »Ideologiekritik« nicht stimmen könne. Im anschließenden positivistischen Parforceritt durch die Theoriegeschichte klaubt er dann hier und da zusammen, was sich zu Anfang der 1980er-Jahre (!) an Diskussionen zugetragen hat.

Dementsprechend scholastisch liest sich das ganze ja auch: Eine Verwechslung von Substanz und Akzidenz soll also sein (ob er Begriff Dialektik schon einmal gehört hat?), Strukturalismus sei's, von Hartherzigkeit ist die Rede und vom Verteilen von Sympathien — na, da liegt's doch auf der Hand, daß sich der Bodo im Anschluß an so ein Manöver in Richtung Schweiz verabschiedete, wo er seither im ökolgistisch-basisdemokratisch angegrünten Rotpunkt-Verlag übersetzt, denn immerhin gehört's zum Theorieschatz des dort üblicherweise gepflegten »wissenschaftlichen Sozialismus« und seiner Wiedergänger, allen, die nicht irgendwo im ML angesiedelt sind, Affirmation zu bescheinigen und darüber hinaus auch »nachzuweisen«, daß die sog. Antideutschen nicht nur Heimatverräter sind, sondern schlimmer noch: die 5. Kolonne des anglo-amerikanischen Imperialismus und damit noch nicht einmal mehr Kommunisten.

»Wie freundlich es einen auf einmal anguckt«, das Kapital: Ja, das kann es tatsächlich, nämlich dann, wenn sein Anderes ein ganz konkreter Gewehrlauf ist, der einmal aus der Nation (rechts) oder der Arbeit (links) »deduziert« wird.

Gilt die »petitio principii« und ihre Beschwörung denn auch für Karl Marx, der der Ansicht war, daß man aus den Deutschen doch bittesehr und wenigstens einmal Bürger machen solle, ehe man auch nur leise an soetwas wie die Revolution denke?

Was soll man denn von Leuten halten, die etwa den USA, dem bürgerlichsten Land schlechthin, jede Zivilität aberkennen, diese aber nicht als das Nicht-Verwirklichte endlich einmal einfordern (wie den Reichtum), sondern ihr bloßes Vorhandensein schon als das Übel per se halluzinieren (was nie und nimmer links sein kann, sondern Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger bedeutet)?

Muß man denn wirklich noch einmal wiederholen, daß die Dialektik der Aufklärung eben in der existenziellen Not besteht, in der die Selbsterhaltung der Zivilisation mit Notwendigkeit in Barbarei abgleiten muß, was zugleich heißt, daß eben das eine nicht schon das andere ist (»Substanz« vs. »Akzidenz«), sondern das Kapital beides aus sich heraussetzt in einem Prozess, der nur revolutionär überwunden werden kann, nicht aber durch vorauseilende Selbstexekution, etwa durch Berufung auf irgendwelche Blut&Boden-Idiotien, völkische und/oder kulturalistische Zwangsvergemeinschaftung oder bereitwillige Verzichtsethik, die sich das eigene Elend solange schönontologisiert, bis man's hinnimmt?

Muß man denn wirklich noch einmal wiederholen, daß sich diese zutiefst tragische Situation notwendig reproduzieren muß, soweit und solange das Bedürfnis nach Stillstellung (sprich: Elimination) dieser Dialektik aus Zivilisation und Barbarei herrscht; ein Bedürfnis, welches hinwiederum genau das Movens ist, das eben diese Dialektik notwendig in die reale Katastrophe hineintreibt?

Ich weiß nicht, ob man das muß. Ich weiß aber, daß sich materialistische Kritik nicht schon deshalb erledigt hätte, weil es nach wie vor Leute gibt, die es immer noch nicht geschnallt haben, worum es ihr geht.
Phineas Freek schrieb am 29.01.2011 um 17:13
@j-ap

Falls bei Ihnen noch was anderes als eine spezielle Form von Autopoiese am Wirken sein sollte, hätten Sie auf die Verweise biographischer Daten des vom Glauben abgefallenen Renegaten und Ex-Autors der ISF tunlichst verzichtet, um so der geäußerten Kritik aus dem Weg gehen zu können.
Und knapp 10 Jahre sind seitdem für das angeblich Ungeklärte vergangen und Sie j-ap scheinen bei ihren eigenen opulenten Betrachtungen, nicht nur zu Elsässer nicht zu merken, selbst die lebende und denkende Reflexion „flacher“ Reflexe abzugeben, wenn man mal die Luft rausläßt – zwei Seiten einer Medaille, eine so falsch wie die Andere, aber strukturelle Zwillinge – Sie habens oben selbst ausgeführt.

