reconKoop

In Kooperation mit dem Freitag

21.10.2011 | 17:29

Uraufführung in Jerewan

 

Mit „Les Descendants“ geht das Projekt „Reconciliation“ am heutigen 21.Oktober in die Premiere. Das Hamazgayin Theater des staatlichen Theaterinstituts Armeniens liegt nur ein paar hundert Meter vom Platz der Republik im Zentrum Jerewans entfernt. Hier wird am Freitagabend die Uraufführung von „Les Descendants“ – „Die Nachkommen“ stattfinden. Die Inszenierung ist keine übliche Premiere. Sie ist das Ergebnis einer intensiven und umfangreichen internationalen Kooperation.

Über ein Jahr lang haben Künstler aus Armenien, Deutschland, der Türkei und Frankreich versucht, unterschiedliche Perspektiven auf ein sensibles Thema zu einem gemeinsamen Theaterprojekt werden zu lassen. Schon der Titel des Projektes weist auf die Schwierigkeiten hin. „Reconciliation“, so der französische Titel des Projektes, hat im deutschen mit „Aussöhnung“ eine nur annähernde Übersetzung gefunden.

Im Kern geht es darum, ob, und wie mit der Erfahrung des Genozids, mit den Verletzungen, den Tabuisierungen und der Schuld die Frage nach Zukunft miteinander formuliert werden kann. Selbstverständlich steht der Genozid an den Armeniern im Zentrum dieses Dialoges. Zum Entstehungsprozess des Stückes gehörten Workshops mit jungen Menschen sowie öffentliche Panels und Interviews in allen beteiligten Ländern. Ein internationales Leitungsteam hat versucht, die zwangsläufig extrem unterschiedlichen Beziehungen zu diesem Thema in unzähligen Dialogen herauszuspüren und diesen Prozess zur Grundlage ihrer Arbeit werden zu lassen.

Dieser Prozess dauert bis in die Endproben. Seit 5 Wochen arbeiten die acht Darstellerinnen und Darsteller aus den beteiligten Ländern in Jerewan miteinander. Sie leben gemeinsam in einem Haus und entwickeln in sechs verschiedenen Sprachen mit dem Text und über ihn hinaus ihre Fragestellungen und Haltungen. Die Probebühne ist zugleich dramaturgische Zentrale. Bis zur zweiten Hauptprobe arbeitete hier die in Paris lebende, in der Türkei geborene Autorin Sedef Ecer ihr Manuskript immer wieder um. Auf der nachfolgenden Probe müssen dann die Texte in den verschiedenen Sprachen vorliegen.

Das Interesse der armenischen Öffentlichkeit an der Inszenierung dieses brisanten und komplizierten Themas ist verständlicherweise groß. Neben seiner Präsenz als zuvorkommender Gastgeber, als Darsteller auf der Bühne und als Intendant des Theaters, hat Vardan Mkrtchyan in diesen Tagen alle Hände voll damit zu tun, Interviews und Pressetermine zu koordinieren. Er tut es mit umwerfender Entspanntheit und Charme.

Zwei Tage vor der Premiere ist die Anspannung im Team um den französischen Regisseur Bruno Freyssinet immens. Es wird fieberhaft gearbeitet. Immer noch gibt es viele ungeklärte Ablauffragen. Gegenwärtig ist das Schlussbild eines der entscheidenden der gemeinsamen Anstrengungen. Probleme mit der Elektrik im Theater machen dem Ausstattungsteam zu schaffen, das ein kompliziertes Geflecht von elektronischen Bildebenen mit einer eingeschränkten Beleuchtungsausstattung im Theater zu koordinieren hat.

Doch bei aller Nervosität merkt man den Beteiligten vor allem an, dass diese außergewöhnlich komplizierte Arbeit sie auch außergewöhnlich bereichert. Als das rund fünfzehnköpfige Team nach dem ersten Technikdurchlauf gegen halb zwei Uhr nachts nachhause kommt, hört man aus dem inzwischen völlig selbstverständlich sechssprachigen Dialog vor allem die Spannung und die Freude auf den nächsten Arbeitstag heraus.

Im kommenden Jahr wird die Inszenierung in Frankreich, Deutschland und der Türkei gezeigt werden.


 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Ullrich Läntzsch schrieb am 21.10.2011 um 19:01
Lieber recon Blogger,

Danke, und ich gehe davon aus, hier auch zu erfahren wann die Truppe durch Deutschland tourt. Ein fettes toi, toi, toi!

Allerbeste
reconKoop
Wie kann einer zumeist auf politischem Wege geführten strittigen europäischen Debatte eine künstlerische Dimension verliehen werden? Wie können Menschen aus vier verschiedenen Ländern sich gemeinsam dem Thema Aussöhnung annähern, und wie kann dies künstlerisch umgesetzt werden?
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
1 Jahr 10 Wochen
Zuletzt aktiv:
21.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 26
Kommentare: 2
Mein Projekt:
Logbuch
18:32
poor on ruhr hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:32
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:28
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:26
anouk bontemps hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
18:22
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG