Rapanui

Landschaftsgestaltung

01.10.2010 | 23:39

Leipziger Freiheit

 

Baby Sommer und Till Brönner in der Oper Leipzig

Gestern Abend  gegen Mitternacht legte der elegante Till Brönner dem schwitzenden Günter Baby Sommer auf der Bühne des Leipziger Opernhauses anlässlich der 34. Leipziger Jazztage seinen Arm auf die Schulter und dieser revanchierte sich mit einem Griff um dessen Taille. Beide verneigten sich vor dem begeisterten Publikum, welches sich mit stehenden Ovationen für ein Konzert des Hörens, des Sehens und des Denkens bedankte. Zugegeben, es stand nur die Hälfte des Saales und einige Zuschauer hatten den Saal während des Konzertes verlassen – aber es war eine Freude im Raum, die das alles in sich auflöste und den beiden Musikern gab, was sie sich verdient hatten – tosenden glücklichen Beifall und Bravo Rufe. Sommer war glücklich, Brönner glaube ich, war es auch. Ohne der NDR Big Band und dem Acoustic Art Ensemble Unrecht zu tun, die an diesem Abend in den Stunden zuvor wundervollen Jazz spielten, Sommer und Brönner lieferten den Höhepunkt.

Mit einem Jazz-Konzert ist das so eine Sache, selbst dann, wenn man seit vielen Jahren sein Gehör und sein Empfinden diffizileren Klängen aussetzt und meint, so sei es nicht durch den Pop gänzlich verdorben. Jazz ist harte Arbeit - auch beim Konsum, von der Produktion gar nicht zu reden. Nun gibt es so, wie beim klassischen Konzert die Mitnicker und die unbestrittenen Kenner, aber ich wage zu behaupten, dass die in der Minderheit sind. Günter Baby Sommer hatte seine Perkussionsgeräte aufgebaut – einen Raum, wie ein Kinderzimmer in einer Plattenwohnung einnehmend. Darinnen saß Baby Sommer in einem weiten weißen Hemd wie Goya und mit einem Bart wie Dali. Zu Beginn gab es einen kurzen Blickkontakt zu Till Brönner, ein schöner Mann von lässiger Eleganz, der, 5 Meter neben dem Schlagzimmer, daraufhin ein wenig in seine Trompete blies und jenen leicht heiseren Klang ertönen ließ, der ihn auch durchschnittlichen Jazz Hörern wie mir bekannt gemacht hatte.

Ich war gespannt was passieren würde, zum Beispiel: wer würde sich durchsetzen. Baby Sommer begann zu pulsen und behandelte seine Instrumente wie ein vertrautes Spielzeug, stolz und persönlich. Noch nie sah ich solch surreale und gleichzeitig selbstbewusste Bewegungen eines Musikers. Was aber noch viel schöner war, es war nichts Affektiertes im Wesen Baby Sommers zu spüren. So stelle ich mir vollkommene Freiheit vor, sein Wesen ausdrücken können und es anderen mitteilen können. Ebenso erstaunlich war für mich Till Brönners Spiel. Brönner wollte gar nicht gewinnen! Das aber hatte ich von einem wie ihm schon erwartet – bei dem kommerziellen Erfolg! Till Brönner stand gelassen an seinem Mikrofon und spielte Töne, die sich um mich legten und mich genesen ließen. Keine himmlischen Harmonien die mich sanft gewinnen wollen, sondern Musik meiner Zeit auf der Erde, die ich mir nehme. Ein letztes Stück spielten die beiden: „Der alte Leipziger in Spanien“. Ob dies in jenem Moment entstand, ob sie es schon vorher einmal spielten - wir waren gemeinsam in Spanien; Brönner blies Fanfaren, Sommer tanzte Bolero und dass Publikum jauchzte und lachte.

Beim Jazz bleibe ich bei Verstand, ich wackle nicht mit dem Kopf, ich schüttele nicht die Haare und ich brülle nicht mit dem Mund. So blieb mir ein wenig Raum daran zu denken, wie unerheblich es ist, dass Günter Baby Sommer aus Dresden und Till Brönner aus Viersen stammt. Nun, der Jazz ist keine Massenveranstaltung. Leider.

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 02.10.2010 um 06:45
"...ich wackle nicht mit dem Kopf, ich schüttele nicht die Haare und ich brülle nicht mit dem Mund." - Feiner Satz neben anderen. Außerdem eine lobenswerte Coolness in Zeiten, wo akustische Äußerungen von 'Ekstase' bei Konzertbesuchern zum guten Ton gehören.

Aber Till Brönner mit Günter Sommer, ist das nicht wie Vollmilchschokolade mit Meerrettich?!
Rapanui schrieb am 02.10.2010 um 11:22
@ goedzak am 02.10.2010 um 06:45

>>>>>Aber Till Brönner mit Günter Sommer, ist das nicht wie Vollmilchschokolade mit Meerrettich?!<<<<

Es gab noch mehr offensichtliche Gegensätze zwischen den beiden, als diejenigen, die ich im Artikel versuchte sprachlich zu artikulieren. Brönner benutzte ein schwarzes Schweißtuch und Sommer ein weißes (sic!) ;-)

Die körperliche Distanz war erheblich, der Blickkontakt zwischen beiden eher gering. Wenn Sie sich das schon oben verlinkte Video liveweb.arte.tv/fr/video/Michel_Godard_et_Gunter_Baby_Sommer__Premiere__au_festival_Jazzdor/ ansehen - so war es zwischen Sommer und Brönner nicht.

Aber ich will da nichts reinheimsen, die beiden haben aus der unterstellten "Meerrettich/ Vollmilchschokolade" Konstellation ein phänomenales Musikerlebnis produziert. Brönner meinte, und da die beiden sonst fast nicht sprachen, hat der Satz wohl einige Bedeutung: "Ich komme wieder, regelmäßig" (sinngemäß).

Sie haben vor kurzen in Ihrem Blog über Led Zeppelin in Bezug auf Robert Plant geschrieben: "Der Herr ist der Blues, es kann auch der Teufel sein." So muss man es wohl auch für Till Brönner an diesem Abend leicht abgewandelt gelten lassen: "Der Herr ist der Jazz, es kann auch Baby Sommer sein". Was Brönner an dem Abend herausblies, es war der Leibhaftige, es war der Jazz.
Rapanui
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18:07
Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:05
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:04
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:58
Nur mal so hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:55
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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