@Rapanui
„…das ist ja etwas für einen guten Therapeuten!“

DITO!

Da es sich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit um eine speziell deutsche Krankheit handelt, besteht über die Landesgrenzen hinaus auch aber eine äußerst geringe Ansteckungsgefahr.
Falls ich mehr Zeit habe versuche ich noch mal auf Deine Beiträge – unter Auslassung antideutscher Wahngebäude – einzugehen.
j-ap schrieb am 29.01.2011 um 17:43
Wie wäre es denn, Phineas, wenn Sie im Falle des Nichtbehagens die biographischen Notizen einfach weglassen und mal fürs erste den Rest meiner Bemerkungen lesen, ohne sie en passant zur Gänze als Autopoiesis abzuqualifizieren (weswegen ich übrigens zu einem anderen Ergebnis der avisierten Partie »Kritikvermeidung durch Personendiskreditierung« komme)?
j-ap schrieb am 28.01.2011 um 09:06
(Rapanui schrieb am 28.01.2011 um 07:32)

Sie schrieben: »Ich hatte ihn (den Satz) so verstanden, dass es keinen Automatismus gibt, in dem sich aus der Krise der bürgerlichen-demokratischen Gesellschaft "automatisch" eine kommunistische Gesellschaft entwickelt.«

So war er gemeint.

Ich habe an anderer Stelle mal geschrieben: »Die Vernunft darf keinen Kompromiß kennen: der Menschheit muß es gelingen, ohne Souveränität, und kulturelle Abhängigkeiten erst recht, auszukommen.« — Hinzuzusetzen wäre an dieser Stelle noch: Bis dahin aber ist dieselbe Vernunft für jeden Aufschub der endgültigen Selbstvernichtung durch den positiv gewendeten Souverän, den »Behemoth«, dankbar, denn auch der kollektivistische Wahn kennt keinen Kompromiß und keine Grenze, sofern er sich etwa gegen den Staat wendet, aber nur, um Gewalt zu re-personalisieren, zB durch Rückverlegung in familiäre Zwangsverhältnisse.

Was den Faschismus angeht, so hat Phineas mit seiner Rückfrage recht, denn ich war schluderig mit dem Satz oben. Ich präzisiere daher: Der Faschismus ist ohne jeden Zweifel das Produkt der kapitalistischen Gesellschaft, die Konsequenz ihrer widersinnigen Konstitution und ihres historischen Zusammenbruchs. Zugleich ist der Faschismus und insbesondere der NS aber im doppelten Sinne des Wortes dem Kapital ent-sprungen: von ihm erzeugt und ihm zugleich entronnen.

Daran erweist sich, nebenbei gesagt, weshalb die Quintessenz des Faschismus, nämlich: Transformation der bürgerlichen Gesellschaft in ein ebenso klassenübergreifendes wie Klassen in sich negativ aufhebendes Mordkollektiv, weder mit hergebrachter marxistischer und schon gar nicht mit bürgerlicher Geschichtswissenschaft im Rücken kritisiert werden kann.
Jörg Teichmann schrieb am 30.01.2011 um 10:13
Aristoteles ("Politeia"):

"Plato meint, die Weiber und die Kinder und das Land und die Früchte des Landes sollten allen gehören. Das wäre das Ideal, der Kommunismus. Aber wenn alles allen gehört, genau dann gibt es am meisten Streit." !!!

(Für alle, die denken, der Begriff Kommunismus wäre eine Erfindung von Marx.)

;-)
Rapanui schrieb am 30.01.2011 um 10:43
@ Jörg Teichmann schrieb am 30.01.2011 um 10:13

Aristoteles und Plato hatten Marx nicht gelesen.
Jörg Teichmann schrieb am 30.01.2011 um 11:05
Ach nee ...
Rapanui schrieb am 30.01.2011 um 11:24
@ Jörg Teichmann schrieb am 30.01.2011 um 11:05

Ich bin mir unsicher, was Sie mit Ihrem Beitrag von 10.13 Uhr ausdrücken wollten. So habe ich es mit einer kleinen Dosis Nonsens versucht. Aber es ist nicht nur Nonsens - das was Sie zitieren, ist eine vulgäre Vorstellung von Kommunismus, die mit Marx wesentlich nichts zu tun hat und doch eher diffamierend eingesetzt wird. Ich sah, dass Sie auf "Sachsens Linke" verweisen und so kann ich mir eine diffamierende Absicht bei Ihnen nicht vorstellen.

Vielleicht stellen Sie noch einmal dar, warum Sie dieses Zitat in die Diskussion einbringen?
goedzak schrieb am 31.01.2011 um 20:35
Vielleicht sollte man auch mal gucken, von wem und von wann die Übersetzung stammt.
Giuseppe Navetta schrieb am 04.02.2011 um 23:34
@Rapanui

"Plato meint, die Weiber und die Kinder und das Land und die Früchte des Landes sollten allen gehören. Das wäre das Ideal, der Kommunismus. Aber wenn alles allen gehört, genau dann gibt es am meisten Streit."

...sicherlich vulgär, keine Frage, weist aber doch auf die Problematik hin, das sich bei Marx keine staatstheoretischen Entwürfe wiederfinden lassen, jedenfalls meines Wissens nach nicht!
Rapanui schrieb am 05.02.2011 um 11:39
@ Giuseppe Navetta schrieb am 04.02.2011 um 23:34

>>>...sicherlich vulgär, keine Frage, weist aber doch auf die Problematik hin, das sich bei Marx keine staatstheoretischen Entwürfe wiederfinden lassen, jedenfalls meines Wissens nach nicht!<<<

Leider haben wir auch in diesem Blog zu wenig über das dialektische Verhältnis PK/ PV diskutiert, welches ja den inhaltlichen Schwerpunkt in meinem Beitrag bildet.

Daraus ergäben sich dann Ansatzpunkte für eine "staatstheoretische" Diskussion. Ich setze "Staat" in Anführungszeichen, weil das für mich nur metaphorisch gemeint sein kann. Ich würde es gern durch "Organisation" ersetzen.

J-AP kritisiert jeden Ansatz von "Staat" für eine kommunistische Gesellschaft, weicht aber auch jeder Diskussion über eine "kommunistische "Organisation" aus. J-AP verabsolutiert den "Staat" und versteht ihn nicht als eine geschichtlich sich wandelnde und damit auch zeitweilige Form.

Ich versuche folgenden Ansatz. Bis zu einer bestimmten Stufe von PK-Entwicklung ist "Staat" eine alternativlose Organisationsform. Er ist relativ effizient, passt auch zu den technischen Informationsmitteln...Die daraus resultierende Form von "Herrschaft" basiert auf diesen Grundlagen.

Neue PK ermöglichen andere Formen von "Organisation", die wesentlich keine "Herrschaft" mehr darstellen. Über eine verabsolutierte Vorstellung von "Freiheit" komme ich in der Diskussion mit J-AP, auch mit TomGard nie hinaus. Deren Vorstellung von "Freiheit" gerät offensichtlich auch mit "Organisation" in Konflikt.

Oben nannte ich es "Demokratiemaschine" oder "Abstimmungsmaschine". Diese Maschinen sind Ausdruck einer PK-Entwicklung, die eine herrschaftsfreie "Organisation" ermöglichen. Das nenne ich den "Kommunismus". Die von J-AP verabsolutierte "Freiheit" kennt offensichtlich keine materielle Grundlage, dort gibt es einfach "alles". Woher das "alles" kommt, bleibt unklar.

Eine solche "Freiheit" findet doch eher religiös statt. Das subjektive Empfinden von "kommunistischer Freiheit" wird auch kein Zuckerschlecken sein. Wir sind "Leiber", die immer den Schmerz von Verlust empfinden werden. Aber diesen Schmerz geinsam zu tragen und ihn nicht noch durch Herrschaft zu vergrößern, das ist "Kommunismus".
Tiefendenker schrieb am 01.02.2011 um 01:05
Applaus und mal ein großes LOB an die Akteure hier, besonders an @j-ap und @Rapanui...!!! Ist superspannend zu lesen die Diskussion hier!!!

