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Gedanken-Flash-Flow

20.06.2009 | 15:10

Konstruktion und global Export von Kindheit

Jedes Kind erlebt in Abhängigkeit von seiner ganz spezifischen materiellen,
sozialen sowie kulturellen Umwelt seine eigene Kindheit, verallgemeinernde
und undifferenzierte Aussagen über Kindheit sind nicht möglich. Trotzdem gilt
das westliche Kindheitsparadigma als globales Vorbild von idealer Kindheit.

Wird das westlich geprägte Bild von Kindheit als Maßstab angelegt, entsteht die Auffassung, das viele Kinder in der Dritten Welt keine oder eine zumindest sehr defizitäre Kindheit besitzen, da sie in einer Art und Weise leben, die diesen Idealvorstellungen keineswegs entsprechen. Kindheit wird so lediglich unter dem Aspekt des Mangels, der Not und des Leidens betrachtet und führt einerseits zu Wahrnehmung einer rein defizitären Kindheit in südlichen Ländern Afrikas, gleichzeitig aber auch zu einer mangelhaften und defizitären Wahrnehmung auf die tatsächliche Lebenslage der Kinder, da sie mit solch einem Blick nicht vollständig, tiefgreifend und real erfasst werden kann.

Liebel, Schibotto sowie Cussianovich plädieren für das Abkommen von einer
einseitigen rein defizitären Sichtweise, da diese nur Raum für Mitleid und Fürsorge
lasse, nicht aber die Subjektseite der Kinder mit all ihren Handlungsfähigkeiten
und Stärken erfasse und eine „Lösung“ der Probleme nicht durch eine
nur negative Verortung von Kindheit stattfinden kann.
Cussianovich geht davon aus, „… daß dieses Importierte Schema ein elitäres,
diskriminierendes und armes ist. Ich glaube, daß eines der Ziele dieser Ideologie
ist, dem Kind seine Rolle als produktives Mitglied der Gesellschaft zu rauben.“ und Liebel verortet eine westliche defizitäre Sichtweise als ungerecht,
da Kinder der Dritten Welt trotz ihrer harten Lebensumstände oft deutlich
selbständiger, lebensfähiger und selbstbewusster seien als westliche Kinder,
„die in behüteten pädagogischen Ghettos aufwachsen.“

Auch Ennew & Milne weisen eindringlich auf eine Paradoxie bezüglich derwestlichen Beurteilung und Charakterisierung von Kindern der Dritten Welt hin:„Es ist paradox, daß dieses Recht auf Unabhängigkeit eher den perfekten Kindernder Ersten Welt zugestanden wird, deren Status durch ihr Schutzbedürfnisbestimmt ist. Zwei wesentliche Ideen geraten da miteinander in Konflikt: die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Kindheit als Quarantäne.

Doch paradoxer als die Lage der Kinder in der Dritten Welt ist das nicht. Die meisten Kinder dort übernehmen schon in frühstem Alter große Verantwortung und werdendoch von den Medien als besonders passiv und schutzbedürftig dargestellt.Es gibt wohl kein besseres Beispiel für den Paternalismus des Westens als diese Unterscheidung: Das unabhängige, aktive westliche Kind auf der einen und das nur empfangende, passive Dritte-Welt-Kind auf der anderen Seite.“

König zeigt, dass Kampagnen zum Kinderschutz in ihrer Rolle als Experten ein
spezifisches Bild von Kindheit durch Zuschreibungs- und Exklusionsprozesse
formen und damit einen maßgeblichen Beitrag zur Konstruktion und Globalisierung
von Kindheit leisten. Ihre Analyse von Informationsmaterialien verschiedener
Organisationen zeigt deutlich, dass diese in erster Linie aufzeigen, wie
Kindheit sein soll, indem diese Vorstellungen immer wieder mit den „realen“
Bedingungen in der Dritten Welt, den Verstößen gegen das Ideal, kontrastiert
wird.

Aus dieser westlich geprägten Idee einer idealen Kindheit entwickelt sich die
Bewertung afrikanischer Kindheit als defizitär und die damit einhergehenden
kulturellen Unterschiede, wie etwa die Arbeit oder der Aufenthaltsort von Kindern
als soziales Problem. Aus der Differenz von gedeuteter Realität und westlicher
Ideal-Kindheit entstehen schließlich die angestrebten Strategien und Ziele der Organisation sowie die Legitimation überhaupt helfen zu müssen. Das angenommene Kindheitsideal wird dabei als universal, allgemeingültig und somit
wenig variabel betrachtet. Die Möglichkeit anderer Kindheitsformen und Konzepte
wird vollständig ausgeklammert. König spricht hierbei von einer Kontrastierung
zweier Welten und zeigt deren Bedeutung und Ziel deutlich auf:
„Der Entwurf zweier Welten, wobei das Ideal die „Brille“ bildet, durch welche die
„Realität“ der Kinder in der Dritten Welt wahrgenommen wird, rechtfertigt Ziele
und Strategien, die sich dem Ideal verpflichten. Konsequenz der Gegenüberstellung
von Ideal und „Realität“, in mehr oder weniger emotionalisierender Form,
ist der Appel zum Spenden.“

