rat racing bets

Rat Racing Bets

27.01.2012 | 17:26

VWL-Heterodoxie = Pseudowissenschaft?

Auf verschiedenen Webseiten wird über den Status der VWL diskutiert, unter anderem bei Kantoos Economics durch einen Gastbeitrag von Rüdiger Bachmann und die Kommentare darunter. Der aktuellste Kommentar stammt von "econ" und sagt:

Heterodoxietendenzen gibt es nun auch schon an anderen Fachbereichen:

www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/159910/index.html

Da wird einem Angst und Bange.

Ist diese Gleichsetzung von heterodoxer Ökonomik und Pseudowissenschaften berechtigt, ist also das Verlangen nach "heterodoxen" VWL-Lehrstühlen gleichzusetzen mit dem Verteilen von Professuren an "Kreationisten, Anthroposophen, Homöopathen" oder der Einrichtung einer "Stiftungsprofessur für biodynamische Landwirtschaft" (diese Beispiele stammen aus dem verlinkten 3sat-Artikel)?

Mein erster Reflex ist ein "nein": Hier soll anscheinend Kritik mit Totschlagargumenten begegnet werden. Bei Rüdiger Bachmanns Artikel auf Spiegel Online bzw. Ökonomenstimme, an dem sich die Debatte entzündet hat, war zu sehen, dass er die Heterodoxen auf Karikaturen reduziert und die Karikaturen dann als erledigt betrachtet. Die postautistische Heterodoxie fasste er etwa mit dem Satz "Die Finanzkapitalisten sind böse" zusammen. Ähnlich scheint der Kommentator Econ auf Heterodoxe zu reagieren

Nun aber verlinkt Rüdiger Bachmann (in der Kommentardiskussion) auf einen Artikel von Sebastian Dullien in der FR, in dem dieser schreibt:

"Eine Wende ist nicht in Sicht. Professoren werden von Professoren berufen. Und Professoren berufen halt gerne Kollegen, die eine ähnliche theoretische Ausrichtung und ähnliche ideologische Überzeugungen haben wie sie selber. Der Politik kann das nicht egal sein. Wenn von den Universitäten nur noch eine Meinung vertreten wird, ist die Gefahr grober Fehler größer. Wie in einer genetisch einheitlichen Monokultur einer Pflanzenart ist auch eine einheitliche Theoriebildung anfälliger für fatale Krankheiten. Wenn die Universitäten nicht alleine wieder für Meinungsvielfalt in den Wirtschaftswissenschaften sorgen, sollte deshalb die Politik Fakten schaffen. Sie könnte etwa die Aufstockung von Stellen und Mitteln an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten daran knüpfen, welche Hochschule Lehrstühle für marxistische, keynesianische oder interdisziplinäre Ökonomie einrichtet."[1]

Und das finde auch ich erschreckend. "Meinungsvielfalt" soll hier per se Kriterium sein - das ist, als wenn man an der geologischen Fakultät einen Lehrstuhl für die Vertreter der Hohle-Erde-Theorie einrichten würde, einzig und allein weil diese eine andere Meinung vertreten als der Mainstream. Oder eben als würden die erwähnten Anthroposophen und Homöopathen an den medizinischen Fakultäten Lehrstühle nach Proporz erhalten.

Nein, das kann kein sinnvolles Kriterium sein und es anzuwenden hieße, tatsächlich wissenschaftliche Kriterien über Bord zu werfen. Dullien erklärt, "die Politik" habe "das Recht und die Pflicht, Fehlentwicklungen in der Forschung entgegenzuwirken und Prioritäten zum Wohle der Gesellschaft zu setzen. So, wie sie bestimmen kann, dass eine Hochschule mit zusätzlichen Mitteln einen Lehrstuhl für erneuerbare Energien statt für Atomtechnologie einrichten soll, kann sie auch Schwerpunkte in den Wirtschaftswissenschaften setzen." Aber nach welchen Maßstäben soll "die Politik" (die plötzlich ein monolithischer, interessenfreier Block zu sein scheint) eine "Fehlentwicklung" feststellen? Wer kann evaluieren, ob sich eine Wissenschaft fehlentwickelt? Ist das nur eine Frage von Meinungen und gesundem Menschenverstand, für den man sich kein methodisches Wissen aneignen muss? Dann wäre es tatsächlich so, dass das VWL-Studium überflüssig wäre, aber dann bräuchte man auch keine nach plurale Ökonomik, sondern gar keine. Dullien scheint eine Absage an die VWL als Wissenschaft zu fordern.

