Nicolaus Raßloff

Blog von Nicolaus Raßloff

03.02.2012 | 10:57

Fußballfans in Kairo: mehr als Pusteblumen

 

Fußball als politischer Katalysator ist in der arabischen Welt wahrscheinlich wichtiger als Rockmusik. Ich weiß noch, wie ich mich im Juni 2001 in Kairo verlaufen hatte und in eine Masse feiernder Fußballfans geriet. Mit meinem gebrochenem Arabisch bekam ich heraus, dass sie gerade den Pokalsieg ihrer Mannschaft feierten. Irgendwie erinnerte mich die Situation an eine Piratenparty. Ich beglückwünschte sie und war froh, der mir unheimlichen Situation entkommen zu sein.

Die entscheidende Rolle der Ultras bei den Kämpfen um den Tahrirplatz zu Beginn der Revolution in Ägypten hat die Sicherheitskräfte wahrscheinlich besonders gefoppt. Jetzt haben sie Ihnen mit 71 Toten Vorgestern die Quittung gegeben. Um die Wut der Ägypter zu verstehen nochmal ein Jahr zurück: Besonders wichtig waren die Fußballfans in den ersten Tagen derRevolution, als es darum ging, den Tahrirplatz zu halten. Der ägyptische Blogger Alaa Abd El-Fatah meinte gegenüber al-Dschasira „Die Ultras haben eine bedeutendere Rolle gespielt als jede andere politische Gruppe.“ Alex Raack vom Fußballmagazin 11Freunde interviewte Amr Fahmy, der Mitglied des Fanclubs Ultras Ahlawy ist. Nach eigenen Angaben kontrollieren die Ultras Ahlawy gemeinsam mit Fußballfans aus Alexandria die Nordkurve des Stadions mit knapp 40.000 Zuschauern. Für das wöchentliche Fußballspiel organisieren sie Material für Choreographie, Pyrotechnik und die Fankasse, wobei es kein Clubhaus oder festen Treffpunkt gäbe, „das hätte es der Polizei in der Vergangenheit zu einfach gemacht, gegen uns vorzugehen“. Sie seien selbst unpolitisch. Es gäbe sowohl Kommunisten, Liberale, Anarchisten oder Islamisten in den eigenen Reihen. „Nur Mubarak-Sympathisanten wird man bei uns nicht finden. … Wir haben uns seit unserer Gründung 2007 gegen seine Polizisten gewehrt und wurden dafür in den Medien als Terroristen und Gewalttäter dargestellt. Wobei ich zugeben muss, dass wir nicht mit Pusteblumen geworfen haben.“ Raack zitiert den Fußballjournalisten Davy Lane „Es gab zugewiesene Steinewerfer, Spezialisten für das Umwerfen und Abfackeln von Fahrzeugen und Versorgungscrews, die wie am Fließband Munition nachlieferten.“ Amr Fahmy dazu: „Diese Beschreibungen passen eher auf Anhänger der Muslimbrüder, die zu Beginn der Revolution auf der Straße keine Rolle spielten, aber später bei den Kämpfen gegen die Pro-Mubarak-Fraktion mitgeholfen haben. Wir sind in den Straßenkämpfen eher wie bei den Auseinandersetzungen im Stadion aufgetreten: geschlossen auf die Polizisten los, als sie ihre Knüppel auspackten. Und Sie können mir glauben, dass wir mit prügelnden Polizisten in den vergangenen Jahren sehr viele Erfahrungen gemacht haben. … Es war ganz selbstverständlich, dass wir ganz vorne mit dabei waren, als die Menschen auf der Straße kämpften.“ Zwei Ultras sind bei den Straßenkämpfen am 25. und 28. Februar gestorben.[4]

Nicolaus Raßloff

Nach Jahren der Zusammenstöße war die Revolution quasi der „Lackmusstest“. So auch James M. Dorsey in seinem Bericht über „Ultras gegen Kameltreiber“ aus Le Monde diplomatique: „Wir waren an vorderster Front“, erzählt der zwanzigjährige Zamalek-Fan Mohammed Hassan. „Als die Polizei angriff, machten wir den Leuten Mut: Sie sollten nicht davonlaufen und keine Angst haben. Dann feuerten wir Leuchtraketen ab. Die Leute fühlten sich ermutigt und machten mit; sie wissen, dass wir was von Ungerechtigkeit verstehen, und fanden es gut, dass wir wie die Teufel kämpften.“ zitiert James M. Dorsey in le monde diplomatique einen Fan der gegnerischen Mannschaft Zamalek.

Mehr über ägyptischen Ungehorsam im Januar 2011 auf meinem Blog: rassloff.wordpress.com

Quellen:

Alex Raack interviewt Ultra-Sprecher Amr Fahmy ,»Wir Ultras haben den Krieg gewonnen« , 24.Mai 2011 , 11Freunde, www.11freunde.de/geschichtsstunde/139306, vgl. Martin Krauss, Die Fußballrevolution, taz, 16.02.2011, www.taz.de/!66001/ , Das AlJazeera-Interview mit Alaa Abd El-Fatah: www.20min.ch/news/dossier/tunesien/story/Die-aegyptische-Fussball-Revolution-14550470 , vgl. James M. Dorsey , “Egyptians Ultra Tactics Evident in the Battle for Cairos Tahrir Square” , 3. Feb. 2011,  bleacherreport.com/articles/595650-egyptian-ultra-tactics-evident-in-the-battle-for-cairos-tahrir-square, ; James M. Dorsey, "Ultras gegen Kamelreiter", Le Monde diplomatique Nr. 9700 vom 13.1.2012, www.monde-diplomatique.de/pm/.search?ik=1&;;mode=erw&tid=2012%2F01%2F13%2Fa0045&ListView=0&sort=1&tx=dorsey&qu=MONDE

 
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Kommentare
Nietzsche 2011 schrieb am 03.02.2012 um 12:10
Bis jetzt ist alles wildes Spekulieren. Daran ändern auch einzelne Blogtexte nichts. Vielleicht (!) muss man das Bild der ägyptischen "Revolutionäre" überarbeiten.
Zeitleser schrieb am 03.02.2012 um 22:24
Der Mensch in der Revolte ist normalerweise manipulierbar und er wird - von Leuten, die auf diese Chance warten - manipuliert. Dass sie die Bauern sind im Spiel sollten sie wenigstens wissen, aber sie wollen ja den Zeitgeist verwirklichen, naive Idioten.
Nicolaus Raßloff
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