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Oder, wenn der Zeitung größter Freiraum Kummer macht. Was sag ich, wenn der Lieblingsteil zum Ärgernis gerät? Unglaublich, wenn es gar wohl durchdachte Absicht wär. Dann wäre es Demagogie. Und warum ich vom Banalen überzeugt bin.
Nein, kein Mephisto sitzt im bequemen Designersessel, nur der ganz besondere Feuilletonist. Beste Bildung garantiert für alles eine Antwort: Moralin, so titelt er. Zynisch, ja, nur das muß sein, wenn man – in diesem Fall - anschreibt, um Eine am Prager festzunageln, die sich erdreistet hatte, mit klarem, allgemein verständlichen Vokabular, den nackten Wahnsinn der Atomkraft anzuklagen.
Wer als Schüler und Student nichts besser kann als schreiben, träumt, so er auch träumen kann, mit Sicherheit so manchen kühnen Traum vom freien Schreiben. Doch eh er sich’s versieht, findet er sich dann als Söldner wieder, in der Zeitungs-Kulturnische. Anfangs mag es ihm noch schwerfallen, sich einzureden, er habe sich's aus Absicht so gezimmert, dies sei just die Verwirklichung des alten Traums. Man nimmt den Sold jahraus jahrein und verdrängt den Verrat am eigenen Talent. Talent ist da, man sieht‘s in der Art zu formulieren. Fabulieren als letzte Hülse, die verbirgt, was man in Wahrheit nie verwinden kann, woran es damals lag, es fehlte nur ein Quentchen Mut. Der Mut es mit dem eignen Können, in Freiheit zu versuchen, zu schreiben, was auch immer war sein Ding.
Nein, auf einen einzuschlagen, nur weil der Wagemut ihm fehlte, das wäre billig. Sich zu verdingen, manchmal sogar an solche, die man haßt, ist an sich noch nichts, wofür man sich schämen müßte. Gefährlich wird es nur, wenn man's verdrängt. In Gefahr gerät, wenn man es dem Unterbewußten überläßt. Wer nicht mehr weiß, warum er etwas macht, wozu er sich genötigt sah - warum auch immer. Wer das verdrängt, wer das nicht merkt, verliert dann auch ohne es zu merken, den Respekt vor seinem Selbst. Der erste Schritt. Zwangsläufig folgt der Zweite, der nennt sich Minderwertigkeitskomplex. Auch dieser wirkt in einem solchen Fall nicht an der Oberfläche. Nein, die Verhaltensänderung fällt ihm nicht auf, wie soll er ahnen, woher sie kommt - daher nicht kontrollierbar. Das Konstrukt der Psyche dient einzig allein zum Selbstschutz, zum Schutz vor allzu bitterer Erkenntnis, die zur Wurzel der Misere führen würde. Die einfache Erkenntnis, nicht ganz so wunderbar zu sein, wie man es selbst gern glaubt. Nur noch die Umwelt könnte es bemerken. Doch auch dafür sorgt man und umgibt sich mit Hofschranzen, die liebend gern erdulden - seine Arroganz.
Ob ihm die eigene Arroganz verborgen bleibt, ist dabei ganz egal. Ich wette er ist arrogant. Die Diagnose, warum, weshalb er diese braucht - sein Minderwertigkeitskomplex -, wie könnte er dies noch begreifen. Ist er doch ganz oben, Bestimmt er doch ganz allein, worüber wann und über wen geschrieben wird. Er hebt und senkt den Daumen. Welche Macht? – wer soll da nicht überheblich werden?
Doch weil die Macht nicht glücklich macht, schon gar nicht weil sie auf dem Sand des verdrängten Wissens steht, da braucht es eine spezielle Art des Denkens. Aus mächtigem Beton ist daher der Sarkophag gegossen, in dem das Verdrängte für immer ruhen soll. Das neue Denkmodell muß daher diametral zu allem stehen, wovon man früher überzeugt, als man noch nicht als postmoderner Verächter von Moral sich über jene nun mokiert, deren einziges Verbrechen, darin besteht, nicht für eine Handvoll Silberlinge, die Ideale ihrer Jugend zu verhökern. Wer sich also erdreistet, der Welt die Stirn zu bieten; wer daran arbeitet, das diese Welt nicht vollends vor die Hunde geht - der kann nur dumm sein. Hat nicht durchschaut wie unser Autor, wie diese schnöde Welt sich dreht. Der hat nur nicht begriffen, mit echtem Zynismus läßt es sich richtig leben und wer nicht mitmacht, ist ein Spielverderber, zum Abschuß freigegeben, ein Narr.
Unser Zampano der Zeitung, Herrn Boie, so sein Name, ruht auf diesem klaren Fundament der Logik. Doch nun zur Kritik in der SZ, über ein Buch, das ich zugegebenermaßen selbst nie gelesen. Ich schreibe nicht über das Buch, sondern über die Art der Kritik. Der Anlaß von J. Boie: Die Wolke von Gudrun Pausewang - stürmt erneut die Bücherlisten.
Und um es kurz auf den Punkt zu bringen, Herr Boie vermag nicht zu erkennen, was er da vor sich hat: ein Buch das offensichtlich Angst macht - vor der Gefahr, die dummerweise nicht zu sehen, riechen, hören, schmecken ist, und auch weil - wenn nicht in extremster Dosis verabreicht - nicht sofort tödlich ist. Daher kann jeder Schwachkopf frech behaupten - fürchtet euch nicht. Doch dummerweise sieht es im Moment eher danach aus, hören will diesen Blödsinn so gut wie niemand. Bleibt nur Zynismus.
Wem wahrer Mut fehlt, dem ist Zynismus ein probates Mittel - der Zyniker kennt keine Angst.
Auch merkt er irgendwie, wie unzureichend sein Versuch einer Kritik wie diese: Erst stirbt Opas Wellensittich, (da kann er nur lachen) dann der kleine Bruder Uli, (was soll's, angesichts dessen, was nun folgt) anschließend verenden 18 000 Deutsche an radioaktivier Strahlung (so viele, das kann nicht sein, weil nicht sein darf, was tatsächlich Angst machen dürfte, und daher hat nach Herrn Boies Meinung, die Phantasie in einem Roman auch nichts verloren) oder unter den Maschinengewehr-Salven skrupelloser Soldaten. Deutsche Soldaten, mit Maschinengewehren, gegen Deutsche! - nein, auch das darf erst recht nicht sein, das wäre ja dann in der Tat zu schrecklich. Doch Angst und Schrecken gibt es ja nicht mehr, wozu hat man sich all die Horrorfilm angesehen und gelernt, worüber man so alles lachen darf. Darüber aber lachen, also nein, das geht nicht, geht echt nicht, also darf‘s nicht sein. Und dann auch noch in einem Kinderbuch. Das allerdings auf der Bestsellerliste für Jugendliteratur wieder einen der vordersten Plätze einnimmt. Dies wiederrum ihm mißhagt ihm. Und weil ihm irgendwie auch dämmert, all seine Worte stellen nicht wirklich sicher, daß man ihm folgt, so folgt eine wunderbar verquaste Volte. Er, der Prediger wider die Moral als solche, schlüpft in die Rolle des Moralapostels und resümiert in hanebüchener Weise: "Eine Moral wie diese ist Hohn und Spot für die Menschen in Japan".
Wer so etwas schreibt, den möchte man zu einem sehr, sehr langen Strandurlaub nach Fukushima schicken. Nein, im Ernst, er sollte nach Tokio fliegen und sich mit jenen unterhalten, für die jeder Wetterbericht neue Sorgen bereithalten kann; er sollte jenen in die Augen sehen, die diese sich laufend verschlimmernde Nachrichten über verstrahltes Wasser und Gemüse verkraften müssen; und er sollte auf dem Rückflug an die 35 Millionen Menschen denken, von denen zumindest der größte Teil nicht fliehen kann.