Solch eine Vereinfachung sozialer Phänomene und die Reduzierung der Komplexität erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit, Spenden durch besorgte Bürger zu erhalten, widerspricht jedoch eindeutig dem Anspruch der meisten Organisationen, Informations- und Aufklärungsarbeit in der ersten Welt zu leisten. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass diese Vereinfachung und die daraus resultierenden Ziele und Interventionen zwar für den Spender logisch nachvollziehbar sind und ihn motivieren zu spenden, jedoch nicht die tatsächlich zur Unterstützung der Kinder notwendigen, an ihrer Lebenswelt ansetzenden Hilfemaßnahmen finanziert werden.

Kindheit befindet sich somit in einem Spannungsfeld zwischen als universell
dargestellten globalisierten Kindheitsvorstellungen einerseits und isolierten soziokulturell betrachteten Konzepten von Kindheit andererseits.
„Das westliche Kindheitsparadigma ist im Begriff, zu einem globalen Modell zu
werden, das als „universell“ präsentiert wird.“ Dieses geht von einem individualistischen Kindheitsbegriff und der Vorstellung der Kernfamilie und des Staates als primäre soziale Akteure in der Lebenswelt eines Kindes aus. Sowohl der
hohe Stellenwert der Gemeinschaft (community), anstelle des einzelnen Menschen, als auch vorherrschende Bedeutung des erweiterten Familiensystems
und anderer traditioneller Sozialisationsinstanzen wird weitestgehend ausgeblendet.

Diese „Globalisierung von Kindheit“ führt zu „westlichen“ Schablonen, Vorstellungen und Kategorien von Kindheit (und damit verbunden auch von Familie), in welchen benachteiligten Kindern erfasst werden. Dadurch besteht die Gefahr, dass sowohl die tatsächlichen Lebensumstände dieser Kinder, als auch die kulturell differenzierten Familienvorstellungen nur ungenügend berücksichtigt oder falsch interpretiert werden. Die Folgen der Anwendung solcher „falschen“ Schablonen lassen sich wohl nicht treffender als von Spitzer beschreiben:
„Ein Merkmal - oder vielmehr das charakteristische Merkmal dieses Spannungsverhältnisses ist der Umstand, dass Kindheit in den armen Ländern des
Südens, gemessen an den Normen und Standards der Industriegesellschaften,
grundsätzlich als defizitär betrachtet wird. Die Kinder des Südens sind in eine
unidentifizierbare Masse der „Armen“ verschmolzen, deren hauptsächliches
Merkmal in den Augen des außenstehenden Betrachters darin besteht, das ihnen
„etwas fehlt“. Oder anders ausgedrückt: Das wesentliche Problem der Kinder
in den „Entwicklungsländern“ besteht darin, dass sie ihrer Kindheit „beraubt“
sind, und der Norden hat die Mission, sie ihnen zurückzugeben

Dadurch werden spezifische Eigenschaften subsaharaischer Kindheit zu „Symbolen
falscher Kindheit“ konstruiert, die vielmehr durch ihren Symbolgehalt als
falsche (nicht westliche) Kindheit charakterisiert sind als durch die eigentliche
und unmittelbare Problemlage in der tatsächlichen Lebenswelt der Kinder.
So stehen „arme“ (aber auch genauso gut: arbeitende, auf der Straße lebende,
verwaiste, in Großfamilien aufwachsende, …
) Kindheitsformen immer „außerhalb
von Kindheit“ und die Gesellschaft hat sich den Auftrag selbst auferlegt,
diese Kinder in die Kindheit zurückzuholen (mehr noch als ihre tatsächlich Notsituation zu verbessern).

