Am 22.0
9. fand bei der Heinrich Böll Stiftung in Berlin eine Fachtagung zum Thema "Der Völkermord an den Armeniern und die deutsche Öffentlichkeit" statt. Zur anschließenden Podiumsdiskussion kamen mehr als zweihundert interessierte Zuhörer, zu denen nicht nur Teilnehmer der Fachtagung gehörten. Als Selbstverständnis will die Stiftung mit dieser Veranstaltung „den aktuellen Stand der Forschung zur Bedeutung des Ersten Weltkrieges im Hinblick auf Genozide/Ethnozide und die Rolle Deutschlands beim Genozid an den Armeniern erörtern.“ Die qualifizierte Zusammensetzung des Podiums versprach, trotz des zeitlich gebundenen kurzen Diskurses, dem Anliegen gerecht zu werden.
Auf dem Podium saßen der Züricher Historiker und ausgewiesene Spezialist zum Thema Hans-Lukas Kieser, die Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses Marieluise Beck, der Schriftsteller und Menschenrechtler Doğan Akhanli, der Vorsitzende der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, Publizist und Übersetzer Raffi Kantian und Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, der die Veranstaltung mit einer Keynote eröffnete.
Özdemir setzte sich auf beeindruckende Art und Weise mit dem Thema des Völkermords auseinander. Er verwies einerseits auf die historischen Entwicklungen jener Epoche, die zu diesem Genozid führten und entließ konsequenterweise keinen der Beteiligten aus ihrer jeweiligen historischen Verantwortung, in der sie auch heute noch stehen. Zur Rolle der Bundesrepublik Deutschlands, beziehungsweise im Falle des deutschen Reichs sagte Özdemir: „… ich glaube, dass man als deutscher Staatsbürger zu dem Thema gar nicht reden kann, ohne dass man anfangs sagt, dass auch wir Deutsche in dieser Frage Schuld auf uns geladen haben.“ Die Verantwortung sei nicht dadurch abgeschlossen, dass das Osmanische Reich, damaliger Verbündeter der Deutschen, heute die Republik Türkei ist und das Deutsche Kaiserreich die Bundesrepublik Deutschland. Damit sei die Frage heute noch nicht beendet.
Hans-Lukas Kieser betonte ebenfalls die Mitverantwortung des Deutschen Reiches als Seniorpartner, der dem „jungtürkischen Regime“ in der sogenannten „Verschickung“ der Armenier freie Bahn lies. Deportationen die letztlich zum Genozid führten. Die deutsche Diplomatie war insbesondere in persona des deutschen Botschafters Hans von Wangenheim daran beteiligt. Kieser kam zu dem Schluss, dass eine qualifizierte Mitverantwortung der Deutschen nicht zu leugnen ist.
Raffi Kantian unterstrich die Bedeutung von Qualifikation und Sachlichkeit und nicht Herkunft der beteiligten Publizisten, seien es Deutsche, Kurden, Österreicher, Schweizer, Türken oder Armenier. Das insbesondere daher, da das Thema ein hochemotional geladenes ist. Man darf die Dinge auch unter falsch verstandener Freundlichkeit nicht unter den Teppich kehren. Es geht um Offenheit, nichts soll verklausuliert werden: „… wir sind nicht auf dem diplomatischen Parkett, wo man bestimmte Regeln einhalten muss.“
Doğan Akhanli beschrieb sehr subjektiv, dass ihm Deutschland erst ermöglicht hat, sein Schweigen zu brechen, seine Geschichte zu erzählen und den Genozid an den Armeniern zu erkennen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Akhanli sprach von einer deutschen Öffentlichkeit, die ihn gerettet hat, als er im letzten Jahr bei einem Besuch in der Türkei festgenommen wurde. „Die deutsche Öffentlichkeit hat stark reagiert“ sagte er „und mich wieder aus dem Gefängnis abgeholt.“ Beeindruckt habe ihn auch eine Veranstaltung in der Gedenkstätte des ehemaligen Gestapo-Hauptquartieres, dem Projekt Topographie des Terrors. Für ihn ist dies ein Ort der Erinnerungen, der zeigt, wie hier und heute mit der eigenen Geschichte umgegangen wird. Und da die türkische Gesellschaft auch viel mit Gefängnissen und politischer Gewalt zu tun hat, kann man in diesem Zusammenhang auch verschiedene Wege gehen, „um mit unserer Herkunftsgeschichte umzugehen.“
Marieluise Beck beschrieb, dass sie sich nicht erinnern kann, dass ein Film wie Ralph Giordanos Die armenische Frage existiert nicht mehr - Tragödie eines Volkes (1986) damals ein großes Entsetzen ausgelöst habe oder gar dazu führte, darüber nachzudenken, dass es möglich sein könnte, noch einmal einen großen Schritt zurück zu gehen und sich mit der „qualifizierten Mitverantwortung“ an einem zweiten Genozid auseinanderzusetzen.
Heute gibt es für deutsche Politiker quer durch alle Parteien die Bereitschaft und Gewissheit, sich zum Beispiel mit der historischen Verantwortung der Shoa auseinanderzusetzen. Alle Beteiligten der Podiumsdiskussion waren sich darin einig, dass es Bereitschaft und Gewissheit für eine größere Verantwortung geben muss und mit den Worten von Kantian gesprochen, Qualifikation und Sachlichkeit die besten Ratgeber sein werden.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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