Nein, den Japanern ist nicht vorzuhalten, wie es gelang, ihnen einzureden, Atomkraft sei nicht gefährlich - habt keine Angst, vergeßt Hiroshima und Nagasaki. Vergeßt um die Wirkung von Radioaktivität. Nein, kein Volk hatte mehr kollektives Wissen einst parat und dementsprechend Angst. Ja, diese Angst ist abgeschüttelt. Der Preis, den das Schicksal ihnen nun dafür abverlangt, ist viel zu hoch und viel zu ungerecht.
"Wer sagt er hat keine Angst, ist dumm; du muß immer allem was Angst macht in die Augen sehen," sagte mir mein Vater. Er überlebte Stalingrad, und ich lebe nur, weil ich seinen Satz nie vergaß.
Das kollektive Wissen der Japaner war tief verdrängt, kommt aber mit jedem Tag auf grausame Weise zurück. Der Mensch kann nicht wirklich vergessen - nur verdrängen. Tschernobyl war der Anfang vom Ende der Sowjetunion - Fukushima ist der Anfang vom Ende der Atomkraft. Angst ist der Ratgeber derer, die überleben wollen. Panik am Ende die Reaktion derer, die aus Angst vor der Angst verlernten, auf ihre Angst zu achten.
ps
Zum Glück schrieb am 16. März Tilman Spreckelsen fürs Feuilleton der FAZ und Lena Bopp interviewte Gudrun Pausewang.
ps 2
Den Beitrag schrieb ich vom Netz getrennt auf einer Hütte am Rand der Berge – bevor ich ihn nun hier hoch lade kurz den Namen Boie gegoogelt und fand Interessantes z.B.
nice-bastard.blogspot.com/2007/08/die-misere-der-blogs-wie-sie-die-sz.html
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Ausgefeilter Blog, danke.
Aber sehr lang, das schreckt vom Lesen ab. Ich kommt mich dann doch durchringen. |
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Danke.
Hatte auch schon Bedenken wegen der Länge - konnte mich einfach nicht zurückhalten, werde den Rat aber gern für die Zukunft beherzigen Ullrich Läntzsch |
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Eine meiner vielen Ankündigungen, vielleicht mache ichs auch:
die logische Struktur der Boie'schen Volte, überhaupt dieser subjektiven moralischen Empfindungen: der grundsätzliche Raum: a) objektive Verhältnisse: die Macht des Einen, der andere an Dingen hindert, oder es ihnen erlaubt, mit Rückwirkung auf eigenen Vorteil b) die subjektive Empfindung der Teilnehmer: grob gesagt, was sein soll = gewollt wird, und was nicht sein soll= nicht gewollt wird c) das vermutetete Wissen der Akteure um diese Bedingungen und die moralische Beurteilung der Handlungen. grob die Ahnung: aus Diskussionen die Erfahrung, daß man diese Dinge nicht "voll" logisch aufziehen kann: was meist bedeutet, daß bei gleichen Grundverhältnissen die Änderung des Ausmaßes verschiedene Urteile bedingt. Wer soll das verstehen ? WEnn ich es mal durchhabe, und es auch was wird, dann derjenige, dem ichs erkläre. Vorläufig weiß ich es selber nicht genau. |
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Wenn Boie schreibt: "eine Moral wie diese ist Hohn und Spott für die japanischen Opfer" dann: wieso ?