Wissenschaftliche Maßstäbe sind ein großer Fortschritt in der Generierung und Evaluierung von Aussagen. Dass sich nicht immer die "objektive" Wahrheit verbreitet, dass es soziale Determinanten von Wissen gibt, das ist alles richtig. Doch es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man einerseits feststellt, dass zwischen Anspruch und Realität eine Lücke klafft oder ob man den Anspruch komplett aufgibt.

Zu bedenken ist natürlich: In der VWL gibt es ein Problem, das in den Naturwissenschaften so nicht auftaucht (und damit meine ich heute mal nicht, dass der Erkenntnisgegenstand der VWL ein Gegenstand politischen Interesses ist). Die wissenschaftlichen Maßstäbe sind in der VWL weniger klar. Weil der Gegenstand weniger greifbar ist, ist es nicht unbedingt für alle Beteiligten überprüfbar, wer nun eine falsche und wer eine richtige Aussage in die Welt setzt.

Das macht es nun schwerer zwischen Verfechtern von VWL mit wissenschaftlichem Anspruch und "Pseudowissenschaft" zu unterscheiden. Diese Trennung ist deshalb zu einem gewissen Teil nur nach dem jeweiligen Anspruch an die VWL zu vollziehen. Sebastian Dulliens Anspruch an Volkswirte scheint primär darin zu bestehen, sie sollten sich Denkschulen zuordnen - wie auch immer man diese anders definieren soll als durch das Zugehörigkeitsgefühl der jeweiligen Mitglieder.

Die genannte Trennung in der VWL verläuft im übrigen nicht unbedingt zwischen Lehrstuhlinhabern und "Ausgeschlossenen". Es gibt genügend Lehrstuhlinhaber, deren Arbeit eher dem Verbreiten der eigenen Weltsicht dient, und es gibt natürlich viele  "Externe", die gerne einen Lehrstuhl hätten, um ihre eigene Weltsicht als Professor verbreiten zu dürfen.

Teilen wir die Professuren nach Denkschulen oder Weltsichten zu, dann verabschieden wir uns von wissenschaftlichen Maßstäben ganz offiziell - und genau dann ist VWL nichts anderes als herrschende Meinung. Im Moment mag Sebastian Dullien meinen, das sei besser für seine Referenzgruppe, "Keynesianische Professoren etwa, die traditionell skeptischer zur Steuerung der Wirtschaft durch Finanzmärkte sind". In ein paar Jahren werden dann halt wieder die Straubhaars von der herrschenden Meinung profitieren. Von außen wird man zwischen beiden nur dadurch unterscheiden können, dass sie jeweils sagen, was man für vernünftig oder unvernünftig, oder für normativ gut oder schlecht hält.

Dieses Ablehnen von Bewertungsmaßstäben, diese Forderung nach Pluralität als Selbstzweck - das ruft tatsächlich den Vergleich zu Homöopathie und Astrologie hervor. Allerdings bleiben viele Lehrstuhlinhaber in der VWL es ein schuldig, diese wissenschaftlichen Maßstäbe klar zu benennen und, vor allem, sie auch für sich selbst gelten zu lassen.

