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… einfach nur um die Dinge beim Namen zu nennen.“ sagte Serge Avedekian im Februar dieses Jahres in einer filmischen Dokumentation zum Kurzfilmfestival von Clermont-Ferrand. Bescheidenheit ist eine seiner wesentlichen Charaktereigenschaften. Die strahlt er auch aus, wenn er hochprofessionell mit Jugendlichen in Theaterworkshops arbeitet, wie ich es bei seinem Arbeitsaufenthalt aus Anlass der ReCon-Projektwoche im März 2011 am Theaterhaus Berlin Mitte miterleben konnte. Serge Avedekian ist armenisch-französischer Film- und Theaterschauspieler, Produzent, Schriftsteller, Regisseur und Dokumentarfilmer. Avedekian 1955 in Jerewan, Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Armenien, geboren ging 1970 mit seinen Eltern nach Frankreich.
Sein Kinodebut hatte er 1979 in Philippe Vallois Nous Etions un Seul Homme (Wir waren ein Mann), die bewegende Geschichte zweier Männer, eines französischen Bauern (gespielt von Serge Avedekian), der im Herbst 1943 kurz vor dem Ende der deutschen Besatzung einen verwundeten deutschen Soldaten wieder gesund pflegt. Als sich die entwickelnde Freundschaft zu einer homoerotischen Beziehung gestaltet, bestimmen Eifersucht und Besitzanspruch, Tragödie und Pathos das weitere Geschehen. Zu jener Zeit ein durchaus provokantes kammerspielartiges Drama.
Im gleichen Jahr spielte Avedekian die Hauptrolle in Le pull-over rouge (Der rote Pullover), einer Filmversion des Bestsellers von Gilles Perrault (1976). Es wird die Geschichte von Christian Ranucci erzählt, der mit sehr unschlüssigen Beweisen des Mordes an einem achtjährigen Mädchen in Südfrankreich beschuldigt und am 28. Juli 1976 um 04:13 Uhr im Gefängnis Baumettes in Marseilles guillotiniert wird. Die letzten Worte, die er an seine Anwälte richtete lauteten: „Réhabilitez-moi!“. Keiner der weiteren Zeugen der Hinrichtung nahm diesen letzten Appell nach Rehabilitation war. Die große Resonanz auf Perraults Buch und den Spielfilm selbst hat wesentlich dazu beigetragen, dass in Frankreich 1981 die Todesstrafe abgeschafft wurde.
Diese beiden frühen Filme in denen der junge Schauspielers Serge Avedekian herausragende Rollen spielte deuten tiefgründig an, was er in seiner weiteren Karriere repräsentieren wird: Integrität und Einfühlungsvermögen. Als Künstler in Figuren eintauchen kann man wohl dann am besten, wenn die in einem auch übertragenen Sinne immer verletzbare eigene Existenz „fremden“ Figuren neues Leben einhaucht. Das Eigene ist nur im Zerrspiegel gesellschaftlicher Zustände mit all ihren Facetten wirklich erfahrbar.
So wird Avedekian nicht unberechtigt allzu oft in seiner „doppelten Identität“, der armenischen Herkunft und des französischen l’art de vivre wahrgenommen. Nicht nur seine jüngsten Projekte zeugen auch davon, dass für ihn künstlerischer Anspruch und politisch-humanistische Überzeugungen nicht zu trennen sind.
1987 konnte Avedekian aus Anlass einer Einladung zum Theaterfestival in Istanbul nicht umhin, das Marmarameer zu überqueren, um Soloz, das Dorf seines armenischen Großvaters Avédis wiederzufinden. Daraus entstand die Dokumentation und intime Reise ins armenische Genozid Nous avons bu la même eau (Wir haben vom gleichen Wasser getrunken).
In seinem Animationsfilm Chienne d'histoire (Palm d’Or für den besten Kurzfilm auf dem Festival de Cannes 2010) beschreibt er durch den doppelten Blick einer Hündin, die gerade ein Junges zur Welt gebracht hat und eines Polizisten, der sie wegsperrt, das Kontantinopel von 1910.
Von einem westlichen Gesellschaftsmodell beeinflusst, deportiert die neue Regierung zusammen mit europäischen Experten 30.000 Hunde auf eine einsame Insel. Die meisten werden verhungern und verdursten. Parallelen zur armenischen Tragödie sind unverkennbar.
Und im Pendant Histoire de chiens (Februar 2011), Istanbul wird 2010 Kulturhauptstadt Europas, erinnert Avedekian an die Tragödie im Namen von Verwestlichung und Fortschritt und reflektiert die Beziehungen der heutigen Bewohner Istanbuls zu den Hunden in den Straßen ihrer Viertel.
Avedekians Werke bezeugen die tiefe Sensibilität eines außergewöhnlichen Künstlers, der nie aufgeben wird, die Welt zu einem menschlicheren Ort machen zu wollen.
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Bin neugierig geworden. Grüße |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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