wenn das Unglück viel harmloser wäre, dann nicht mehr sondern dann schon gerechtfertigt ? jetzt hilft es auch nicht mehr, es braucht direkte Hilfe, denen die Schmerz haben vorhalten, sie hätten halt vorher aufpassen müssen: wird bei sehr großem Unglück unpassend : Auswirkung des durch objektiv größerer Beeinträchtigung verursachten subjektiv größeren Schadens. ist der Schaden viel kleiner, dann kann man es eher als Rat für die Zukunft annehmen, weil der Kopf freier ist. Boie's Hinterhältigkeit besteht darin, diese Wirkung dem Buchg anzuhängen: was weder von der Autorin intendiert wird noch real stattfindet: sie verkauft es ja nicht den japanischen Opfern, sondern dem Publikum hier, und die dürfen durchaus schlauer werden als die Japaner waren. so in etwa |
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Bitte auf jeden Fall schreiben. Ich bin davon überzeugt, die Zahl der Leser ist erstens immer größer als die direkten Reaktionen vermuten lassen. Und zweitens wenn man an die Leserschaft der Blödzeitung denkt, möchte man verzagen. Nur jetzt ist Gutenberg weg und im Ländle regiert Grün-Rot.
Es geht doch. Ich sage nur Ägypten, Tunesien, und, und, und! Die Chaostheorie leert doch, auch das Sandkorn kann die Lawine auslösen. Es kommt nur darauf an ob bereits ein entsprechend labiles Gleichgewicht vorhanden ist. Lieber einhunderttausend vergebliche Versuche, aber wenn diese unterbleiben - wie soll dann wahrer Fortschritt entstehen? Wahrscheinlich werde ich nichts erreichen, aber ich muß mir zumindest nicht selbst vorwerfen, es nicht wenigstens versucht zu haben. Also - bitte schreibt, schreibt, schreibt!!! Ullrich Läntzsch |
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Das auch. Allerdings ging es mir mehr um theoretische Aspekte, oder philosophisch, wie mans nimmt.
Die Dinge die geschehen, ohne daß man sie so genau sieht: schon möglichst genau sehen. |
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Aber genau daher ist es doch so ungemein wichtig, daß man nicht allein auf etwas blickt, sondern auch andere, denn erst so entsteht doch ein mehrdimensionales Bild.
Bitte also auch und gerade von philosophischer Seite. Habe außerdem zuviel Rotwein getrunken, hatte nur Ihre 1. Anmerkungen gelesen und konnte mich nicht mehr ausreichend auf Ihren 2. Kommentar konzentrieren. Aber Morgen ist ja auch noch ein Tag. Grüße |
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Danke !
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Lieber Richard der Hayek,
weil es mir wichtig ist: @ „jetzt hilft es auch nicht mehr, es braucht direkte Hilfe, denen die Schmerz haben vorhalten, sie hätten halt vorher aufpassen müssen: wird bei sehr großem Unglück unpassend : Auswirkung des durch objektiv größerer Beeinträchtigung verursachten subjektiv größeren Schadens.“ Kann nur hoffen, nicht so verstanden worden zu sein!!! – wenn ich schrieb: „Das kollektive Wissen der Japaner war tief verdrängt, kommt aber mit jedem Tag auf grausame Weise zurück.“ Dies entstammt sicher nicht dem Denken eines rechthaberischen Oberlehrers, sondern dem eines kleinen deutschen Bloggers, der – wenn überhaupt - wohl nur hierzulande und nur vereinzelt gelesen wird. Mein Schreiben zielt ausschließlich auf Erkenntnisgewinn, nach dem Motto, einmal einen Fehler zu machen ist nur menschlich und daher verzeihlich - den gleichen Fehler zwei Mal zu machen, mag auch menschlich sein, ist aber dumm und man hätte aus der Erfahrung lernen können. Auch aus der Erfahrung anderer. |
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Ein Mißverständnis: mir ging es darum wie Boie zu der Aussage kommt, die Moral dieses Buches wäre ein Affront gegenüber den Japanern.
Das ist ja der Clou dabei: welche Strukturen, die meist nicht ganz klar sind, zu solchen Deutungen, ob falsch oder richtig, führen. |
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Wie wahr -mehr ist es nicht.
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Büchner hatte ja mal beklagt das ihm viele Berge die Sicht nehmen, aber das gilt garantiert nicht für Sie! Respekt.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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