 

__

[1] Daran schließt sich noch ein Statement an,das sei nicht grundgesetzwidrig, weil ein Professor nach seiner Berufung ja machen kann, was er will. Glaubt man dieser Aussage, stellt Dullien alle "heterodoxe" oder sonstige Kritik an Berufungsverfahren in Frage. Prinzipiell könnte man Professuren dann auch einfach auslosen, denn was so ein Professor nach der Berufung macht, ist vorher ja komplett unklar.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
s0cialliberalism schrieb am 27.01.2012 um 20:49
Ich verstehe immer nicht, was hier mit wissenschaftlicher VWL gemeint ist. Wer ein bisschen eintaucht in VWL auf der einen Seite und Politik/Sozialwissenschaft/Internationale Beziehungen auf der anderen Seite, wird schnell merken, dass VWL eben nicht Mathe ist und VWL durchaus eben auch meinungsgeleitet sein kann - was heißt sein kann, häufig IST! Insofern würde ich es willkommen heißen, wenn eine gewisse Pluralität gegeben wäre. Gerade in Deutschland kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Herren von der österreichischen Schule wie auch von der Chicago School überrepräsentiert sind, und Keynesianer eher unterrepräsentiert. Das fällt sicherlich nur zufällig damit zusammen, dass Universitäten immer mehr auf Effizienz und Wirtschaftsfreundlichkeit getrimmt werden und Geisteswissenschaften im Sinne des Neoliberalismus zunehmend abgeschafft werden.
rat racing bets schrieb am 28.01.2012 um 20:47
Was "wissenschaftliche VWL" ist oder sein soll, ist eine schwierige Frage - das will ich garnicht klein reden. Ich würde hier unter anderem folgende Überlegungen sehen: Bei Aussagen soll klar sein, worauf sie sich gründen; wenn der Realitätsgehalt von Aussagen überprüfbar sind, sollten sie überprüft werden; wenn der Realitätsgehalt von Aussagen nicht überprüfbar ist, sollte der Autor erklären, warum er sie für plausibel hält (und es ist anderen überlassen, ob sie das auch tun).

Für den ersten dieser Punkte - klarmachen, worauf sich Aussagen gründen - ist Mathe sinnvoll, weil sie in der VWL eine Sprache ist, die Annahmen offenlegt. Ob ich die Schlussfolgerungen von mathematischen Modellen dann für sinnvoll und relevant halte oder nicht, ist entweder eine Daten- oder eine Meinungsfrage oder (meistens) beides. Selbstverständlich kann und ist VWL in diesem Sinne "meinungsgeleitet", aber VWL ist eben keine reine Meinungsfrage.

Wenn jemand bspw. sagt, Mindestlöhne führten immer zu höherer Arbeitslosigkeit, kann ich feststellen, dass dies weder mit der Datenlage übereinstimmt noch aus Modellen, die real wahrscheinlich wichtige Aspekte bedenken (Marktmacht von Arbeitgebern), übereinstimmt. Er kann weiterhin behaupten, dass im Großen und Ganzen seiner Meinung nach Mindestlöhne zu Arbeitslosigkeit führen, aber seine Annahme ist dann offengelegt: dass es ein hinreichend realistisches Bild der Realität ist, Arbeitsmärkte (vom Mindestlohn abgesehen) als wettbewerblich anzusehen.

"Pluralität" per se ist kein Ausweg. Wie soll die auch aussehen? Was passiert, wenn ich mich "Freitag Community School of Economics" nenne - sollte ich dann repräsentiert werden?

Auch ich halte das "Trimmen der Universitäten" auf "Effizienz" in vielen Bereichen für kontraproduktiv. Ich glaube allerdings, dass das mit der Präsenz der Chicago School und der österreichischen Schule an VWL-Fakultäten garnicht so irre viel zu tun hat. Und ich glaube auch nicht, dass sich allzu viele Professoren diesen Schulen zuordnen.
s0cialliberalism schrieb am 29.01.2012 um 12:55
Du hast recht, es wäre wünschenswert, wenn die VWL zunehmend evidenzbasiert wäre.