Danke auch an @goedzak für den Verweis auf Robert Kurz. Dessen Analysen zum Ablauf der Geschichte zeigen anschaulich, dass der vermeintliche Kommunismus (UdSSR) und Sozialismus (DDR) auch nur Formen des Kapitalismus waren - eine Art "nachholender Modernisierung" der Kapitalverwertung - nur mit anderer politischer Legitimationsform.

Ich denke, dass es plausibel ist, dass der Kapitalismus die technischen Voraussetzungen (PK) für eine Transzendenz zu einer höheren Gesellschaftsform in neuen PV generiert. Er kann nicht anders, weil er in seinen inneren Widersprüchen gefangen ist. Er steht im Widerspruch zur Natur und kann sich nicht ewig in der Formgebung des Kapitals als abstrakten Souverän reproduzieren, nichtmal dann, wenn die meisten Menschen subjektiv nur noch diese Vergesellschaftungsform wollen.

Die Krise ist der objektive Indikator dafür, warum das nicht ewig geht. Es bilden sich objektiv eine innere und eine äußere Schranke der Kapitalverwertung heraus. Das kann man nicht durch eine andere Regulation (bürgerliche Politik) überwinden, sondern nur durch das Abschaffen der Politik (hier fiel glaub ich der Begriff Antipolitik, der vermutlich genau das meint).

Das alles bedeutet aber (leider) nicht, dass automatisch eine Transzendenz zu einer höheren, friedlicheren Gesellschaftsform folgt (dazu wäre Bewusstsein nötig). Es könnte auch das Gegenteil - Barbarisierung (Mafia-Strukturen), Faschismus oder ein Rückfall in archaisch-feudale Strukturen (so wie in den Mad Max-Filmen) mit einem Neo-Feudaladel entstehen. Oder auch eine radikal-religiöse Konstitution. Das wäre alles reine Spekulation - aber nicht unmöglich.

Ich gehe einfach mal logisch (und bewusst naiv) davon aus, dass im Universum eine natürliche Evolution des Bewußtsein stattfindet, eine innere spirituelle Entwicklung. Die schafft nicht jeder. Auch Dummheit hat im Universum bekanntermaßen seinen Platz. Aber wir haben es bisher geschafft uns von Einzellern bis zu komplexen Gesellschaften zu entwickeln und da draußen warten noch so viele spannende, andere Dinge und ferne Zivilisationen, Abenteuer in fernen Galaxien usw. Wie sollen diese Geschichte aufgeschrieben werden, wenn sie mangels Evolution des menschlichen Bewußtsein ohne unsere Teilnahme passieren? Haben wir tatsächlich eine andere Wahl, als uns weiter zu entwickeln und unfreie Macht-Konstrukte hinter uns zu lassen? Warum sollten wir uns von der negativen Energie der ewig gestrigen Gestalten runter ziehen lassen, die am alten System krampfhaft festhalten wollen, weil sie Angst haben vor dem Neuen und Unbekannten?

Wer hat noch Lust mit zu machen? Ihr klingt alle so, als wenn Ihr auch keine Angst habt und ziemlich hell im Kopf seid, weil die grauen Zellen scheinbar reichlich gefüttert wurden. Also wenn das keine guten Vorrausetzungen sind, weiß ich auch nicht...
Kurt C. Hose schrieb am 01.02.2011 um 01:40
Ich habe den letzten Absatz nicht mehr gelesen...(es hätte nur noch absurder werden können) und doch habe ich erkannt dass sie das KM entweder nie gelesen oder nie verstanden haben...

KCH

..trotzdem lustich zu lesen...
Rapanui schrieb am 05.02.2011 um 11:42
@ Kurt C. Hose schrieb am 01.02.2011 um 01:40

>>>und doch habe ich erkannt dass sie das KM entweder nie gelesen oder nie verstanden haben... <<<

Wer ist gemeint?
Ian Bellyn schrieb am 06.02.2012 um 14:26
Nur ma so: Kommunismus ist kein Produktionsverhältnis!

(Die Lektüre des Rests des Beitrags habe ich mir nach diesem Einstieg erspart, sorry.)
Rapanui schrieb am 06.02.2012 um 21:55
>>>Nur ma so<<<

Kamma vergessn.
Rapanui
Denn ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.
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Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:58
Nur mal so hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:55
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

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Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
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