Dieses Denkmodell von „Kindern außerhalb von Kindheit“ wird an verschiedenen Stellen besonders eindringlich deutlich: zum
Beispiel an einer Zusammenschau von Zetkin, in der sie die Schäden von arbeitenden Kindern zusammenträgt. Hier spricht sie von einer „verlorenen Kindheit, die das ganze Leben prägt“. Oder auch an den Titeln vieler Publikationen, die sich mit Kindheit im subsaharischen Afrika beschäftigen: „Kinder, die nicht Kind
sein dürfen“, „Kinder ohne Kindheit“oder „Bedrohte Kindheit“ um nur
drei exemplarisch für hunderte Bücher, Informationsschriften oder Flyern zu
nennen.  Honig verweist darauf, dass der Gedanke einer „Natur des Kindes“, weit über Rousseau hinaus, bis in die Gegenwart hinein seinen Einfluss als alltagsweltlichen Kindheitsbegriff und damit als Maßstab für „gute Kindheit“ sowie Legitimation und Ziel von spezifischen Formen der Erziehung und Intervention behalten hat.

Die Verwendung einer solchen Naturrhetorik als Symbolisierung der Folgen „falscher Kindheit“ wird besonders in einem von Astrid Lindgren aufgestellten und von UNICEF aufgegriffenen Vergleich deutlich:

„Kinder ohne echte Kindheit verkümmern wie Pflanzen ohne Licht und Wasser“
Astrid Lindgren tritt hierbei als Expertin der Bedürfnisse und Anliegen von Kindern
auf, weckt mit einer solchen Metapher Emotionen und liefert darüber hinaus
den Hintergrund der folgenden, sich scheinbar notwendig ergebenden
Argumentation von UNICEF: Brüche mit der „echten Kindheit“ werden aufzeigt
und moralisch abgewertet, anschließend werden notwendige Lebensbedingungen
für eine „echte Kindheit“ markiert und die Strategien und Ziele von UNICEF
aus der „Natur des Kindes“ abgeleitet und somit legitimiert.

Diese Argumentationsweise, die offensichtlich auf der Annahme einer „natürlichen“ Kindheit basiert, verschleiert die darin enthaltene Konstruktion der Zielvorstellungen und Strategien diese zu erreichen und unterstellt, den einzigen richtigen Weg zu gehen. Die hier deutlich werdende Orientierung von UNICEF an nur einer richtigen und idealen westlichen Kindheitsvorstellung, die auf natürlichen, unveränderbaren Bedingungen beruht und dadurch auch nur ein spezifisches Ziel verfolgen kann (nämlich die Wiederherstellung der „echten“ Kindheit) engen die Möglichkeiten der Entwicklung alternativer Strategien ein, da alle Maßnahmen dieses festgelegte Ziel nach dieser Argumentationskette verfolgen müssen.

So stellt Spitzer fest, dass gerade dieses westliche Kindheitsparadigma auf vielfältige Weise die Bemühungen von Helfern bestimmt, solchen Kindern eine gesellschaftlich akzeptierte Lebensform zu ermöglichen. Spitzer plädiert hierbei für
eine kontextbezogene Gemeinwesenorientierung und die Beachtung soziokultureller Gegebenheiten bei diesen Bemühungen. Ohne diese Herangehensweisen führe die gewollte Hilfe lediglich zu einer Verhärtung der Zweiteilung von Kindheiten innerhalb und außerhalb der Norm und somit zu Symbolen „richtiger“ und „falscher“ Kindheit.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 20.06.2009 um 19:18
Das ist ein sehr spannendes Thema. Die Normierung der Vorstellung über Kindheit, was eine glückliche Kindheit ist und wie Kinder zu leben haben, damit man sie als nicht bedürftig und defizitär einstuft. Hier sind mal wieder westliche Definitionsmächte am Werk.

Mir ist es ein bisschen zu wissenschaftlich-trocken, was schade ist bei diesem so hochinteressanten Stoff. Hättest dich ruhig ein bisschen polemisch aufregen können.
Mit Spitzer meinst Du sicher Dr. Manfred Spitzer? Der ist ja wirklich ein sehr unorthodoxer und kreativer Geist. Ich kenne ihn im Zusammenhang mit der ADHS-Debatte, mit den Thesen über die Folgen von zu viel Fernsehen für Kinder und auch seine Haltung zu Computerspielen ist nicht gerade publikumsbeliebt.

Wie gesagt, es ist ein hochinteressanter Aspekt, den Du da anreißt, finde ich.
Gruß
Magda
Magda schrieb am 20.06.2009 um 19:25
Achso - ich wollte noch anmerken, dass mir Dein kritischer Verweis auf Astrid Lindgren auch sympathisch ist. Die mit ihren randalierenden Gören und der Villa "Kunterbund" setzt ohnehin eher Erwachsenenträume um als eine wirklich kindliche Sicht auf die Welt.

Allerdings die Kritik an der Ausbeutung von Kindern, Du verweist da wieder auf Clara Zetkin? stammt aus einer anderen Zeit und war unbedingt berechtigt. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass - bei aller Einsicht, dass Kinder in unterschiedlichen Zusammenhängen leben - Ausbeutung immer verwerflich ist.

Nochmal Gruß
rapideyemove schrieb am 21.06.2009 um 14:32
Hallo Magda,
vielen Dank für dein Kommentar und deine konstruktive Kritik ... werde in Zukunft versuchen etwas lockerer zu schreiben, fällt mir nicht so leicht, komme eher so aus der wissenschaftl. Ecke und das war ja mein erster Versuch ein Thema, das mir am Herzen liegt für "Nicht-Fachleute" aufzubereiten.
Tips und Ideen für einen massenkompatibleren Schreibstil nehme ich gerne entgegen!
Dr. Manfred Spitzer, der Hirnforscher, Psychologe, Philosoph, ist mir auch bekannt und sehr geschätzt. In meinem Text beziehe ich mich aber auf Helmut Spitzer, einem östereichischen Prof. für soziale Arbeit, der eine hervorragende Studie über Strassenkinder in Dar es Salaam veröffentlicht hat, die perfekt zu meiner Theorie der "Symbole falscher Kindheit" passt. :-)
Liebe Grüße
Tobias
rapideyemove schrieb am 21.06.2009 um 14:49
Zum Thema Ausbeutung von Kindern gebe ich dir selbsvertändlich absolut recht ... In dem Abschnitt geht es vielmehr darum, das hier von "verlorener" oder "nicht-vorhandener" Kindheit gesprochen wird, weil sie nicht der westlichen Norm entspricht. Sie wird dadurch ausgeklammert, was es meiner Meinung nach schwierig macht auf tatsächliche Bedürfnisse von Kindern einzugen und sie an Hilfeprozessen partizieren zu lassen. Das Kinder weltweit und bis heute unter schlimmen Ausbeutungsprozessen leiden steht fest. Die Frage ist vielmehr ob wir die Rolle der Kinder darin als aktives Subjekt (mit Partizipationsmöglichkeiten) oder passives Objekt der Umstände verorten wollen. Z.B. lässt sich Kinderarbeit oder Straßenkindheit aus zwei vollständig gegensätzlichen Sichtweisen beleuchten, was massiv den Blick auf die sich in diesem Setting bewegenden Kinder verändert und dadurch auch die Interventionsmaßnahmen bestimmen. Gerne werde ich versuchen, das im kommenden Text näher zu beschreiben.
Liebe Grüße
Tobias
Streifzug schrieb am 20.06.2009 um 20:11
Der Artikel beschreibt eine Denke, die meiner Meinung nach ans Unerträgliche grenzt. Es könnte ein Nachfolger der Völkerschau sein. Nun allerdings in deren Land.

de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerschau
einestages.spiegel.de/static/topicalbumgallery/3612/menschen_im_wildgehege.html

Schon Lévi-Strauss hat im "wilden Denken" die Fähigkeit entdeckt, komplexe Zusammenhänge und Muster zu erkennen und zu verarbeiten. Er ordnet die Qualität dieser Fähigkeiten in gleicher Ebene ein wie hohes Ingenieurwissen.

Kinder in so einer Umwelt lernen also sehr viel und sehr vernetzt. Die andauernde Zerstörung dieser Umwelt und der vorhandenen Sozialstrukturen hat dramatische Folgen. Die "westliche Kindheit" nun als Maßstab anzulegen ist wie ein kaschierendes Pflaster, welches die wirkliche Wunde verdecken soll.

Ein Beispiel gleicher Struktur aber anderer Ebene:
Nachdenklich machen sollte, dass in den USA die Landwirtschaft großflächig umstrukturiert wird. Böden und Wetter sind nicht für die aus dem Westen importierten Tiere und Pflanzen geeignet. Die Bodenzerstörung ist massiv. Nun pflanzt man wieder Büffelgras mit seinen langen Wurzeln und siedelt Büffel an.
Streifzug schrieb am 20.06.2009 um 20:59
Ich hoffe, es kommt raus, dass nicht dieser Artikel kritisiert wird sondern die Anmaßung der "westlichen Erziehung".
rapideyemove schrieb am 21.06.2009 um 15:15
Hey Streifzug, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich merke, das die Message, die ich mit dem Text vermitteln wollte anscheinend verständlich und nachvollziehbar war. Das freut mich sehr. :-)
Die Methapher mit dem Pflaster die die tatsächliche Wunde kaschieren soll trifft es wie die Faust aufs Auge!
Liebe Grüße
Tobias
rapideyemove
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