Aber das Thema ist sehr schwierig. Es gibt eben politische Strömungen (z.B. Neoliberalismus, aber auch andere), die gegen eine evidenzbasierte VWL arbeiten, eben weil die VWL die Wissenschaft von der Wirtschaft eines ganzen Volkes, sprich, von "allem und jedem" ist (das was sonst die Physiker von sich beanspruchen, beanspruche ich jetzt mal für die VWL :-)).

Zudem ist die evidenzbasierte VWL methodisch schwer zu machen. Es gibt soviele Variablen, eine Volkswirtschat ist ein komplexes System, keine Dampfmaschine. Mein VWL Professor vor ein paar Jahren war ganz stolz an irgendeinem europäischen Superrechner seine Modelle laufen lassen zu können. Ich glaube aber nicht, dass Modelle mit tausenden von Variablen uns mehr als "Hinweise" auf die Realität liefern können.

Absolut recht hast du auch hiermit: "Ob ich die Schlussfolgerungen von mathematischen Modellen dann für sinnvoll und relevant halte oder nicht, ist entweder eine Daten- oder eine Meinungsfrage oder (meistens) beides."

Aber relevant ist auch, was von der wissenschaftlichen Wahrnehmung, welche Meinungen bei der Masse und den Politikern ankommen. Zum Beispiel gibt es da die Sache mit "der Markt regelt alles" oder die Sache mit "perfektem Wettbewerk". Es gibt in der VWL natürlich Modelle, die z.B. oligopolen Wettbewerb darstellen. Nur scheinbar sind solche Modelle noch nicht in der Gesellschaft angekommen, weil die Meinungsmache in der Gesellschaft lautet: Der Markt regelt alles, der Wettbewerb ist super. Es ist doch die allgemeine Binsenweisheit, dass es tollen Wettbewerb gibt, und nur in Ausnahmefällen fällt dem Bürger auf, dass dem nicht so ist (z.B. bei der Deutschen Bahn oder den Energieversorgern). In Wirklichkeit ist (annähernd) perfekter Wettbewerb, dafür brauche ich nichtmal Studien, das sieht man jeden Tag, eher die absolute Ausnahme und in vielen Bereichen - auch abseits von "Netzen" (wie bei der Bahn/Energie) - oligopoler Wettbewerb die Regel.
Hajo Zeller schrieb am 08.02.2012 um 20:56
Erstens: Es ist schon merkwürdig, wenn das Marshall-Kreuz im Lehrbuch von Mankiv auf jeder zehnten Seite zu ganz unterschiedlichen Fragestellungen auftaucht, ohne dass auch nur ein einziges mal plausibel die Randbedingungen erläutert oder beschrieben wären.

Ein Zweites: Im Grundgesetz wurde eine Schuldenbremse festgeschrieben. In weiteren europäischen Ländern wird dies zur Zeit ebenfalls durchgezogen. Dies wird wohl nicht gegen den Rat des volkswirtschaftlichen Sachverstandes der Berater der Bundesregierung von statten gehen.

Hin und wieder ist es durchaus sinnvoll sich mit trivialarithmetischen Zusammenhängen einer Volkswirtschaft auseinanderzusetzen. Die Saldenmechanik eines Wolfgang Stützel zum Beispiel beschäftigt sich mit solchen trivialarithmetischen Zusammenhängen. Und da in einer Volkswirtschaft der Kauf des einen ein Verkauf eines anderen ist, ist ein Einnahmeüberschuss des Einen automatisch ein Ausgabenüberschuss des Reste4s der Volkswirtschaft. Eine Volkswirtschaft als Ganzes kann also gar nicht "sparen".

So lange diese Binsenweisheiten von vielen Volkswirten nicht beachtet werden, hat die VWL ein großes Problem.
rat racing bets
Ökonomie, Sozialwissenschaften, Politik und Kram drumherum und dazwischen
Mitglied seit:
23.09.2011
Zuletzt aktiv:
23.02.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 5
Kommentare: 3
Mein Web:
Logbuch
18:22
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:20
tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:18
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:18
poor on ruhr hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:07
Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG